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Samstag, 19. Nugust 1916.
Kbend-klusgabe.
Nr. 393. . 64. Jahrgang.
Die Balkanoffensive und Rumäniens Schickjalrftunde.
„Nach den vergeblichen Angriffen der Entente in den letzten Tagen traten die verbündeten Truppen zum Gegenstoß an. Florina ist nach Kampf gegen die serbische Donaudivision g e n o m m e n." So verkündet der deutsche Generalstabsbericht vom Freitag und gibt damit die bedeutsame Tatsache bekannt, daß die Truppen der Mittelmächte auf die verschämten Offensivhandlungen der britisch-französisch-serbischen Balkanarmee, zu der sich setzt auch Jta- liener und Russen gesellten, mit einem kräftigen Gegenstoß geantwortet haben, getreu, der Losung, daß der Hieb die beste Deckung ist. Schon vor mehreren Tagen war bekannt geworden, daß der Oberkommandierende der buntgemischten Balkan-Ententearmee von Paris und London aus die Weisung erhalten hatte, loszuschlagen, es koste, was es wolle, und zwar einmal, um das Bild der „Generaloffensive" zu vervollständigen, und zweitens, um durch dies Lockmittel den auf Griechenland und Rumänien ausgeübten Druck noch zu verschärfen. Sarrail soll aber auf jene Weisung nur sehr sauer reagiert und eingewandt haben, daß die militärischen Aussichten für seine Offensive außerordentlich mäßig feien. In der Tat hat er sich auch nur zu einer sehr schwächlichen Ofsensivtaktik entschlossen, deren Erfolge gleich Null waren und die der Ententearmee schwere Verluste eintrugen. Jetzt haben, wie aus dem deutschen Heeresbericht ersichtlich ist, die Truppen der Mittelmächte den Spieß umgekehrt, haben in kräftigem Borstoß die serbische Tonaudivision zurückgeschlagen und Florina genommen.
Das militärische Ziel der so viel erörterten, so prahlerisch angekündigten und so wenig fühlbaren Offensive der Sarrail-Armee besteht selbstverständlich darin, Bulgarien niederzuwerfen und damit die durch die Niederringung Serbiens geschaffene Verbindung zwischen den Mittelmächten und dem Orient wieder zu unterbrechen. Daß die etwa ein Viertel Million Mann starke Armee, welche die Entente zu diesem Zweck auf dem Balkan versammelt hat, jenes Ziel zu erreichen imstande ist, reden sich die Drahtzieher in London und Paris ebenso wenig ein wie der General Sarrail. Aber nach dem alten Satz, daß der Krieg den Krieg ernährt, soll hier die Offensive die Offensive ernähren. Das heißt, General Sarrail tollte durch seine Offensive gegen die Truppen der Mittelmächte auf Griechenland und Rumänien anspornend wirken, um diese mitzureißen und so die ersehnten Verstärkungen für die Balkanoffensive zu schaffen.
Kann und wird dies gelingen? Wird das geknechtete Griechenland sich wirklich den englischen Kriegskulis beigesellen, und wird Rumänien, das bisher noch nicht unter der Fuchtel der Entente steht, verblendet genug sein, das Schicksal Griechenlands über sich heraufzubeschwören? Was die Dinge in Griechenland betrifft, so haben die dortigen Neutralisten, an deren Spitze der König steht, getan, was in ihren Kräften stand, um das Schlimmste von dem unter der Knute Sarrails stehenden Lande abzuwenden. Aber sie konnten, da die Entente das Mittel der Hungerpeitsche anwandte, zum Schluß nicht mehr erreichen als einen Aufschub der Entscheidung bis zur Vollziehung der N e u w a h l e n, die Ende dieses Monats stattfinden sollen. Es ist natürlich eine falsche Annahme, daß dadurch das Hellenenvolk in die Lage kommt, frei über sein Geschick zu entscheiden, denn der Wahlkampf geht unter der Leitung von Sarrails Gendarmen vor sich, und so muß man mit der Möglichkeit rechnen, daß der Vierverbandssöldling Ven i- z e l o s als Sieger aus der Wahlschlacht hervorgeht. Ob König Konstantin dann noch die Macht haben wird, zu verhindern, daß seine Griechen zur Schlachtbank ge- führt werden, dann als fraglich erscheinen.
