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Mittwoch, 9. Kugust 1916.
Morgen-klusgabe.
Nr. 373. . 64. I«hrsan-.
zranzöfische Irrlichter.
Unser früherer Pariser Mitarbeiter schreibt uns:
Niemand kann es den Franzosen verdenken, daß sie sich gerade jetzt im Wahne befinden, das Schicksal werde sich doch noch zu ihren Gunsten drehen. Es wird wieder das System des Draufaehens ausprobiert,, und zwar von den beiden Generalen, denen der royalistische vormalige Generalstabschef Joffres, der Marquis de Lastelnau, zu Berühmtheit verhalf, von F o ch, der südlich der Somme befehligt, und von P6tain, der werter bei Verdun standhält. Beide sind gewiß ausgezerch- nete Soldaten, denen auch die deutschen Gegner nrcht bestreiten, daß sie ihre Truppen zur höchsten Tapferkeit anzufeuern wußten. Frankreich kann ihnen aber in der Zukunft keinen Dank wissen; denn sie haben den tödlichen Aderlaß fortgesetzt, der die Rasse entkräftet, ohne daß die Befreiung eines nur nennens- werten Teils vom besetzten Gebiet zu erwarten war. Zur Stunde sind sic Nationalhelden. Auch der Engländer Saig wird von einer allerdings aus der City gespeisten Pariser Presse volkstümlich gemacht. Unter dem Eindruck auch der täglich riesenhaft aufgemachten Nussentrinmvhe sieht so das gallische Völklein beim Eintritt in das dritte Kriegsjahr tausend Irrlichter tanzen.
Dazu konimt, daß man den Franzosen die Zustände in Deutschland in einer Weise schildert, die das Der- trauen fördern muß. Es muß gesagt werden, daß die innere deutsche Politik den Stimmungsmachern jenseits der Vogesen ihre Sache recht erleichtert. „Der Vergleich ist seltsam", schrieb unlängst der „Temps", „den man täglich zwischen der Presse der Entente, und der Mittelmächte anstellen kann. Bei uns nur Kriegs- Nachrichten. In den feindlichen Zeitungen nur Auseinandersetzungen über den Frieden. Obendrein gesellt sich zu diesem Gegensatz noch ein anderer. Als unsere Heere schlimme Tage kannten, redete unsere Presse deshalb nicht mehr und nicht weniger vom Frieden. Die deutsche Presse redet im Gegenteil jedesmal vom Frieden, wenn die Dinge schlecht stehen." Nun weiß der „Temps" zwar sehr genau, daß ein Pariser Zensurukas die Erörterung von Friedenszielen streng untersagte, was Maurice Barrds Anlaß zu bitterer Klage gab. Er weiß ebenso genau, daß die Erörterung der Friedensziels in Deutschland sich nicht im geringsten von der Kriegslage beeinflussen ließ und daß ihre Tendenz jedenfalls nicht auf Ängstlichkeit in Hinsicht auf den Kriegsausgang schließen läßt. Aber daß er die deutschen Auseinandersetzungen über die Friedensbcdingunqen bei seinem Lesepublikum niit Erfolg also zu mißdeuten vermag, enthält doch die Lehre, wie vorsichtig alle Äußerungen jetzt auch mit Rücksicht auf ihre Wirkung beim Feinde abgewogen weren müssen. Man sollte ruhig die Fortsetzung des an sich nicht nutzlosen Meinungsaustauschs vertagen, bis die Offensive des Vierverbandes sich ausgetobt bat; dann wird man sie, ohne falsche Auslegung von feindlicher Seite, wieder zweckmäßig dort auf- nehmen können, wo man sie jetzt verlassen. Ferner ist die Erörterung, welche Aussichten die „Hungerkur" bei den Mittelm ächten eröffnet, auch jetzt wieder das Lieblingsthema der französischen Zeitungs- männer. Sie sind ganz davon abgekommen die blöden Übertreibungen zu wiederholen, in den sie sich im Vorjahr gefielen. Gewiß bauschen Genfer und Amsterdamer „Sonderberichterstatter" jede Reiberei beim Butterstehen usw. zu „Emeuten"auf, doch hält man es für klüger, selbst vor allzu hohen Erwartungen zu warnen. Man müsse sich mit der Überzeugung begnügen, daß die Unterernährung langsam aber sicher die „Boches" mürbe machen werde. Im Grunde glaubt so das französische Volk, daß es dem deutschen recht schlecht ergeht; bei Gefangenen gefundene oder auch nicht gefundene Briefe von den Frauen daheim, die täglich in der Pariser Preise abasdruckt werden, bestärken in der Meinung, daß die Auszehrung schon recht weit fortgeschritten sein müsse. Somit spuken auch hier in Frankreich allerlei Irrlichter.
