3 Morgen -Vell age 6es Wiesbaden er Tagblatlr.
Donnerstag 10. fluauft.
1916 ,
(B. Kortsetzung.)
Fränze lernte viel schlechter als Fee, aber sie opponierte nickt so heftig wie diese, und sie hatte sonst w niedliche, zierliche Mädchmeigenschaften, daß Frau Minchen ihr im Wissenschaftli.chen viel nachsah und auch der Nachbarin, Frau B-rta, gegenüber oft Fränzes Vorzüge mehr anerkannte als die ihrer eigenen Tochter.
Das mochte Frau Berta nun durchaus nicht hören, sie nahm es beinahe übel, wenn die Fränze auch nif in einem Punkt über die Fee gestellt wurde. Und dabei war es doch nichts Seltenes, daß sie selbst die Fränze rer Fee als Beispiel vorhielt. Schon als Kind hatte sie ihren Liebling vorgenommen und ihm gepredigt: „Aber Feechen, wie sehen denn deine Puppen schon wieder aus> Weihnachten ist kaum vorüber und sie liegen verstaubt und achtlos im Winkel: Sieh mal, wie ordentlich und hübsch die Fränze ihre Puppenkinder hält!"
Tante Bertchen durfte sich solche Ermahnungen erlauben. Meistenteils blieben sie zwar auch ohne nennenswerten Erfolg, aber Fee unterhielt mit Tante Bertchen doch intime Beziehungen und ließ sich von ihr mehr beeinflussen, wie von sonst einem weiblichen Wesen, vihr gegenüber ließ sie sich auch zu Erklärungen herbei, was sie der Mutter gegenüber selten tat.
, Sie nahm dann Tantes Hand und sah sie sehr ein- dringlich an.
„Na ja, die Fränze, — die spielt auch gern mit Puppen, ich aber nicht. Ich habe keine Zeit dafür, ich muß mrt Väterchen in die Wirtschaft gehen. Sag doch selbst, trautstes Tantchen, so ein kleines Kalb oder Ferkel ist doch tausendmal hübscher als eine langweilige steife Puppe, die nicht Mäh und nicht Bäh sagen kann. Warum schenkt Muttchen nur immer die ollen Puppen? ^ch mag auch nicht mit Fränze spielen, das langweilt mich. Immer kriegt sie Kinder, — das ist doch zu dumm! Mir macht das keinen Spatz. Ich kriea' doch lieber Lämmer und Füllen! Na ia, nun lachst du> Ab°r es ist doch wahr, Tantchen!"
Und später, als oie Mädchen heranwuchsen und Frau Minckens Arger und Kummer immer größer wurde weil Fee nicht das leiseste Interesse und die geringste Sorgfalt für ihren Anzug zeigte, während Fränze zier- Ikch wre ern P.üpvchen einherschritt, verteidigte sich Fee vor den kopfschüttelnden Ernrahnungen Tante Bertas- „Gott ja, es tut mir ja um Muttchen leid, daß die immer mit mir schelten muß. aber sieh mal. Väterchen ist doch mit mir zufrieden, und da Muttchen die Fränze hat. .'st st« ja airch versorgt. Die Fränze ist viel hübscher als ick, die gelallt Muttchen besser."
„Unsinn, Kind", widersprach Frau Berta erschreckt, „deine Mutter erlebt nur an Fränze mehr Freude. Hat Fränze iemals eine so liederlich sitzende Bluse, so bän- gende Litze am Rocksaum, solch einen Strubbelkopf?"
auf, Tantchen, ich weiß alles, was du noch aufzahlen könntest! Muttchen sagt es mir täglich, fang' du nicht auch noch an! Was ihr für komische Leute seid. Ein Ruck, dann sitzt die Bluse tadellos, eine Stecknadel oann siebt kein Mensch nrehr etivas von der vorwitziaen
§rau Minchenr Narretei.
Humoristischer Roman von Ȋtr van Beeter.
(Nachdruck verboten.)
tsa2, Haar — ja, lieber Himmel, ich kann midS mctjt eim3 ft r tege[n und bügeln wie Fränze. Sieh mal, .an'chen, rch Hab ja die Fränze ganz gern, wenn ich mir eigentlich auch gar Nichts aus ihr mache, aber du mußt doch selbst sagen, daß wir nicht miteinander zu der- g.eichen^srnd. Sie ist Mutters Puppe und ich bin füfedjen Inspektor, kein gelecktes Schmeichel-
,,Bitte sehr. Fee, du bist ein heranwachsendes, junges Mädchen, eme angehende junge Dame."
„Um Himmels willen. Tantchen, noch lange, lange, lange mcht! Na ja, nun fängt der Konfirmations- "u'errlcht an, und wenn wir eingesegnet sind, droht Muttchen mit langen Kleidern, o jeh! Aber eine junge Dame bin ich auch dann noch lange nicht! Ja, Fränze. y . ,./^st ^un Muttchens Romane und findet eS
himmlisch, wenn Sie schmachtet, und Er schmachtet! Mir wird übel davon! Ich Hab' eben kein Zeug zur Ulngen Dame! Ich überlaß das Fränze. Du, Taut- chen. 'ch glaube, letzt schmachtet sie für deinen Rolf'"
Und dabei lachte Fee wie toll, sprang wie ein junger Ziegenbock im Zimmer herum, so daß ihre Bliise wieder von allenSeiten aus demGürtel hing, die mitderSteck- nadel befestigte Litze wie eine Schaukel wogte und die Zopfe rechts und links über die Schulter flogen.
Tante Berta runzelte unwillig die Stirne, erstens über die wirklich wenig liebreizende Figur, die Fee machte, zweitens in Gedanken an das Korn Wahrheit das möglicherweise in deren letzten Worten stecken konnte. Sie hatte für die Fränze gar nichts übrig. Sie konnte die kleine, verführerische Person mit den Flur,- keraugen, den sich schon itppig rundenden Formen und dem sehnsüchtigen Zug um den vollen, roten Mund mit wdem Jahre weniger leiden und sah cs höchst ungern, wenn ihr Junge, der seit der frühesten Kindheit der beiden Mädchen erst deren Spielkamerad, dann treuer Beschützer gewesen war und letzt in seiner jungen Stuoentenwurde schon manchmal ein bißchen Kur- schneider spielte, sich um Fränze mehr zu tun machte als um Fee.
Neulich hatte Rolf gesagt, daß Fee !vie ein zerzauster, schmutziger Spatz aussehe während Fränze einem niedlichen, saubergeputzten Rotkehlchen gliche.
Das wckr das Richtige, wenn der Schlingel schon an- fing, solche Vergleiche zri machen! Rotkehlchen! Keck und neugierig genug waren freilich die Augen von dem Tmg!
„Red' nicht so albernes Zeug!" fuhr sie die noch immer lachend im Zimmer Herumtanzende streng und erzürnt an. „Und spring nicht wie ein Walroß im Zimmer herum! Alle Wände zittern! Dich hat der ftebe Herrgott wirklich im Zorn zum Mädchen gemacht! Wie ern Strauchdieb siehst du aus?"
„Finde ich auch, Tantchen, alles und besonders Wal- roß ist entzückend zutreffend", nickte Fee ungekränkt. „Dank du dem Himmel, daß ich nicht deine Tochter bin!" Aber das tat Frau Berta doch nicht. Das wilde,
