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Verlag Langgaffe S1

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Montage 4. September 1916-

klbend-klusgabe.

Nr. 422. . 64. Jahrgang.

Der Staatsstreich in Griechenland.

Wir wissen nicht, was in Griechenland zurzeit vor- geht, sondern nur, was die Presse der Entente darüber zu berichten geruht. Aber daß dort mit allen Mitteln der Bestechung, E r v r e s s u n g, Drohung und Gewalt gearbeitet wird, um das unglückliche Land dem Vierverband dienstbar zu machen,^das Hellenen­volk unter Sarrails Kommando zur Schlachtbank zu führen, das geht sogar aus den frisierten Londoner und Pariser Meldungen hervor. Engländer und Franzosen machen den Staats st reich und Reuter und Havas die Musik dazu: S t a a t s st r c i ch m u s i k.

Mit den B a l k a n v l ä n e n der Entente ist es nicht ganz so fahrplanmäßig gegangen, wie es gedacht war. Sarrails buntgemischte Armee, die nach fran­zösischen Blättern angeblich 400 000 Mann, darunter 300 OOOMannKampftruppen, stark sein soll, hat trotz des scharfen Drucks von London und Paris noch nicht den Mut zu einer ernsthaften Offensive gewinnen können, und selbst der Zuwachs durch das r u m ä n i s ch e Heer scheint Sarrails Siegeswillen noch nicht sonderlich ge­stärkt zu haben. Auch die Griechen tollen noch mit­machen, denn, so kalkulieren die britischen Geschäfts- Politiker, jeder tote Grieche ergibt in der Schlußbilanz einen lebendigen Engländer.

Die rücksichtslose Brutalität, mit der die Entente unter Mißachtung aller Völker- und M e n- schenrechte in Griechenland schaltet und waltet, um ihr Ziel zu erreichen, ist so himmelschreiend, daß man eigentlich einen geharnischten Einspruch aller Neutralen erwarten sollte, wenn es noch Neutrale gäbe, und wenn nicht die Völkermoral in diesem Weltkriege so gründ­lich Schiffbruch gelitten hätte. Die Art, wie der Vier­verband die geknechteten Hellenen, denen man nur für je zwei bis drei Tage Nahrungsmittel ins Land läßt, um die Hungerpeitsche desto wirksamer schwingen zu können, gewaltsam in den Krieg zu treiben sucht, steht in der Geschichte aller Völker und Zeiten ohne Beispiel da. Das sind erst Errungenschaften dieses Weltkrieges, in dem England und seine Trabanten, von den Russen angefangen bis zu den Hottentotten, „für die Freiheit der Nationen und für die europäische Zivi­lisation" kämpfen.

Wie weit die Dinge in Griechenland schon gediehen sind, läßt sich vorläufig schwer beurteilen, denn Eng­länder und Franzosen haben das Land von Europa a b- geschnürt, und Reuter und Havas machen jetzt öffentliche Meinung. Die Meldung, daß König Kon­stantin bereits zugunsten des Kronprinzen abgedankt habe, ist offenbar zu durchsichtigen Zwecken in die Welt gesetzt, und der Wunsch dürste hier wohl der Vater des Gedankens sein. Aber was noch nicht ist, kann werden, denn der Staatsstreich der Entente, der durch den Putsch in Saloniki eingeleitet wurde, zielt zwei­fellos auf den Sturz des Königs, auf den man durch die Landung der Ententeflotts im Piräus den nötigen Druck auszuüb en ho fit.

Die Pariser Blätter verraten offenherzig, wohin die Reise geht. Wenn „L'Oeuvre" weissagt, die Partie geht zu Ende, Griechenland muß ausspielen; wird es den König fortwerfen?", und wenn der Lyoner „Nouvelliste" das Leben des Königs für schwer bedroht hält (natürlich nur gesundheitlich) und versichert, König Konstantin könne bei aller Pflege kaum hoffen, noch ein Jahr zu leben, so sieht man, daß der Vierveröand aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Oder doch eine Mördergrube! Auch wir halten das Leben des Königs für schwer bedroht. Man kann ihn zwar nicht wie Sir Robert Casement henken, aber die Brandstifter von Tatoi könnten auch einmal besseren Erfolg haben. Die vor mehreren Monaten veröffentlichten Briefe aus der englischen Gesandtschaft in Athen brach­ten es ja deutlich zuin Ausdruck, daß man den König, das größte Hindernis für die britischen Pläne, aus dem Lande jagen müsse. Und in Venizelos und seinen von der Entente bezahlten Parteigängern hat man ge­fügige Werkzeugs.

