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h=3 i Morgen-Seilage der Wiesbadener Tagblatts, s

nr. 183.

I vienstag» 8. Nuguft.

191b.

(8. Kortsetzung.)

«rau Minchens Narretei.

Humorijtischer Roman von Kitte van Beeker,

(Nachdruck verboten.)

„Wenn ich nicht so sicher gewußt hätte, das; ich swr- ken müßt'", sagte sie langsam und stoßweise und ihre Finger krampften sich dabei verzweifelt m das dicke Zu- — „aber so, wenn n>an doch sterben muß. dann ist

alles egal." — ...

Und dann erfuhr Frau Minchen,, was sie niemals geglaubt und gedacht hatte. Preßte die Lippen aufein- ander, biß die Zähne zusammen und druckte sich die Nägel in die Handflächen, sagte aber kem Wort, son­dern als das blasse, junge Weib ihr mit flehendem Bftck das kleine Leinenbundel entgegenstreck-e, schauerte zwa einen Augenblick wilde Empörung und Abscheu durch ihren Körper, aber ini nächsten faßte sie zu, um es aus den schlaffen Armen der Zurucksinkenden aufzufangen und an lich zu drücken. Die Guste lächelte noch emmal, dann brachen ihre Augen, das ernst so runde, weiche Gesichtchen wurde spitz und lang und die kleine, zierliche Gestalt streckte sich zum langen Ausruhen.. .

® Frau Minchen hielt das Leinenbündel rm Arm und sab starr zu der Toten nieder. Langsam und schwer gingen ihre Gedanken, sie hielt Gericht über iene und

tot, was ich tat, - womit du sündigest, damit sollst du gestraft werden. Ich habe kem Recht, sie zu verdammen, — auch ihn nicht. Menschen, sind wir alle, schwache, sündige Menschen. Er ist em junger Mann, — ich schob sie'ihm in die Arme, — sie war auchlung und hübsch, und sie hat gebüßt —. .

Neben dem ärmlichen Lager m die Kn« sinkend, betete sie leise: „Herr, vergib uns, unsire Schulch ww wir vergeben unseren Schuldigern. Dann nahm sie Sdas uneheliche Kind der braunen Guste mit sich. Si. legte es daheim an ihre Mutterbrust und sagte zu ihrem emtretenden Mann' „Es ist das Krnd der braunen Guste, die ich damals zu mm nahm, als unsere Fee er- wartet wurde. Einen Vater hat es nicht und die Mutter

llt Fritz Riedel taumelte und wurde leichenblaß, dann brach er zu Minchens Füßen nieder "nb weinte weinte wie ein großes, schuldbewußtes, trost.oses Kmd. Und sie strich ihm leise über den dunklen, schonen Locken­kopf, und während ihr das Herz m der, Brust wehtat und sie zum ersten Male den Mission rn ihrer Ehe, den großen Altersunterschied brennend empfand, tröstete sie ihn, milde mid verzeihend wie eme Mutter und

Freundin. _ . „

Das hat Fritz Riedel s-mer Frau me vergessen. Don diesem Augenblick an ist sie ihm wirklich das Höchst« und Beste gewesen, was das Leben ihm gab, und wenn er sie einst nur zu sich zog, weil ihr Besitz ihm die Tur öffnete zu dem, was er ersehnte, so wurde sie ihm für den Rest des Weges, den sie beide noch zusammen gin­gen wirklich die Frau seines Herzens, der er die Treue gehalten hat ohne Wanken und Weichen. .

So hotte Frau Minchen nun auf emmal zwei Töchter, für die sie sorgen und hoffen konnte, denn dar- über war sie mit ihrem Fritz in jener ernsten Stunde

übereingekommen, daß sie das Kind de^ braunen Gufb» behalten und erziehen wollten. Nicht mit dem vollen Rechte einer Haustochter, aber doch treu und sorgsam, zuerst als Spielgefährtin der kleinen Fee und späterhin vielleicht als deren Dienerin, oder als Mamsell, oder sonst etwas, wofür sie sich, eignen und schicken wurde. Das lag ja auch noch in weiter Ferne, und sie brauchten sich darüber noch nicht de,i Kopf zu zerbrechen.

Erst tat Frau Minchen das Nächste und Einfachste, nährte die beiden Mädchen an der eigenen Brust kum- werte sich nicht um das Gerede und Kopfschutteln der Gutsleute und Nachbarn, und wußte hebe neugierige und erstaunte Frage mit großem Gleichmut und der Berufung auf die Pflichten der Menschlichkeit zuruckzu- weisen. Sie hatte 'ich swon einmal über die Meinung und das Gerede der Menschen fortgesetzt und tat eS nun wieder. Wenn die lieben Nachbarn und das Ge- finde genug geredet hatten, wurden ne allmählich still werden, über anderes tuscheln und sich an diesem ge-

^Genau so kam es auch, die Wasser der Aufregung und Verwunderung, verliefen ach und allmählich mm alles wieder in die alte Ordnung. Frau Minchen führte wieder ihre Wirtschaft, strickte las Romane, be- suchte Frau Berta und wurde von dieser besucht, und ließ ihre beiden Mädchen sich still, und geruhsam neben- einander entwickeln und auswachlen.

Je weiter sie darin vorschritten, desto schwerer wurde das Herz der Mutter. Sie mußte emsehen lernen, daß Frau Berta recht gehabt hatte, als sie damals sc« pessi- mistisch behauptete, daß die Naturgeschichte ihre Nucken habe und sich selbst von den schönsten Schneewittchen- bildern nicht beeinflussen lasse. Die kleine Fee machte ihrem Namen keine Ehre. Feenhaft war an 'br nichts, alles nur gesund, frisch und kräftig, em stark, sehr stark rotblondes Landkind, an dem nur emes, auffiel und fesselte, das waren die total, unmotiviert braunen Augen, von denen sich nicht sagen lieh, woher sie kamen, da sie weder von der Mutter, noch vom Vater, noch von dem Schneewittchenbiide geerbt sein konnten, und dem Geschmack Frau Minchens sogar vollkommen

Dagegen blickte die kleine Fränze, deren natürliche Großmutter glückselig war. das so rätselhaft erschienene Großkind loszuwerden, aus den strahlenden, blauen Augen, die einst Frau Minchen das Herz gestohlen und sie angespornt hatten, den Weg zu betreten, der über ten unübersteiglich scheinenden Berg zum Gluck führte. Sie wirkten auch jetzt bei dein Adoptivkinds, das nchenber ein zierliches Dingelchen war mit braunen Löckchen, rosigen Bäckchen und weicher, zärtlicher Schmeichelnatur.

Frau Minchen konnte ihrem Herzen noch so strenge Predigten halten und es noch so ernst an seme ango- stammten Pflichten erinnern, es neigte sich m,t verzwei- felter Inkonsequenz und Gewisienlosigkeft über ihre bei­den eigenen Kinder fort dem Kinde ihres Mannes zm in dem cs nach jeder Seite hin reichere Befriedigung