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Sonntag» 6. Kugust 1916.
Zurückweisung der Russen in der Sereth-Niederung.
Raumgewinn in den Karpathen.
Ein mißlungener italienischer Angriff auf der Hochfläche von Doberdo«
Auch anderwärts siegreicher Widerstand.
Hsterreichisch-ungarischer Tagesbericht.
W.T.-B. Wien, 5. Aug. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 5. August, mittags:
Russischer Kriegsschauplatz.
Die in den Karpathen kämpfeudea Streitkräfte der Hceresfront des Erzherzogs Karl haben auch gestern R a u m g e w o n n e n. Es wurden 325 Russen gefangen genommen, 2 Geschütze erbeutet. Die Kämpfe dehnten sich bis in die Gegend von D e I a t y n aus.
Nordwestlich von Z z l o c z e — am Süüflügel der Front des Generalfcldmarschalls v. Hindenburg — ist cs dem Feinde an einigen Stellen gelungen, die Serethniederung zu überschreiten. Er wurde geworfen. Nur an einem Punkte ist der Gegenangriff unserer Truppen noch im Gange. Weiter nördlich keine Ereignisse von Belang.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Am Südteile der Hochfläche von Doberdo kam es gestern zu heftigen Kämpfen.
Das feindliche Artilleriefeuer, das schon in ten lebten Tagen an Stärke zugenommen hatte, setzte rm Abschnitt Monte bei sei Busi-Monfalcone-Rücken um 10 Uhr vormittags mit grösster Heftigkeit ein. Nach ununterbrochen anhaltendem vierstündigem Massenfeuer begannen um 2 Uhr nachmittags die italienischen Infanterien »griffe. Die ersten Versuche des Gegners, aus seinen Deckungen vorzugehen, scheiterten an der trefflichen Wirkung der braven Artillerie. Trotzdem gelang es dem Feinde im Laufe des Nachmittags an mehreren Punkten in unsere Stellungen einzudringcn. Dank der tapferen Haltung unserer Infanterie wurde er fedoch im Nahkampf überall w i e- der hinaus geworfen, so daß um 7 Uhr abends die ganze alte Stellung wieder in unserem Besitz war. Um diese Zeit ließ das Geschützfeuer nach und flaute/ bis zum Einbruch der Dunkelheit völlig ab. Mindestevs sieben italienische Regimenter waren an diesem mißlungenen Angriff beteiligt. 230 Mann wurden unverwundet gefangen genommen, 2 Maschinengewehre erbeutet. Der Nordteil der Hochfläche und der Görzer Brückenkopf standen tagsüber unter starkem Gcschütz- sruer. In Kärnten und auf dem P l ö ck e n wurde der Vorstoß von drei italienischen Kompagnien, an der TirolerOst front der Angriff einer Brigade gegen die Höhen nördlich von Panveggio blutig ab- oewiesen. Unsere Flieger belegten Bassano erfolgreich mit Bomben.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Unverändert.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. Höf er, Feldmarfchalleutnant.
Morgen-klusgabe.
Ein düsteres Gemälde von den Zuständen in Rußland.
W.T.-B. Haag, ö. Aug. (Nichtamtlich. Draht- bericht.) Der „Nieuwe Courant" erfährt von emem
Geschäftsmann, der viele
Oer Krieg gegen Rußland.
Die gegenwärtige Taktik der Russen.
Verschwendung der Menschenmassen nach wie var das Hauptmittel.
