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II

Nr. 206.

Sonntag» 3. September.

1916.

Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblalts. >»—=a )

(20. Fortsetzung.)

Zrau Minchens Narretei.

Humoristischer Roman von Köte van Beeker«

(Nachdruck verboten.)

„Fang doch nich wieder das alte Lied an. Fritzchen! Du bist eigensinnig und halsstarrig wie'n Bock. Bleib jetzt man beim Alfons. Ich freu' mrch doch, ihn kennen zu lernen, er muß auch ein bildschöner Mensch fern."

„Na richtig, da hab'n wir's! Js die alte Frau schon jetzt in den bildschönen Menschen verliebt", lachte Vater Fritz launig auf. „Mineken, mit Speck fängt man Mäuse! Wer di man den Köder der Schönheit vorhält, der hat di jleich im Sack."

„Na, Fritzchen, darüber solltest du nicht reden, du hast ihn mir ja damals selbst vorgehalten."

Sie sahen sich beide in die Augen und lächelten und Fritz Riedel zwinkerte lustig mit den Wimpern und nickte geschmeichelt.

„Na ja, Mineken, is ja wahr, un jereut hat's d, nich?"

„Nein, mein Fritzchen, und siehst du, deshalb sollst du auch nicht so gegen Ludovika sein. Das ist doch auch so'n Fall. Unser Eugen hat mein Temperament und glaub' man, der wird auch glücklich."

„Na, wollen seh'n, — da läuft der Has' doch janz anners!" seufzte Fritzchen, kraute sich den Kopf und fuhr dann fort: „Da is nu nichts mehr zu reden, un nu haben wir's mit 'm Alfons zu tun; denn soll der man kommen, bloß, Mineken, daß da nich nochmal die selbigte Ieschichte wird und uns're Fee sich nu auch in 'n schönen Spartanerjüngling verliebt! Jottsdonner, — wenn ich das müßt, dann sollt' er bleiben, wo der Pfeffer wächst, verstehste un?"

Plötzlich war ihm der Gedanke aufgestoßen und packte ihn mit Schrecken. Seine Fee in die Familie! -Wenn es auch seine eigene war, — aber gerade deshalb! !Er kannte sie und fand es mehr als gssnug, wenn ein Ableger davon sich in seinen Acker verpflanzte. Sein reines, prächtiges Mädel!

„I wo, Fritzchen! Die Fee ist ja wie 'n Eisklumpen, die kann sich ja gar nicht verlieben, denk' doch nicht so was", wehrte Frau Minchen eifrig ab, und bei sich dachte sie, daß der schöne Mensch an ihrer Fee wohl auch kein Gefallen finden würde. Tat er es aber, dann sah sie es auch nicht als Unglück an, — ein guter Name, ein vor­nehmer Stand und ein schöner, ordentlicher Mann —!

Also wurde an Alfons geschrieben, daß er willkom­men sei und ehe man sich versah, — er konnte kaum die Antwort in Händen haben —- war er auch schon da.

„Sie kommen alle wie aus der Pistol' jeschossen", brummte der Onkel, sah aber doch mit Wohlgefallen auf den großen, schlanken Neffen, dessen wirklich bildhübsches Gesicht ihm' selbst zwar etwas zu weibisch vorkam, seine Frau aber selbstverständlich in eine Art Bezauberung versetzte.

Na ja, ein verflixt hübscher Bursche war es ja, — freilich bei näherer Betrachtung meinte der Onkel, daß er doch weniger nach Spartaner- als nach lockerem Leben aussehe, aber Frau Minchen faßte diese Beinerkung gleich wieder als tödliche Beleidigung auf und beschul­digte ihren Fritz der blinden Noreinaenommenbeit

gegen diese armen, schönen Kinder, die doch nichts da­für könnten, daß sie eine intrigante boshafte Mutter hätten, sondern denen man es doppelt hoch anrechnen müsse, daß sie unter solchen Händen unverdorben und tüchtig aufgewachsen wären.

Dazu pfiff Vater Fritz höhnisch durch die Zähne, schwieg aber. Es war ja doch nur leeres Stroh ge­droschen, wenn er sein Minchen mit Worten belehren und bekehren wollte. Die konnte nur durch eigenen Schaden klug werden und dazu würde es leider wohl doch noch einmal kommen.

Übrigend mußte der Onkel zugestehen, daß der Alfons wirklich ein angenehmer, amüsanter Kerl war. immer zu einem lustigen Wort, einem guten Trunk und einem Spielchen aufgelegt, nie ein Widerspruch, nie eine Unlust, sondern zu allem bereit und sich allem anpassend. Herrgottchen, warum konnte sein Eugen nicht wenigstens etwas von dieser elastischen, lebhaften und unternehmenden Art haben? Neben dem Schivager sah der Jrmge zu erbärmlich aus! Wie ein schwind­süchtiger Schulbub, trotz seiner Jahre und seines langen Körpers. Und drückte sich überall herum wie ein armer Schlucker, nur auf Ludovikas Blick und Tun achtend und schon glückselig, wenn sie ihn nur anlächelte und ihm die Hand zum Kuß ließ. Schlappschwanz, Schlappschwanz! Bis aus den einen Punkt, wo er ge­standen hatte wie ein Fels und verlangt wie ein Herr­icher. Der dumme, dumme Junge! Gerade am ver­kehrten Ende, gerade zu seinem Unglück einmal im Leben ein Mann gewesen!

Nur eines sah der Vater mit Vergnügen, — so willig und sklavenhaft sich Eugen auch von seiner schönen Braut kommandieren und schuhriegeln ließ, aber dem Schwager gegenüber, der gleich den selben Ton an- schlagen wollte, hielt er ganz hübsch Distanz, zehn Schritt Entfernung und eine gewisse strenge Kühle.

Ja, bei den Kindern hatte der schöne Vetter nun nial kein Glück. Onkel Fritz rieb sich schmunzelnd die Hände. Um sein Feechen brauchte er keine Sorge zu haben, dp? blieb fest in ihrer Abneigung gegen seine Familie, eisern fest, und sogar in steigender Potenz, einer war ihr anscheinend immer unangenehmer als der andere, und der elegante, blendende Vetter, der ihr mit sieghafter Liebenswürdigkeit entgegengetreten war, erlebte den sehr seltenen Fall, daß ein weibliches Wesen total un­empfindlich gegen all seine bestechende,! äußeren und inneren Vorzüge blieb.

Fee erstarrte zu Eis. Ihre abweisende Art hatte beinahe etwas Beleidigendes und die beiderseitigen Mütter, ihre sowohl wie die von Alfons, waren empört. Beide fühlten eine Enttäuschung über Fees unbegreif­liches Benehmen und Frau Minchen hatte nichts Eiligeres zu tun, als ihre unliebenswürdige Tochter vorzunehmen und ihr eine strenge Strafpredigt und Vorlesung über verwandtschaftliche und gastliche Pflich­ten zu halten.