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Der Roman.
il—- i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, i-—^
nr. 182,
Sonntag» 6. August.
1916.
(8. Fortsetzung.)
$van Minchens Narretei»
Humoristischer Roman von Süte van Beeker.
(Nachdruck verboten.1
Die hübsche Frau Berta Schiveichler hatte ihre Hof. lichkeit so weit getrieben, daß sie der lieben Frau Nach» barin noch immer den Vortritt ließ, trotzdem ihr Junge nachgerade auch schon fünf Jahre zählte. Aber die konnte es auch, denn sie hatte einen Staatsjungen, zier- lich und schlank gewachsen und voll Lust und Lebendlg- kcit strotzend. Es schnitt Frau Minchen immer ans Herz, wenn sie thren dicken Blonden gemächlich neben dem brünetten Wirbelwind hertrotteln und diesen ehrbar und bedächtig behüten sah. Solch ein guter Junge war ihrer, wirklich, so zuverlässig und brav, aber —! Ach, er könnte schon ein bißchen nichtsnutziger fern, wenn er nur auch ein bißchen hübscher, kecker und geweckter wäre!
Aber auf einmal schliefen alle Neidgefühle in Frau Minchens Herz ein. Das Wunderbare war da, das Heißersehnte, nicht mehr Gehoffte sollte Wirklichkeit werden, sie würde den liebenswürdig gebotenen Vortritt annehmen, sie. würde den rotbeinigen Adebar noch einmal in ihrem Hause begrüßen, ihm nach ueunjähri- ger Pause einen Knir machen und sein köstliches Ge- schenk mit jubelnder Seligkeit in Empfang nehmen.
Zwar ging ein Bangen durch ihre Seele. Die gebratenen Tauben würden ihr nicht in den Mund fliegen. Sie war jetzt 42 Jahre alt und sie sorgte, daß die Adebarbescherung recht viel Umstände machen und ste viel kosteir würde. Wer schließlich vertraute sie ihrer gesunden, kräftigen Natur. Sarah zählte mehr Jahre als sie, da ihr Isaak beschert wurde und was diese alt- testamentliche Dame zustande gebracht hatte, ohne Schaden zu nehmen, würde eine stramme Samländerm wohl auch noch fertig bringen. Die Seligkeit über das in Aussicht stehende Wunder verschlang alle Bedenken lind Ängste. Sie würde künftig eine Tochter haben, eine bildschöne, zierliche Tochter! Denn eine solche mußte es sein, davon ging Frau Minchen nicht ab. In ihrem Alter macht nian sich nicht mehr solche Umstände, wenn man nicht etivas Besonderes erwartet — eine Tochter mußte es sein!
Vater Fritz war gemüßigt beglückt über das süße Geheimnis. Ihm zerriß kein heißes Sehnen nach Familienzuwachs den männlichen Busen. Der erne Junge, dessen Vorhandensein er, sozusagen, seine ganze Stellung verdankte, genügte seinen Ansprüchen vollkommen. Er hätte ihn auch wohl anders gewünscht, mehr nach seineni Schlage, besonders in Verstand und Tatkraft, aber da er nun einmal so war, betrübte es ihn auch nicht. Dieser Kronprinz würde ihn nicht gewaltsam vom Throne stoßen, sondern voraussichtlich seiner kräftigen Hand das Steuer überlassen, so lange sie cs zu halten wünschte, und darin lag auch ein Vorzug. Mehr brachte er für die Angelegenheit nicht auf, denn von einer Tochter versprach er sich nicht gerade viel. Weib- liche Wesen sah er gern hübsch und zierlich; ec teilte darin den Geschmack seines lieben alten Minchens, ohne bis jetzt jemals solchem Geschniack gefolgt zu sein. Er war seinem Minchen treu. Aber, wie gesagt, er be-
trachtete Schönheit und Grazie als notwendige Attrr- bute einer Frau, und da nach dem ersten Exemplare ihrer Ehe nicht viel für ein. zweites zu hoffen war, so verzichtete er von vornherein darauf, sich eine Tochter zu wünschen.
So blieb die ganze Verantwortung des suggerierenden Wunsches allein auf den Schultern der erwartungsvollen Mutter und diese kani ihr auch voll nach. Sie sprach, dachte und fühlte nur noch für ihre Tochter, ihre schöne, liebliche Tochter.
„Aber, Riedelchen", wagte Frau Berta ab und zu ängstlich einzuwerfen, — „verbeißen Sie sich doch nicht so in die Tochteridee. Es könnte ja doch ein Junge sein." . „ t
„Nein, Schweichlerchen, das kann es nicht, das war gegen die Naturgeschichte und gegen alles mütterliche Gefühl, mir blüht eine schöne Tochter!"
„Aber, trautstes Riedelchen, reden Sie bloß nicht so. Gerade die Naturgeschichte hat darin ihre Nucken, da hilft alles Wünschen und Fühlen nichts."
Aber Frau Minchen blieb hartnäckig, sie ging von ihren Tochterideen nicht ab und baute diese sogar nach ihren Wünschen und Einzelheiten aus.
In einer der literarischen Abonnementseinladungen, die trotz Leihbibliothekromane und totaler Nichtachtung jeder eigenen Buch- und Zeitschriftcn-An- schafsung doch manchmal in ihre Hände fielen, hatte sie gerade in dieser Zeit ein koloriertes Mädchenbildnis gefunden, mit dem Titel „Schneewittchen", und ge,rau diesem Märchenbegriff angepaßt „so weiß wie Schnee, so rot wie Blut, so schwarz wie Ebenholz". Es war von einer geradezu verblüffenden Schönheit der Linien und Formen, ein Jdealnäschen, ein Jdealmündchcn, Augen von übernatürlicher Größe und Bläue und Locken, schwarze Locken, wie direkt vom Friseur bezogen. Ein Gesicht, bei dessen längerer Betrachtung jedem Menschen von wirklich gutem gesunden Geschmack all- mählich übel werden mußte, aber für Frau Minchen der Inbegriff all dessen, was sie ihrer künftigen Tochter wünschte.
Dieses Bild bekam nun einen festen Standpunkt gegenüber dem Fensterplatz der hoffnungsvollen Mutter. Es wurde sogar in drei weiteren Exemplaren verschrie- Nr», imS i'ifipvrrff Tntinpfinrmt ititb aestellt. wo ihr Blick
es treffen konnte.
Das mußte wirken, das mußte sich ihrer Seele so einprägen, daß es der erwarteten Tochter seinen unverwischbaren Schönheitsstempel aufdrückte.
„Sehen Sie, Schweichlerchen", erklärte sie geheim- nisvoll und glücklich der staunenden, jungen Freundin, , das Hab' ich damals bei meinem Eugen versäumt. Da war ich jung und unerfahren und verließ mich auf die Schönheit meines Mannes. Aber nun weiß ich, daß man damit nicht sicher geht. Das Kind hat eben nrchl nur einen Vater, sondern auch eine Mutter und man weiß nie, nach welcher 'rreite solch ein unerzogner Wurm sich wendet. Diesmal schreib' ich ihm den Weg