Rumänien befindet sich nicht in einer solchen Zwangsloge, denn es kann sich eher seiner Haut wehren als das arme Griechenland, und noch hat es die Russen nicht in das Land, in die Dobrudscha gelassen. Zwar setzen die Filipescu, Take Jonescu und Konsorten, an- gefeuert durch den rollenden Rubel, Franken und Sterling, alle Hebel in Bewegung, den Anschluß Rumä- niens an die Entente durchzusetzen, aber die Konservativen unter der Führung Carps, Marorescus und Marghilomans haben sich, unterstützt von den grundsätzlich kriegsfeindlichen Sozialisten und von der neugegründeten Offiziersliga, um den König geschart, um die Unabhängigkeit des Landes zu wahren, dessen Schicksal bei einem Siege de? Dierverbandes nicht zweifelhaft sein könnte, da Rußlands offen erklärtes Kriegsziel in der Beherrschung der Dardanellen und der Donaumündungen besteht. Die Erinnerung daran, daß Rumänien für seine 1878 dem Zaren geleistete Kriegshilfe mit dem Raub Bessarabiens und
der Abfindung durch die unfruchtbare Dobrudscha „belohnt" wurde, sollte die Verantwortlichen Staatsmänner in Bukarest davon abhalten, den Russen den Durchmarsch durch die Dobrudscha zu gestatten, ein N e u t r a l i tä t s b r u ch, den die Mittelmächte als feindselige Handlung ansehen müßten. Tie Tatsache, daß deutsche Truppen unweit der unteren Donau stehen, sollte eine ernste Mahnung für die rumänischen Kriegstreiber bedeuten, die eine Selbstmordpolitik treiben würden, wenn sie jetzt vor Schicksalstoresschluß leichtfertig und mit politischer Blindheit geschlagen aus das falsche Pferd setzen.
Die Haltung Rumäniens.
Ein Schweizer Militärkritiker bezweifelt Rumäniens Bereitschaft.
Basel, 18. Aug. Oberst Egli schreibt in den „Bailer Nachrichten" zur Frage, wie es mit dem Eingreifen Rumäniens in den Krieg steht: Im Grunde genommen, ist die Lage nicht so verworren, als man nach den verschiedenen Meinungsäußerungen glauben könnte. Die Alliierten wünschen den Eintritt Rumäniens in den Krieg nicht dieses Staates wegen, sondern weil sie für sich daraus Vorteil erhoffen. Rumänien wird aber weder für Rußland noch für irgend einen anderen der Alliierten den Krieg an die Zentralmächte erklären, sondern aus eigenem Interesse, also nur dann, wenn es annimmt, daß es ohne oder doch ohne wesentliche Gefahr und mit geringen Opfern große Vorteile erringen kann. Vorteile und Risiko abzuwägen, ist Sache der rumänischen Regierung, welche die dazu notwendigen politischen und militärischen Grundlagen besitzt, die zum großen Teil dem Außenstehenden entweder unbekannt sind oder die je nach der Partei verschieden beurteilt und eingeschätzt werden. Aus den Nachrichten der letzten Tage erhält man im großen und ganzen den Eindruck, daß die rumänische Regierung den Augenblick für die Entschlußfassung noch nicht als gekommen erachtet, vermutlich weil ihr die militärische Lage noch nicht genügend sicher erscheint. Denn trotz der letzten Fortschritte der Russen in Ostgalizien machen die Ereignisse auf dem östlichen Kriegsschauplatz immer mehr den Eindruck, als ob in diesem Augenblick ihre große Offensive ihren Höhepunkt überschritten habe, und daß ein Nachschub wesentlicher Kräfte notwendig sei, um neuerdings eine energische Vorwärtsbewegung in Gang zu bringen. Also jetzt läßt die rumänische Regierung das Protokoll noch offen, ihre gewandte Diplomatie verhandelt mit den beiden Parteien und gewinnt so Zeit, bis sich die Verhältnisse völlig oder doch noch mehr als bis jetzt abgeklärt haben. Daß Rumänien den Entschluß noch zurückhält, ist militärisch sehr wohl begreiflich, denn seine Lage ist keineswegs besonders günstig, wenn es auf sich allein angewiesen bleibt.
