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Dienstag* 29. Kuguft 1916.

Morgen-Kusgabe.

Nr. 410. . 64° Iahrgang.

Der deutsche Gesandte in Bukarest verlangt seine Pässe.

W- T B. Berlin. 28. Ang. (Amtlich. Drnhtbericht.1 Nachdem, wie bereits gemel­det, Rumänien unter schmählichem Bruch der mit Österreich-Ungarn und Deutschland ab­geschlossenen Verträge unseren Bundesge­nossen gestern den Krieg erklärt hat, ist der Kaiserliche Gesandte in Bukarest angewiesen worden, seine Pässe zu verlangen und der rumänischen Regierung zu erklären, das? sich Deutschland nunmehr gleichfalls als im Kriegszustand mit Rumänien befindlich be­trachtet. _

Deutschland, Rumänien und Italien.

Weitere Berliner Eindrücke über die neuen Kriegserklärungen.

(Bon unserer Berliner Abteilung.)

L. Berlin, 28. Aug. (Erg. Drahtbericht. Zens. Bln.) Als Nachtrag zu unserer ersten ausführlichen Dar­stellung der Berliner Auffassung von der durch die gestrige Doppelkriegserklärung für Deutschland mili­tärisch, politisch und wirtschaftlich geschaffenen Lage mögen noch die folgenden Eindrücke und Mitteilungen dienen. Militärisch hat die italienische Kriegs­erklärung endlich klare Verhältnisse ge­schaffen, die in gewisser Hinsicht dem Offenheit und Gradheit liebenden soldatischen Geiste unseres deutschen Heeres begrüßenswert erscheinen. Weiter erblickt man vom militärischen Standpunkt die Ursachen des zwi­schen der Entente und Italien endlich erzielten vollen Einverständnisses einerseits in dem Mannschafts­mangel, der sich bei den Franzosen immer härter fühlbar macht und dem aus der italienischen Volksmasse etwas abgeholfen werden soll, andererseits in dem Geld- und Kohlen Mangel auf seiten Italiens, den die Entente zur Ausübung ihres Druckes in Rom auszunutzen wußte. Wie viele italieni­sche Truppen dem französisch-englischen Kriegsschauplatz zur Verffügung gestellt werden müssen, läßt sich noch nicht bestimmen. Daß die Zahl besonders hoch sein wird, darf man bezweifeln. Rumäniens Kriegs­erklärung, deren militärischer Zusammenhang mit der gleichzeitig erfolgten rtalienischen für feststehend er­achtet ist, wird ebenfalls auf das Bedürfnis des Vier­verbandes, sich um jeden Preis neue Hilfstrup­pen zu verschaffen, zurückgeführt. Das Eingreifen des rumänischen Heeres wurde natürlich in den Berech­nungen der Mitteln!ächte nicht übersehen. Kam es nicht unerwartet, so kam es doch früher, als man es erwartete. Etwas zu äußern, wie sich auf dem neuen Kriegsschauplatz die nächsten Kampfhandlungen entwickeln werden, ist verfrüht. Militär ischer- s e i t s sieht man mit Zuversicht in die Zukunft bei uns wie bei unseren Verbündeten. Da die rumäni­schen Streitkräfte schon seit langer Frist an den Gren­zen standen, ist mit baldigen Operationen zu rechnen. ,

Politisch wird nochmals Italiens Kriegserklärung in diplomatischen Kreisen als Formstrche bezeichnet und ebenfalls darauf hingewiesen, daßEnglands bewuß­ter Krämergeist, der nicht davor zurückscheut, Italien in die unerträglichste Klemme zu bringen, mit den zurück- gehaltenen Geldern und Kohlen den Dreibundverräter sich völlig gefügig zu machen verstand. Daß Deutsch­land nicht selbst Italien die zehnmal verdiente Kriegs­erklärung ins Haus sandte, hatte auch Gründe wirt­schaftlicher Natur, über die später einmal Näheres ge­sagt werden kann, die aber jetzt ganz in Wegfall ge­kommen sind, so daß auch von dieser Seite betrachtet, der vollendete Abbruch gleichgültig lassen kann. Mit Rumänien stand politisch der Verkehr schon lange auf der Messerschneide. Die Verhandlungen B ra- t i a n u s mit R u ß l a n d waren auch unserem Aus­wärtigen Amte wohlbekannt. Es waren aber auch an­dere Kräfte in Bukarest am Werk. den»n wir unsere Unterstützung liehen und die Runiänien vor dem selbst­mörderischen Schritt zurückhalten wollten. Es war Wochen hindurch nicht zu erkennen, wohin sich di; Wage neigen würde. Jetzt haben wieder nach unseren Diplomaten, die auf dem Balkan nicht alles schaffen

