». »i Morgen-Beilage der Wi esbadener Tagblasts.
Nr. 193. Samstag. 19. klugust._ 1916>
( 18 . Fortsetzung.)
$rau Minchens Narretei.
Humoristischer Roman von Küte van Beeker.
(Nachdruck verboten.)
Und so fuhr Fritz Riedel nachmittags wirklich in der neuen, guten Viktoriakutsche nach Königsberg, um seine unbekannte Nichte, das Märchenkind Ludovika, in Empfang zu nehmen.
Im Gutshaufe herrschte währenddessen allgemeine Aufregung; bei der Hausfrau am lebhaftesten. Fee hatte die Nachricht von der Ankunft einer Cousine, deren Dasein ihr bis dahin vollkommen unbekannt gewesen, am ruhigsten ausgenommen. Sie wunderte sich nur, daß bis jetzt noch nie von der Verwandtschaft die Rede gewesen, nachdem Väterchen ihr aber auf dem gewohnten Vormittagsritt erklärt hatte, daß die weite Entfernung und die verschiedenen Lebensverhältnisse selbst zwischen Geschwistern nach und nach die Verbin- düng lösen können, besonders wenn diese, wie er und seine Schwester, nie recht harmoniert hätten, war ihre Verwunderung einem mitfühlenden Verständnis gewichen. Sie konnte sich dergleichen sehr gut vorstellen. Wenn Eugen weit fort und nicht mehr zum Besuch nach Hause käme, würde sich zwischen ihm und ihr allmählich auch jede Beziehung lösen, — besonders da solche bis jetzt eigentlich noch nie recht bestanden hatte. Verwandtschaft war wohl mehr Wort als Inhalt, wie manches im Leben.
Sie dachte seit einiger Zeit sehr viel nach, beobachtete schärfer, kritisierte und überlegte, auch in betreff ihrer eigenen Person, außen und innen. Es war seit ihrem Einsegnungstage eine große Veränderung mit ihr vorgegangen, die selbst dem Vo^»r jetzt oft auffiel. Sie war noch immer sein fröhlicher, verständnisvoller Kamerad, aber sein Junge war sie nicht mehr. Mit den Jungenskleidern, die sie ganz plötzlich und sehr energisch abgelegt und auf 'eine Art von Reitkleid gedrungen hatte, war auch viel von ihrer sonstigen Jun- genshaftigkeit abgestreift worden. Sie hielt sich straffer, achtete mehr auf ihre Bewegungen und ihren Anzug, verwandte eine scheue Sorgsalt auf die Pflege ihrer Hände und strich ihr Haar ängstlich glatt wie ein Mausefellchen.
Sehr zu ihrem Nachteil, denn der einzige Reiz, den sie bis jetzt besessen, die springenden, flatternden, goldigen Löckchen, ging damit verloren und sie sah, milde gesagt, weniger hübsch aus als je, und Frau Minchen bekam wirklich einen Schreck, als Fee sich jetzt zum Empfange des Gastes zu ihr gesellte. Gerade heute, wo ihr Sinn so ganz auf Schönheit gestellt war und in den köstlichen Phantasien schwelgte, siel ihr die Häßlichkeit ihres eigenen Kindes doppelt auf. Das Mädchen wurde ja immer häßlicher! Sie mußte sich rein vor der Nichte schämen, solch ein Kind vorzustellen! Wenn sie wenigstens wie Fränze aussuhe! Fränze im Hellen Waschkleide, das knapp und zierlich die runde, hübsche Figur mnschloß, mit rosigen Grübchenwangen und dem kleidsam geordneten, kastanienbraunen Haar, sah allerliebst aus, appetitlich und hübsch, aber Fee —! Herrgott, der Rotkopf mit dem Küsegesicht und den unheimlich dunklen Äugen! Wie sie nur zu dem Kinde gekommen war?
Während sie sich seufzend diese Frage zum tausendsten und abertausendsten Male stellte, rolfte die Vik- teriachaise auf den Hof. Vergessen waren alle mütterlichen Sorgen und Schmerzen! Frau Minchen befiel ein wahres Fieber. Lieber Himmel, war sie neugierig auf das Märchenkind!
Hastig eilte sie den beiden Mädchen voraus, auf die steinerne Hoftreppe. Eben öffnete ihr Fritz den Schlag, stieg schwerfällig aus und gleich hinter ihm hüpfte eine schlanke, graziöse Gestalt aus dem Wagen und eilte auf Frau Minchen zu.
Der blieb fast das Herz stehen. Allmächtiger, ihr Schneewittchen, wie es einst in dreifachen Exemplaren als Bild ihre Wände geschmückt und sie in Wirklichkeit so grausam betrogen hatte! „So weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz." Genau, genari so! Das purpurne Mündchen, die großen, tiefblauen Augen, die ganze, Frau Minchen betörende Schönheit, — lebendig stand sie vor ihr.
Eine Sekunde lang war ihr, als wenn sie all die Jahre geschlafen habe, jetzt erst zur Wirklichkeit erwache und ihr eigenes, ersehntes, alle Ideale erfüllendes Kind vor sich sehe. Tränen füllten ihre Augen, sie öffnete die Arme, sie wollte dieses süße, holdselige Geschöpf an sich ziehen, aber da kniete es schon vor ihr rmd drückte die weichen Lippen auf ihre Hand.
„Mit dem eleganten, hellgrauen Kleide hier auf der staubigen Treppe!" dachte Fränze entsetzt.
„Wie sie es in der Wurstpelle nur fertig bringt, halbe Kniebeuge zu machen", dachte Fee bewundernd, und Onkel Riedel, der hinter der Märchennichte die Treppe hinaufsteigen wollte, lächelte halb grimmig, halb amüsiert und dachte: „Ganz lvic die Male, alles mit Trara und Aplonib. Aber der Deiwelskröt steht's un mein Minchen hat sie damit jleich im Sack!"
Und damit hatte er recht. Sein Minchen war bezaubert. Sie zog die halb Kniende zu sich empor, an ihr Herz, ganz so, wie es immer in den Büchern geschildert wurde und sagte, auch ganz so wie in diesen: „Willkommen, mein liebes Kind, Gott seg'ne deinen Eingang."
Die schöne Ludovika hatte in aller Geschwindigkeit Tantes feuchtschimmernde Augen gesehen. In ihre schönen blauen trat auch sogleich ein feuchter Schimmer, der sanft das triumphierende Leuchten verschleierte, das dieser Enipfang in ihnen aufblitzen ließ. Wie hatte Mama unrecht gehabt, als sie meinte, mit dem Onkel würde sie schon schnell fertig werden, der schwere Punkt bliebe die Tante. Jin Gegenteil, der alte Herr bot Schwierigkeiten, das hatte sie schon auf der kurzen Wagenfahrt gemerkt, aber die alte, dicke, häßliche Dame würde wie Wachs in ihren Händen sein, die schmolz ja schon jetzt hin.
„Meine geliebte Tante", stammelte sie mit bezau- bernder Rührung rmd küßte jetzt auch Wangen und Mund der geliebten Tante. „Wie gütig nimnist du die fremde Nichte in deinem Hause und .Semen aut!"