Wie aber steht es mit der eigenen moralischen Kraft des Durchhaltens bei den Franzosen? Daß ihre Pessimisten nicht ausgestarben sind, beweist, wie nachdrücklich sich immer wieder gewisse Leitartikler der Boulevardorgane mit ihnen beschäftigen. Die Steuerung ist groß, das Elend in manchen Berufsständen zweifellos sehr drückend: allein 900 000 Flüchtlinge aus den besetzten Gebieten liegen den Gemeinden zur Last. Der Kohlenmangel schaltet einige französische Industriezweige völlig vom Wettbewerb mit den englischen auf dem internationalen Markte ans, weshalb die Einfuhr gewaltig anwächst und die Ausfuhr daneben ein kümmerliches Verhältnis aufweist. Die teils mäßige Ernte kann nicht eingebracht werden, nicht bloß, weil die Männer fort sind,, sondern weil die Bäuerinnen — Hervö gestand es in „La Victpire" —
auf den Krieg erbost sind und alles liegen lassen. Und von dem gesprächigen Hervs erfahren wir weiter, daß nach der Pariser Truppenschau, als auf der Place de la RÄpublique Soldaten in Autolastwagen iveggefahren wurden, voni Publikum Hochrufe auf das Heer ausgebracht wurden, daß aber, als ein Arbeiter rief: „Jetzt kommen die Offiziere — hört aus mit dem Beifall!", tatsächlich die Menge den letzten Wagen unter beinahe eisigem Schweigen abfahren ließ. — Es gibt demnach auch bei den Franzosen M i ß st i m m ungen, die wir zu verallgemeinern uns hüten wollen!
Die Hauptsache bleibt auch sür den Feind die Haltung des Heeres. Das hat zu Beginn des dritten Kriegsjahres augenscheinlich wegen der neuangeschaff- ten Artillerie und der herumwimmelnden Tommies die Zuversicht zurückgewonnen. Es geschieht sehr viel, um in den französischen Laufgräben an die Unbesiegbarkeit des Vierverbandes und an den bevorstehenden Zusammenbruch der „Boches" glauben zu machen. Der neueste Kampfruf: „SNous les aurons!" („Wir kriegen sie>") ist sehr beliebt. So muß sich denn dieser neue Kampfeifer weiter ausgeben. Erst wenn das, englische Geschütz sich verschossen hat: wenn der russische Bar wieder niit blutenden Tatzen nach Osten umdreht und wenn noch ein paar Hiobsposten von anderen Kampfplätzen gekommen sein werden, dann wird es den tapferen „Poilus" und mit ihnen dem ganzen Volke der Republik klar werden, daß die Deutschen nicht aus dem besetzten Gebiet hinauszuwerfen sind und demnach die Sieger in dem großen Ringen bleiben. Diese Erkenntnis werden sie mit dem höchsten Preise bezahlt haben; es kann sein, daß sie früher eintreten wird, als man heute zu hoffen wagt. Denn auf die abermals vergebliche Siegesgewißheit wird, dem gallischen Temperament entsprechend, ein harter Zusammenbruch folgen. ^
Zoffresche Selbsttäuschung.
Eine Unterredung mit amerikanischen Jonrnalisten.
Sr. Rotterdam, 8. Aug. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) Joffre teilte Vertretern der amerikanischen Presse folgendes mit: Wir wissen gewiß, daß unsere Feinde ihre letzten Reserven einberufen: Es ist ihnen nicht mehr möglich, wie sie cs früher taten, ihre Reserven von einem Ort nach dem andern gehen zu lassen. Es ist nicht meine Sache, zu sagen, xiie lange der Krieg dauern wird. Vielleicht vergehen Wochen, vielleicht eine kürzere Zeit, bis endgültig die Erschöpfung der Kräfte der Feinde kommt. Es sieht fest, daß diese Erschöpftrng eintritt. Die Feinde wissen ebenso gut wie wir, daß der Wendepunkt bereits erreicht ist. Unser Land ist fest entschlossen, den Krieg siegreich zu beenden.
Die englischen Verluste in der Somme - Schlacht.