Von endgültiger Neutralität keine Rede.
„Hat unsere Stunde schon geschlagen?"
(Von unserem dll.-Sonderberichterstattcr.!
Ni. Wien, 19. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zeus. Bin.) Die Bukarester „Minerva" schreibt: Wir glauben nicht, daß Rumänien vom Krieg enthoben sein wird. Wenn wir abwarten, so bedeutet das noch nicht endgül- tige Neutralität. Es drängt sich jetzt wieder die Frage auf: Hat unsere Stunde schon geschlagen? Die Gerüchte von einem Eingreifen an einem bestimm- ten Tagdatum sind darum nicht ernst zu nehmen.
Eine tendenziöse Falschmeldung.
Br. Budapest, 19. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Nach einer „Az Est"-Meldung aus Bukarest sprengten einige russenfreundliche Blätter das Gerücht aus, der österreichisch-ungarische Gesandte Graf Czerny von und zu Chudenitz treffe Vorbereitungen zur Abreise und schicke seine Kinder bereits nach Wien. Dieses Gerücht ist natürlich eine unwahre und tendenziöse Erfindung. Die Gräfin Czerny schickte lediglich wegen einer Scharlachepidemie in der Umgebung von Sinaia ihre kleineren Kinder nach Wien, während die ältere Tochter in Sinaia verblieb. — DerKönigvonRumänien reiste für einige Tage nach Sinaia ab.
Der rege Warenverkehr zwischen den Mittelmächten und Rumänien.
Berlin, 19. Aug. Ein Mitarbeiter der „Voss. Ztg." hatte Gelegenheit, mit einem rumänischen Staatsmann über die augenblickliche Lage in Bukarest zu sprechen, der als besonders gut informiert angesehen werden darf. Der Staatsmann erklärte u. a.: An: 16. August sei der n e u e V e r t r a g zwischen den Mittelmächten und Rumänien über beträchtliche Mengen von Erzen und B r a u g e r st e endgültig zum Abschluß gelangt. Das Aprilabkommen mit Rumänien über Getreidelieferungen sei beinahe restlos durchgeführt. Zu den Gerüchten über eine angebliche ernste Verwarnung der Mittelmächte an Rumänien erklärte der Staatsmann, eine solche sei seines Wissens weder erfolgt noch habe eine Veranlassung dazu borgelegen. Man wisse in Bukarest sehr wohl, daß die Mittelmächte einen Durchmarsch russischer Truppen als Preisgabe der Neutralität ansehen werden and habe innerhalb der rumänischen Regierung daraus die erforderlichen Schlüsse gezogen. Wenn daher ein steigender
Güteraustausch seinen ungehinderten Fortgang nehme, so scheine kein ernster Grund zur Beunruhigung vorzuliegen. Der gegenseitige Warenverkehr und die daran sich knüpfenden finanziellen Ergebnisse bewegten sich in Rekordziffern. Am Vorabend einschneidender Ereignisse würde sich Rumänien wohl weder seiner Lebensmittelvorräte entledigen, noch in großem Umfange Industrie - Erzeugnisse von den Mittelmächten einführen können.
Das schlagfertige Bulgarien.
Br. Wien, 19. Aug. (Eig. Trahtbericht. Zens. Bln.) Die Südslawische Korrespondenz meldet aus Sofia: Finanzminister Tontscheff äußerte sich in einer Unterredung, die „Dnewnik" veröffentlicht, mit vielem Nachdruck dahin, daß Bulgarien militärisch für alle Fälle vorbereitet sei und sich keinen Überraschungen aussetzen werde. Die Armee sei nach jeder Richtung schlagfertig.
Die italienischen Hilfstruppen in Saloniki.
