Verlag Langgaffe 21
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„TagblatihauS" Nr. «650-53.
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Zreilag, N. 5lugust 1916.
Morgen-Kusgabe.
Nr. 377. ♦ 64. Jahrgang.
Die neue Greuel-Campagne.
(Von unserem früheren Pariser Mitarbeiter.)
Die „Deportation" der Bevölkerung von Lille, über welche die französische Regierung ein besonderes Ge l b b u ch verausgabt hat, hat wahre Tollwuts-Ausbrüche in Frankreich hervorgerufen. Eine amtliche deutsche Richtigstellung, die vielleicht kein Meisterstück politischer Kunst genannt zu werden braucht, weil in solchem Kanrpfe ein ganz anderer Ton nötig ist, um bei den Neutralen die von der feindlichen Provaganda erzielte Wirkung auszugleichen, hat erklärt, daß man im besetzten Gebiet zur landwirt- schaftlichen Arbeit städtische Hilfskräfte heranziehen mutzte, was vielleicht nicht immer ganz ohne Härten obging, da sich freiwillig keine genügende -Zahl gemeldet hatte. Es läßt sich kaum ein Geschehnis denken, aus dem der Feind Deutschland ein Verbrechen machte, und das sich unter den gegebenen Umständen leichter rechtfertigen lietze, als die notwendigerweise er- zwungene Mitwirkung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten an ihrer eigenen Verköstigung. Die unver- frorenen Bedingungen, die AZquith an die amerikanische Verproviantierung des besetzten Landes knüpfen wollte (und die auch von deutscher Seite eine in der Form schwache Zurückweisung erfuhren), waren der beste Kommentar zu denk an tendenziösen Entstellungen reichen französischen Gelbbuch. Was die französischen Grenelkampagne aus der Geschichte wieder zu machen wußte! Man möchte die Herrschaften beinahe bewundern, 'wäre rhr Geschäft nicht so widerlich.
„Ich glaube nicht" schreibt der einstige Lustspiel- Verfasser Capus im „Figaro", „daß die französische Nation, die in Lille und Roubaix eine in ihrer Geschichte beispiellose Demütigung erfahren und zugesehen hat, wie fünfundzwanzigtausend ihrer Kinder in die Sklaverei sortgeschleppt wurden, sich geduldig dieser Schmach unterwerfen wird. Soll damit gesagt sein, daß wir bei unserem Einzug in Deutschland Kinder und Greise erwürgen, die Töchter vom Rhein als unsere Mägde davonfüh'-en müssen? Welche Torheit. Aber ohne Mitleid wollen wir sein und grausam strafen. So müssen wir dem besiegten Deutschland gegenüber denken-. . . . Mitleidslose Kriegführung und Friedensbedingungen fordert unser Rachegeist. Der Flug riach Karlsruhe, dos ist die rechte Art der Rache und der Repressalien! Später kommt dann die Pflege des fortdauernden Hasses in der neuen Generation; den Namen der Henker das Schandmal aufgedrückt, Strafe auf Strafe gefordert — eine französische Erziehung, bei der Deutschland in seiner Verkommenheitv gezeigt werden wird. Denn selbst wenn man sich auf den menschlichen Standpunkt stellt, und wenn es auch nur die geringste Aussicht gibt, das deutsche Volk wieder zur Ordnung der Zivilisation zurückzuführen, liegt diese Aussicht hier. Sie liegt nicht in der Schonung, deren freiwillige Opfer wir werden würden, und auch nicht in der Empfindsamkeit, auf die der Gegner lauern würde, uni uns erneut an die Kehle zu springen." Aber kann man itberhaupt das deutsche Volk zur Ordnung der Zivilisation zurück- sühren? Liest man doch im „Echo de Paris": „Die Wahrheit ist, daß Deutschland nie zivilisiert gewesen ist. Und die braven Leute, die erstaunt sind, im heutigen Deutschland nicht das „alte Deutschland" wiederzuerkennen, das so tugendsani und poetisch war, sind nun Opfer ihrer romantischen Einbildung. Das verträumte, bescheidene und hübsch friedliche Deutschland war nur ein ängstliches Deutschland, das sich aus Furcht duckte. Zeitweise erschien es zivilisiert, unter französischem Einfluß. . . . Aber wenn es sich emanzipierte, zeigte es sich, daß die Zivilisation nicht seine Natur änderte, die wild ist. ... Es ist die fort ge- setzte Barbarei, unabänderlich, mitten in Europa eingepflanzt und seit Jahrhunderten das Unheil Europas." Dichter, Gelehrte, Künstler, Historiker, Philosophen, Handwerker — alle französischen Patrioten durcheinander suchen auf ihreni Gebiete nachzu- weisen, daß nur von Barbarei, nicht von Zivilisation die Rede sein kann.
