Verlag Langgaffe 21
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Mittwoch» 30. Stugust 1916.
Morgen-5lusgabe.
Nr. 412. ♦ 64. Jahrgang.
Die ersten Gefechte im ungarssch- rnmänifchen Grenzgebirge.
Zerstörung feindlicher militärischer Anlagen bei Turn-Severin.
Lebhafte Angriffstätigkeit der Italiener.
Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.
W. T.-B. Wien, 29. Aug. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 29. August, mittags:
Östlicher Kriegsschauplatz.
Der D o nau m o uito r „Alm os" z er(Tor t e durch Feuer bei Turn-Severin mehrere militärische Anlagen.
An allen Übergängen der 600 Kilometer langen ungarisch-rumänischen Grenzgebirge sind unsere Grenz- sicherungstruppen ins Gefecht gekommen. Der Feind holte sich, wo er ans unsere Bataillone stieß, blutige Köpfe; namentlich nordöstlich von Orsova, bei Petroselp, im Gebiet des Vöröstoronh- (Roter Turm)-Paß, auf den Höhen südlich von Brasso, auf denen das tapfere Szekler Infanterieregiment Nr. 82 heimischen Boden verteidigt, und im Gyergho- Gebirge. Nur das weite Ausholen starker rumänischer Umfassungskolonnen vermochte unsere vorgeschobenen Abteilungen zu veranlassen, rückwärtig angelegte und planmäßig zugewiesene Stellungen zu beziehen.
In der Bukowina und in den galizischen K a r- p a t h e n keine besonderen Ereignisse. Bei den gestern gemeldeten Kämpfen nördlich von Marvampol wurden über 100 Gefangene und 1 Maschinengewehr eingcbracht.
Südlich von Zborow vereitelten unsere Truppen russische Annäherungsversuche durch Gegenstoß.
Heeresfront des
Generalfsldmarschalls v. Hindenburg.
Bei S z e l w o w brach ein ntfftfdficr Angriff in unserem Artilleriefcuer zusammen.
Bei Rudka-Czerwiszcze kam es zu Jnfan- teriekämpfen.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Die Tätigkeit des Feindes ist an mehreren Frontabschnitten lebhafter geworden.
Unsere Stellungen ans den Faffaner-Alpen stehen unter andauernd starkem Geschützfeuer. Angriffe gegen die Zauriol-Sch arte und die Cima di Cecc wurden abgeschlagen. Der Zauriol-Gipfel siel nach hartnäckigem Kampf in Feindeshand.
d" Dolomitenfront scheiterten mehrere Borstoße der Italiener gegen unsere Rufrcddo- Stellungen.
Im Plöcken-Abschnitt und an der küsten- landrschen Front zwischen dem Col Santo und Nowa Bas versuchte feindliche Infanterie an mehreren Stellen mit kräftiger Artillerieunterstützung vorzuaehcn. Diese Versuche wurden überall vereitelt.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Unsere Donauflottillc schoß die Petroleum-Raffinerie bei Giurgiu in Brand.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. H ö f e r, Feldmarschalleutnant.
Unsere neuen Feinde.
Rumäniens unvermittelter Sprung vom Bündnis in den Krieg.
„Ein Dokument unerhörtester Schamlosigkeit".
