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■) Morgen-Seilage des Wiesbadener Tagblatts.

Nr. 202.

Mittwoch. SV. ktugust.

iylb.

Krau Minchens Narretei.

(22. Fortsetzung.) Humoristischer Roman von Küte van Beeker. ^Nachdruck verboten.)

Dahinein fiel nun das liebevolle Interesse der vor­nehmen, gütigen Frau Amalie wie ein Funke in ein Pulverfaß. Alle angesammelte Zärtlichkeit loderte in beißen Flammen zu dieser hin. Fränze fand bei ihr, wonach sie in all dieser Zeit gedürstet hatte, Anerken­nung, Interesse, Zärtlichkeit und Verständnis. Natür- l'ch bis auf den einen Punkt, der wie ein finsterer Ab­grund in Fränzes Herz lag, und in den sie auch die vorsichtigen, klugen Blicke und Fragen der liebevollen Frau nicht emdringen ließ. Aber gerade daraus schloß drese, daß da ein ergründenswerter Fall vorliege und wurde immer fester entschlossen, ihn wirklich zu ergrün­den. Nur Geduld und Stetigkeit, dann kam man über­all zum Ziel, und diese beiden schätzenswerten Eigen­schaften hatte die Freifrau im Laufe ihres reichbeweg­ten Lebens gelernt, — zwar spät, aber hoffentlich nicht zu spät.

Mittlerweile war Eugen eingetrosfen. Vater und Mutter erschraken; er sah wie ein Gespenst aus, mager, farblos, mit hohlen, heißen Augen und trockenen Lip­pen. Frau Minchen machte ihrem Mann heftige Vor­würfe. „Das ist deine Schuld? Dein harter Wille hat den armen Jungen fast auf den Tod gebracht. In Sehnsucht hat er sich verzehrt. Er besitzt das warme Herz seiner Mutter, er ist mein echter Sohn! Ich will ihn glücklich sehen, üstter allen Bedingungen."

Der Vater seufzte. Seine letzten Hoffnungen er­loschen. Der sah nicht ans, als wenn sein Sinn sich ändern wollte, der war verliebt wie ein Narr und rannte in fein Verderben, selbst wenn er nnt offenen Augen gesehen hätte, daß es sein Verderben sei. Und dabei hatte er das ganze Weibervolk auf winer'Seite. Es war hoffnungslos, das Unkraut siegte. An der schwäch­sten Stelle seines blühenden Ackers hatte es sich fest­gesetzt, diese erobert und sich damit seinen Standpunkt gesichert. Gut, da war nun nichts mehr zu machen, aber weiter sollte es auch nicht kommen. Er wollte es schon beschränken auf das magere Terrain! Die' Lumpenbagage sollte doch die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben.

Ludovika seufzte übrigens ebenso wie er. Die bei­den begegneten sich immer in ihren Gefühlen, wenn sie auch von verschiedenen Standpunkten ausgingen. Ludo- vika seufzte bei dem Gedanken, die Frau dieses Mannes zu werden. All ihre kühlen, klugen Berechnungen, der so hübsch abgerundete Vorsatz, sich unter allen Verhält­nissen zu verheiraten, wollten Schisfbruch leiden vor­der Erscheinung und der Art dieses Zukünftigen. Wenn die kluge, überredsame Mama jetzt nicht dagewesen wäre, so hätte sie vielleicht einen Gewaltstreich gemacht, die solide, sichere Zukunft im Stich gelassen und sich auf put Glück wieder in die verrotteten, unsichereil Berliner Verhältnisse geflüchtet.

Aber nun stand die Freifrau dahinter. Sie wußte aus Erfahrung, daß der Sperling in der Hand besser sei als die Taube auf dem Dach. Sie hatte schon zu

viel Tauben davonflattern sehen und sie mahnte die ungebärdige Tochter an solch unsichere Flatterhaftigkeit, unter der sie sich auch schon die stolzen Lippen blutig gebrssen.

SDa beugte sich Ludovika der mütterlichen Klugheit und die Verlobung wurde veröffentlicht. Eugen kam auf das Vorwerk, das er fortan verwalten und auf dem das junge Paar wohnen sollte. Der Vater stellte alles gleich fest. Diesmal sogar ohne Rücksprache mit seiner Frau und ohne nach deren Wünschen zu fragen. Die Schmarotzerpflanze sollte klar sehen, was ihrer wartete, daß es vorläufig, so lange er lebte, nichts mit der großen Herrschaft und Herrlichkeit würde, sondern alles im be­scheidenen Stile bliebe, ganz so wie er und sein Min­chen es auch seinerzeit gehabt hatten, kein Jota mehr.

Eugen war mit allem zirfrieden. Er hätte auch in einer Köhlerhütte sein Glück gefunden, wenn Ludovika es mit ihnr teilte. Praktischen Sinn besaß er gar keinen, ebenso wenig wie Empfindung für verfeinerte Lebens- genüsse< er brauchte für sich fast nichts und machte da- her auch keine Ansprüche.

Ludovika knirschte mit den Zähnen und erklärte der Mama leidenschaftlich, daß sie nrcht in das Armeleute- haus ziehe und kein Arbeitsweib werden wolle. Sie löse die Verlobung — sie —. Die Freifrau lächelte: „Laß dich doch nicht ins Bockshorn ja-wn, Kind. Der Alte will dich nur ängstigen und dazu treiben, wozu du in deinem Ungestüm fähig wärst. Sitze nur fest im Sattel, dann machen wir es, wie wir wollen und mein teurer, kluger Bruder muß sich ducken. Ich finde schon Mittel, um unsere Stellung zu sichern."

. Kurz vor Veröffentlichung der Verlobung traf Fec wieder zu Hanse ein. Es war mittlerweile auch in Ost­preußen Frühling geworden und Herr Schmeichler, der sich in Wiesbaden mit seinem Rheumatismus so gründ­lich auseinandergesetzt hatte, daß er nun wieder mit frischen Kräften an seine landwirtschaftliche Tätigkeit' gehen konnte, drängte schon lange auf die Rückkehr. Aber Frau Berta war dann immer nrit dem Hinweis auf das rauhe Heimatsklima gekommen, dem man seine und Fees kauin gefestigte Gesundheit noch nicht aus­setzen konnte, und damit hatte er sich dann beruhigen müssen.

In Wirklichkeit fühlten die genannten beiden Patientin sich so frisch und gesund, daß von Schonung keine Rede sein durfte. Besonders Fee. die diese Wochen dazu benutzt hatte, um endlich das zu werden, was Tante Berta seit Jahren von ihr erhoffte und prophe­zeite, ein prachtvoll gewachsenes Mädchen von ganz eigenartigem Reiz und stolzer Anmüt. Der Schmetter- ling war endlich aus der Raupe gekrochen. Er hatte sich lange Zeit dazu gelassen, aber dann !var es auf ein­mal nrit voller Macht und in überraschender Lieblich­keit gekonrmen.

Alles hatte in diesen Wiesbadener Wochen zu- sammengewirkt, um das ungelenke, unfertige und un-