frr- ■ ! Mrgen.Seilage der Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 190. Mittwoch. IS. ttuguft. lylb.
(10. Fortsetzung.)
§rau Minchenr Narretei.
Humoristischer Roman von Käte van Breker.
(Nachdruck verboten.)
Wahrhaftig, sie hatte sich vollkommen vertrödelt, an leine Zeit gedacht, und mittlerweile wollte es Abend werden und die Gäste waren wohl schon längst von der Tafel aufgestanden. Jetzt erst fiel es Fee ein, daß ihr unbekümmertes Verschwinden vom Festschauplatz vielleicht doch nicht ganz richtig und höflich gewesen, und sie spornte Almansor jetzt zur scharfen Gangart an, damit sie schnell heim kämen. Es dämmerte schon stark, lUls sie, das Pferd am Zügel führend, heimlich durch das Hintertor in den Stall schlich. Glücklicherweise war einer der Pferdejungen gerade zur Hand, um ihr die ^Versorgung Almansors abzunehmen, und sie konnte ohne Verzug den Weg in? Haus antreten.
Es ging alles unerwartet glatt und unbemerkt. Drinnen im Saale herrschte noch dasselbe Stimmengewirr wie zur Stunde, als ne ihm entfloh, und stvindschnell floh sie an der Saaltür vorbei, die Treppe empor in ihr Zimmercken.
Da lag noch alles, wie sie es abgeworfen hatte, das weiße Kleid zerknittert, die Unterkleider durcheinander gewühlt, einer der niedrigen Schuhs hier, der andere !oort, — bodenlos unordentlich!
Das hatte Fee noch nie emofunden, aber heute war sie ja um Jahre gealtert, war ein erwachsener Mensch geworden, heute bemerkte sie es. Hastig hob sie alles auf und ordnete es. Dann trat sie vor den Spiegel und sah sich lange prüfend an. Dabei runzelte sie die Stirne und sagte ganz knapp und kurz: „Nein, häßlich!" schüttelte unmutig die gelösten Haare und machte sich daran, auch diese zu ordnen. Alles etwas versonnen und nachdenklich und augenscheinlich wenig mit sich zu- frieden.
Bald darauf trat sie, wieder im weißen Mullklerde, höchst unbefangen und ruhig in den großen Speisesaal, in dem noch ein Teil der Gäste trinkend und rauchend beisammen saß, während der übrige sich teils im Garten, teils auf der Veranda aushielt.
Väterchen saß unter den ersteren, sah sehr rot und vergnügt aus und empfing seine Herzensrochter mit ckautem Halloh.
„Wo haste denn jesteckt, mein Joldfasan? Ich Hab' di überall jesucht. So 'ne Hauptperson darf sich nick, davon machen, die muß aushalten, verstehste mi?"
Sie schmiegte sich zärtlich in seinen Arm. „Ach, .Väterchen, Hauptperson! Davon habe ich nichts gemerkt, laß das nur. Ich habe einen Spaziergang gemacht, um mich von der Anstrengung, Hauptperson zu sein, etwas zu erholen."
Der Vater lachte dröhnend auf. Ec war in bester Laune geneigt, alles gut und schön zu finden, besonders wenn es sein Herzblatt Fee betraf. Ec nickte auch jetzt bewundernd.
„Immer nach dem eij'nen Köppchen! So'n Mords- weibcrstück! Tut, was ihr beliebt! Der reine Jung!"
Und dabei siel ihm 'ein wirklicher Junge ein, und daß er sich vorgenommen hatte, mit diesem ein Wörtchen über Paulinchen Gronert zu sprechen. Donnerschlag,
das hätte er beinahe wieder vergessen in den Ereignissen des Tages, und dann war' der Jung abends mit dem Zug abgefahren und die Geschichte hätte sich immer mehr in die Länge gezogen. Das taugte nichts. Paulinchen war eine Partie, nach der sich die Freier die Füße ablaufen würden, da mußte man schnell zugreifen.
Er sah sich im Kreise um. Die Gäste waren alle gut beschäftigt, sie rauchten, tranken, nebenan spielten welch Whist, — da war er als Wirt wohl für ein Weilchen abkömmlich.
Schwerfällig erhob ec sich und schob sein ■ Herzblatt von sich.
„Jeh zu Muttern, Feechen, zu die Damens; da je- börste nu hin. Ich will 'n Wörtchen mit dem Eujen reden."
Während Fee zögernd ihre Schritte zu den „Damens" lenkte, zu denen sie nun gehören sollte, winkte der Vater dem Sohn, legte seinen Arm vertraulich in dessen Arm und sagte: „Weißte, mein Junge, wir woll'n mal 'n vernünft'jes Wort mit'nander reden. , Komm in mein Zimmer, da rauchen wir beide eene Friedenszijarre und unterhalten uns wie kluge Männer. Ich Hab' 'n bißchen was auf'm Herzen, haha> Vielleicht spricht dein Herz auch mit! Na, du wirst ja hören!"
Eugen war direkt erschreckt und verängstigt. Das sah zwar nicht wie ein Geivitter aus, ahn es würde doch wohl eines werden. Anderes, -als daß er unzufrieden mit seinen Leistungen war, hatte der Vater noch nie mit ihm zu besprechen gehabt, und anderes konnte es auch jetzt kaum sein.
Er atmete schwer und beklommen, aber dann horchte er verwundert auf.
Vater ging gleich flott aui sein Ziel los, ohne viel Umschweife. In fünf Minuten wußte Eugen, daß es das Klügste war, was er tun konnte, wenn er Paulinchen Gronert heiratete. Klipp und klar wurden ihm alle Vorteile aufgeführt: Selbständigkeit, Freiheit, ein Wesen, das zu ihm gehörte, ein Heim, in dem er herrschte, — beinahe betäubend schön rollte sich das vor ihm auf. Ja, wahrhaftig, — er sah all die Vorteile ein, er hatte gar nichts dagegen, — warum nicht? Aber war denn eine Möglichkeit dam vorhanden? Er hatte an dergleichen yoch nie gedacht, und Paulinchen? — Sie war ein gutes Mädchen. — sie sprachen manchmal miteinander, ja, — aber sonst? Nein, kein Gedanke zwischen ihnen. Und der alte Gronert? — Nein, wirklich, er glaubte nicht. —
Aber der Vater glaubte und vertraute.
„Das mit dem alten Jronert laß mi man vtachen, mein Jung. Der Sohn vom reichen Riedel klopft nich verjebens an. Selbstbewußtsern, Selbstbewußtsein, Junge! Das Mädchen, das di kriejt, kann sich alle zehn Finger lecken. Aber, natürlich, 'n bißchen schön tun mußt' de, so'n jung Ding will die Kur jeschnitten haben nn poussiert fern. Sie wird schon wollen, sie is 'n je- horsames Kind, wenn der Vater will, will sie auch.
