Morgen.Vellage des Wiesbadener Tagblalts. >- .
Nr. 196. Mittwoch. 23. Kugust. 1916.
(16. Fortsetzung.)
$rou Minchens Narretei.
Humoristischer Roman von Küte van Beeker. (Nachdruck verboten.)
Eugen raffte sich gewaltsam zusammen. Vaters Anblick riß ihn immer in die Wirklichkeit zurück, übte immer eine starke Herrschaft über ihn aus. Heute zwar nur bedingt, nur ganz äußerlich und mechanisch. Er brachte es zustande, in leidlicher Haltung ihn und die beiden erst jetzt erscheinenden Mädchen zu begrüßen und des Vaters Fragen nach allerlei wirtschaftlichen Dingen zu beantworten. Letzteres aber so ungenügend und verwirrt, daß der jetzt immer dem Sohn gegenüber sehr huldvoll Gesinnte ihm die Schulter klopfte und lachend sagte: „Na, ich seh schon, du bist verliebt, wie 'ne Meerkatz! Du siehst un hörst nichts als dem Paulinchen! Ja, ja, wenn's so 'n Kerl wie di packt, mein Jung, denn is das wie 'n Sturm. Haha! Man sollt's nich jlauben. Da wer'n wir Wohl bald an Hochzeit denken müssen!"
Eugen starrte den Vater verständnislos an. Ja, wenn es einen Kerl wie ihn packte, dann war es wie ein'Sturm: der Vater hatte das Richtige getroffen. Wie ein Sturm, wie eine Sturzwelle, wie Feuer und Erdbeben war es über ihn gekommen. Er fühlte nicht den Boden unter seinen Füßen, es war ihm, als wenn er in freier Luft schwebe. Etwas ganz Furchtbares, Überwältigendes hatte ihn gefaßt und wirbelte alle Gedanken und Gefühle in ihm durcheinander. Nein, nicht so. Sammelte alles in ihm zu einem einzigen, gewaltigen Empfinden, einen, brennenden, wahnsinnigen Verlangen nach diesem Weibe, das ihm eben in die Augen geschaut, seine Lippen berührt und mit einem Druck der weißen Hand sein Herz für ewig an sich gerissen hatte. War das Wahnsinn? — Ja, es mußte Wahnsinn sein, Krankheit, Fieber, — anders war es nicht möglich!
Ohne Antwort und Gedanken schritt er neben dem Vater her und suchte so schnell wie möglich aus dessen Nähe zu kommen. Er hatte vor seinen scharfen Augen Angst, instinktive Angst,- trotzdem er in seiner innerlichen Verwirrung und Aufregung selbst nicht wußte, was in ihm vorging und was er verbergen wollte. Aber daß er etwas zu verbergen hatte, das wußte und fühlte er und am liebsten wäre er damit gleich weit fort von allem gerannt, weit, weit fort, — und hatte doch kein anderes Verlangen, als hier zu bleiben, 'hier, wo er in das fremde, schöne Gesicht sehen konnte, in die großen, strahlend blauen Augen, die ihn manchmal so seltsam verheißungsvoll streiften und dann wieder kalt und gleichgültig über ihn fortblickten.
Ludovika benahm sich sehr vorsichtig, besonders so lange der Onkel in der Nähe war. Ebens» wie Eugen fürchtete sie dessen scharfen Blick am meisten. Sie wollte ihm nicht die leiseste Veranlassung geben, ihr zu mißtrauen und sie vielleicht mit schnellem Entschluß aus dem Wege zu schaffen. Gerade jetzt, wo sie ein Ziel vor sich sah, wenn es vorläufig auch in nebelhafter Ferne schwebte, wo der Reiz des Unerlaubten und Gefährlichen sie prickelte und stachelte, wollte sie nicht fort- geschickt werden. Es war ja nur ein Spiel, nur eine
Art Sport, und es schien fast aussichtslos, aber gerade deshalb, gerade weil sich Hindernisse dagegen türmten, erregte es ihre Jägerlust. Mit Zeit und Geschick konnte sie diesen im Pflichtbewußtsein ausgewachsenen Philister vielleicht doch bewegen, alles im Stich zu lassen, was ihm von seinem klugen, praktischen Vater so sorglich und fein zugetragen war. Denn sie hatte von der Tante genug gehört, um das bräutliche Verhältnis und das liebende Verlangen des Vetters klar zu durchschauen, ebenso klar wie das, was heute bei ihrem Anblick in ihm vorgegangen war.
Aber nichts übereilen, nichts verderben! Und da- her kümmerte sie sich fast gar nicht um den Vetter, bezauberte nur dessen Braut, täuschte den Onkel, der sie ziemlich scharf und kritisch beobachtete und lullte Tantes Sorgen und erwachte Hoffnungen wieder in sanften Schlummer.
Der Tag verlief sehr befriedigend. An Eugens Schweigsamkeit und gedankenverlorenem Wesen nahm niemand Anstoß. Seine Familie kannte ihn kaum anders, und Paulinchen, die von ihm auch nicht bräutlich verwöhnt wurde, war von Ludovikas Liebenswürdigkeit so geblendet und umsponnen, daß sie momentan eigentlich mehr in diese als in ihren Eugen verliebt war. Denn Vater Riedel hatte recht gehabt, Paulinchen war eine gehorsame Tochter und ein vernünftiges Mädchen, sie nahm ohne Widerstreben den Sohn des reichen Riedel zum Bräutigam und fühlte sich als Braut pflichtschuldigst glücklich und liebend, aber nebenbei fand in ihrem Herzen noch viel anderes Raum, und wenn ihr Bräutigam sich nicht gerade bemerkbar machte, dann suchte sie ihn auch nicht.
Mit leidenschaftlicher Innigkeit flehte sie Ludovika an, sie bald und hoffentlich für lange zu besuchen, und als sie mit Eugen wieder heilnfuhr, war sie so beschäftigt, ihm ein Loblied dieser entzückenden Cousine zu singen und sich deren Besuch in den schönsten Farben auszumalen, daß sie gar nicht seine lautlose Schweigsamkeit und den totalen Mangel jedes Interesses an ihr und ihrer Rede bemerkte.
Eugen hatte eine schlaflose Nacht und einen ruhe- losen, verzweifelten Tag. Er dachte und dachte, aber eigentlich fühlte er nur, ohne jeden Gedanken. Und doch rang sich allmählich aus diesem leidenschaftlichen, besinnungslosen Fühlen ein klarer Gedanke und ein eiserner Wille empor.
Ja, er wollte. Zum erstenmal in seinem Leben wollte er, und wußte zugleich, daß er diesem Willen folgen und ihn durchsetzen oder an ihm zugrunde gehen würde.
Wie mit einem Schlage war alles Schwankende und Unsichere, das sonst in seiner Natur lag, von ihm abgefallen. Die Stelle war getroffen, an der sein Wille bis jetzt schlief: erwachend reckte er sich wie ein junger Löwe, stark, gewaltig, unüberwindlich. Mit Staunen sah er selbst auf sich, und dann kam ein stolzes Frohlocken über ihn. Was er immer heimlich geahnt und
