Einzelbild herunterladen
 

Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i » -=* i

Nr. 203. Donnerstag, 31. klugust. 1916. -

(23. Fortsetzung.)

Krau Minchens Narretei.

Humoristischer Roman von Küte van Beeker.

(Nachdruck verboten.)

Aber ihre Unbefangenheit sollte noch nicht gestört werden. Mutter wünschte das und er selbst fühlte, daß die Zeit noch nicht gekommen war, um sie an sein Herz zu ziehen und daran festzuhalten. Im Sommer wollte er die Ferien daheim verleben, vielleicht wuchs in der Zeit der Trennung auch in ihr das Bewußtsein der Liebe auf und schaute ihm dann anders in die Augen als jetzt.

Hundert reizende Pläne hatten sie schon zusammen für jene Sommertage geschmiedet, alles wollten sie ge­meinsam treiben und unternehmen und es würde wie­der wie in den Kindbeitstaaen werden, nur schöner, weil sie sich jetzt doch besser verstanden und viel intimer be­freundet waren. So hatte Fee fröhlich und herzlich ge­meint und er mit klopfendem Herzen dazu genickt.

V.

Die Zukunft lag sonnig und hoffnungsvoll vor ihnen und wenn Fee doch manchmal an einen Schatten darin dachte, so war dieser nur im Verhältnis zu ihrer Mutter, mit der sie sich bis jetzt so schlecht verständigt hatte. Erst da draußen in der Ferne war ihr das recht zum Bewußtsein gekommen und hatte sie manchmal mit Reue und Unruhe erfüllt. Das sollte anders werden. Sie hatte es sogar mit Tante Berta vielfach besprochen und unter deren Rat allerlei Vorsätze und gute Absich­ten gefaßt.

Wenn nur erst Ludovika fort wäre, Ludovika, das fremde, unbehagliche Element, das Kraut, das nicht in den Garten gehörte.

Und daher bog sie sich jetzt bei der Heimfahrt zu Väterchen herüber und fragte hoffnungsvoll: „Die

Berliner Tante ist wohl gekommen, um Ludovika ab- zuholcn?"

Vater Fritz schnitt ein komisches Gesicht. Grimm und Spott zuckten darüber hin.

„Abzuholen? Nee, mein Joldfasan, da mach' di man drauf jefaßt, — die holt selbst der Kuckuck nich mehr! Die bleibt uns nun als Jeschenk des Himmels un wird deine liebe Schwäjerin."

Und dann erzählte er der mit erschreckter Miene Zuhörenden, wie alles gekommne, und daß die Sache nun entschieden sei und Eugen die schöne Cousine heirate.

Fee hatte von alledem nie eine Ahnung gehabt. Sie war viel zu unbefangen und unerfahren gewesen, um damals bei Eugens Entlobung und Verbannung etwas zu merken und die Andeutungen der viel gewitzigteren Fränze richtig zu verstehen.

„Aber, Väterchen, was hat der Eugen bloß an der Ludovika? Warum will er sie denn durchaus hei­raten?"

„Weil er sie liebt, mein Joldfasan."

„Ach, Väterchen, das ist doch kein Grund", sagte sie mit treuherziger Sicherheit und Unwissenheit. „Sie paßt doch nicht zu ihm, das muß er einsehen, wenn er sie auch liebt."

Der Vater räusperte sich und sah mit gutmütigem Spott in das junge, klare Gesicht. „Hm, mit so 'nen Sachen wie Vernunft un Einsehn hat die Lieb mal nichts zu tun, die fragt nich nach Wert und Unwert, nich, ob was paßt oder nicht paßt, die jetzt blind durch. Ja, ja, das wirste Wohl auch noch mal kennen lernen."

Nun flog eine feine Röte über Fees Gesicht und einen Augenblick lang schwieg sie, wie einem Gedanken nachhängend, einem Gedanken, der lieblich und märchen­haft durch ihren Sinn zog. Tann schüttelte sie den Kopf.

„Väterchen, ich weiß nicht. Ja, ich glaube, daß man seinem Herzen nicht gebieten kann." Die Röte schlug heller in ihre Wangen und die Augen senkten sich wie im Traum. „Vielleicht überlegt Liebe nicht, — aber achten muß sie doch können und emporblicken muß sie, — denk' ich, Väterchen — emporblicken zu etwas, das größer und besser ist als man selbst und in dem man doch sich selbst und sein tiefstes Wesen wiederfindet." Verwirrt und befangen hielt sie inne und fuhr dann hastig fort: „Und bei Ludovika ist das alles nicht."

„Nee, mein Joldfasan. da ist das alles nich." Der Vater strich sanft mit der Hand über das heiße Gesicht und seine Augen hatten einen weichen Blick. „Aber die Liebe is doch wohl verschieden. Männerlieb sieht aus annern Fenstern. Es wär' schon jut, wenn du das nie verstehn lerntst und wenn die Lieb zu dir mal so käm', wie du denkst, mein Feechen! Es kann aber auch nnners kommen, denn 's is 'n blindes tolles Ding damit und manch Herz wirft sich in'n Schmutz un bleibt drin lieg'n."

Es war sonst nicht seine Art, über Gefühle zu reden, aber hier vor seinem jungen, reinen Kinde, dessen zarte Finger eben leise an einem noch verschlossenen Tor rührten, kamen ihm Worte über die Lippen, die sonst nicht den Weg darüber fanden. Sein Herz war im Allgenblick bang und weich lind beugte sich in frommer Scheu vor dem keuschen und stolzen Mädchensiun, der noch nichts wußte von den Jrrtümern. Roheiten llnd schmerzlichen Offenbarungen des Lebens. Fee hob den sinnenden Blick und sah den Vater ernst und fest an.

„Nein, Vater, darin liegen sollte es nicht bleiben. Es kann einem aus der Hand gleiten, das mag wohl möglich sein, daß es in den Schmutz fällt. O, ich habe das auch schon gehört uild darüber nachgedacht und Tante Berta sagt auch, daß die Liebe eine elementare Macht wäre, die uns ebenso zum Schlechten wie zum Guten hinreißen kann, aber, sieh mal, Väterchen, wenn die Achtung stirbt, muß auch die Liebe sterben und dann hebt man sein Herz auf lind, — und, — na ja, dann geht man eben damit auf einen anderen Weg!"

Ganz trotzig sah sie jetzt aus, als sie dem in seelischer Erregung begonnenen Satz ihrer Lebensweisheit den ungelenken, prosaischen Schluß gab. In diesem Augen­blick war sie vollkommen das Kind ihrer beiden Eltern, Mutters romantische, Vaters praktische Tochter. Sie hatte auch keinen anderen Rat und Ausweg gewußt.