Br. Wien, 5. Aug. (<Sig. Drahtbericht. Zens. Bin.) Der Kriegsberichterstatter der „Reichspost" meldet: Für die gegen; toärtige Taktik der Russen ist es typisch, datz erst die ganze Frcnt von aufklärenden Stürmern abgetaftet wird, worauf dort, wo ein schwächerer Widerstand vermutet wird, sofort das Trommelfeuer einsetzt. Die Infanterie greift nur bestimmte Abschnitte an, während Nachbarabschnitte durch starkes Artilleriefeuer gebunden werden. Das Trommelfeuer wird nicht gleichmäh ig auf den ganzen Lngriffsabschnrtt gestreckt, sondern einige Durch bruchspunkte werden ausgesucht, wo dann auf kleinem Raum minutenweise 300 bis 400 Granaten auf wenige Quadratmeter fallen. Natürlich ist die Wirkung an der betreffenden Stelle vernichtend. Durch diese Taktik, deren Hauptmittel die Verschwendung der Menschen- n> a s s e u ist, ist das russische Heer ziemlich geschwächt worden. Gefangene berichten, datz in Rußland bereits ^jährige einberufen wurden, und datz die russische Garde schon in d<-: Kampflüste eingesetzt worden ist, die sonst immer bis aufs letzte geschont wurde. Die Regimenter müffen jeden vierten Tag neu ergänzt werden. Durch das andauernde Trommelfeuer wurden überdies viele Geschütze gerade schwersten Kaliibers unbrauchbar.
_____Fahre tn Rußland lebte und
jetzt zurllckgekehrt ist, daß die Lage im Reiche des Zaren sehr ernst sei. Tie Erfolge in Wolhynren hätten nicht den gewünschten Eindruck gemacht, da man in den Kreisen der Intelligenz glaubt, daß sie mrt furchtbaren Menschenopfern erzielt wurden. Man würde aber das noch mit in Kauf nehmen, wenn,| das Bündnis Rußlands mit zwei westeuropäischen Staaten wenigstens zu einer Erneuerung im Innern führen würde. Davon ist jedoch kerne Rede. Die russische Polizeiherrschaft ist jetzt ebenso bedenkenlos wie 1905 und Ssajonow wurde aus seiner Laufbahn geworfen, weil er srch der Reaktiv» widersetzte. Die Not in den Städten ist entsetzlich. Die Preise für die täglichen Bedürfnisse sind zu einer solchen Höhe gestiegen, daß vrele Dinge, welche früher auch Unbemittelten zugängig waren, nunmehr nur noch für sehr begüterte Menschen erreichbar sind. Es gärt in der Bevölkerung und die S p r tz e l w i rt s ch aft blüht mehr denn je. Menschen verschwinden plötzlich, man hört nichts mehr von ihnen, weiß aber, daß sie nach der Front geschickt wurden, um dort zu kämpfen — vor sich die Deutschen und Österreicher, hinter sich das russische Sperrfeuer. Das Regierungssystem Stürmers ist das System von vor 15 oder 20 Jahren, wenn cs sich auch nach außen hin anders gebärdet. Die Unzufriedenheit nimmt zu. Daß der Brand der Newabrücke ein unglücklicher Zufall ist, glaubt kein Mensch, und wenn das der Fall wäre, würde ihn die russische Regierung nicht so sorgfältig verschweigen. Nach dem Gewährsniann des .Nieuwe Courant" wird man bald mehr zu hören be- Ecntmen. Niemand glaubt mehr, daß Deutschland Rußland den Krieg aufgenötigt hat, wie zuerst als ganz sicher ausgenommen wurde, und gerade rn den Kreisen, in welchen man sein Hell von London und Paris erwartete. Es herrscht jetzt die g r ö ß t e En t t ä u s ch u n g und Niedergeschlagenheit. Den russisch- japanischen Vertrag betrachtet man als eine russische Niederlage. Man flüstert sich zu, datz Japan die weiters Lieferung von Munition von der Unterzeichnung des Vertrags abhängig gemacht habe. Das Vertrauen, daß der Krieg mit einem Sieg Rußlands ende und zu einem wesentlichen Fortschritt im Lande führen werde, ist verschwunden. Der Gewährsmann des „Nieuwe Courant" ist der Ansicht, daß man nach diesem Kriege in Rußland eine Wiederholung der Ereignisse nach dem japanischen Kriege erleben werde und das war auch der Grund, warum er seine Geschäfts in Rußland liquidiert hat und nach Holland zurückqekehrt ist. — Der „Nieuw Courant" bemerkt dazu Wir können die Mitteilungen natürlich nicht auf die Richtigkeit prüfen, aber da der Mann, der sie uns gemacht hat, ein ernster Mensch mit starker Meinung für das Russische ist, ist es uns der Mühe wert, sie zu veröffentlichen.