W. T.-B. Wien, 28. Aug. (Nichtamtlich.) Das offiziöse „Fremdenblatt" schreibt zur rumänischen Kriegserklärung- Die Note der rumänischen Regierung ist ein Dokument unerhörtester Schamlosigkeit, und Rumänien ist -der traurige Ruhm erblüht, selbst Italien an Niedrigkeit nbertroffen zu haben, das wenigstens einige Wochen vor der Kriegserklärung den Bündnisvertrag mit Österreich-Ungarn einseitig außer Kraft setzte. Rumänien aber war bis gestern b Uhr abends noch unser Verbündeter. Das rumänische Kabinett hob den Bündnisvertrag einfach durch die Kriegserklärung auf. In der Geschichte steht dieser u nv ermittelte Sprung vom Bündnis in den Krieg einzig da. Noch widerlicher erscheint die abscheulicho Perfidie Bratianus und Genossen durch den Umstand, daß noch anläßlich der Ankündigung des gestrigen Kronrats in Bukarest die Sprachrohre der rumänischen Regierung das Treiben Filipescus und Take Jonescus mit Entrüstung und Hohn geißelten und jene Politiker an den. Pranger stellten, die ans der Beratung des Königs mit hervorragenden Männern des Staates beunruhigende Schlüsse ziehen wyllten. Auch der Umstand, daß der Beginn des Kriegs mit der Überreichung der Kriegserklärung zusammenfällt, ist cm Ereignis, welches ohne Beispiel in den Annalen
der Diplomatie dasteht. Rumänien hat alle Rücksichten, die Anständigkeit, Selbstachtung und Sittlichkeit erfor- ^'5 rn , 8üßen getreten und ist — man hätte das nicht mehr für möglich gehalten — auf eine noch tiefereStnfege- sunken als selbst Italien. Es ist einleuchtend, daß zwischen der italienischen Kriegserklärung an Deutschland und der rumänischen Kriegserklärung an Österreich-Ungarn ein i n n erer Zusammenhang besteht, und daß das gemeinsame Vorgehen der beiden Verräter das Ergebnis eines Komplottes ist. Bar nobile kretrurn. Wir beneiden unsere Feinde wahrlich nicht um die Freundschaft Rumäniens und Italiens, welche den Preis des Eidbruchs und der Ver- räterei in der Geschichte davongetragen haben. Wie die Hilfe Italiens im vorigen Jahre Österreichungarns und Deutschlands Siegeszug im Osten nicht aufzuhalten vermochte, wie' trotz des Eidbruchs des Königs Viktor Emanuel die Befreiung Polens von der russischen Herrschaft nicht verhindert wurde, so wird auch der heimtückische und nichtswürdige Überfall Rumäniens nicht imstande sein, die Wage des Kriegs zu unseren Ungnnsten emporschnellen zu lassen. Wir haben uns schon lange mit dem Gedanken der Möglichkeit des Kriegs mit Rumänien vertraut gemacht, alle Vorbereitungen sind wohl getroffen, um dem neuen Feind mit Erfolg begegnen zu können. Unsere Wachsamkeit wurde nicht getäuscht durch das heuchlerische K o m ö d i e n s p i e l, das die rumänische Regierung mit unübertrefflicher Tücke aufführte, und das ganze Verhalten Bratianus während des Weltkriegs, von der Nichteinhaltung des Vertrags bei Ausbruch des Weltkampfes angefangen, bis zum Übergang ins feindliche Lager, war ein solches, daß die Monarchie sich mit derMöglichkeit eines gegnerischenRumäniens -mmer mehr vertraut gemacht hat. Nunmehr ist die Maske gefallen, und aus einem heimlichen Widersacher ist Rumänien zu unserem offenen Feind geworden. Ihm werden sein Treubruch und Verrat ebensowenig zum Glück und Vorteil geveichen wie Italien. Die rumänischen Staatsmänner, die den Namen ihres Landes mit so beispielloser Schmach bedecken, werden einst von ihrem Volk verflucht werden wegen des furchtbaren Unheils, das sie über dieses heraufbeschworen. Mit ergrimmtem Gemüt und gerechtem Zorn, aber auch mit Ruhe und Zuversicht treten wir in diesen neuen uns aufgezwungenen Kampf ein, fest enffchlossen, auch diesen verräterischen Bundesgenossen n i e d e r z u w e r f e n.
Der verhängnisvolle Kronrat in Bukarest.
