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Verlag Langgaffe 21

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Donnerstag, 24. Kugust 1916.

Morgen-klusgabe.

Nr. 401. . 64. Jahrgang.

Die „Deutschland" Int Heimathafen!

Erfreuliche Kunde.

W- T B. Bremen. 23. Aug. (Nichtamt' lich. Drahtbericht.) Bvesmans Telegraphi­sches Bureau meldet: Die Deutsche Ozean- Reederei-Gesellschast meldet: Das erste Han­delsunterseeboot „Deutschland" hat heute nachmittag vor der Wesermündung

geankert. An Bord alles wohl.

*

Wieder sind die Augen von ganz Deutschland, ja, der ganzen Welt, nrch Bremen gerichtet, das trotz der schweren Wunden, die gerade ihm der Krieg geschlagen hat, zuversicht­lich und ungebrochenen Mutes in die Zukunft blickt. Das erste deutsche Handelsu^iterseeschiff „Deutschland" ist von seiner ersten überseereise glücklich in den Heimat­hafen zurückgelangt.

Groß war das Staunen und die Überraschung, als am IO. Juli die Meldung einlief, daß das erste deutsche Handels­unterseeboot in Baltimore angekommen sei. Nur ganz vcnige Personen waren über das neue Unternehmen, die Deutsche Ozean-Reederei in Bremen, unterrichtet, es war rine volle und freudige Überraschung, die uns noch dadurch versüßt wurde, daß alle unsere Feinde ihrem Ärger in unbe­schreiblichen Wutausbrüchen Ausdruck gaben. Die Namen Lohmann, Heineken, König wurden in Windeseile in der Welt bekannt. Es kamen dann die Tage der Spannung, wie Amerika sich zu dieser Überraschung stellen würde, ob es dem unberechtigten, aber energischen Verlangen der Engländer, die „Deutschland" als Kriegsschiff zu behandeln, d. h. das Schiff zu internieren, stattgeben werde. Die Frage wurde zu unserer Zufriedenheit gelöst, die „Deutschland" wurde von den amerikanischen Behörden offiziell als Handelsschiff anerkannt und es wurde ihr gestattet, Rückfracht einzu­nehmen. Niemand bei uns verhehlte sich, daß schwere Ge­fahren dem Schiff auf seiner Heimreise drohten. Vor dem Ausgang der Ehesapeake-Bai lauerten die feind­lichen Kreuzer, und zahlreiche Kriegsschiffe aller Art waren auf den Ozean verteilt, um Jagd auf den Blockade­brecher zu machen. Aber wir hatten auch zu Kapitän König ein unerschütterliches Vertrauen, daß es ihm gelingen werde, auch auf der Heimreise den Fallstricken unserer Feinde zu ent­gehen. Er selbst hatte nach seiner Ankunft in Baltimore das stolze Wort gesprochen, daß er der Abfahrt von dort und der glücklichen Heimkehr mit voller Zuversicht entgegensebe.

Was Kapitän König versprochen, was wir alle hofften, ist jetzt zur Tatsache geworden. Aller Verfolgern zum Trotz ist die „Deutschland" mit wertvoller Rückfracht glücklich zurückge­kehrt und mit Bremen feiert heute ganz Deutschland den vollen und sicheren Erfolg, öen hanseatischer Wagemut und die Umsicht deutscher Seeleute errungen haben.

Sozialpolitik in England und bei uns.

Bei uns ruht auch im Weltkriege die Sozialpolitik nicht. In England ist aber in den beiden Kriegsjahren der ganze sozialpolitische Gesetzesaufbau jäh zu­sammengebrochen. Denn er stand, wie Otto Karstadt in der neuen „Hilfe" ausführt, auf den tönernen Füßen bloßer Nützlichkeitserwägungen: man schützte Frauen 'Kinder, Arbeiter und Arme, um ihre Kräfte noch besser und dauernder im Dienste der Ein­zelunternehmung ausnützen zu können. Die englischen Schutzgesetze waren keine sozialen Maßnahmen, son­dern Klugheitsregeln. Der Weltkrieg zeigt den grund­legenden Unterschied: Deutschland schreitet langsam die Richtung zur Gesellschaftsperantwortung für die Schwachen weiter, England folgt den wechselnden Wegweisern zum Mehlfasse des Einzel­besitzes. Diese Wegweiser zeigten jetzt auf Kinder­ausbeutung.