Der König von Rumänien ist den Drohungen der Entente und der bezahlten Kriegshetzer im Lande gewichen. Er wollte lieber den Thron als die Ehre be­halten und brach den Bundesvertrag, brach die Treue. König Konstanffn hat bisher auch dem stärksten Druck standgehalten; und ec weiß, daß er sich dabei auf einen großen Teil des Volkes stützen kann, das ge­rade jetzt durch erneute Kundgebungen seinen Neutrali- tätswillen bekundet hat. Aber die Venizelisten-Partei verfügt über reiche Geldmittel, und gestützt auf die Armee Sarrails, die sich bisher nur gegen die griechische Front wendet, und auf die drohend im Piräus aufmarschierte Flotte glaubt sie den Kampf auf­nehmen zu können: Griechen gegen Griechen und vor allem gegen den König. Wird es getingen, was bisher noch nie gelang, ein Volk gegen seinen Willen zum Krieg zu zwingen? Wird dem Staatsstreich der Entente Er­folg beschicken sein, und welchesSchicksal erwartet dabei

den beklagenswerten König Konstantin? Das sind drei Fragen inhaltsschwer, auf welche die nächsten Tage wohl die Antwort bringen werden. Aber stehen wir hier vor drei großen Fragezeichen, so ist ims doch eines gewiß: Ein Volk, das so widerstrebend, wie die Griechen, zur Schlachtbank geführt wird, könnte als m i I i t ä rischer Faktor unmöglich hoch eingcschätzt werden, könnte nur einen sehr fragwürdigen Machtzuwachs für unsere Gegner bedeuten.

Was die Ententemächte fordern.

W. T.-B. London, 3. Sept., abends. (Nichtamtlich. Draht- bericht.) Die der griechischen Regierung übermittelte englisch- französische Note fordert die Kontrolle über das griechische Post- und Telegraphenwesen mit Einschluß der drahtlosen Telegraphie und die Ausweisung feindlicher Agenten aus Griechenland, die der Spionage und der Bestechung schuldig sind, sowie Ergreifung notwendiger Maßnahmen gegen grie­chische Untertanen, die der Spionage und Bestechung mitschul­dig sind. Der Vertreter des Reuterschen Bureaus ist in der Lage, zu erklären, daß die Erfüllung dieser Forderungen nicht auf Schwierigkeiten stoßen wird.

Berlin, 4. Sept. Zu den Hauptwünschen der Vierver­bandsmächte gehört, daß die noch in den griechischen Häfen liegenden, den Mittelmächten gehörenden Schiffe Aus­weisungsbefehle erhalten, und daß die entcntefreundlichen Elemente, die sich während der letzten Wochen besonders be­merkbar machten, nicht mehr in der Umgebung des Königs geduldet werden. Endlich sollen die Vertreter der Alliierten ausreichende Sicherheit verlangen gegen jede Ge­fährdung der Operationsbasis der Armee Sarrails in Saloniki.

Die Ententeflotte vor dem Piräus.

W. T.-B. Athen, 3. Sept (Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureaus. Die im Piräus eingetroffene Flotte der Alliierten setzt sich aus Kreuzern, Transport­schiffen, Torpedobootszerftörern und Barkassen zusammen und hat auch mehrere Wasserfluggzeuge. Es wird bestätigt, daß zwei Regimenter der 11. griechischen Division ous Saloniki sich mit den Alliierten solidarisch erklärt haben.

Die franzvsifchen Schiffe neben den griechischen vor Anker.