konnten, die Soldaten das Wort. Daß wir an der Seite unserer österreichisch-ungarischen Bundesgenossen zu finden sein werden, darüber braucht kein Zweifel zu. bestehen. Wirtschaftlich haben wir uns von Italien, das noch eine Weile während des Kriegs mit uns einen Handelsaustausch streng nach dem Prinzip des ck> ut unterhielt, schon seit Monaten streng getrennt; wir brauchen es nicht mehr, llnd was die Beziehungen unseres _ Kriegsernährungsamtes mit Rumänien anbetrifft, wo es in der Zeit der Be­ruhigung ein Wunderwerk schneller Versorgung mit Lebensmitteln usw. betrieben hatte, so erlaubt uns auch die unbestreitbare Tatsache die Erklärung, daß wir seiner nicht mehr bedürfen. Ein Vertrag über die neue Ernte war nicht mehr zustande gekommen, da Bratianu die Verhandlungen hinausschleppte. Von der alten Ernte haben wir das Angekaufte herein­geholt. Es waren 1 400 000 Tonnen Getreide. Wenn man aber hört, daß an manchen Stellen die Schätzungen unserer eigenen Ernte von 1916 einen Mehrertrag an aller Art Getreide gegen 191b um mehr als das Drei­fache dieser gewiß stattlichen und größtenteils von uns eingehamsterten rumänischen Zufuhrmengen erreichen, dann weiß man, daß wir mit einer schlechten Ernte uns einzurichten wußten, für eine lange Zeit uns im Innern unserer Grenzen mit Nahrungsmitteln zu decken ver­mögen. Obendrein konimt noch zu dieser prachtvollen Ernte ein Getreideüberschuß aus den von uns besetzten Gebieten des Ostens. Gerade heute kann mitgeteilt werden, daß demnächst die B r o t- rationenzuschüsse erhöht werden sollen. An Stelle der rumänischen Getreidemengen werden dann noch Ersparnisse treten, die bei der Spiritus- und Bier- crzeugung gemacht werden sollen. Eine Gersteverord­nung wird die Kontingentierung für Brauereien auf die Hälfte herabsetzen. Die Kornspiritusbrennereien werden ganz eingestellt werden. Die nur noch zum geringen Teil erlaubte Kartoffelbrennerei wird nur darum nicht ganz verboten, weil bei dem Brennen der in der ver­bleibenden Schlemme enthaltene Eiweißgehalt fast ganz erhalten bleibt und dieses nützliche Futtermittel ebenso nötig gebraucht wird, wie der kaum zu Trinkzwecken, wohl aber für industrielle Verwendung nötige Spiritus. Die Hülsenfrüchte werden wir auch in größe­rem Umfange als bisher aus dem eigenen Bestände kereinziehen können. Diese Mitteilungen des Kriegs­ernährungsamtes im Anschluß an die militärischen und politischen erscheinen uns die Gewähr dafür, daß der praktische deutsche Geist sich in jeder neuen Lage sofort richtig einzustellen weiß. Hier liegt das Geheim­nis, warum Deutschland unbesiegbar ist.

*

Der Druck des französischen Gesandten in Bukarest.

(Von unserem Kr.-Sonderberichterstatter.)

Kr. Genf, 28. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Mn.) „Eclair" lobt den französischen Gesandten in Bukarest Saint Aulaire, dank dessen energischem Druck auf den rumänischen Ministerpräsidenten die Kriegserklärung so schnell erfolgte. Der Gesandte bewilligte alle Wünsche Bratianus, so daß der zähe Wider st and der Neu­tra l i st e n gebrochen werden konnte. Die radikale französi­sche Presse befürchtet' aber, Rumänien wolle nur Sieben­bürgen angreifen, was zu einem zweiten Krieg führen könne, der dem langwierigen, so wenig erfolgreichen am Trentino gleichkäme. Der Erfolg der französischen Diplomatie würde nur dann ein vollständiger sein, wenn sofort die rumänische Kriegserklärung an Bulgarien und Deutschland wie an Österreich-Ungarn folgen würde.

Der rumänische Gesandte in Berlin.

Br. Berlin, 28. August. (Eig. Drahtber. Zens. Bln.) Der hiesige rumänische Gesandte Beldiman befindet sich zur­zeit nicht in Berlin. Er wird im Laufe des heutigen oder morgigen Tages hier auf der rumänischen Gesandtschaft ein- treffen. In seiner Abwesenheit wird er durch den Ge­sandten B o g e l l i vertreten, der heute vormittag von seiner Regierung die Verständigung über die Kriegserklä­rung Rumäniens an Österreich - Ungarn erhalten hat.

Reisevorbereitungen des rumänischen Militärattaches in Berlin.