Bark und Balejew.
Eine nur unvollkommen und eine gar nicht geglückte Mission.
(Von unserem 8.-Sonderberichterstatter.)
8. Stockholm» 5. Aug. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bin. Finanzminister Bark und der russische Generalstabschef V a I e j e w weilten heute auf der Rückreise nach Petersburg in Stockholm. Der Tag war durch Beratungen mit Mitgliedern der russischen Gesandtschaft ausgefüllt. Von einer Persönlichkeit, welche über die Vorgänge innerhalb der hiesi gen offiziellen Kreise stets gut unterrichtet ist, erfahre ich über die Ergebniffe der beiden Vertreter Rußlands -bei den verbündeten Westmächten folgendes: Barks Abreise erfolgte sehr plötzlich. Seine Mission war durchaus noch nicht beendet, vielmehr waren in dieser Woche noch grundlegende Beratungen über die in Zukunft ganz unentbehrliche N e u g e st a l t u n g und Kräftigung der russischen Finanzen geplant, wobei die englischen Finanzleute auf Frankreichs Schultern -den größten Teil der Bürde abwälzen -wollten. Un mittelbar vor dem Beginn dieser Beratungen, welche den eigentlichen Reisezweck darstellten, hat Bark London verlassen, weil er von englischer Seite eine entschiedene Absage auf die von ihm vorgebrachten Wünsche erhielt. Rußland mutz sich also mit der Bürgschaft Englands für die bisherigen Lieferungen begnügen, während für die Zukunft keinerlei Versprechungen mehr zu erreichen waren. Über die Gründe für diesen politischen Stimmungswechsel der englischen Finanzkreise hat Bark sich nicht geäußert, doch wird hier angenommen, datz sie mit den auffallenden diplomatischen Vorgängen zusammen-hängen, welche sich in Petersburg infolge des Rücktritts S s a s o - n o w s obspietten und die von seiten Englands Gegen maßregeln erwarten ließen. Auch in Stockholm hat der unermüdliche Anleiyeminister geschäftliche Verbindungen anzuknüpfen versucht. Heute hatte er eine längere Unterredung mit dem Direktor der Eruökilda-Banck Markus Wallen
Nr. 368. ♦ 64. Iahrgang.
be r g, dem Bruder des schwedischen Ministers des Auswärtigen. Es sind Gerüchte im Umlauf, daß die Verhandlungen einen für Rußland günstigem Verlauf nahmen, so daß Rußland für seine Kreditbedürsnisse ein willigeres Ohr gefunden hätte als bei seinem Verbündeten England. Auch Balejews Rückkehr erfolgte unerwartet. Er wollte dauernd in Paris bleiben, um für die berühmte „strategische Einheit beider Fronten" zu sorgen. Das Zusammenarbeiten beider Generalstäbe ergab jedoch fortgesetzte Erregung, so daß die Aufgabe des großen Gedankens für notwendig eiachtet wurde. Über die Differenzen Balejews mit den verbündeten Generalen, mit denen er erregte Auftritte gehabt haben soll, gehen Gerüchte um, die man nicht nachzuprüfen vermag. General Bolejero gewährte dem Vertreter der hiesigen Zeitung „Afionbladed" ein Interview, worin er bezeichnenderweise jegliche Auskunft über seine französischen Eindrücke a b l e h n t e, sich dagegen ausführlich und mit größter Offenheit zum russischschwedischen Verhältnis äußerte. Die Schleifung der Land- befestigungeu auf den A l a n d s i n s e l n nach dem Krieg wäre durchaus nicht sicher. Dies hänge von dem Ausgang des Kriegs ab. Er hoffe, daß die Schleifung möglich werde, aber die Frage wäre noch ungelöst.
Der Petersburger Finanz-Skandal.