W. T.-B. Bern, 4 Sept. (Nichtamtlich. Drabtbericht.) Bei einer Besprechung der Flottcndemonftraticn im PiräuS betont die stanzöfische Presse, daß endgültig gegen jede Mög­lichkeit eine Sicherheit für die O p c r a t i o n s b a s i s Saloniki geschaffen werden müsse, und daß die neuen Forderungen der Entente dahin lauten. Dom „Temps" zu­folge erschien die alliierte Flotte am 1. September um die M i t t a g s st u n d e vor dem Piräus, konnte aber dem „Echo de Paris" zufolge erst in später Abendstunde bei Salamis ankern. Die französischen Schiffe liegen neben der grie­chischen Flotte.

Der ungleiche Kampf zwischen der Entente und König Konstantin.

Der Eindruck der Flottendemonstration in Athen.

Br. Lugano, 4. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Die direkte Telegravhenverbindung zwischen Italien und Grie- chenlaiid ist unterbrochen. Es liegen daher keine direkten Nachrichten aus Athen vor. Die Auflösung der Kammer und die Neuwahlen wurden verschoben. Das Fieber des Königs dauert fort. „Corriere della Sera" meldet aus Lon­don von 2 Uhr nachmittags: „Das Erscheinen der Flotte vor Athen hat dort tiefen Eindruck gemacht. Eine unge­heure Volksmenge begab sich nach dem Piräus, um sich die Schiffe anzusehen. Die Stadt ist jedoch vollkommen ruhig, ungeachtet der Fieberhitze, die in politischen Kreisen herrscht. Viele Deutsche haben Athen verlassen." — „Corriere della Sera" hebt hervor, daß nach den bisher vorliegenden Nach­richten die Reuternotiz von der Abdankung des Königs K o n st a n t i n sich nicht bestätigt. Sie findet ihre Widerlegung durch die Tatsache selbst, daß die Entente es für nötig hält, Gewaltmaßregeln anzuwenden. Wenn der König obgedankt hätte, oder sonstwie ein neuer Kurs in Griechen­land gesichert wäre, würde die Entente keine Schiffe nach dem Piräus gesandt haben. Die Gefahr, die die Entente in der Haltung Griechenlands sieht, gilt als noch nicht be­schworen. Um die Lage in Griechenland zu verstehen, sei es notwendig, sich zu erinnern, daß der französische Gesandte vor einigen Tagen der griechischen Regierung ein Ultima- t u m überreichte, das u. a. schwere Drohungen, auch die der Entsendung eines Geschwaders nach dem Piräus ent­hält. Diese Maßregel haben nun erfolgen müffen. Es be­stätigt sich also, daß von einer wirklichen revolutionären Lage in Griechenland nicht die Rede sein könne. König Konstantin verfüge immer noch über einen gewissen Einfluß auf das griechische Volk. Sei aber vom Volk nichts zu hoffen, so sei damit durchaus nicht gesagt, daß kein sensationelles Ereignis mehr zu erwarten sei.

Revolutionäre Freiwillige auch in Larissa.

Berlin, 4. Sept. Noch der „Voss. Ztg." werden auch in Larissa revolutionäre Fceiwilligen-Korps gebildet, die von den französischen Militärbehörden bewaffnet werden sollen.

Venizelos, der böse Geift Griechenlands.

Haag, 3. Sept. (Zens. Bln.) Englische Blätter drucken ein Telegramm ab, welches Ven ' zelos an die „Suudah- Times" gerichtet hat. Er sagt darin u a.: Ich boffe, daß es Griechenland jetzt nach dem.Eintritt Rumäniens in den Krieg auf allen Seiten der Entente unmöglich sein wird, noch länger neutral zu bleiben, und daß es sich bald seinen wahren Freunden anschließen wird.

Keine große englischen Hoffnungen auf das griechische Heer.