Sr. Berlin, 8. Aug. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) Im „B. T." schreibt Major M o r a h t : Während die britische Heeresleitung augenblicklich versucht, zwischen Thiepval und Bazentin-le-Petit nach Norde n den anhängenden Angriffsflügel vorwärts zu treiben, wachsen die Verluste des Feindes in größerem Maßstabe. In Deutschland wurden sie amtlich am 3. August mit 230 000 Mann berechnet. Diese Zahl dürfte inzwischen auf über 250 000 gestiegen sein. Holländische Zeitungen entdecken in englischen Z u s a m m e n st e l l u n - gen der Verluste einige Fehler und meinen ganz richtig, daß unsere Gegner bei weitem nicht alle Mannschaftsverluste bekannt geben. Daran wird die zutreffende Bemerkung geknüpft: Stimmt die Zahl der Mannschaftsverluste, welche England für Juni und Juli mit rund 65 000 angebe, so entfällt ein Offizier auf sieben Soldaten. Dabei kämpfen die Engländer so schlecht, daß Offiziere in größerer Zahl erforderlich sind, um die Mannschaften mitzu- schleppen. Ein Offizier auf 70 bis 80 Mann wäre das richtige Verhältnis. Hiernach würden sich die Mannschaftsverluste der Engländer auf eine halbe Million berechnen lassen. Ich neige dazu, anzunehmen, daß diese Rechnung der Wahrheit näherkommt als die englische. Wir können also, wie es uns aus allen Berichten der im Großen Hauptquartier informierten Berichterstatter entgegenklingt, behaupten, daß die Krisis der Somme-Schlacht vorüber ist. Ist das aber der Fall, so ist der ganze große Offensivplan der Alliierten gescheitert, wobei es ganz nebensächlich bleibt, ob es ihrer Überzahl noch gelingt, hier und da einen verlassenen Trümmerhaufen zu besetzen.
Die amtlichen französischen Berichte.
W T.-B. Paris, 8. Aug. (Nichtamtlich.) Amtlicher Bericht di m Montagnachmittag: Nördlich der Somme und in der ganzen Gegend von Chaulnes lebhafter Artilleriekampf. Auf dem rechten Maasuser griffen die Deutschen nach Artillerievorbereitung das Werk Thiaumont an; sie wurden durch unser Sperrfeuer angehalten, konnten nicht vorbrechen und wurden in ihre Ausgaugsgräben zurückgeworfen. In dem Wäldchen von Vaux und Chapitre begann um 7V 2 ; Uhr abends ein Angriff, der sich durch heftige Beschießung ankündigte Das Artillerie- und Maschinengewehrfeuer brach den Angriff, der vollständig scheiterte. An der übrigen Front war die Nacht ruhig.
Flugdienst: An der Sommefront lieferten die französischen Flugzeuge gestern zahlreiche Gefechte. Drei Flugzeuge wurden bei Roiglis, Omiscourt und Nesles abgeschoffen. Drei andere, die ernstlich getroffen waren, mußten in den deutschen Linien landen. Außerdem wurden zwei deutsche Fesselballone zerstört. In der Nacht zum 7. August warfen franzö- sische Flieger 20 Granaten auf den Bahnhof von Sablons, 30 auf den Bahnhof Thionville, 25 auf die Fabriken in Rombach und l2 aus Biwaks in Etain.
W. T.-B. Paris, 8. Aug. (Nichtamtlich.) Amtlicher Bericht tcm Montagabend: Nördlich der Somme nahmen unsere Truppen in glänzender Weise Ende nachmittags eine Linie deutscher Schützengräben zwischen dem Gehölz Hem und dem Fluß östlich 'des Gehölzes Monacu; 120 Gefangene und ungefähr 10 Maschinengewehre blieben in unseren Händen. Südlich der Somme war unsere Artillerie sehr tätig; sie richtete ein wirksames Zerstörungsfeuer auf feindliche Batterien in der Gegend von Lihons. Auf dem rechten Maasufer machten wir :m Verlauf einer Einzelunternehmung südlich des Werkes Thiaumont Fortschritte. Wir erbeuteten 5 Maschinengewehre und fanden in den eroberten Teilen zahlreiche deutsche Leichen. Nach einem ziemlich lebhaften Kampf nahmen wir einige Häuser deL Westteiles des Dorfes Fleurh.
Belgischer Bericht: Im Lauf der Nacht und des Tages
war die Artillerie an der Front der belgischen Armee tätig, besonders gegen Dixmuede und Steenstraete. Ein Bombenwerferkampf, der stattfand, eiidete zu unseren Gunsten.