Petersburg, 3. Aug. Während die großen Petersburger Zeitungen in ihren Berichten über die Verhaftung Rubinsteins sowie mehrerer Bankiers und Journalisten seines Kreises das Bestreben zeigen, die Ursachen der sensationellen Begebenheiten zu vertuschen, um den gesellschaftlichen Skandal nicht allzu groß erscheinen zu lassen, decken das Hauptorgan der Moskauer Industriellen „Utro Rossij" und der nationalistische „Golos Rusi" die wahren Gründe der erfolgten Verhaftungen auf und geben ein detailliertes Bild der in den betroffenen Kreisen herrschenden Korruption. „Utro Rossij" führt die Verhaftungen zurück auf neue Vollmachten Stürmers auf dem Gebiete der Bekämpfung der Teuerung. Schon früher war bekannt, daß Handelsbanken unerlaubte Lebensmittelspekulation treiben, indem ste große Mengen Lebensmittel ankaufen und diese längere Zeit dem Markte entziehen, bis die gesteigerten Preise größeren Nutzen abwerfen. Nach einer Darstellung des „Golos Rnsi" entdeckte die politische Polizei bei der Revision Dokumente einer russisch-französischen Bank über die Beteiligung von Banken an ausgedehnten Zuckerspekulationen, womit dre Verhaftung der Zuckerfabrikanten Brodskij und Babsuchkin zusammenbänat. Weiterhin stellte sich heraus, daß die Banken alles Metall aufkauften und an die Regierung sür Kriegszwecke zu fabelhaften Preisen wieder verkauften, da auf dem Markte kein Metall mehr zu bekommen war.
,Rußkoje Slowo" vom 26. Juli veröffentlicht eine neue Auslegung zur Bankenangelegenheit. Danach waren der Grund der Verhaftung Rubinsteins und der Personen seines K leises ungesetzliche Bankoperationen. Das Kriegsministerium kam darauf, daß Rubinstein die sogenann-- ten Bankgirantien zum Spekulatwnsobjckt machte. Die Tätigkeit Rubinsteins war längst der Regierung bekannt. Wegen seiner hohen Gönner bei Hofe wagte man aber nichts Entscheidendes gegen ihn zu unternehmen, bis endlich die Aufmerksamkeit der Mikitärbehörden im Hauptquartier des Zaren auf die Tätigkeit Rubinsteins gelenkt wurde. Aus Anordnung des Zaren wurde zu diesem der in Disposition stehende General Pokotilo nach Petersburg entsandt, welcber nacb Prüfung der Sachlage die Verhaftung Rubinsteins anordnete. - ■■■
Zum deutsch-englischen Problem.
Immer wieder gereicht' es zur Genugtuung, zu be- obachten, wie klar und mit wieviel Verantwortung die reformistische Gruppe der Sozialdemokratie die tieferen Ursachen des Krieges und den unausweichlichen Zwang erfaßt hat, der unser Verhältnis zu Großbritannien entscheidend bestimnst. Jene Genossen, sür welche so oft schon Männer wie David, Wolsgang Heine. Karl Leuthner, Queslel, Schippe! und andere das Wort ergriffen haben, wissen mit der vollsten Deutlichkeit, was auch wir bürgerlichen Parteierr wissen, nämlich, daß dieser Krieg im wesentlichen ein Kampf zwischen Deutschland und Großbritannien ist, und daß liier Gegensätze aufeinanderprallen, die man mit dem besten Willen, mit der ehrlichsten Friedensliebe, mit den Mitteln der Politik und der Staatskunst, wie sic sonst zwischen Reichen und Elationen zweckdienlich gebraucht werden mögen, doch nicht aus der Welt schaffen kann. Es will aber noch mehr besagen, wenn auch solche Sozialdemokraten, die, wie Scheide mann, bis zum Kriege aus dem äußersten radikalen Flügel standen, die Gewalt eines großen geschichtlichen Prozesses ebenfalls erkannt haben und Folgerungen daraus ziehen, die weit abliegen von dem verwaschenen Gerede jener Schichten und jener Männer, die uns immer noch die Möglichkeit einer Der- st ä n d i g u n g mit E n g l a n d auf der Grundlage gemeinsamer westeuropäischer Kulturinteresien ausmalen. Jedenfalls gehört die Energie, mit der unsere Sozialdemokraten (die Arbeitsgemeinschaft selbstverständlich