Karstädt weist nun daraufhin, daß Minderbe­schulung und Mehrarbeit der Kinder die weithin sichtbaren Wegesteine ' der englischen Kriegswirtschaftsrichtung sind- „Die eng- lische Minderbeschulung int Weltkriege spottet jeder deutschen Vorstellung. Kriegsersparnisse werden Haupt- sächlich auf dem Gebiete der öffentlichen Volksschul- und allgemeinen Volksbildung gemacht. Aus engli­schen Tages- und Schulzeitungen ersieht man, wie Bil- dungs- und Gewerkvereine in brandmarkenden Ein­spruchsversammlungen ihr eigenes Vaterland anklagen und vor dem ganzen Ausland richten." Einige Bei­spiele beweisen, wie kraß die Zustände sind. Verschie­dene Grafschaften haben die Schulpflicht ivährend des Krieges kurzerhand mit dem 12. Lebensjahre aufge- hoben, zwei sogar mit dem 11. Vor dem 7. Jahre

gehen in weiten Gegenden des Königsreichs die Kinder im Kriege nicht mehr zur Schule. Über 300 000 unter- richtlich nicht versorgte Kinder sind bereits durch die Gewerkschaften und die Lehrer nachgewiesen worden; wahrscheinlich läßt England bereits mehr als % Million Kinder ohne Schule. Die im Felde stehenden Lehrer werden „billigst" vertreten, meist durch beschäftigungslose junge Märchen. Sie werden Lehrerinnen durch die bloße Tatsache, daß sie eine Giunea Stempelsteuer für die Ernennungsurkunde be­zahlen und heißen danach im Volksmunde bereits Guinea-Mädchen.

Der Verfasser stellt fest, daß London dem Lande das übelste Vorbild bietet. Man spart im Kriege nur an den Volksschülern. London hat wie alle Grafschaften einen besonderen Ausschuß für Schulersparnisse im Kriege eingesetzt.

Die schulärztlichen Untersuchungen und die Schul­speisungen der Allerärmsten sind gestrichen worden. Die Abend-, Sonntags- und Fortbildungsschulen sind der Unkosten wegen geschlossen worden. Noch dunkler wird das Bild durch den geheimen Zweck der Schul-Kriegs- ersparnisse: die Kinderarbeit. Letzten Endes will man nämlich nicht bloß sparen, sondern billige Kinder­hände, lohndrückende Arbeitskräfte gewinnen. Der Hauptlehrer hat nach amtlicher Anordnung diese Kin­derarbeit sogar zu vermitteln die Schule ist zum Kinderarbeitsmarkt geworden. In Worcestershire dürfssn alle über 11 Jahre alten Kinder wöchentlich durchschnittlich — 6 Tage den Unterricht zwecks Lohn­arbeit versäumen. Es ist festgestellt worden, so hebt Karstädt weiter hervor, daß über 213 000 Kinder unter 13 Jahren ganztägig als Lohndrücker verwendet werden und im Kriege keinen Unterricht mehr ge­nießen. 10 000 Kinder aber sind in Grafschaften, die die Schulpflicht strenger handhaben, auf halbe Unterrichtszeit gesetzt, um dann den ganzen übrigen Tag in Lohnarbeit zu fronen. Diese Unglücklichen hat man in England selbst als weiße Sklaven bezeich­net. Sie leiden doppelt. Einerseits hält sie die staat­liche Maschinerie aus der Friedenszeit 2 bis 3 Stunden täglich auf der Schulbank fest, andererseits inüssen sie die Zeit, die den häuslichen Schularbeiten, dem Spiel und der Erholung gehören sollen, schanzen und schaffen, um das Einkommen der Eltern zu schmälern. Die Kinderarbeit bleibt aber keineswegs auf die Landwirt­schaft beschränkt. Längst ist sie wieder in die gewerb­lichen Betriebe, in Hütten und Mühlen eingezogen. Spinnen und weben ist wieder wie vor hundert Jahren Kinderarbeit geworden. Vom 11. Lebensjahre ab erscheinen die Kinder englischen Unter- nehmern durchaus geeignet zur Lohndrückerei; man sagt, die Arbeit sei gesund, stärke die Glieder, fördere das Wachstum, gewöhne zu Fleiß und Ordnung. Ar­beitende Kinder seien gleichaltrigen nicht arbeitenden Schulkindern an Größe tmd Gewicht überlegen. Und was dergleichen hundertjährige Befchönigungen mehr sind.

