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Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 209.

Donnerstag, 7. September.

1916.

(29. Fortsetzung.)'

$v au Minchens Narretei.

Humoristischer Roman von Kitte van Beeker.

(Nachdruck verboten.)

Sie war ganz aschgrau im Gesicht, und als sie setzt ihren Mann beiin Arm packte zitterten ihre Finger vor Angst und Aufregung.

„Fritzchen, Fritzchen, vergrerf' dich nicht! Reg' dich nicht unnötig auf!"

„Mineken, haste jehört, was der Schuft sagt?" keuchte er, blaurot vor Zorn und griff dann heftig zu, um die Wankende zu stutzen. „Mineken —"

„Laß man, Fritzchen! Ich Hab' alles gehört! Wir wollen es bereden. Du gehst setzt!" Beinahe gebieterisch und hoheitsvoll wies sie den Neffen nach der Tür. „Wir werden dir nachher Antwort geben."

Alfons verbeugte sich lehr kavaliermäßig und wandte sich ohne ein Wort ziim Ausgange. Er war selbst etwas überrascht, aber nicht ilnangenehm. Die alte Sybille batte gehorcht: das ersparte alle Weit­läufigkeiten. Nur würde die Geschichte schon ohne sein weiteres Zutiin in Gang kommen. Fränze sollte nun noch etwas iveinen und Szenen machen, das liebte Tante Minchen, — etwas Roman>til, — Fränze hatte es ihm erzählt. Danach würde sich dann wohl alles zu seiner Zufriedenheit ordnen und fiir ein Weilchen sein Lebensschiff wieder flott werden.

Während Alfons vergnügt ein Liedchen vor sich hin- sunimend zum verabredeten Zusaininentreffen mit Fränze schritt, sahen die Zurückbleibenden sich erst ein­mal sprachlos in die Augen. Riedel hatte seine Frau auf einen Stuhl gedrückt und stand die Finger aufge­regt ineinander flechtend, mit besorgtem Blick vor ihr.

„Mineken, siehst'e nu, daß s een Üumpenbajage is? Alle durch die Bank: Blutsauger, Vampire, Spitzbuben! Aber der Schuft soll sich verrechnet hab'n! .Nich 'n Pfenn'g kriegt er! Un wenn all's drunter un drüber seht, un wenn ich jetzt mit'm Schlimmsten büßen müßt' — recht so, — jeschieht mir reckt! Straf' muß sind! Weim's mir auch an Herz un Nier'n seht, so dazusteh'n iin Schmuck meiner Jugendsünd', — jeschieht mir recht!"

Er stöhnte gequält auf. Wenn er auch die Berechti­gung seiner Strafe anerkannte, aber sich ihr zu beugen, kam ihm doch hart an. tzimniellakrammt, so eine Jn- famigkeit, ihn so in den Schmutz zu treten! — Vor seiner Fee —!

Da faßte Frau Minchen seine Hand. „Red' nicht, Fritzchen! Daran ist nickt zu denken. Glaubst du, daß ich nieinen Mann so bloßstellen laß? Dein Kind ist mein Kind, wenn ich's auch nich geboren Hab'. Laß sie dasselbe Recht haben. Wenn der liebe Gott uns ein drittes geschenkt hätt', müßt' es doch auch noch versorgt werden —"

Fritz Riedel fuhr auf wie ein Berserker. Für die rührende Liebe, die in dem Anerbieten seiner Frau lag, ging ihm im Augenblick das Verständnis ab. Er sah nur, daß die Gauner triumphieren, daß das Erbteil seiner Kinder geschmälert werden sollte, und in diesem Gedanken fiel er Frau Minchen in die Rede, tobte und schrie und verschwor sich, niemals solch llnrecht zuzu­geben. Ob sie den Verstand verloren habe und glaube,

ihr Vermögen sei unerschöpflich und sie könne es jedem Lumpen in den Rachen werfen? lind in dem Ton weiter.

Frau Minchens edler Opfermut, der zuerst wirklich nur ihrem Fritz und dem Ansehen der Familre gegolten hatte, fing bei alledem an, aus anderen Augen zu sehen. Warum tobte der Mann denn nur so? Es war schließ­lich doch ihr Geld, das sie für ihn hingeben wollte, für ihn und für sein Kind.

Ihre Gedanken schlugen andere Wege ein. Herrgott, was die Fränze für ein Glück machte! Dieser schöne Mann! Und eine Freifrau sollte sie werden! Wie ein Roman und ganz ohne unangenehmen Beigeschmack! — Na ja, freilich, daß sie das Geld dazu geben mußte. Aber wozu war sie des reichen Amtmanns Rothahn Tochter und einzige Erbin, wenn sie nicht auch mal etwas Besonderes tun- konnte. Und sie hatte die Fränze immer lieb gehabt, in diesem Augenblick lieber als je, denn da war nun wirklich einmal ein echter Roman in der Familie, das Mädchen aus dem Volke und der Mann von Geburt, der alles, Stellung und, — und, — na ja, eben alles für die Geliebte opferte.

Nein wirklich, sie sah nicht ein, warum ihr Friy so ungeberdig und grob war? — Schließlich ging es doch wirklich nicht an, daß der Alfons die Gerichte in Be­wegung setzte Und das würde er sicher tun, er hatte so gefährlich unternehmend ausgesehen. Sein Handeln war ja nicht anständig, aber er tat es für seine Liebe und ein wunderschöner Mensch war er doch! Nein, je länger sie die Sache ansah, desto weniger schrecklich kam sie ihr vor, und als ihr Fritzchen endlich einmal Atem holen mußte, fiel sie ihm, ohne auf all keine Einwen­dungen cinzugehen, mutig ins Wort. „Nein, reg' dich bloß nich mehr auf, du kannst noch einen Schlagfluß kriegen. Überleg' dir doch die Geschichte. Was bleibt uns anders übrig, als unsere Zustimmung und das Geld zu geben? Der Alfons ist zu allem entschlossen und wir können uns doch nicht so vor der ganzen Nach­barschaft und vor den Kindern blamieren lassen!"

Er stöhnte, er ballte die Hände in ohnmächtigem Grimm.

„Kein Recht hat sie, gar keins! Und wenn sie's auch hätt', — wo nichs is, da hat der Kaiser sein Recht verlor'n. Ich Hab' kein Ield, ich kann nichs jeben!"

„Na, ich hah's aber doch, Fritzchen!"

„Du, du, — du schmeiß'st mit vollen Händen fort, du hast keine blasse Ahnung voni Ield! Weißt nich mal, was du hast! Un wenn wir jetzt /eben, zwicken sie uns bis in die Unendlichkeit! Nein, nein, das jehl nich!"

Frau Minchen verhandelte weiter. Und wenn sie den letzten Pfennig hergeben sollte, aber bloßstellen, ließe sie sich und ihre Familie nicht, — niemals! Und Rechtsanwälte könnten doch Kontrakte aufsetzen, daß sie vor weiteren Forderungen geschützt blieben, — und Fritzchen sollte es sich nur richtig überlegen. Stunden­lang gingen die Reden so hin und her