IV. T.-B. London, 2. Sept. (Nichtamtlich.) „Daily Chronicle" schreibt im Leitartikel: „Es ist nicht leicht, voc- herzusehen, welche Wirkung die Unabhängigkeitserklärung von Griechisch-Mazedonien auf die Haltung des amtlichen Griechenlands haben wird, und man muß zugebe.ii, daß selbst einem begeistert ententefreundlichen Staatsmann es schwer fallen würde, in einem Augenblick die Folgen einer zwölfmonatigen deutschfreundlichen Politik ungeschehen zu machen. So ist die griechische Armee alle? andere, als für eine schnelle Aktion bereit. Sie ist erst kürzlich demobilisiert worden und die höheren Kommandos und ein Teil des Offizierkorps besindet sich im Umwand lungsprozcß. Die ganze Armee muß min- dfftens eine Zeitlang in einem Zustand gründlicher Desorga­nisation sich befinden. Ebenso steht es mit der Nation. Wenn die Armee wieder mobilisiert wird, so können keine Paria- mentswahlen statrfindcn. Andererseits drängt die Zeit. Tie rumänische Offensive muß sofort von einer Offensive der Verbündeten von Saloniki aus u n t e r st ü tz t werden." — Das Blatt hält es für das beste, die Demobilisierung der Armee aufrecht zu erhalten, bis die Neuwahlen stattge­funden haben.

Das Schicksal der königstreuen Truppen in Saloniki.

Br. Lugano, 4. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Die griechischen Offiziere, so berichtet der „Corriere della Sera" vom 2. Sevtember aus Saloniki, welche sich gestern dem Genera! S a r r a i l ergeben haben, wurden nach einer unbekannten Richtung eingeschifft. Griechische Truppen, die den Aufständischen Widerstand geleistet hatten, wurden durch das Eingreifen französischer Truppen gezwungen, sich zu ergeben.

Zur bulgarischen Armee desertierte griechische Soldaten.

W. T.-B. Saloniki, 4. Sept. (Nichtamtlich. Drahtbericht., Meldung des Reuterschen Bureaus. Wie Nachrichten aus sicherer Quelle besagen, desertierten 60 griechische Sol­daten vom 63. Infanterie-Regiment, das in W e st Maze­donien liegt, und schlossen sich der bulgarischen Armee an.

Nicht mehr auf Griechenlands weitere Neutralität zu-rechnen?

I- Berlin, 4. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Direkte Meldungen aus Athen liegen auch heute nicht vor und könnten, wenn sie zu uns gelangen würden, uns kaum mehr sagen, als was die über den feindlichen Umweg zu uns gelangenden Berichte ohne Umschweife zugestehen. Was noch von griechischem Selbstverfügungsrecht vorhanden war, wird von den vom Vierverband erneut angewendeten äußersten Drohmitteln ertötet. Unter diesen Umständen ist man hie: der Ansicht, daß man am besten fernerhin nicht mehr damit rechnet, Griechenlands Neutralität aufrecht erhalten zu sehen. Von dem Tage an, da mau in Athen die englisch­französischen Truppenlandungen in Saloniki zuließ, mußte man mit dieser Entwicklung rechnen, und die Mittelmächte und Bulgarien haben weitgehend den Verhältnissen und der beengten griechischen Freiheit Rechnung getragen. Gewinnt Venizelos die Oberhand, so wird sich das hellenische Volk in späterer Zeit der richtigen Voraussicht seines Königs erinnern müssen.

Italiens Argwohn gegenüber der Pressung Griechenlands zum Kriegsteilnehmer.

Br. Wien, 4. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Die Flottendemonftration im Piräus wird vom Vierverbaud mit der lächerlichen A u s r e d e begründet, daß im PiräuS seit einiger Zeit deutsche Soldaten verborgen seien, die in Zivilkleidung über Kavalla dorthin gebracht wurden, um im Piräus mit Waffen versehen zu werden und die Person des Königs zu schützen. Im übrigen ist di« Situation in Griechenland ernstei, als sie jemals war. Be­merkenswert erscheint noch, daß zwischen Italien und den anderen B'.erverbandsmächten keine Übereinstimmung über das Eingreifen Griechenlands in den Krieg besteht. Man wünscht in Rom nicht, daß Griechenland losschlägt, weil man befürchtet, daß dann die griechischen Ansprüche auf Nordepiros und SB et I o n a von den anderen Vierver­bandsmächten erfüllt werden, .daß daher die italienischen Wünsche bezüglich dieser Gegend ins Waffer fallen könnte». Keinesfalls ist dieser Gegensatz zwischen Italien und de« Vierberbandsmächten aber imstande, die Situation in Grie­chenland entscheidend zu beeinflussen.