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Donnerstag, 17. Llugust 1916.

Die Ereignisse in Vorderasien.

O Berlin, 16. Aug.

Über die Kämpfe am Sueskanal sind bis- yer die ausführlichsten Berichte aus England gekom­men, während die türkische Heeresleitung keine ein­gehenderen Mitteilungen veröffentlicht hat. Die eng­lischen Berichte ließen erkennen, daß der türkische Vor­stoß mit großer Wucht und ersichtlichem Erfolg unternommen worden ist. Dieser Erfolg wird sicher noch größer gewesen sein, als ihn der briti­sche Oberbefehlshaber in Ägypten darstellte, und wenn man in Konstantinopel genauere Mitteilungen hätte machen wollen, so würden sie das Bild der Lage gewiß weiter zugunsten unserer Verbündeten geschildert haben. Uin so bemerkenswerter ist die türkische Zurückhaltung. Man hat es am Goldenen Horn offenbar gar nicht eilig mit der Bekanntgabe der Verhältnisse auf jenem Kriegsschauplatz, und das spricht dafür, daß große Tinge im Werden sind, die erst reifen sollen und hoffentlich auch reifen werden. Im Gegensatz zu der Schweigsamkeit über den Erfolg am Sueskanal haben unsere Freunde in Konstantinopel ausführlich über den Zusammenbruch der italienischen Herr­schaft in Tripolis berichtet. Der Zusammen­hang zwischen der Bedrohung Ägyptens vom Westen her und den Operationen am Sueskanal leuchtet aber ohne weiteres ein, und deshalb darf sich die Aufmerk, samkeit stärker als bisher auf die ägyptische Frage rich­ten. Es liegt in den Verhältnissen, daß die unge­heuren Kämpfe auf den europäischen Kriegsschau­plätzen unsere Teilnahme stärker erregten, als es die Vorgänge an den asiatischen Fronten des Pfortenreichs tun. aber die Verknüpfung der dortigen Ereignisse mit denen in unserem Weltteil ist so eng. und die welt­politische Gemeinsamkeit aller Ereignisse bleibt so un­löslich, daß die Dinge niemals getrennt betrachtet und behandelt werden sollten. Die Staatsmänner und die Heeresleitungen hüben und drüben tun das auch selbst­verständlich nicht, sie wissen genau, daß Siegen und Niederlagen hier wie dort ineinander verschlungen sind und sich gegenseitig bedingen. In feindlichen Blättern hat man neuerdings mancherlei über ver­meintliche Neigungen zu einem Sonder­frieden lesen können. Wie grundlos solche Hoff- nungen sind, das braucht kaum im einzelnen nachge­wiesen zu werden. Unserem Verbündeten in Konstanti­nopel ist es hinlänglich bekannt, daß es für die Pforte jetzt um Sein oder Nichtsein geht; wie kämen sie also dazu, sich an das Schlachtmesser zu liefern, das Rußland und England schärfen möchten und das die türkische Kraft schon genug schartig gemacht hat? Frei- lich muß man die Tatsache gelten lassen, daß der Ge­bietsgewinn der Russen in Armenien noch nicht zurückerobert worden ist, obwohl die Türken immerhin schon ganz ansehnliche Vorteile errungen und die Streitkräfte des Großfürsten Nikolaus an wichtigen Punkten zum Stehen gebracht haben. Sie haben sie im persisch-türkischen Grenzgebiet nord- östlich von Bagdad sogar beträchtlich zurückgedrängt und so den Plan einer Vereinigung von Russen und Eng- ländern im unteren Zweistromland zerrisien. Sie drücken mit unverringerter Kraft auf die englische Stellung im Mündungsgebiet der Zwillingsströme, und die heiße Sehnsucht der Engländer nach einer mili- tärisch-politischen Sicherung der Landbrücke zwi­schen Sueskanal und Südpersien ist des- halb von ihrer Erfüllung so weit wie nur je entfernt, noch weiter sogar nach der Niederlage von Kut-el- Amara, deren strategische wie moralische Wirkung seit- dem durch keine Tätigkeit der britischen Truppen auf jenem Kriegsschauplatz ausgeglichen werden konnte. Indessen wird kein Beurteiler die Zähigkeit un- seres Hauptfeindes in der Verfolgung seiner Ziele g e- ringschätzen wollen. Einen neuen Beweis für die Stetigkeit der britischen Politik hat man in der Auf- wühlung des arabischen gegen das türkische Element vor sich. Aui diese Vorgänge macht in dankenswerter Weise jetzt Professor Dr. Otto Hoetzsch aufmerksam. Danach seht England große Hoffnungen auf die Be- weguny in Arabien, wo sich Mitte Juni der Großscherif von Mekka, Hussein, gegen die Türkei er- hoben hat. Das Amt des Großscherifs wird vom Sultan als Kalifen verliehen, der Großscherif ist nicht krast eigener Macht in seinem Amt, und das Scherifat ist nicht erblich. Gewonnen durch englisches Geld und englische Diplomatie, forderte Hussein die Erblichkeit, der Sultan lehnte das ab, setzte ihn ab und ernannte M Haidar-Pascha zum Großscherifen. Mt diesem Aufstande des bisherigen Scherifen hat England ein lang verfolgtes Ziel erreicht. Aber Medina, wo der neue Großscherif schon eingetroffen ist, ist i n t ü r k i- schem Besitz geblieben, und die strategische Bedeu­tung der Eisenbahn, hier der Hedschaslinie, wird sich bald dahin a titeoh machen. daß Ali Laidar M ei i a

