Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, n '- ^
Nr. 200. Sonntag» 27. ftuguft. 1916.
(20. ffortsetzung.)
Zrau Minchrns Narretei.
Humoristischer Roman von Säte van Beeker. ^Nachdruck verbot«..
Gerade so hatte Frau Berta es gewollt. Das liebe, schwache Kind aus dem Tohuwabohu, das jetzt in Mo- litten herrschte, herausheben, es in dieser so wichtigen Zeit seelischer und geistiger Entwickelung fernhalten bon der Unruhe und Oberflächlichkeit, die jetzt dort herrschten. Körperlich und geistig war es wirklich von unschätzbarem Nutzen, wenn das blasse, langaufgeschossene und von der Krankheit übermäßig angegriffene Mädchen in bessere und wärmere Luft kam, sich erholen, kräftigen und unter günstigem Einfluß entfalten durfte.
Frau Berta hatte die kleine Fee immer geliebt, immer den tiefen und doch so klaren, festen Grund in der Kinderseele erkannt und im Laufe der Jahre war, durch die häuslichen Verhältnisse Fees begünstigst diese immer mehr in das Herz der tochterlosen Frau hineingewachsen, so daß sie jetzt für sie empfand wie für ein eigenes Kind. Sie hoffte auch heimlich, ganz heimlich, daß der liebe Goldkopf wirklich noch einmal ihr Kind ioürde.
Frau Berta war eine kluge Mutter. Sie hatte ihren Sohn in diesem Jahre selbst zu Weihnachten nicht nach Hause kommen lassen. Er mußte das Fest bei anderen, seiner Universität näher wohnenden Verwandten zubringen. Damals, bei der Einsegnungsfeier war er zu entzückt von Fränze gewesen, und nun noch diese gefährliche. verführerische Nichte! Das konnte leicht Konflikte geben, die ernst in das Leben griffen. Man tat klüger, so etwas zu vermeiden. Sie Wichte Wohl, daß sie ihren hübschen, warmherzigen Jungen nicht vor aller Weiberlist und Verführung schützen konnte, aber wo es in ihrer Macht lag, wollte sie es doch versuchen. Der ländlich ungezwungene Verkehr und die noch aus der Kinderzeit datierende Vertraulichkeit begünstigten jedes Liebesspiel, und die beiden Mädchen, vor denen sie sich fürchtete, waren schlau genug, um aus dem Spiel bindenden Ernst zu machen. Mochte ihr Rolf sich draußen in der Welt die tollen Hörner ablaufen, das war der natürliche Gang der Dinge und den konnte sie nicht ändern, aber vor ihren Augen wollte sie ihn nicht ins Unglück rennen sehen, ihn nicht der Nächstliegenden Gefahr leichtsinnig aussetzen.
Aber ihr Mutterherz litt dabei an heißen Sehnsuchtsschmerzen, und es war nicht der letzte bestimmende Punkt der Reisepläne, daß Wiesbaden und Bonn sehr- nahe beieinander lagen und sie ihren Liebling dort Wiedersehen konnte ohne Sorge, daß sic dieses Wiedersehen zu teuer bezahlen müsse. Und nebenbei, wenn Fee mitkani, traf Rolf die Kindheitsfrcundin ohne Konkurrenzbegleitung und konnte sich ihr ganz widmen.
So, dachte und plante Frau Berta und ging daran, das Riedelsche Ehepaar auf die Reiseidee vorzubereitcn und dafür zu gewinnen.
Frau Minchen, so wie so der alten Freundin gegenüber im gewappneten Zustande und voll Widerstandsabsichten, geriet ganz aus dem Häuschen bei der ersten vorsichtigen Andeutung. Aber sie hatte dabei ohne ihren
Fritz gerechnet. Grimmig fuhr er sie an und trat für den Wunsch des Arztes ein. Es tat ihm ordentlich wohl, ihr einmal mit so vollem Recht widersprechen und seine alte Willenskraft beweisen zu können. Trotzdem hätte er vielleicht sein Stück doch nicht durchgesetzt, denn Frau Minchen hatte jetzt ebenso viel Vergnügen daran, ihm zu widersprechen und ihre Willenskraft zu beweisen, aber Ludovika, die Allmächtige, nahm sich der Sache an, fand sie in der Ordnung und redete der Tante so lange zu, bis diese nachgab und zustimmte.
Ludovika fand es langweilig und störend, eine Rekonvaleszentin und die dazu gehörige üble Laune im Hause zu haben. Das konnte möglicherweise unangenehm wirken und daher trat sie auf Onkels Seite, machte die Tante darauf aufmerksain, daß man bei der Großmut, die sie ihr gegenüher beweise, es mißverstehen könnte, wenn sie der Tochter das Notwendige versage und wob sich damit auf billige Art und Weise nach zwei Seiten hin einen Glorienschein der Güte und Klugheit.
So reiste Tante Berta mit ihrem Mann und dem geliebten Pflegetöchterchen Anfang März nach Wiesbaden und Fee, die sehr blaß und mager, aber in strah- lender Seligkeit und herzklopfender Erwartung in die mit lauter Wundern gefüllte sreinde, weite Welt hinaus- fuhr, hinterließ zu Hause eigentlich nur einen, der ihr mit Sehnsucht nachschaute und sich trotz aller lauten Geselligkeit, die ihm blieb, recht vereinsamt und traurig vorkam, — das war ihr Vater.
In dem wollte gar keine rechte Zufriedenheit mehr aufkommen. Es lag wie ein Alp und ein Bann auf ihin. Er war nicht mehr der alte, energische Fritz Riedel, — er war ein behexter Mann, vor dessen Blicken alles anders wurde, wie er es so lange gesehen, vor dessen Willen sich alles wandelte zu Widerstrebendem, dem eine fremde, höhnische Macht überall die Hände band, die Wege verwirrte und heimlich gegen sein Glück und seine Zufriedenheit wühlte.
Und dabei konnte er eigentlich ernstlich über nichts klagen, als über sein Minchen, das eben auch unter dieser fremden, höhnischen Macht sich gewandelt hatte und sein altes Minchen nicht mehr war.
Von der Schmarotzerpflanze ging das alles aus, von dem Unkraut! Er fühlte es wohl, aber er besaß nicht mehr die richtige, frische Kraft, den unbeirrten Willen, es auszureißen, es saß schon zu fest, seine Wurzeln grif- fen zu tief.
Und andere Leute waren klüger als er alter Narr, die wollten sich das schöne, gefährliche Unkraut überhaupt nicht in ihr Feld pflanzen lassen. Keiner wollte anbeißen, so viel er die bezaubernde Nichte auch auf den Heiratsmarkt geführt, angepriesen und mit Wertangabe versehen batte. Biele Verehrer, sehr viele, aber keine Begehrer! Auch da wie verhext! Auch da Widerstand und Mißerfolg all seiner Pläne!
Ludovika machte die gleichen Bemerkungen wie der Onkel., Das Glück ging eben nicht mit ihrer Schönheit Hand in Hand. Das hatte sie schon vorher gewußt und
