Morgen-Vellage der Wiesbadener Tagblatts. ! » —= ■ ]
Nr. 187. Samstag» 12. klugust. 1916.
l7. Fortsetzung.)
Krau Mlnchens Narretei.
Humoristischer Roman von Sitte van Beeker. (Nachdruck verboten.)
Ebenso über die Begegnung mit der Großmutter, die leider unumgänglich blieb, trotz Franzens flehentlichen Bitten und leidenschaftlichem Widerstand. Dem Herrn Pfarrer mußte Gehorsam geleistet werden, aber die engelsgute Tante »ersvrach, Fränze auf diesem schweren Gange zu geleiten und ihn ihr zu erleichtern.
Die alte Glag, FränzeS Großmutter, lebte seit deren Aufnahme im Gutshause auf dem Vorwerk, und wenn sie von der Herrschaft nicht inane: bewnöers unterstützt worden wäre, hätte sie wohl beinahe vergessen, daß sie jemals ein Großkind hatte. Darüber war Gros gewachsen. Kein. Mensch in ihrer Umgebung redete noch von der alten Geschichte' sie ain wenigsten, denn sie wußte zwar etwas — ja, sie hatte unter der Guste ihren Sachen ^etwas gefunden, was ihr Aufklärung über Fränzes Vater gegeben —, aber sie hielt es für klug, keinen Gebrauch davon zu machen.
Früher, mit dem alten Herrn Pfarrer hatte sie einmal darüber gesprochen und der hatte ihr geraten, stillzuschweigen, nie ein Wort darüber zu verlieren. Der an ihrer Guste gesündigt hatte, der trug seine Schuld an dem Kinde und an ihr ab. Mehr konnte sie nicht verlangen, im Gegenteil, durch unvorsichtige Reden nur ihre und Fränzes Sache oerschlimmern.
Und das hatte die alte Glag einqesehen und hatte geschwiegen. Kein Mensch, auch nicht der gnädige Herr, auch nicht das gnädige Frauchen wußte etwas davon. Das würde mit ihr in das Grab gehen, wie es sich gekörte. Denn die alte Glagsche war noch eine von denen, die zu der Herrschaft aussahen wie zu einem kleinen Herrgott. Nicht rütteln, nicht zweifeln, nicht auflehnen — was von da oben kommt, das ist richtig.
Und da nun ihr Großkind von der Herrschaft wie ihresgleichen gehalten wurde, entwuchs es ihr auch vollkommen und wurde in ihren Äugen auch etwas so viel Höheres u.:d Besseres, daß sie niemals ge>vagt hätte, sich ihm zu nähern oder irgendwelchen Anspruch zu erheben.
Der neue Herr Pfarrer hatte sie rn arge Bestürzung ur.d Verwirrung gebracht als er die alte Geschichte wieder aufrührte und sich nach Fränzes Vater bei ihr erkundigte. Das war eine Bedrängnis gewesen, denn vordem Herrn Pfarrer, der des lieben Herrgottchens Stellvertreter war, konnte inan doch nicht leugnen und lügen. Wie gut, daß sie die Geschichte noch mit dem alten Herrn Pfarrer abgemacht und sich strenge Weisung gelullt hatte. Sie war schon ein bißchen schwach im Kopf, da konnte sie inuner nur sagen, daß sie nichts wisse, daß sie alles vergessen habe, — beinahe war es ja auch so.
Und dann der Schreck, als das gnäd'ge Frauchen auf einmal mit der Guste ihrem Kinde zu ihr in ihr armseliges Stübchen kam!
Göttchen, Göttchen, sie konnte sich kaum aufrecht halten, wischte mechanisch immer wieder mit der Schürze über die Ofenbank und den alten Holzstuhl und wackelte dazu mit dem greisen Kopfe. Währenddessen sprach dc>3 cmäd'ge Frauchen und machte ihr klar, daß de: Herr
Pfarrer gewünscht habe, die Fränze solle einmal ihre Großmutter kennen lernen und ihr die Hand geben.
Alle drei Personen fühlten sich so ungemütlich wir nur irgend möglich. Frau Minchen dachte, daß der Pfarrer ein ekliger Kerl und dieser Besuch eine damm- liche Komödie sei. Tie alte Glagsche war ganz ohne Besinnung und grinste nur immer und Fränze stand steif wie ein Bock, während ihre Pflegemutter ihre ketzerischen Gedanken gegen den Herrn Pfarrer in anerkennende Worte kleidete rmd die daminliche Komödie in Szene zu setzen versuchte.
„Gib deiner Großnintter die Hand, Fränze, und gib —" sie wollte eigentlich hinzusetzen, „und gib ihr einen Kuß", aber Fränzes Augen funkelten sie so drohend und zugleich flehend an, daß sie innehielt und sich dann verbesserte: „Und gib ihr den Nanien, der ihr gebührt."
Das war sehr schön ausgedrückt und erlveckte in Frau Minchens Herz beinahe so etwas wie Rührung rmd Interesse.
In Fränzens nicht. Die Romangefühle verließen sie in diesem Falle und auf sich angewandt vollkommen. Sie trat nur sehr zögernd vor und ihre Hand hob sich ganz langsam.
„Na, Glagsche, geb' Sie nian der Fränze die Hand, genier' Sie sich nicht", ermunterte die Gutsherrin.
Die alte Glag wischte und wischte an der knochigen, verarbeiteten Hand und faßte dann die weißen, widerstrebend gebotenen Fingerchen behutsam wie ein zerbrechliches Ding. Aber unter der Berührung der jungen, warmen Mädchenhand quoll plötzlich etwas Heißes, zärtliches in ihrem alten, öden Herzen auf. Ganz fest schlossen sich ihre Finger um die Fränzes, Tränen traten in die blassen, matten Augen und immerzu mit dem Kopf nickend, murmelte sie- „Jo, jo, dat is min olle, leiwe Margell, min Guste. Göttchen, Göttchen, Ivie se lciwt un lewt, min olles, godes Kindl — Daß ich daS noch erlew —!"
„Sag Großmritter zu ihr, Fränze", mahnte Frau Minchen rmd wischte sich ergriffen die Augen.
Fränze biß die Zähne zusammen und preßte dann kurz und hart hervor: „Großnintter!"
Ein glückseliges Leuchten lief über das runzelige Gesicht der Alten. „So'n sein S Freilsinche un sagt zu mir Großnintter! Jo, jo, die Guste, die hatt's zil waS gebracht! Se yatt' immer w was Strebsam's! Un nn jetzt ihr Kind! Se sieht ihr ganz ähnlich, — man bloß die Augens hat se voni Badder, de blauen Augens!"
Vorbei war es mit Frau Minchens Rührung, sie zuckte erschreckt zusammen. Was faselte die Alte da von den blauen Augen des Vaters?
„Was red't Sre für dnmnr Zeugs, Glagsche", fuhr sie die Alte heftig an. „Sie ist 'ne alte, gebrechliche Frau, der solche Aufregungen nicht mehr gut tun. Komm, Fränze, wir sind lang genug hier gewesen. Gib deiner Großmutter die Hand zum Abschied."