Br. Düsseldorf, 28. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Der rumänische Militärattache Oberstleutnant M i r e s c u, der bis Sonntag zusammen mit den Attaches der neutralen Mächte hier an einer Besichtigungsfahrt in das rheinisch - westfälische Industriegebiet weilte, trennte sich heute von der Gesellschaft und reiste nach Ber­it» ab.

Bei Brasso ein Gefecht mit rumänischen vortrnppen.

Russische Angriffe in den Karpathen unter großen Verlusten gescheitert.

Ein italienischer Mißerfolg am Zauriol.

Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.

W. T.-B. Wien, 28. Aug. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 28. August, mittags:

Östlicher Kriegsschauplatz. 3 _

Heeresfront des -

Generals der Kavallerie Erzherzog Karl.

An den südöstlichen und östlichen Grenz­wellen Ungarns hat gestern abend unser neuer Feind Rumänien in heuchlerischem Überfall mit unseren Grenzposten die ersten Schüsse gewech­selt. Am Rotenturm-Pa» und an den Pässen südwest­lich und südlich von Brasso sind heute früh beider­seits Vortruppen ins Gefecht getreten und die eisten rumänischen Gefangenen eingebracht worden.

In den Karpathen wiesen wir' nordwestlich des Kukul-Berges einen starken russischen Angriff unter schweren Feindvcrlusten ab. Auch nördlich von Maryampol endete ein gestern abend angesetzter Vor­stoß für die Russen mit einem vollen Mißerfolg; sie wurden überall, zum Teil im Gegenangriff, zurückgc- schlagen und ließen viele Gefangene in unserer Hand Heeresfront des

Generalfeldmarfchalls v. Hindenburg.

Die Armee des Generalobersten von Terszthanszkh vereitelte russische Angriffsver- suche. Sonst keine besonderen Ereignisse.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Am Zauriol wurde wieder heftig gekämpft. Nachdem ein Angriff des Feindes in unserem Gcschüb- feuer gescheitert war, gelang es abends einer italieni­schen Abteilung, mit starker Artillerieunterstübung in unsere Gipfelstellung einzudringen. Heute früh warf ein G e gen a n griff den Feind wieder hinaus. An der k ü st e n l ä n d i s ch e n Front wurden der Monte San Gabriele und die Gegend von Nowa Vas von der italienischen Artillerie lebhaft beschossen.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

Bei den k. und k. Streitkräften nichts von Belang,

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs:

v. H ö f e r, Feldmarschalleutnant.

*

Die rumänischen Armeeführer.

Br. Brasso (rumänische Grenze), 28. Aug. (Eig. Draht­bericht. Zens. Bln.) Als Kommandant der zweiten Armee wird General Averescu und als Kommandant der dritten und vierten Armee die Generale A s l a n und B r e s a n ge­nannt.

Einziehung des Silbergcldcs in Rumänien.

Br. Berlin, 28. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Ein Wiener Telegramm des ,.Berl. Lok.-Anz." enthält die Meldung aus Bukarest, daß das Finanzministerium alles Silber­geld einzieheu wird. Die Frist zur Einziehung ist vom 1. September vier Wochen. Eingclöst wird das Silbergeld durch Noten zu 1 und 2 Lei. Die Regierung gab bekannt, daß trotz des Mangels an Kleingeld 86 Millionen Lei Hartgeld in den Händen der Bevölkerung sei, die offenbar aus Angst vor der Entwertung'des Papiergeldes von ihr zurückgehalten würde.

Statistisches aus Rumänien.

Die Gesamtfläche Rumäniens, einschließlich der im Jahre 1913 nach den Balkankriegen von Bulgarien abgetretenen 7726 Quadratkilometer, beläuft sich auf 139 079 Quadratkilometer, d. h. ein bißchen mehr als ein Viertel der Fläche des Deutschen Reiches. Auf diesem Ge­biet wohnen rund 7-/ z Millionen Menschen, so daß auf den Quadratkilometer 54 kommen. Unter dieser Bevölkerung sind laut Zählung vom Jahre 1899" nach ihrer Nationalität etwa 5% Millionen Rumänen, 108 000 Österreicher und Un­garn, 24 000 Türken, 32 000 aus anderen Balkanstaaten, 8000 Deutsche und 267 000 Juden. Diese Zusammensetzung macht z. T. das Schwanken in der Politik des Landes verständlich. Von den Bekenntnissen ist neben dem griechisch-orthodoxen, dem 5y 3 Millionen anhängcn, und dem römisch-katholischen, zu den- 150 000 gehören, das evangelische nur durch 23 000 vertreten, kaum mehr als die Hälfte der 45 000 Mohamme­daner, 10,4 Proz. der Bevölkerung wohnen in den Städten.