Br. Bukarest, 29. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Uber den Kronrat in Bukarest erfährt der „Li-A." weiter von diplomatischer Seite- Dieser Kronrat war nicht das, was man in der hohen potitischenWelt darunter zu verstehen Pflegt. Er trug nicht den vorsichtigen Charakter in sich, den eine solche zu höchsten Entscheidungen berufene Versammlung tragen muß. Der Bukarester Kronrat verleugnete diesen Charakter, indem auf Bratianus Geheiß das ganze Ministerium daran terlnahm. Für gewöhnlich ist nur der Ministerpräsident anwesend und um ihn und den König werden diejenigen geschart, die man für die Urteilsäbigsten Und nach ihrer Politischen Vergangenheit Würdigsten erachtet. Nur so kann eine den Meinungen dieser Männer entsprechende Abstimmung herbeigeführt werden. Es ist richtig, daß ani Sonntag in der rumänischen Hauptstadt außer dem Ministerium Männer tagten, die von einem Anschluß an di" Entente nichts wissen wollten, ja diesen Gedanken sogar aufs heftigste bekämpften. Aber das Kabinett saß ja da. mit seinen neuen Mitgliedern und so hatte der Ka b i n e t t s ch e f von vornherein die Mehrheit. Ich habe jedoch be- jtlmnite Gründe, anzunehmen, daß man über eine zutreffende Entscheidung sich überhaupt erst garnicht aussprach, sondern daß man sich nur noch über die von Bratianu bereits zum Abschluß gebrachten Tatsachen usiterhalten sollte. Was den Kabinettschef dazu bewogen hat, alle zu den Mittelmächten führenden Brücken abzubrechen und Rumäniens Schicksal völlig an die Entente zu knüpfen, kann in diesem Augenblick nur Bratianu allein wissen. Der Mann bildet sich gewiß ein, das Gewinn- und Verlustkonto seines Entschlusses ganz genau erwogen zu haben. Aber er kann sich verrechnet haben oder andere hoffentlich noch klügere politische Strategen können seine Bilanz zerstören. Aus der dann herausziehenden Katastrophe müßte es für Rumänien keine Rettung geben.
König Ferdinand überrumpelt?
Br. Budapest, 29. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln) Wie dem österreichisch-ungarischen Gesandten Grafen Czerny so hat König Ferdinand kurz zuvor auch dem deutschen Gesandten Herrn v. dem Bussche-Harddenshausen die bestimm- teste Erklärung gegeben, daß er n i e m a l s seine Zustimmung zur Kriegserklärung Rumäniens an die Mittelmächte geben würde. Er deutete sogar an, daß er e h e r a u f s e i n e Krone verzichten würde. Um so mehr steht man vor einem Rätsel, da man bisher nicht weiß, welche Gründe schließlich den König veranlaßt haben, von seiner den Ge- 'andten der Mittelmächte so b e st i m m t gegebenen Erklärungen abznweichen. Die telegraphischen Verbindungen mit Rumänien sind seit Sonntagabend bereits völlig unterbrochen und man erwartet mit Spannung die Rückkehr d--c Gesandten Österreich-Ungarns und Deutschlands, um zu er- ahren, was sich in den letzten Stunden vor dem Kronrat in Bukarest abgespielt hat.
Die Wegbeförderung der Gesandten.
(Von unserem dli.-Sonderbertchterstatter.)
dli. Wien, 29. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Daß auch in den Kreisen der hiesigen rumänischen Diplomatie die Kriegserklärung nicht erwartet wurde, beweist, daß ein hervorragendes Mitglied der Gesandtschaft einen Ausflug in die Umgebung Wiens gemacht hatte, von dem er erst gestern um 11 Uhr nachts zurückkehrte. Der rumänische Gesandte hat sich in seine Gemächer zurückgezogen und empfängt niemanden. Vor dem Gebäude der Gesandtschaft entwickelt sich das gewöhnliche Straßenbild. Dem Gesandten Maurochordato und den Mitgliedern der Wiener rumänischen Gesandtschaft sowie einigen hervoragenden Mitgliedern der rumänischen Kolonie dürfte die Abreise von Wien noch im Verlaufe dieser Woche ermöglicht werden. Die Abreise wird voraussichtlich nach der Schweiz erfolgen. Andererseits nimmt man an, daß das österreichische Gesandtschaftspersonal in Bukarest über Rußland nach Schweden befördert wird, um von dort die Reise nach Österreich anzutreten. Man zweifelt auch nicht daran, daß Kriegszustand zwischen Rumänien und Bulgarien sowie der Türkei eintreten wird und daß demnach auch die Gesandten dieser Staaten innerhalb weniger Tage Bukarest verlassen.
Die Zustellung der Pässe an den bisherigen rumänischen Gesandten in Berlin.
(Von unserer Berliner Abteilung.)