Man muß sich in Deutschland mit diesem Paroxys- nius abfinden. Das hart geprüste Land braucht für die neuen verzweifelten Opfer, die von seinen Lenkern gefordert werden, ein äußer st es Reizmittel. Es darf nicht zum klaren Denken kommen. Denn wenn nian ihm Zeit ließe, die Kriegsaussichten ruhig und besonnen zu überblicken, würde es aus dem neuesten Gelbbuch ganz besondere Schlüsse ziehen. Es würde sich sagen: Unser britischer Verbündeter versucht mit französischer Unterstützung Deutschland auszuhungern. Und dies Deutschland, dessen Frauen und Kinder wir dem Hungertod preisgeben sollen, hat in seiner unbeschränkten Gewalt die ganze Bevölkerung unserer verlorenen Norddepartements. Könnte der nicht Schlimmeres geschehen, als genötigt m werden, die Ernte von den Fel
dern einbringen zu helfen? „Wir müssen sie befreien?", dröhnt die Kriegspresse. Im Trommelfeuer Haigs und Fochs sollen die Felder und Städte vernichtet werden, die jetzt noch den zu Befreienden Nahrung und Obdach geben! Das Verhängnis will, daß der Eisenhagel nicht nur den Feind trifft.
Das Unglück und das Glück der Franzosen ist es, daß dieser Feind sittliche Kraft genug besitzt, um mit der eisernen Mauer sich und das besetzte französische Land zu schirmen. _
Die Lage im westen.
Die französische Meinung über die gegenwärtige Kriegslage.
Hoffnung auf zwei Rettungssterne.
(Von unserem Kr.-Sonderberichterstatter.)
Kr. Genf, 10. Slug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Oberst Rousset sagt im ..Petit Parisien": Das wich
tigste Ereignis sei im Verdunsektor die Wiederein- u ahme des Zwischenwerks Thiaumont durch die Deutschen. Viermal seien die Franzosen bereits Besitzer der furchtbar umstrittenen Ruine gewesen, so daß sie leider einen allzu teuren Preis dafiir bezahlten. General Berteaux lenkte die Aufmerksamkeit der Franzosen, die über den Stillstand der Franzosen bei der Offensive an der Somme verstimmt sind, auf zwei Rettungs- fterne am Entente-Himmel: die Fortdauer der russi
schen Hochflut und die neuen Fortschritte der Italiener! Allerdings sei übertriebener Optimismus an der Südfront noch verfrüht. Der Brückenkopf befinde sich inmitten eines natürlichen Felsenzirkus, der die eigentliche erste Linie der Österreicher darstelle. Deshalb werde die Offensive noch auf viele schwer zu überwindende Hindernisse stoßen. Die Zeitung „Paris-Midi" jubelt, weil die Divlrmaten es durchgeseht haben, daß die portugiesischen Hilfstrupprn nicht nach Saloniki, sondern an die Westfront kommen. Die „Liberte" meint, die Hilfe Portugals wäre mehr eine moralische Unterstützung, da die Ent- scndung von 24 000 Portugiesen an die Westfront im Ver- bältnis zu dem Millionenheer, das dort kämpfe, auf die Lage kaum einen irgendwie entscheidenden Einfluß ausüben könnten.
Englischer Fliegerangriff aus eine Lust- schisfhalle bei Brüssel.
Ein Bericht der englischen Admiralität.
