fe r— Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts, i - - = g)
Nr. 201. Dienstag, 29. Kugust. 1916.
(Bl. Fortsetzung.)
Krau Minchrns Narretei.
Humoristischer Roman von Kate van Beeker, (Nachdruck derbotea.1
Dem Bruder gegenüber trat die kluge Freifrau in ganz anderer Gestalt auf. Seiner ziemlich unverhüllten Unfreundlichkeit begegnete sie mit lächelnder Liebenswürdigkeit, vornehmer Würde und geschickter Zurückhaltung. Sie betonte ziemlich bestimmt ihre Rechte als Schwester und Mutter, die ihren Besuch selbstverständlich machten, ließ alle poetischen und schwungvollen Redensarten, mit denen sie bei Frau Minchen Effekt machte, beiseite und-zeigte sich ihm gegenüber nur als welterfahrene und weltsichere Frau.
„Mein lieber Fritz", sagte sie mit überlegener Miene, „bilde dir nur nicht ein, daß ich diese Verliebungs- und Verlobungsgeschichte mit jubelnder Freude aufnehme. Ich bin im Prinzip total gegen Verwandtenheiraten und meine Ludovika, das wirst du zugeben müssen, braucht nicht angstvoll zuzngreifen, sondern kann wählen —"
„Oh, wär' ini lieb, wenn sie dann anders jewählt hätt'", brummte der Bruder grob. „Hab' aber im Lauf des janzen Winterfeldzugs nichs davon jemerkt, daß sich wer zur ernsthaften Wahl stellte!"
Also darauf hatte er gehofft, der Schlaumeier: ganz wie Ludovika. Er war eben ihr Bruder und daher auch nicht auf den Kopf gefallen.
Trotz dieser innerlichen Anerkennung nahm die Freifrau eine beleidigte Miene an. „Ludovika hatte eben schon gewählt, mein lieber Fritz. Ihr Herz ge- hörte vom ersten Augenblick an deinem Sohn, sie fühlte sich als dessen Braut und ließ niemand mehr dazu kommen, sich zur Wahl zu stellen. Ludovika hat iZemüt und Charakter —"
„Ja, ja, soll sie hab'n, meinswejen noch viel mehr, bloß meinen Jungen soll sie nich hab'n wollen", fuhr der Bruder grimmig los.
Die Freifrau sah noch beleidigter aus. „Da begegnen wir uns vollkommen in unseren Empfindungen. Mir wäre es auch lieb, wenn mein Kind in eine Familie käme, in der es, seinem Werte nach, allgemein mit offenen Armen aufgenonnnen würde. Deine liebe Frau ist ja einsichtsvoll, sie gönnt .- ihrem Sohn sein Glück, aber du —"
„Ja, aber ich möcht' ihn davor bewahren, — janz richtig."
Frau Amalie zuckte die Achseln. „Mein lieber Fritz, dann hättest du klüger handeln und vor allen Dingen die beiden Leutchen nicht trennen sollen. Trennung verklärt und verschönt alles, während im täglichen Zusammenleben die kleinen Schwächen hervortreten, die eine junge Liebe ernüchtern und töten können. Du hast dadurch, daß du deinen Sohn fortschicktcst, das Un- schlaueste getan, was du tun konntest. Das darfst du einer weit- und herzenserfahrenen Frau glauben."
Fritz Riedel sah verblüfft in das spöttisch und über- legen lächelnde Gesicht seiner Schwester. Wahrhaftig, wenn sie sonst nichts war, aber weit- und herzenserfahren war sie. Natürlich wollte sie ihn jetzt bloß ärgern und als dumm hinstellen, natürlich. Aber ihre
Worte gingen ihm doch nah, und je länger er an ihnen hrn und her riet, desto mehr kam er zu der Empfindung, daß ein gut Stück Wahrheit in ihnen stecke.
. Ikud nun fing sein Minchen auch noch an, ihm in den Ohren zu liegen, daß ihr Eugen sich in der Ferne vor Lrebe und Sehnsucht verzehre, und was das eigentlich für einen Sinn habe, ihn noch länger dort zu lassen. Entweder man gebe seine Einwilligung, und dann brauchte der arme Junge nicht in der Verbannung zu leben, oder man gebe sie nicht —
. 8a, ja, das wäre ihm gerade recht, — man gebe sie Nicht, polterte ihr Mann los, kam aber damit schleckst an, denn nun drehte Frau Minchen den Spieß um. Das hätte er früher bedenken sollen. Nachdem er sich aber mit allem einverstanden gezeigt und sein Wort ge- geben habe, kämen solche Redensarten verspätet und würfen ein trauriges Licht auf die Lauterkeit und Zu- verlässigkeit seines Charakters.
Der arme, derartig angegriffene Mann stand ganz verwirrt. Ec einverstanden mit Mein? Er sein Wort gegeben? I, da solle doch ein heiliges Kreuzdonnerwetter dreinschlagen!
. Das half aber auch nicht, Frau Minchen blieb da- uet; Frau Minchen kam auch mit dem Wort von ver- fehlten Maßnahmen und wie eine Prüfungszeit doch nur ihren Zweck erfülle, wenn die geprüft werden Sollenden sich nebeneinander prüfen könnten. In der Entfernung lerne man sich nicht kennen, verstehen und ergründen, denn die Entfernung idealisiere.
„Das hat dir alles die Male eingeblasen, das raffinierte Frauenzimmer!" schrie Vater Fritz wütend, und bekam daraufhin eine Lobhymne über die kluge, takt- volle und vornehme Frau zu hören, die er stets ver- kannt und ungerecht behandelt habe, und der er, Hand aufs Herz, doch wirklich nichts beweisen könne von allem, was er ihr nachgesagt habe.
. Fritz Riedel stöhnte. Beweisen! Er kannte doch dre Male. Aber vielleicht kannte er sic auch nicht. Vielleicht hatte sie sich im Laufe der Jahre wirklich zu all dem verändert, was sie jetzt zeigte. Frauen veränderten sich ja unglaublich. Er sah es täglich an seinem Minchen. Die war ja auch wie ausgewechselt, die hatte jetzt die Hosen an und kommandierte und quälte und kujonierte ihn. Es half alles nichts. Wie ein Netz zogen sich die von den Frauen gesponnenen Fäden um sein Wollen und Denken. Endlich gab er nach. Dann sollten sie in drei Teufels Namen den Eugen kommen lassen. Er könnte hier bei ihn, auf dem Vorwerk seine segensreiche Tätigkeit ebenso ausüben wie dort in Pommern.
Aber öffentlich verlobt wurde nicht vor dem gestellten Termin, daran halte er fest, Prüfungszeit bleibe es. Und dabei klammerte er sich an die vage Hoffnung, daß seine weltkluge Frau Schwester recht haben könne und im persönlichen Verkehr doch vielleicht noch eine Möglichkeit läge, die Geschichte auseinander zu bringen^