B. Berlin, 29. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Im Lauf des heutigen Nachmittags konnte das Auswärtige Amt oen letzten ischritt tun, der durch die Kriegserklärung an Rumänien notwendig geworden war: Dem rumänischen Gesandten Dr. Beldiman die Pässe zu zu stellen. Die deutsche Höflichkeit machte es dem Diplomaten nicht fühlbar, daß zornige Bitterkeit in Deutschland vorherrscht, weil das durch ungekündigte und derzeit unkündbare Verträge mit uns verbündete Land sich schmählich als zweites Italien dem Feind anschloß. Es ist kein Geheimnis, daß Dr. Beldiman von Bratianu in vollster Unkenntnis über den längst vollzogenen Verrat gelassen wurde, daß der Gesandte mit schmerzlichen Gefühle» Deuffchland, dem er aufrichtig zugetan war, verläßt. Man wird ihn nicht die Torheit und Niedertracht der rumänischen Kriegshetzer entgelten lassen. Wenn er nach Bukarest zurückkchrt, wird er dem Ministerpräsidenten von der Verachtung und Kälte berichten können, womit die ganze deutsche Presse als Wortführer des Volkes den 10. Feind hinzngenommen hat. Daß Dr. Beldiman heute in Sigmaringen beim Fürsten Wilhelm von Hohenzollern, dem Bruder des Königs, weilte ist bezeichnend einerseits für die Zuversicht, mit der er an die Festhaltnng der Neutralität dank auch der Haltung des Königs Ferdinand glaubte, andererseits auch für die noch in den Einzelheiten unbekannten Intrigen und vielleicht Vergewaltigung, durch welche der verfassungsmäßig festgelegte M o n a r ch ü e r r u m p e I t wurde. Es hat sich möglicherweise eine dynastische Tragödie moralischer Art abgespielt, deren Rückwirkung Dr. Beldiman ans dem Sigmaringer Schloß unter dem Eindruck der Nachricht selbst feststellen konnte. Aus der Umgebung des Gesandten verlautet, daß die Nachricht von der Kriegserklärung Rumäniens im Schloß wie ein Blitz aus heiterem Him- m e l eintraf und sowohl die Fürstlichkeiten wie ihren Gast völlig überrascht habe.
In der Matthäikirchstraße vor dem rumänischen Ge- sandtschastsgsbäudc hält sich beständig eine Abteilung berittener Schutzleute auf, und Fahrradpatrouillen durchfahren die benachbarten Straßen, aber eine dringende Notwendigkeit besteht nicht dafür, da man nur ein paar recht niedergeschlagene rumänischen Untertanen in dieser stillen Gartenstraße erblickt.
Die Ausnahme der deutschen Kriegserklärung an Rumänien in Wien.
W. T. B. Wien, 29. Aug. (Nichtamtlich.) Das „Neue WienerTagblatt" schreibt: Wir wußten in dem Augenblicke, da die Kunde von Rumäniens Überfall uns erreichte daß unser treuer Bundesgenosse neben uns stünde wie immer^ Deutschlandließ nichtaufsich warten. Vernehmlich und mit Sicherheit, die unentwegte Treue und rechtschaffene Gesinnung verleihen, ohne jede Phrase oder Verhüllung sprach sein Herold. In den Worten, die er ivählte, um die deutsche Kriegserklärung an Rumänien zu verlautbaren, schwingt der Unterton jener Verachtung mit, die das Herz des Mannes erfüllt, wenn es die Heimtücke und Käuflichkeit sich waffnen sieht. So stehen wir wieder Hand in Hand, Schulter an Schulter auf einem neuen Boden, um unseren gerechten Kampf zu kämpfen. — Die „Zeit" sagt: Es war allerdings von vornherein eine selbstverständliche Sache, daß jeder neue Helfer, den der Vierverband noch zu gewinnen suchte, auf die geschlossene Waffenbrüderschaft Österreich-Ungarns und Deutschlands stoßen würde, aber so erprobt und sicher diese Kampfgemeinschaft auch ist, wirkte es doch besonders wohltuend, daß auf die dreiste Herausforderung aus Bukarest so ohne jeden Verzug die entschiedene Antwort aus Berlin folgte. Das wird für die heißblütigen Bnkarestei Straßenpolitiker der erste kalte Wasserstrahl sein, weitere Ab- kuhlungen werden hoffentlich folgen. Der moralische Eindruck dieses raschen Handelns wird in der ganzen Welt bedeutend sein. — Die „Neue Freie Presse" sagt: Die