Kbenö-Kusgabe.

zurückerobert. Wir unterschätzen die Bedeutung dieser Ereignisse nicht. Wäre das Scherifat von Mekka so be­deutungslos, wie manche denken, so hätte sich England nicht seit rund einem Jahrhundert so lebhaft darum bemüht. Auch Lord Cromer hat in einer Oberhaus­rede . die politische Bedeutung des Scherifats und was damit im Zusammenhang steht, des Kalifats, hervor­gehoben. Hier liegt auch die vielleicht schwierigste Stelle der türkischen Zukunftspolitik, die den türkischen Nationalstaat und den islamitischen Kalifenstaat mit­einander vereinigen soll. Gelingt es, den bisherigen o s m an i sch - ar a b i sch e n Gesamtstaat zu er­halten und zu konsolidieren, so ist die Zukunft der Tür­kei als Großmacht gesichert. Aber wie wir die Os- manen stützen, so versuchr England die Araber für sich zu' benutzen und auch von dieser Stelle aus die Türkei zu sprengen, indem es sich heute schon des Kalifats und des Scherifats gegen den Sultan bedienen möchte. Wir stimmen dem unterrichteten Verfasser zu, wenn er folgert, daß eher noch eine Lösung der Dardanellen­frage zwischen der Türkei und Rußland als eine Ver­söhnung der Pforte mit der englischen Orientpolitik möglich wäre, daß hier nur das Entweder-Oder einer siegreichen Durchsetzung gegen England gilt oder aber Unterwerfung unter England und Selbstaus- löschung. _

Der Krieg gegen Nutzland.

Linsingen über die Lage am Stochod.

Berlin, 16. Aug. Die „B. Z." veröffentlicht eine U n - t e r r e d u n g, die Herr Cyrill Brown, der Berichterstatter der „New Mark Times", mit GeneralsrfiiwtitVk-.il von Linsingen in seinem Hauptquartier hatte. Aus dem Be­richt sei folgendes wiedergegeben:

Die Deutschen brauchen sich den Schlaf nicht rau­ben zu lassen wegen der Ereignisse an der 350 Kilometer langen Front an den wolhynischen Sümpfen, wo Linsingen, der unermüdliche Bezähmer des russischen Bären, der sich in den Karpathen einen Ruf gemacht hat, gegen die d r e i - oder vierfach e Übermacht der russischen Massen steht. Der deutsche Wall kann von dem russischen Druck a n g«e - nagt, aber nicht gebrochen werden, und was von der russischen Offensive noch übrig geblieben ist, das geht jetzt in langsamem Kampf in den wolhynischen Sümpfen unter, die durch eine viertägige Sintflut unwegsam geworden sind. Dies ist meine persönliche zusammenfassende Überzeugung, wie ich sie nach dreitägiger, eingehender Besichtigung der Stochod- linie und nach einem unvergeßlichen Morgen bei einer Divi­sion gewonnen habe. Noch mehr, aber in drei Nächten, die ich unter Linsingens jungen Stabsoffizieren verbrachte. Schließlich, und am meisten jedoch, aus einer persönlichen Be­gegnung mit dem großen Oberkommandierenden der Heeres­gruppe Linsingen, wie er sich selbst gutmütig in meinem Notizbuch unterschrieben hat.

