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Nr. 205.
Samstag, 2. September.
1916.
) Morgen-Vellage des Wiesbadener Tagblatts, i «
(26. Fortsetzung.)
Zrau Minchens Narretei.
Humoristischer Roman von Küte van Beeker,
(Nachdruck verboten.)
„Nein, nein, Fritzchen, auf die Ludovika halt' ich und den Eugen laß ich nicht unglücklich werden! Und Fritzchen, drohen darfst du der Male nicht, dann kommt ja erst recht alles raus, — du mußt ihr den Willen tun, mein gold'nes Fritzchen, dann ivird sie schon still sein!"
„Nich wahr, dem Deiwel 'n Pechlicht anstecken un uns in unserm eij'nen Haus von so'nem Frauenzimmer kommandieren lassen? Nee, is nich!" fuhr er wild auf und stampfte durch das Zimmer wie eine Dreschmaschine. „Ich Hab' ihr 'runterkuranzt un sie wird künftig ihr verdammtes Maul halten, aber natürlich nur unter Bedingungen — ja. —"
„Gott sei Dank, Fritzchen! Wenn sie bloß still ist, dann wollen wir ja alles tun, — und wenn sie dann bloß erst fort war'!"
„Eins mit's andre, Mineken, sie jeht, wenn die Hochzeit vorbei is, wenn wir der Ludovika 's Nest aufje- takelt un uns den Kuckuck 'reinjesetzt haben!"
„Siehst du, Fritzchen! Ach, dann laß uns doch nur schnell machen — aber, Fritzchen, wird sie denn auch wirklich und für immer schweigen?"
Er lachte grimmig auf. „Wird se, so lang wir ihr die versproch'ne Rente zahlen! Das Weib weiß Kap'tal aus uns zu schlag'n! Mineken, wenn's nich dein'wejen war', ich ließ die Karr' laufen, schon aus Jrundsatz! Wenn's uns auch hart traf', aber eh' wir uns so ducken —"
„Nein, nein, Fritzchen, bloß das nicht. Tu's meinetwegen —"
„Kost' wieder 'n schönes Stück Jeld —"
„Gib es, Fritzchen, gib es! Wozu is es da? Wenn wir nur Ruh' haben, — gib es!"
Fritz Riedel schüttelte zornig den Kopf. Gib es, gib es! —
Wenn sein Minchen bei dieser Devise blieb, konnten sie weit kommen. Selbst ein Brunnen schöpft sich aus. Jetzt waren das alles nur Bagatellen, aber wie es sich ausdehnen konnte, ließ sich nicht absehen. Sie hatten die Blutegel mal am Halse und wie sie zu saugen verstanden, hatte der heutige Tag gezeigt. Ihm kochte noch Das Blut, wenn er an die Auseinandersetzung mit seiner lieben Schwester dachte und wenn es nicht wirklich für die Ruhe seiner guten Alten wäre, er täte es nicht, — er würfe sie alle aus dem Hause, was dann auch dabei zerbräche, es würde sich heilen lassen, leichter als der Schaden, den ihr Bleiben unfehlbar anrichtete.
Aber Frau Minchen wollte das nicht einsehen, sie weinte und flehte und beschwor ihren Fritz, bis sie ihren oder vielmehr den Willen ihrer Schwägerin glücklich durchgesetzt hatte. Aber dabei war ihr inneres Gleichgewicht doch so erschüttert, daß sie für die nächsten Tage ganz in ihre alte Art zurückfrcl, sich vollkommen an ihren Fritz lehnte, sich ihrer Wirtschaft widmete, die Schwägerin übersah und selbst gegen Ludovika keinen freundlichen Ton fand.
Dann kam allmählich aber alles wieder in das alte Geleise. Die Freifrau hielt sich sehr bescheiden zurück
und war von sanftester Liebenswürdigkeit und Ludovika, dre mit Tränen in den Augen gefragt hatte, ob Taut- chen ihr zürne, was Tantchen an ihr zu tadeln habe und ob sie jetzt neben Fee gar keinen Platz mehr im Herzen der geliebten Tante habe, bekam wieder die volle Macht über Frau Minchens Seele. Vielleicht wäre ihr das uach dem Zwischenspiel, das Frau Amalie arrangiert hatte, schwerer geworden, wenn Fee sich jetzt ernsthaft bemüht hätte, ihr den Platz in Musters Herzen streitig zu machen. Aber Fee litt gleich in den ersten Tagen ihres Daheimseins mit all ihren guten Vornehmungen kläglich Schiffbruch. Vor der Gegenwart der Tante Amalie und der Cousine Ludovika verwandelte sich Fees Wesen zu einer ihr sonst fremden Kälte und Zu- rückhaltung. Sie fühlte sich in unausgesetztem, innerlichem Widerspruch mit diesen beiden Personen und unwillkürlich wirkte das auch auf ihr Verhalten gegen die Muster, mit deren Interesse Hand in Hand zu gehen ihr ohnedem schwer genug fiel.
Frau Mrnchen haste Fee gleich überall mitgenommen, wohin sie mit der Schwägerin und Ludovika aing, Fee mußte helfen einkaufen, was für die drei anderen der Hauptreiz jeder Stadtfahrt war. sollte init in die Läden und Konditoreien gehen, sich den städtischen Bekannten präsentieren und sich von Ludovika letzt bei- feite gestellten Verehrern den Hof machen lassen.
Letzteres von Ludovika durchaus nicht gewünscht, aber von Frau Minchen fest erwartet, und von Fee mit äußerster Kühle und Unliebenswürdigkeit zurückgewiesen.
Die Stadtfahrten hinterließen allgenicine Mißstimmung. Fee wirkte bei allem, was man unternahm, wie der tote Gast. Für die Einkäufe zeigte sie- nicht das leiseste Interesse, weder für Toilette noch für Ausstattungsgegenstände, in den Läden und Konditoreien langweilte sie sich und den Bekannten und präsumtiven Verehrern begegnete sie, wie gesagt, mit Un- freundlichkeit und Kühle.
Frau Minchen atmete aus, als Fee nach den ersten Versuchen flehentlich bat, sie zu Hause und ihren Neigungen leben zu lassen. Die beiderseitigen guten Vorsätze gingen in die Brüche und Mutter und Tochter glitten mit unfehlbarer Sicherheit und Schnelle wieder in ihr altes Verhältnis zurück.
Frau Berta schüttelte mißbilligend den Kopf, konnte aber schließlich Fee auch nur recht geben, wenn diese ungestüm behauptete, daß solches Leben, wie Mutter und die beiden anderen es führten, ihr seelischer und geistiger Tod wäre, und daß es von niemand unangenehm empfunden würde, 'wenn sie sich dem nicht unter- lvürse, sondern ihre eigenen Wege ginge.
Diese führten sie immer mehr zu Tante Berta hin. da sich zu Hause kaum ein Platz fand, den sie ausfüllen konnte. Selbst die wirtschaftlichen Ritte mit ihrem geliebten Väterchen fielen jetzt fort, da dieser mit seinem Sohn voll beschäftigt war und sich zum zweiten Male, seitdem Eugen, notgedrungen die landwirtschaftliche