So ist es in England. Bei uns in Deutschland beugt sich die Jugendfürsorge, die Volksbildung und der Kinderschub detn Krieg nicht. Die deutschen Ent­würfe der Bildungshaushalte mit ihren ungeschmä­lerten Zahlen auch im Weltkriege werden später, so schließt der Aufsatz, in der Geschichtsschreibung den feindlichen gegenübertreten und dann noch gegen sie kämpfen und für Deutschland zeugen; sie wer- den ein Rätsel und ein Gegenstand der Bewunderung späterer Geschlechter sein. Sie werden lehren, daß eng­lische Sozialpolitik im Kinderschutz nur Arbeitskräfte schonte und also den Herstellungskostenanteil vermindern wollte, daß Deutschland aber grund­sätzliche Sozialpolitik aus G e s e l l s ch a f t s- Verantwortung trieb und sich auch durch Kriegs- not nicht davon abbringen ließ.

Die militärische Lage.

lVon unserer Berliner Abteilung.)

L. Berlin, 23. Aug. (Erg. Drabtbericht. Zens. Bln.) Die Kämpfe an der Somme zeigen in ihrer weiteren Ent­wicklung, daß die französisch-englische Nachahmung der deut­schen Offensive bei Verdun zwar in dieselbe Verlang­samung des Tempos geriet, aber in den nachträglichen Teilerfolgen bei weitem nicht so Wertvolles zn erreichen ver­mochte wie der deutsche Angriff beiderseits der Maas. Dies kcweist, daß unsere Gegenmaßregeln schneller »nd gründlicher getroffen wurden. Nach dem Massensturm vom 18. August dauern nördlich der Somme die Kämpfe weiter au. Aber sie werden nicht eiuheitlich ge­

führt und haben nirgends Erfolg. Südlich der Somme haben die Franzosen frische Kräfte bei Estrees-Soyecourt eingesetzt. In vergangener Nacht haben die deutschen Truppen einige letzte Grabenstücke, in die der Feind einzu­dringen vermochte, gesäubert, so daß auch diese französische Anstrengung ganz ergebnislos ausgcht. Hier wurden vier Offiziere und 213 Mann gefangen genommen.

Von der Ostfront wird mitgeteilt, daß die Russen ihre Anstrengungen fortsetzen, auf dem Westnfer bei Rudka- Czerewiszcze ihre Übergangsstellen zu erweitern. Sie erreichten nichts. Bei Czwitsin gelangten vorgetriebene russi­sche Massen nur bis zn einigen Grabenstücken in der vorder­sten Linie. Dort machten die deutschen Truppen 3 5» Ge­fangene. Gestern verzichtete der Feind an dieser Stelle auf eine Erneuerung seine? Angriffs. Im übrigen ist die Lage bis zu den Karpathen unverändert. In den Kar­pathen versuchten die Russen vergeblich, uns die eroberten Stellungen wieder streitig zu machen. Beiderseits der Stacha festigten wir unsere Lage durch die Erstürmung weite­rer russischer Linien; alle Gegenstöße der Russen prallten ab. Auch das Vordringen der Russen gegen Kukul wurde aufgehalten.

