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Sonntag, 13. Kugust 1916.
Morgen-klusgabe.
Nr. 381. . 64. Jahrgang.
Da; zerfetzte Völkerrecht.
O Berlin, 12. Aug.
Es ist lange her, daß man vom Völkerrecht spricht. Beim Beginn des Krieges wurde lang und breit erörtert, ob das Völkerrecht noch wenigstens stückweise in Kraft sei, und jede Verletzung dieses Rechtes wurde nicht bloß wegen ihres Tatbestandes beklagt und angeklagt, sondern ebensosehr darum, weil wieder einmal eine brutale Durchbrechung des Völkerrechts stattgefunden habe, das doch bindend fein müsse, nur leider es nicht sei. Heute, wie gesagt, hören wir dergleichen nicht mehr. Heute haben wir uns gründlich an den Zustand gewöhnt, daß unsere Feinde Gesetz und Recht mit Füßen treten, ohne sich lange bei der Frage aufzuhalten, ob sie ihre Frcveltaten vor dem letzten Rest ihres Rechtsgesühls verantworten können. Dieser Zustand hat, wie das bei der Neigung der Juristen zu formelhaften Herleitungen aus gegebenen Verhältnissen begreiflich ist, seine Systematiker auch bei uns gefunden, und einer von ihnen ist der Rektor der Berliner Handelshochschule Dr. Eltzbacher, der kürzlich in einem Buche „Totes und lebendes Völkerrecht" essen den neuen Grundsatz vertritt, „daß der Krieg, soweit das Kriegsziel dies fordert, auch gegen die bürgerliche Bevölkerung des feindlichen Landes gerichtet werden darf". Ausdrücklich erklärt Eltzbacher, nach dem neuen Völkerrecht sei „das Abwerfen von Bomben aus Luftschiffen und Flugzeugen ohne Einschränkung gestattet! die Unterscheidung zwischen befestigten oder verteidigten und befestigten oder unverteidigten Orten hat für solche Angriffe keinen Sinn. Denn die Abwertung von Bomben erfolgt ja in den allermeisten Fällen gar nicht, um einen Ort erobern zu helfen, sondern um das feindliche Wirtschaftsleben z u st a r e n, vor allem aber, um bei der feindlichen Bevölkerung Mutlosigkeit und Kriegsunlust zu erzeugen. Diese Wirkungen werden aber auch durch die Bomben erzielt, die auf wehrlose Orte fallen." Wir wissen nicht, ob das vor oder nach dem gemeinen französischen Fliegerangriff auf Karlsruhe geschrieben worden ist, wir nehnlen an, es sei vorher geschrieben worden. Dann aber wird man wohl nicht sagen dürfen, daß diese Niederträchtigkeit, der 117 Menschen als Todesopfer gefallen sind, während 140 andere zum Teil schwer verwundet und dauernd verstümmelt wurden, bei uns „Mutlosigkeit und Kriegsunlust erzeugt haben". Die Wirkung war und ist vielmehr die Verstärkung jedes nationalen und jedes sittlichen Antriebes, gegen solche Unmenschlichkeit erst recht die äußerste Kraft aufzubieten und eine Feindesschar niederzuzwingen, die wahrhaft teuflische Vernichtungsmittel anwendet. Wie das neue Völkerrecht wirkt, das in Wahrheit keines ist, darüber belehrt uns die Praxis der englischen Regierung, die ihren Matrosen, wenn sie feindliche Schiffe mit der Mannschaft versenkt haben, ein B l u t g e I d durch den Prisenrichter auszahlen läßt, 100 M. für jeden Kopf. Wie oft das geschehen ist das ist uns unbekannt; zuletzt geschah es, wie der Würzburger Professor Dr. Mendels- sohn-Bartholdy im jüngsten Heft der „Deutschen Juristenzeitung" mitteilt, am 26. Juni dieses Jahres An diesem Tage wurde jenes Schandgeld ausgezahlt an die Mannschaften des „Dwarf" und der Unterseeboote „E 16" und „E 4" für Vernichtung der Schiffe „Nachtigall" und „Senator von Berenberg-Goßler" und den Untergang ihrer^ Bemannung durch den Prisengerichtspräsidenten sir Samuel Evans. Der Aufsatz des Würzburger Gelehrten, der sich mit dem Flieger- ongriff auf Karlsruhe und dem Völkerrecht beschäftigt, niacht mancherlei Einwendungen gegen Vergeh- t u n g s m a ß r e g e l n, wie sie das natürliche Gefühl zorniger Rechte verlangt. Wir wollen uns auf diese Frage nicht weiter einlassen. Täten wir es, so würden wir mit dem Verfasser nicht gerade überall in Einklang kommen. Aber etwas anderes aus leinen beachtenswerten Darlegungen interessiert uns, nämlich der Hinweis darauf, daß die Auffassung vom Kriege als einem auch gegen die bürgerliche Bevölkerung gerichteten Vernichtungskampf in der angelsächsischen Welt, in Amerika ebenso wie in England, immer schon die herrschende gewesen ist. Wir in Deutschland, auch die anderen Festlandsvölker, hatten bis dahin eine andere Ansicht, und weil wir darauf fußten, daß der Krieg nur ein Kamps der Heere sei und die bürgerliche Bevölkerung möglichst 'chonen müsse, gerieten wir in den I r r- t u m, dies sei die a l l ge m e i n gültige Überzeugung in der ganzen gesitteten Welt. So steht es aber nicht. Vielmehr hat England und Arnerika, feit sie überhaupt Völkerrecht anwenden, und im besonderen seit der Rechtsprechung Lord Stowells und Justice Storys, über sein ganzes Kriegsrecht den satz geschrieben, daß „Feind" im Rechtssinn nicht nur der feindliche Staat und sein Heer ist, sondern jeder Angehörige des feindlichen Staats, auch der Bürger, der nicht Waffen trägt, Frau
und Kind. Heute müssen wir sagen: die Engländer
haben es durchgesetzt, daß dies ihr „Völkerrecht" Geltun erhalten hat. Auch das gehört in das Schuld- konto unseres Hauptfeindes, auch hierüber werden wir mit ihm noch abzurechnen haben.
