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*1 Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. i «—=-.« i

Nr. 194.

Sonntag, 20. fluguft.

1916.

(14. Fortsetzung.)

§rau Minchens Narretei.

Humoristischer Roman von Käte van Beeker. (Nachdruck verboten.)

Diese verflixte Krabbe! Sah ihrem Vater ins Herz, als wenn das ein offener Getreidesack wäre, wußte gleich das gute vom schlechten Korn, die innere Mei­nung vom äußeren Wort zu unterscheiden! — Er mußte lachen.

„Na, jut, mein Joldfasan, denn wollen wir man! Mehr kann kein Mensch von uns verlangen, als ’n juten Will'n! Denn sind wir wieder mal einij!"

Mit seinem guten Willen war es eigentlich nicht sehr weit her. Er empfand ein ganz direktes Unbe­hagen über diesen Familienzuwachs. Wie eine Art peinigende Vorahnung lag es ihm drückend auf der Seele. Als hätte er ein unheimliches Schicksal in sein Haus getragen und so lächerlich er dieses Gefühl auch fand, es ließ ihn nicht vollkommen los.

Er war ärgerlich auf sich, noch ärgerlicher auf Fee und am ärgerlichsten auf die Nichte, und als er beim Abendessen dieser wieder entgegen trat, geschah das mit einer nur schlecht bekämpften Unfreundlichkeit und .Kühle.

Aber so tief ihm diese beiden Empfindungen auch im Gemüt saßen, hielten sie doch nicht andauernd Stand vor dem bezaubernden Liebreiz von Ludovikas Äußerem und Wesen. Er war Mann und Onkel genug, um mit Genuß und Stolz auf dieses wirklich bildschöne und gewandte liebenswürdige Geschöpf zu schauen. Und sie, die genau seinen Widerstand fühlte, spannte ihin gegen­über all ihre Kräfte an, um diesen zu überwinden und den Onkel für sich zn gewinnen.

Zuletzt schüttelte er heimlich selbst den Kopf über die albernen Gedanken, die ihn vorher überfallen hat­ten. Wo sollte denn da eine Gefahr und ein Schicksal liegen? Ein schönes, liebenswürdiges Mädchen als Gast, — als Gast, den man sogar jeden Moment wieder heim­schicken konnte. Was sollte sich Böses und Unange- nehmes daran hängen? Unsinn! Ein Vergnügen war es, in ihrem stillen und eintönigen Landleben solche Genossin aufzunchmen. Und wenn das prangende Pflänzchen auch vielleicht wirklich Unkraut war, so machte das auch nichts. Sie waren hier ja alle Weizen, gesunder, strammer Weizen, der sich nicht gleich von einem kleinen Schmarotzer unterkriegen ließ. Etwas Schmuck und Farbe dursten sie sich in ihrem soliden, gleichgetönten Felde schon einmal leisten. Und sein Minchen, — Gottesdonner, sein Minchcn, na, das schwamm in Wonne. Ganz aufgetaut war seine Alte. Gleich am folgenden Tage fuhr sie mit Lndovika nach der Stadt, wozu sie sonst nur in den schwierigsten Fällen zu bewegen war, und Geld, einen ganzen Sack voll Taler, hatte sie sich dazu ausgebeten.

Das machte ihm ordentlich Spaß. Sie hatten es ja dazu, und seine Hand war inuner offen, wenn die Weibsleutc etwas brauchten Sie brauchten ihm sogar stets zu wenig. Er fand Freude an hübsch angezogenen Frauen, an Eleganz und Putz, aber sein Minchen hatte bis jetzt wenig Rücksicht darauf genommen. Bei ihr galt der Satz: „Ein Rock und ein Gott!" Mehr brauchte

sie nicht und die beiden Mädchen hielt sie auch kaum anders. Nun sollte sie nur flott einkaufen und seine Spatzen rn bunte Paradiesvögel verwandeln — ihm war es recht.

Frau Minchen dachte nicht an Spatzenverwandlung, ihr lag nur daran, den wirklichen Paradiesvogel mit neuen Federn zu schmücken. Denn eigentlich hatte sie einen Schreck bekommen und ihre solide, auf strenge Ordnung gestellte Natur war in ihren Grundfesten er­schüttert worden, als sie Ludovikas Garderobe musterte. Das Kofferchen enthielt so gut wie nichts und das, was es enthielt war von so unechter Eleganz und so lieder­lich behandelt, daß die Tante öffentlich die Hände über dein Kopf zusammenschlug und heimlich dachte, daß ihr Frihchen mit der Benennung Lumpenbagage recht ge­habt hatte, und daß die Schwägerin zwar eine Freifrau geworden, aber eine Schlampe geblieben sei.

Denn dem Kinde konnte man keine Vorwürfe machen, das sah selbst ganz beschämt und bekümmert aus und sagte mit Tränen in den schönen Augen: „Ach, ^antchen, das ist ja das Elend, immer ^ fehlt es am Geld! Wir können doch nur das Notwendige kaufen und keiner hat Zeit, sich um dessen Erhaltung zu küin- mern. Denn die arme Mama und ich, wir müssen doch beide verdienen, wir sind doch immer mit anderen Din­gen beschäftigt und können nicht an uns denken."

„Ja, mein Goldchen, woniit verdient ihr denn eigentlich? Was könnt ihr leisten?" fragte die Tante teilnehmend.

Lndovika besann sich schnell. Die Idee, den Onkel zu besuchen, war sehr plötzlich gekoinmen und eben so plötzlich ausgeführt worden, da hatte sie für alle solche Fragen nicht Vorbereitungen treffen können. Daß die Hauptbeschäftigung der lieben Mama darin bestand, Bettelbriefe zu schreiben, Karten zu legen, allerlei dis­krete Angelegenheiten zu vermitteln und sich sonst noch derartig nützlich und gewinnbringend zu beschäftigen, inar nicht gerade vorteilhaft anzusühren. Aber Lndovika besaß Geistesgegenwart.

„Ach, die arme Mama stickt für Geschäfte", sagte sie seufzend. Fiir Geschäfte sticken war eine allgemein üb- liche Tätigkeit vornehmer, armer Damen, das las man in jedem Buch. „Sieh, Tantchen, womit hätte sie sich sonst wohl durchbringen sollen? Denk nur, was sie ge­leistet hat, um uns zu erziehen und zu ernähren? Alfons war ja im Kadettenkorps untergebracht, aber wir zwei Mädchen wollten doch erzogen, gekleidet und genährt werden. Die arme, liebe Mama hat Unglaubliches ge­leistet."

Ja, ja, Tante Minchen schämte sich ordentlich, daß sie die Freifrau nicht genügend geschätzt hatte. Natür- lich, wenn man es überlegte, war es ja ein großes Ding, sich und zwei Kinder anständig durchs Leben zu bringen. Herrgottcben, wenn dies wunderschöne Kind verhungert wäre! Gar nicht ausdenken konnte sie das! Sie vergaß auch alle weiteren Fragen über Ludovikas Anteil an der Arbeit des Verdienstes und war nur dar-