W. T.-B. London, 10. Slug. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Reuter meldet: Die Admiralität teilt mit: Bei Tagesanbruch griffen Marineflugzeuge unter starkem Feuer die feindliche Luftschiffhalle in Evere bei Brüffel an. Sie wurde aus einer Höhe von 200 Fuß erfolgreich mit Bomben belegt. Man sah, wie 8 B o m b e n die Halle trafen, aus der dichte Wolken weißen Rauchs emporstiegen. Unsere Flugzeuge sind wohlbehalten zurückgekehrt.
Die amtlichen französischen Berichte.
W. T.-B. Paris, 10. Slug. (Nichtamtlich.) Amtlicher Bericht vom Mittwochnachmittag: Nördlich der Somme ver
suchten die Deutschen heftige Gegenangriffe gegen die von den Franzosen gestern und vorgestern nördlich des Gehölzes von Hem eroberten Stellungen. Diese im Feuer gebrochenen Versuche kosteten den Deutschen schwere Verluste. Sie wurden zurückgeschlagen, ausgenommen an einem Punkte, wo sie einen Schützengraben wiedereroberten, der durch einen französischen Angriff größtenteils wiedergewonnen wurde. Das Vordringen der Franzosen in den Stücken, welche die Deutschen besetzt halten, geht mit Hilfe von Handgranaten lebhaft weiter. Zwischen dem Gehölze von Hem und dem Flusse beschossen die Deutschen mit schwerem Geschütz die Stellungen, welche die Franzosen ausbauen. In der Gegend von E h a n l n e s dauert der Slrtilleriekampf, besonders zwischen Lihons und der Bahn nach Chaulnes kräftig fort. Dort drangen die Deutschen an einem Punkte in vorgeschobene französische Grabenstücke ein, aus denen sie unverzüglich mit dem Bajonett herausgeworfen wurden. Auf dem rechten Maasufer dauert der Kampf um Thiaumont einen Teil der Stacht über an. Nachdem zahlreiche deutsche Slngriffe abgewiesen waren, faßtendieDeutschen dorterneut Fuß, während die Franzosen weiterhin die nächsten Zugänge zu dem Werke besetzt halten, das ihre Artillerie energisch unter Feuer nahm. Im Dorfe F l e u r y machten die Franzosen mit Handgranaten einige Fortschritte. Sie schlugen rmch lebhaften Kämpfen einen deutschen Angriff auf einen ihrer Schützengräben im Walde von Vaux und Chapitre ab.
Luftkrieg. Ein französischer Flieger verfolgte ein feindliches Flugzeug südlich Luneville und zwang es vor den französischen Linien zu landen, wo die Artillerie es zerstörte. An der Maassront lieferten französische Flieger zahlreiche Kämpfe. SeckS deutsche, ernsthaft getroffene Flugzeuge gingen jäh in ihren Linien nieder. Ein deutscher Fesselballon wurde zerstört. In der Nacht zum 9. August warfen fran-- zösische Flieger Geschosse auf die Pulverfabrik Rottweil am Neckar. 150 Kilogramm auf die Gebäude abgeworfener ExplosionSstoffe riefen dort Brände und Explosionen
hervor. Abteilungen von 20 und 30 französischen Flieger» flogen über die Vogesen und den Schwarzwald. Im Lauft derselben Nacht warfen französische Geschwader 44 Geschosse auf die Bahnhöfe Audun-le-Roman, Longuhon und Mont- medy und 88 auf die Eisenbahnstrecke von Terginieres nach dem Bahnhof Lafere.
W. T.-B. Paris, 10. Slug. (Nichtamtlich.) Amtlicher Bericht vom Mittwochabend: Nördlich der Somme eiferten
wir einen Graben nördlich des Gehölzes von Hem, wo der Feind in der letzten Nacht Fuß gefaßt hatte, voWändig zurück. Wir machten dabei 50 Gefangene. In der Gegend nördlich des Gehölzes von Hem, wo ein für uns günstig verlaufender lebhafter Kampf entbrannt ist, dauern unsere Fortschritte an. Stuf dem rechten Maasufer große Tätigkeit der beiderseitigen Slrtillerien im Slbfchnitt von Thiaumont, Fleury, Vaux, Chapitre und Le Chenois. Keine Jnfanterie- tätigkeit. Auf dem übrigen Teile der Front verlief der Tag verhältnismäßig ruhig.