Zuriickwersung starker englischer Angriffe durch Gegenstöße.
Schwere französische Verluste bei Thiaumont fortschreitender Angriff in den Karpathen.
870 Russen gefangengenommen. Erfolgreiche Fliegerangriffe auf russische Truppenlager.
Der Tagesbericht vom 12. August.
(Wiederholt, da nur in einem Teil der Abend-Ausqib: cnchaltrn.)
W. T.-B. Großes Hauptquartier, 12. Aug.
(Amtlich.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
Zwischen T h i e p v a l und dem Fouaux-Walde sowie bei Guillemont griffen starke englische Kräfte an. Nördlich von O u v i l l e r s und bei Pozieres wurden sie im Nahkampf und durch Gegenstöße zurückgeworfen Nördlich von Bazentin-le-Petit und bei Guillemont scheiterten die Angriffe im Feuer der Artillerie, Infanterie und Maschinengewehre. Zwischen Maurepas und der Somme brach ein heftiger Angriff der Franzosen zusammen; sie drangen nordöstlich von Hem in ein kleines Waldstückchen ein.
Südlich der Somme mißlang ein kleiner feindlicher Teilvorstoß bei Barltzux.
Rechts der Maas sind in der Nacht z«m 11. .August Handgranten- Angriffe, nordwestlich des Werkes Thiaumont gestern abend starke Infanterie-Angriffe gegen das Werk selbst unter schweren Verlusten für die Franzosen abgeschlagen.
Südlich von L e i n t r e y glückte eine deutsche Partrouillen- unternchmung; cs wurden Gefangene gemacht.
Lstlicher Kriegsschauplatz.
Front des Generalfeldmarschalls v. Hindenbury.
Bei D u b r z y c b y am Strumien, westlich des NobelfeeS, und südlich von Zarecze griffen russische Abteilungen vergeblich an. Im Stochodbogcn, östlich von Kowel, wurden bei einem kurzen Borstoß 170 Russen gefangen genommen und mehrere Maschinengewehre erbeutet.
Starke feindliche Angriffe wurden beiderseits von Troscianiec (westlich von Zalocze) abgewiesen.
Unsere Fliegergeschwader fanden in den letzten Tage» an der Bahn Kowel-Sarny und nördlich derselben in umfangreichen Truppenlagern wieder lohnende Ziele, die sie ausgiebig mit Bomben belegten.
Ein russisches Flugzeug wurde nördlich von Sokul im Luftkampf abgeschossen.
Front des Generals der Kavallerie Erzherzog Karl.
Südlich von Zalocze wurde abends noch lebhaft gekämpft. Im übrigen ist cs nördlich der Karpathen zu Jn- fanterietätigkeit nicht gekommen. Die eingeleiteten Bewegungen vcllzichen sich planmäßig.
In den Karpathen nahmen wir in fortschreitendem Angriff südlich von Zabic 7VV Mann gefangen und erbeuteten drei Maschinengewehre. Beiderseits der Höhe C a p u l sind deutsche Truppen ins Gefecht getreten.
Balkankriegsschauplatz.
Die gestern wiederholten schwächlichen S ch e i n a n. griffe des Gegners südlich des Doiransees erstarben schnell in unserem Artillericseuer.
Oberste Heeresleitung.
Zn den Aarpathen erfolgreich vorwärts.
700 Gefangene und 3 Maschinengewehre erbeutet.
Bei Görz wieder ein starker italienischer Angriff abgeschlagen.
Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.
W. T.-B. Wien, 12. Aug. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Amtlich verlautet vom 12. August, mittags:
Russischer Kriegsschauplatz.
Heeresfront des
Generals der Kavallerie Erzherzog Karl.
Der Angriff, der in den Karpathen kämpfenden deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen schreitet erfolgen ich vorwärts Sie »ahmen de« Feinde gestern
700 Gefangene und 3 Maschinengewehre ab. Südöstlich von Worochta versuchte russische Gegenstöße wurden restlos abgewiesen. Sonst kam es im Bereiche der Heeresfront des Erzherzogs nur mehr an der unteren Zlota-Lipa und südlich von Zalocze zu lebhafter Gefechtstätigkeit.