Berlin, 19. Aug. Wie die Morgenblätter berichten, ist einer Rede des „Temps"-Redakteurs und Deputierten Tardieu, die er in Genf gehalten hat, zu entnehmen, daß die Landung einer italienischen Truppendivision in Saloniki erfolgt ist. England scheine gelegentlich der Verhandlungen von Pallanza erklärt zu haben, daß jede weitere Verzögerung der italienischen Hilfeleistung den Alliierten nachteilig wäre. Darauf dürfte Cadorna sich mit der Entsendung der Division beeilt haben. Fraglich bleibt, ob sie an die Front gehen oder vorläufig als Reserve in Saloniki bleiben wird.
Eine unverschämte serbische Forderung an Griechenland.
Br. Lugano, 19. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Dem „Secolo" wird aus Athen gemeldet: Das serbische Militärkommando in Florina forderte von der Athener Negierung die Räumung und Übergabe von 18 griechischen Dörfern an der Linie Florina-Osbogo-Wodena. (Inzwischen sind die Serben, wie der gestrige deutsche -Generalstabsbericht meldet, selbst zu der Räumung von Florina gezwungen worden. Schrift!.)
Eine Kundgebung gegen Venizelos in Athen
Große Tumulte in einem Schauspielhaus.
Br. Wien, 19. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Der „Reichspost" wird aus London über Bern gemeldet: In dem Athener Schauspielhaus Pan Hellenika wurde eine politische Komödie „Unsere Prinzessin Alexandra" zum ersten Male aufgeführt, wobei die jüngsten Ereignisse der griechischen Politik allegorisch dargestellt wurden. Bei einer Szene, die das Auftreten von Venizelos gegen König Kon- stantin schilderte, versuchte ein Mann „Hoch Venizelos" zu rufen. Das war das Signal zu großen Tumulten. Unter dem Rufe „Lang lebe der König" stürzten sich die meisten Zuschauer, darunter Offiziere, auf die Venizelisten. Es entstand ein arges Handgemenge, in dessen Verlaufe die Offiziere die Säbel zogen. _
Die tage im westen.
Ein vernichtendes Urteil über die Geneval- Offensive der Entente.
W. T.-B. Stockholm, 19. Aug. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Im „Aftonbladcd" behandelt ein militärischer Mitarbeiter das Ergebnis der 2 V 2 Monate währenden Offensive der Entente. Er schreibt: Man sieht aus den englischen Verlustziffern für Offiziere, daß die Verluste, die das eroberte Gebiet gekostet hat, an Zahl ungefähr der Bevölkerung Stockholms gleichkommt. Die Zahl der gefallenen Offiziere beträgt 40 vom Hundert, etwa 140 an einem Tage. Da 70 bis 80 Mann auf leden Offizier kommen, kann man auch die Mannschaftsverluste ungefähr berechnen. Die Zahl der Verwundeten ist drei- bis viermal so groß. Hat die Entente nun ein Recht zu dem o p t i m i st i, ch e n Glauben, auf diese Weise die Deutschen aus Frankreich zu vertreiben, oder haben die Deutschen recht, wenn sie die aufgehaltene Offensive als einen deutschen Sieg betrachten? Kann man annehmen, daß die Entente die Kraft hat, so Monat nach Monat fortzufahren? Ihre Truppen haben noch nicht die kleinste Stadt oder den klein st en Eisenbahnknotenpunkt genommen. Bei diesem Schneckentempo würbe der Krieg 30 Jahre dauern, bis man die deutsche Grenze bei Lothringen erreicht hätte und lange vorher wäre Frankreich entvölkert. Die Russen stehen e i n g e- keilt zwischen den Karpathen und den deutsch-öfter- reichischen Linien in Wolhynien. Ihr Vormarsch ist immer mehr z us a m m e n g e s ch r u m p ft. Sie haben 150 Quadratkilometer genommen. Man kann wohl auch hier mit vollem Grund fragen: Entspricht der Gewinn den großen Opfern an Menschen? Deutschland .steht jetzt mitten in der Erntearb eit. Man darf daher annehmcn, daß es während des Monats August den Kriea mit io wenia Truvven fiifmt lniu öS ü«