Flugdienst. Ein französisches Flugzeug, das die Rvttweiler Pulverfabrik am Neckar mit Bomben bewarf, was bereits im Nachmittagsbericht gemeldet worden ist, war von den Unterleutnants Baron und Emanueli geführt.
Die amtlichen englischen Berichte.
W. T.-B. London, 9. Slug. (Nichtamtlich.) Amtlicher Bericht. Nordwestlich P o z i e r e s rückten die Australier ihre Linien 200 Dards in einer Front von 600 Fords vor.
W. T.-B. London, 9. Slug. (Nichtamtlich. Reuter.) Amt- licher Bericht des Generals Haig: Wir rückten nördlich von Pozieres etwas weiter' vor. Der Feind beschoß gestern Nacht heftig unsere Schützengräben beim Vorsprung von V p e r n und unternahm einen starken Angriff, der wenig Erfolg hatte. Der Feind war nicht imstande, in unsere Linien einzudr'ngen.
Die ungünstige französische Handelsbilanz.
W. T.-B. Bern, 10. Aug. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Nach einer Statistik der französischen Oberzollverwaltung betrug im ersten Halbjahr der Wert der Einfuhr nach den Preisen von 1914 berechnet 4453 Millionen, der Wert der Ausfuhr 1717 Millionen Franken. Die französische Handelsbilanz ergibt also bei dieser Berechnung einen Fehlbetrag von 27414s; Millionen Franken. In Wirklichkeit sind aber nach dem „Temps" bei den jetzigen Preisen die Einfuhr- Wertziffern um 91 Prozent auf 8516 Millionen und dis Ausfuhrziffern um 50 Prozent auf 2573 Millionen zu erhöhen. Der Überschuß der Einfuhr des ersten Halb- lahres 1916 beträgt also 5943 Millionen.
Der Krieg gegen England.
Zur Hinrichtung des Kapitäns Fryatt.
Die englische Regierung ans der Suche nach ./Vergeltungsmaßnahmen^.
W.T.-B. London, 10. Aug. (Nichtamtlich. Draht- bericht.) Reuter meldet. Im Ooerhause erwiderte Lansdowne auf eine Anfrage, m der als Vergeltungsmaßregel für die Ermordung des Kapitäns Fryatt die Beschlagnahme des feindlichen Eigentums in Groß- britannien angeregt wurde, diese Art von Vergeltung sei sehr verschieden von denk Versuch, Handlungen für Barbarei und der grausamen Verfolgung durch Handlungen ähnlicher Art zu erwidern. Bei einem Wett- bewerb solcher Art würde England leicht von seinen Feinden überholt werden. Vergeltung nicht gegen die Person, sondern gegen den Geldbeutel des Fe i n d e s sei etwas ganz anderes. Die Regierung habe schon die Möglichkeit eines Vorgehens in dieser Rich- tung geprüft, doch seien schwierige ko mm er- zielle Fragen dabei im Spiel. Die Regierung beratschlage gegenwärtig mit maßgebenden Persönlich- ketten aus der Handels- und Bankwelt.
Eine neue Vergewaltigung der Neutralen durch England.
Unterbindung des Schiffsverkehrs mit de» Jsland- i ns ein.
Bi-. Christiania, 10. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens Bin.) Wie schon gemeldet, hat England die Jslandinseln durch Unterbindung des Schiffsverkehrs von der Außenwelt abgesperrt. Dänemark, Schweden, Norwegen und Holland werden dadurch um viele Millionen geschädigt, da der Fischfang bei Island gerade jetzt in der Zeit des Hoch- betriedes verhindert wird. Das der norwegischen Re- gierung nahestehende „Tagblad" bringt darüber Mit- teilungen, aus denen sich ergibt, daß selbstverständlich nicht Dänemark, sondern England die Herrschaft über Island inne hat. Die isländischen Behörden wurden von England gezwungen, eine Verordnung zu erlassen, wonach es verboten ist, Ladungen von Island mit anderen Schiffen zu befördern, als mit solchen, die vor Erreichung des Bestimmungshafens erst Krrkwall oder einen anderen englischen Hafen anlaufen.
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