D?e amtlichen englCiHen
W. T.-B. London, 7. Aug. (Nichtamtlich.) Amtlich wird gemeldet: Bericht des Generals Haig. Die Lage ist unverändert. Feindliche Gegenangriffe bei Pozieres. Neuville und Saint Vaast wurden zurückgesch'agen. W>r behielten das xonzc gestern eroberte Gelände 'n Besitz.
W. T.-B. - London, 8. Aug. (Nichtamtlich.) Britischer Heeresbericht vom 7. August: Nördlich und nordöstlich von
Pozieres richtete der Feind nach heftiger Beschießung um 4 Uhr morgens entschlossene Angriffe gegen unsere neuen Linien. Er drang an einigen Stellen in unsere Gräben ein, wurde aber mit starken Verlusten daraus vertrieben. Zwei starke Angriffe, die um 0 Uhr vormittags angesetzt wurden, sind gleichfalls zurückgeschlagen. Ein weiterer schwacher Au- giiff nachmittags um 4 Uhr wurde abgewiesen und eine größere Anzahl Gefangener eingebracht. Anderwärts kleinere Zusamenstöße, in denen unsere Handgranateuwerfer erfolgreich waren.
Die Rückkehr der verschlechten Elsaß- Lothringer in ihre Heimat.
Sr. Karlsruhe, 8. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Wie die „Straßb. Post" meldet, konnten in den letzten Tagen noch zweijähriger französischer Gefangenschaft oie letzten verschleppten Einwohner aus. der Kreisgemeinoe Simbach in ihre Heimat zurückkehren, nachdem vor einigen Monaten bereits einige Frauen und Kinder entlassen worden waren. Dem früheren Transport elsässischer Schulkinder folgte in den letzten Tagen ein weiterer Transport aus dem elsässischen Dorf Rewenheim, welcher nach der französischen Kreisstadt St. Etienne gebracht worden war.
Der Nrieg gegen England.
Ein Kampf deutscher U-Boote mit englischen Trawlern.
W. T.-B. Vmuiden, 8. Aug. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) * Der Fischdampfer K. W. 126, von dem vor einiger Zeit die Meldung kam, daß 18 englische Fischerdampfer durch deutsche U-Boote in den Grund gebohrt wurden, berichtet, daß zuerst vier Trawler von einem U-Boot angegriffen wurden. Ein bewaffneter Trawler nahm den Kampf an, um den drei anderen Gelegenheit zu geben, in westlicher Richtung zu entkommen. Der bewaffnete Trawler „Nelly Mullens A. D. 69" wurde, nachdem noch zwei deutsche U-Boote aufrauchten, rasch zum Sinken gebracht. 11 Maust wurden von dem Logger Dockersbank „Sch. 197" ausgenommen. Diese Geretteten erzählen, daß tags vorher 14 englische Trawler von denselben U-Booten versenkt wurden. Die drei U-Boote, die „Nelly Mullens" zum Sinken brachten, verfolgten hierauf die drei flüchtigen Trawler. Man hörte s ch w e r es Feuer und man glaubt, daß auch diese drei Schiffe versenkt wurden.
Ein Geständnis Churchills.
Wie der „Nieuwe Rotterdamsche Courant" meldet, hat Churchill sich in dem Blatte „Sunden Pietorial" über den Ausbruch des Krieges geäußert. Er sagte, daß England vorbereitst gewesen sei. England sei bisher in allen Einzelheiten fertig gewesen, und zwar tu Ubrreinstimmung mit den sran- zöfischen Behörden. Acht Jahre habe England mit Herz und Seele gearbeitet nach dem Plane von Lord Haldane. Haldane ba' mit French und Nicholson alles fertigqcstcllt. Ein Heer von 4 bis 6 Infanterie-Divisionen mit Kavallerie sollte innerhalb 14 Tagen den französischen linken Flügel verstärken. England selbst sollte durch 14 Territoeialdivistonen geschützt werden. Der Plan war bescheiden, abcc praktisch. Das Maxinmm der Freiwilligen war au, genommen. Alles war beim A n s b ruck des Krieges fertig. Lre Generäle hätten den Plan gebilligt. Die Franzosen wußten genau, was sie bekommen wurden und wo die Hilfe geleistet werden solle. Alles Berufsmilrtär war darin einig, daß der Kamp'f kurz sem würde und in wenigen Wochen entschieden würde.