General Linsingen deutete an, daß er auf eine Fortfüh­rung der russischen Angriffe vorbereitet sei, die zum Ziel Brest-Litowsk und unmittelbar den wichtigen Eisen­bahnknotenpunkt K o w e l haben. Kowel hätten die Deut­schen so fest in der Hand, daß es die Russen niemals be­kommen würden. Linsingen erwartet, „nach russischen Zeitungsberichten", Anstrengungen der Russen in der Rich­tung auf Baranowitschi, Kowel und Lemberg. Linsingen er­wähnte die merkwürdige Tatsache, daß es in ganz Wolhynien nur eine leidlich gute Heerstraße gebe: Die große Chaussee Kowel-Luck und die gleichlaufende Eisenbahn, deren Be­sitz natürlich eine Hauptvorbedingung russischer Vorrückung und Rückzugsdeckung wäre. Der Kampf um Kowel ist daher der Kampf um den Besitz dieser Straße und Eisenbahn.

Der „Temps" über die Kriegslage im Osten.

(Von unserem Kr.-Sonderberichterstatter.)

Kr. Genf, 17 Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Im Pariser „Temps" findet sich das Eingeständnis, daß die Armee Sakharoff nach den letzten Petersburger Depeschen leider zum Stillstand gekommen sei. Die Feinde hätten dem Vor­dringen dieser Armee zwischen dem oberen Sereth und der Strypa einen ganz außerordentlich starken Damm entgegen- g e st e l l t. Deshalb müßte Oberkommandant B r u s s i l o w wohl seinen Kriegsplan ändern, um an anderen Punkten sein Glück zu versuchen und vornehmlich die Operationen des Generals Letschitzkh beschleunigen. Die Osiensivc an der Oststont müsie eine andere Taktik befolgen, als die Josstes an der West- stont, weil Bruffilow mehr Menschenleben opfern könne. An der Westfront wäre alles sorgsam vorbereitet und müsse planmäßig durchgeführt werden, an der Oststont aber müßten die Operationen den Charakter des beständigen Wechsels annehmen. Für den Somme, abschnitt prophezeit der „Temps"' die baldige Wiederaufnahme der Offensive Joffres, wozu die zweitägige Beschießung des Gebietes bei Bellois-Estrees-Lihons das Vorspiel gewesen sei.

Frankreichs Angst um Polen.

Die „Köln. Ztg." läßt sieh von der französischen Grenze, 16. August, telegraphieren: Angesichts der Nachrichten, daß die Mittelmächte im Begriff ständen, Polen ein eigenes staatliches Dasein zurückzugeben, finden plötzlich die französischen Radikalen und Sozialisten trotz der russi-- scheu Zensur, der sie sich bisher für di« Erörterung der polni»

Nr. 389. . 64. Jahrgang.

schen Frage unterworfen hatten, die Sprache wieder. Die Befürchtung, daß dieser Schritt der beiden Mittel­mächte die 12 Millionen Polen des russisch-polnischen Ge­biets auch innerlich zum Anschluß an sie bewegen werde, löst ihnen wieder die Zunge, und es ist bezeichnend, daß sie jetzt trotz dieser Zensur und mit offensichtlicher Zustimmung des Kabinetts Briand die russische Regierung beschwören dürfen, diesem drohenden Unheil noch in elfter Stunde durch die Erfüllung der ihrerseits den Polen gemachten Ver­sprechungen zuvorzukommen. „Man stelle sich vor", ruft Herbe in höchster Beklemmung aus, „daß morgen, wie das Gerücht geht, Berlin und Wien die Unabhängigkeit des russi­schen Polens als des wiederhergestellten polnischen Königreichs verkünden, daß Preußen und Österreich das durch" ganz Russisch-Polen trompeten. Wer kann sagen, daß es nicht vielen polnischen Patrioten den Kopf verdrehen wird, und daß diese nicht auf den verführerischen Köder anbeißen werden?"

Die Unstimmigkeiten zwischen Stürmer und

den Gesandten der alliierten Mächte.

