Nr. 199.
Samstag. 26. August.
1916.
(19. Fortsetzung.)
Zrau Minchens Narretei.
Humoristischer Roman von Küte van Beeker.
(Nachdruck verboten.)
Es War gar keine leichte Zeit für Fee. Sie hatte gerade jetzt so viel mit sich selbst zu tun. Die junge Seele fing an, die Augen aufzuschlagen, um sich und in sich zu sehen, tausenderlei Neues und Seltsames zu erblicken, in den verschlungenen Gängen ihres eigenen Selbst zu spähen und zu suchen, und sich bald erschreckt, bald beglückt in diese zu versenken. Und da war überall Unsicherheit und Unkenntnis, alle Wegweiser fehlten, keine Hand streckte sich ihr liebevoll entgegen, um sie zurechtzuweisen und ihr zu helfen.
Die vielen fremden Menschen, die plötzlich in das Haus kamen und es mit Lärm und Lustbarkeit füllten, beängstigten sie. Es gab keine Verbindung zwischen ihnen und ihr. Mit quälender Schärfe empfand sie, daß sie eine traurige Rolle unter ihnen spielte und noch nicht zu ihnen gehöre. Sie war selbst gern lustig und frisch und frei, aber gerade jetzt versagte auch das bei ihr. Das Werdende und Sichentfaltende in ihr scheute jede Berührung, fühlte sich gleich verletzt, schwankte zwischen geistiger Überlegenheit und geistigem Niederdruck und konnte sich nicht dazu aufschwingen, dem umgebenden Ton nach auch nur einer Seite hin gerecht zu werden.
Und keiner im Hause verstand sie und hals ihr das Gleichgewicht finden. Fräulein Marie war fort, Mutter, — ach, seit dem Einsegnungstage erwartete Fee von ihrer Mutter weniger als je. Sie fühlte kaum Bitterkeit, wenn sie sah, mit welch vergötternder Zärtlichkeit diese an Ludovika hing. Sie war gewöhnt, die zweite Rplle zu spielen, Fränze war ihr von der Mutter stets vorgezogen worden. Beinahe tat ihr nun Fränze imanchmal leid. Für die mußte es schwerer sein als für ;fie, beiseite geschoben zu werden. Aber Fränze war geschmeidig. Sie wußte in einzelnen Punkten ihre Stellung zu behaupten und wo sie hier beiseite geschoben wurde, holte sie sich ihren Teil dort. Sie war in den paar Monaten seit Ludovikas Ankunft in ihrer geistigen Entwickelung sehr vorwärts geschritten, hatte in dem schönen Gast schnell die Meisterin erkannt, von der sie lernen konnte, und brachte es zustande, selbst neben diesem leuchtenden Gestirn sich zur Geltung zu bringen und ihre kleinen Triumphe zu feiern.
Sie war im Gegensatz zu Fee, die weit hiuter ihrem Alter zurückblieb, diesem voraus, ganz junge Dame und Tante, die neben der großen Leidenschaft ihres Lebens doch nicht ganz die kleinen, lieben Beziehungen der Vergangenheit vergaß, hatte im stillen an Fränze auch ihre Freude und hielt ihr die Stange, wenn der Onkel stirnrunzelnd meinte, daß so ein Kickindiewelt noch nicht nötig habe, überall 'eine Nase mithineinzustecken und auch schon mit den Männern zu scharmieren.
Es war auch schwer, jemand von dem ganzen, großen Verkehr auszuschließen, wenn er sich nicht wie Fee selbst davon ausschloß. Und auch das hatte seine Schwierigkeiten und Fee wäre nicht mit diesen fertig geworden, wenn sie nicht immer einen herrlichen Zufluchtsort bei Tante Berta gefunden hätte.
Wenn daheim Tag für Tag ein Wagen nach dem anderen vorfuhr und zu Fuß und zu Pferde bald der Träger einer Uniform, bald der eines Zivilrocks über die Gartenterrasse in das Haus trat, dann spähte Fee von ihrem Stübchen aus wohl manchmal mit einer wunderlichen Stimmung aus die Ankommenden und zuckte beim Hufschlag eines Pferdes erschreckt auf, aber immer zog über ihr Gesicht daim wieder ein Ausdruck, von dem nicht recht zu sagen war, ob er Enttäuschung oder Befriedigung sei und meistenteils benutzte sie irgend einen Moment, an dein sie unbemerkt das Freie gewinnen und entweder in den Wald oder zu Tante Berta flüchten konpte, bei der sie stets offene Arme und offenes Herz fand.
Das freundnachbarliche Verhältnis, das so lange Jahre hindurch zwischen den Familien Riedel und Schmeichler bestanden hatte, beschränkte sich jetzt eigentlich nur noch auf den Verkehr zwischen Fee und Tante Berta. Letztere verstand sich mit Frau Minchen gar nicht mehr. Der Alters- und Bildungsunterschied, der früher in der Gemütlichkeit und Herzlichkeit des Umganges niemals störend ausgefallen war, machte sich neuerdings sehr stark bemerkbar und wurde noch störender durch die große und nicht zu verbergende Abneigung, die Frau Berta gegen die Berliner Nichte hegte. Dadurch war der Freundschaftsbund stark gelockert, um so mehr, als auch Herr Schmeichler, der mit Vater Riedel im gleichen Verhältnis gestanden hatte, lvie dieFrauen untereinander, nicht mehr die rechteFreude an dem Molitter Verkehr fand. Der Ton, der dort aufkam, behagte ihm nicht. Sein alter, früher so einfacher und vernünftiger Freund, dem man um dieser Einfachheit und Vernunft willen gerne verzieh, was seiner Bildung fehlte, wurde selbstbewußt, breitspurig und großmäulig, und das junge Volk, das wie die Mücken vom Licht angezogen, um die schöne Nichte schwärmte, hielt nicht immer die Grenzen ein, die man gewohnt war in den soliden Umgangsformen der Nachbarschaft zu respektieren.
Das gab einen Ton, der nicht in die Melodie der alten hergebrachten guten Sitte paßte. Die Nachbarn, und Schmeichler darunter, zogen sich von Molitten zurück, aber letztere behielten wenigstens innige Liebe und treue Sorgfalt für das einsame üsind des einstigen Freundeshauses, das sich an den alten Zusammenhang mit Tante und Onkel Schmeichler fester klammerte als jemals. Besonders als der Winter nahte, die Geselligkeit sich vom Lande in die Stadt verlegte und immer größer und vielverlangender wurde.
Um diese Zeit schickte der Herr Pfarrer zu Fränze und ließ ihr sagen, daß ihre Großmutter im Sterben läge und sie noch einmal zu sehen wünsche.
Fränze war gerade sehr mißgestimmt, da Tante jetzt erklärt hatte, es sei nicht daran zu denken, daß ein so junges Ding schon eine richtige Ballsaison mitmache. Bei allen großen Festlichkeiten, bcsond"rs bei denen in der Stadt, hieße es für Fränze vorläufig daheim blei-