Heeresfront des
Generalfeldmarschalls v. Hindenburg.
Die Armee des Generalobersten von Böhm-Ermolli schlug westlich von Zalocze mehrere starke Angriffe ab.
Westlich von Kaszowka wurden bei einem Überfall auf eine feindliche Vorfeldstellung 170 Gefangene und 3 Maschinengewehre eingebracht.
Südlich von Stobychwa brachen abermals ruffische über» gangsversuche zusammen.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Im Abschnitt zwischen dem Meere und dem W i p p a ch - Tale wurden mehrere Versuche der Italiener, sich unseren neuen Stellungen zu nähern, durch Feuer vereitelt. Auf den Höhen östlich von Görz schlugen unsere Truppen wieder einen starken Angriff ab und nahmen hierbei 10 Offiziere, 140 Mann gefangen. Der Monte San Gabriele und dev Monte Santo stehen unter heftigem feindlichen Artilleric- seuer.
An der Tiroler Front brachten uns kleinere Unternehmungen 89 Gefangene, darunter 5 Offiziere und 1 SRir schinengewehr ein.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Nichts von besonderer Bedeutung.
Der Stellvertreter des Chefs des iseneratstabes: v. H ö f c r, Feldmarfchalleutnant.
Ereignisse zur See.
Seeflugzeuge haben in der Nacht vom 11. auf den 12. laufenden Monats die feindlichen Batterien an der I s o n z o- mündung, die feindliche Flugzeug st ation Gorgo und die Adriawerke bei Monfalcone sehr wirksam mit Bomben belegt. Sie kehrten trotz heftiger Beschießung «nver» sehrt zurück.
Flotteukommando.
Die Lage im Westen.
Die französische Leutenot bei Berdu«.
Eine Mahnung Briands.
Br. Genf, 12. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) In einer dem Briand-Presfebureau entstanlmenden Note wird ausgeführt: Wer die gegenwärtigen Anstrengungen der Vrerverbandsmächte gerecht würdigt, muß anerkennen, daß Frankreichs opfervolle Verteidigung Verduns weit lveniger spezifisch französischen als allge- meinen Bundesinteressen dient. Dessen mögen alle Verbündeten eingedenk bleiben. Zum Verständnis dieser Note muß daran erinnert werden, daß „La Vlctoire" und andere Offiziösen neuerdings die Auffüllung der empfindlich geschwächten französischen Derd Uneinheiten durch Zuzug von Truppen der Verbündeten verlangten, da die russische Hilfe zum größten Teil aufgebraucht ist.
Die große Bedeutung der Handgranate.
Br. Haag, 12. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Nach Berichten britischer Korrespondenten an der Westfront soll die Handgranate bei den letzten Kämpfen an der Somme eine große Rolle spielen. Die Deutschen sollen große Mengen davon zur Verfügung haben und gebrauchen sie fortwährend ohne Zeitverlust. Die Engländer waren beim Sturmangriff stark im Nachteil, da sie mit vollbepacktem Tornister kämpften. Stu idenlang waren die Engländer schon im Besitz der Schützengräben und immer noch waren Deutsche tief in der Erde. Es soll sogar eine ganze Anzahl Deutscher sich nicht ergeben haben, sondern in ihren unterirdischen Verstecken ausharren. Die Engländer fordern sie zur Übergabe auf; bleibt dies erfolglos, so werfen sie auf gut Glück ein paar Handgranaten in die Verstecke, sie selbst blei- ben jedoch draußen!
In den Ruinen von Ovillers und La Boiselle.
W. T.-B. Amsterdam, 11. Aug. (Nichtamtlich.) Nach einem hiesigen Blatt wird von einem Berichterstatter beim britischen Hauptquartier, der das Gebiet südlich T h i e p v a I besucht, gemeldet, daß die ganze Gegend entsetzlich verödet sei. Von den Dörfern Ovillers und La B o i s e l l e sei nichts mehr übrig als wüste Steinhaufen, Kalktrümmer und zersplitterte oder verkohlte Holzbalken; es sei nichts mehr vorhanden, was durch seine äußere Gestalt an ein Haus erinnere. Die deutschen Laufgräben seien größtenteils dem Erdboden gleichgemacht und mit Schutt gefüllt. Das Gelände in der Umgebung sei besät mit Ausrüstungsgegenstän- den, Patronen, Granaten, Bomben und allerlei Gerät. Von der Kirche sei nichts mehr übrig als ein Stück Mauer mit zwei Gräbern. An der Straßenkreuzung stehe noch der alte, von den Deutschen dort aufgerichtete Wegweiser mit der Aufschrift: Nach Posbles. Hier befänden sich auch die gewaltigen unterirdischen Unterstände; diese Höhlen hätten sehr schmale Ausgänge gehabt. Eine sei von den Deutschen in bewun- deruLwerter Weise als Verbandsplatz eingerichtet worden.