(Von unserem L.-Sonderberichterstatter.)

8. Stockholm, 17. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Das Schlachtbeil ist zwischen dem Ministerpräsi­denten Stürmer und den Gesandten der verbünde­ten Mächte, wie hier bereits vorausgesagt wurde, nicht mit der demütigenden Äußerung dem Moskauer Bür­germeister gegenüber begraben worden. Als der italie­nische Gesandte Marquis Carlotti Stürmer auf­suchte, um ihm die Depesche von der Einnahme von Görz mitzuteilen, wurde er vom Minister des Aus­wärtigen nicht empfangen. Stürmer nahm auch später keine Notiz von der Mitteilung.

Eine neue Veränderung im russischen Kabinett.

(Von unserem L.-Sonderberichterstatter.)

8. Stockholm, 17. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Ein neuer Wechsel steht im russischen Kabinett bevor. Handelsminister Schachowskoij reiste nach einem kaukasischen Bade ab und wird laut „Nowoje Wremja" nicht wieder auf seinen Posten zurückkehren. Der frühere Landwirtschaftsminister N a u m o w wurde als Gehilfe Kriwoscheins zum Vorsitzenden des russi­schen Sanitätswesens ernannt. Von der Errichtung eines besonderen Ministeriums für Gesundheitspflege sah der Ministerrat aus Ersparnisgründen ab.

Ein neuer russischer Unterschlagungs- Skandal.

Die Gattin des Ministerpräsidenten Stürmer im Spiel.

(Von unserem 8.-Sonderberichterstatter.)

8. Stockholm, 17. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Die Reihe der russischen Untcrschlagungs- s k a n d a I e ist um einen neuen, den sensationellsten, vermehrt worden. Diesmal handelt es sich um die Kom­mission zur Versorgung der Hinterbliebenen gefallener Krieger, in der Damen der Hofgesellschaft und der höchsten Beamtenkreise zusammenarbeiteten. Der sehr beträchtliche Fonds dieser Gesellschaft ist jetzt spur­los verschwunden. Von den Damen der weni­ger rechtsstehenden Aristokratie ist jetzt gegen die Vor- sitzende, die Frau des Ministerpräsidenten Stürmer, der schwere Vorwurf erhoben worden, daß sie zum min­desten wisse, wo die Gelder geblieben seien. In der letzten Sitzung wurde offen der Verdacht ausgesprochen, die Gattin des Ministerpräsidenten habe die fehlenden Gelder — es handelt sich um mehrere Millionen — für eigene Zwecke verwendet. Frau Stürmer trat darauf entrüstet aus dem Komitee aus. Viele Damen der Beamtenkreise wollen dem Beispiel folgen, so daß die ganze, für alle Beteiligten sehr ein­trägliche Stiftung zu verschwinden droht.

Die tage im Westen.

Die englische Preisliste für Kriegsbeute.

Prisengelder und Kopfgelder.

Berlin, 16. Aug. (Zens. Bln.) Bekanntlich hat die eng­lische Marine in recht weitgehenden! Maße die Zahlung von Prisengeldern wieder eingeführt. Eine Einrichtung, die durch ihr historisches Alter keineswegs sympathischer wird, zumal nicht, wenn diese Zahlungen die Form von Kopf, geldern annehmen. Bei dem anerkannt hohen Geschäfts- sinn der Engländer kann es nicht wundernehmen, daß auch die englische Armee etwaige günstige Kampfergebnisse in Geld umwertet. Wie aus zuverlässiger Quelle verlautet, be­steht für diese Zwecke eine regelrechte Preisliste für erbeutetes Kriegsmaterial oder gemachte Gefangene. ES werden nämlich folgende Preise gezahlt: für ein leichtes Feld­geschütz 15 Pfund Sterling, für ein schweres 20 Pfund, für ein Belagerungsgeschütz 50'Pfund. Eine erbeutete Fahne bringt schon 100 Pfund ein, eine kaiserliche Stan­darte gar 250 Pfund. Am wertvollsten ist ein preußi­scher Prinz, dessen Gefangennahme die englische Regie» rung 500 Pfund kosten würde, während sie für einen Prinzen der regierenden Häuser von Bayern, Sachsen und Württem- berg nicht mehr als 300 Pfund und für einen andern deut-