Unsere bulgarischen Verbündeten haben in der Fortsetzung ihrer Offensive wieder Erfolge erzielt, die höchste Anerkennung verdienen. Sie vertrieben die Serben von den Höhen westlich des Ostrovosees. Auch weiter­hin gelang es dem Feind nicht, sie von den Höhen des Dzcmaat-Jeri zurückzutreiben; sie halten fest ihre Muglena- Front. Östlich der Struma reinigten die Bulgaren das Ge­biet bis 25 Kilometer westlich von Demir-Hiffar. Kein Wunder, daß die ruhmredig in Paris angekündigte Offensive Sarrails, die jetzt zu einer mühsamen Defensive und zu einem teilweisen Rückzug wurde, von den Offiziösen der Entente jetzt abgeleugnet wird, als habe man sie nie beabsichtigt.

vle Lage im westen.

Widerwillige Bewunderung von Deutschlands Kraft. '

Der „Temps" zieht ein Facit aus den bisherigen Kämpfen um Verdun.

Bern, 22. Aug. „Temps" erinnert heute, gelegentlich der letzten Rede Lloyd Georges, an das hohe Matz von Willenskraft, mit der die französischen Truppen seit sechs Monaten vor Verdun unter einem Feuer von noch nie dage­wesener Heftigkeit aushielten, obgleich die eigenen Mittel zweifellos ungenügend und besonders ihre schwere Ar­tillerieder deutschen unterlegen sei. Leider koste aber die Verteidigung übermäßige Opfer; auch seien die Franzosen noch nicht am Ziel. Man dürfe nicht vergeffen, daß, wenn dieses Ziel erreicht sein werde, es un­endlich viel zu teuer erkauft sei. Daß Deutschland nach 25 Monaten des Krieges Stellungen, die es im Lande des Gegners besetzt halte, verteidigen könne, obgleich es vier Großmächten gegenüber stehe, die ihm an Menschen­zahl und Rohstoffen überlegen seien und außerdem über die Seeherrschaft verfügten, sei für die, welche die Geschicke Frankreichs leiteten, eine schlimme, demütigende Lehre. Die anschließenden Ausführungen im Umfang von 30 Druckzeilen sind vollständig gestrichen. Der Schlußabsatz betont, Frankreich habe den unvergänglichen Ruhm, 1914 und 1916 in den entscheidenden Augenblicken an der Marne, au der User und bei Verdun eingegriffen und die feindliche Stoßkraft gebrochen zu haben. Dieser Ruhm tilge aber nicht die Fehler, die es habe wieder gut machen müssen.

Die amtlichen franzii fischen Berichte.

Französischer Bericht vom 22. August, nach­mittags: Nördlich der Somme dauert die Tätigkeit der Artillerie an einem großen Teil der Front an. Die Fran- zosen machten in der Nähe von Clery einige Fortschritte und erbeuteten zwei neue Geschütze, Kaliber 7,7 Zentimeter. An dem zwischen G u i l I e m o n t und Maurepas erober­ten Wäldchen südlich der Somme gestatteten Einzelunterneh­mungen der Franzosen, sich in den Besitz von Grabenstücken südwestlich von Estrees und östlich von Sohecourt zu setzen. Einer französischen Abteilung glückte ein Handstreich auf Schützengräben am Plateau von B i n g r e (nordöstlich von Soiffons).

Luftkrieg: Am 21. August brachte ein französischer Flieger bei Tage einen Albatros bei Longuevoisin zum Ab­sturz. Vier deutsche Doppeldecker wurden von ihren franzö­sischen Gegner südöstlich von Nesles niedergekämpft. In de? Nacht zum 22. August warf ein französisches Fluggeschwader 79 Geschosse auf die Bahnhöfe und Bahnstrecken von Tergnier und Noyon, die Bahnanlagen von Pont-l'Eveque und den Bahn­hof von Appelly. Es wurde heftige Brandwirkung beobachtet. Das Geschwader ist unversehrt zurückgekehrt.

Französischer Bericht vom 22. August,-abends: Artilleriekampf auf beiden Sommeufern und in der Gegend