i fc- ■ ■! MorgeN'Beilage der Wiesbadener Tagblatts.
Nr. 181.
Samstag» 8. Nugust.
lyltz.
H. Fortsetzung.!
Zrau Mlnchens Narretei.
Humoristischer Roman von Kate van Beeter,
^Nachdruck verboten.)
Er tat viel Geld in den Beutel und reiste seiner Pflicht nach, und Frau Minchen tat die ihre, indem sie ihn aufforderte, seiner verwaisten Schwester einen Platz an ihrem Herde anzubieten.
Fritz zwinkerte merkwürdig mit den Augen, küßte sein Minchen und brunimte etwas von Dank für die gute Meinung, brachte aber bei der Rückkehr die Schwester nicht mit. Sie hätte nicht gewollt, berichtete er einsilbig, sie verdiene dort ihr Brot. Auf welche Art und Weise sie das tat, blieb ungesagt, ebenso,, daß ihm der Verzicht der Schwester auf den Platz an seinem häuslichen Herde ein hübsches Postchen Geld gekostet hatte, das er aber gern opferte, um des häuslichen Friedens und-nun um so mancherlei anderer Dinge
halber.
Minchen war keine Fragnatur. Ihr genügte die angenehnie Tatsache, die Schwägerin los zu sein und sie hätte deren Dasein wohl allmählich ganz vergessen, wenn nicht, nach ungefähr Jahresfrist, die Vermählungsanzeige dieser jungen Dame eingetroffen wäre.
Richtige Vermählungsanzeige, vornehm bis in den letzten Buchstaben hinein, im modernsten Stil, auf modernstem Papier — vermählt mit dem Rittmeister Freiherrn von Biebermann. Der Rittmeister war zwar a. D., aber trotzdem blieb er Rittmeister und Freiherr!
Minchen erstarrte. Von all den Gutsbesitzern rings in der Umgegend war nicht ein einziger adlig! Und nun besaß sie eine Schwägerin, die Rittmeisterin und Freifrau war! Zum ersten Male seit sie ihres Fritzes treues Weib geworden war, erwachte, die Neugier in ihr. Wie war denn diese Schwester, die es so weit gebracht hatte?
Fritz war selbst erstarrt. Donnerwetter, das Empor- blühen lag doch wohl in der Familie! Wie die Amalie war? Na, schon — bildhübsch und forsch! Er strich den dunklen Schnurrbart, lächelte sein Minchen an und sagte: „Siehste, Mineken, wir Riedels machen's mit die äußern Vorzüje!"
Minchen lächelte auch. Ja, das wußte sie, aber nebenbei war ihr Fritz ein tüchtiger Mensch und guter Arbeiter.
Als sie das stolz sagte, verzog ihr Mann das Gesicht etwas eigentümlich, schüttelte den Kopf und ließ sich zu der Äußerung Hinreißen, daß man so etwas der Male nicht gerade nachsagen könne, aber weiter ließ er sich nach wie vor nicht über die jetzige Freifrau aus, und als der vornehmen Vermählungsanzeige einige Tage darauf ein langer Brief der Schwester folgte, blaßte sein Stolz auf die vornehme Verwandtschaft merklich ob und er begann wieder zu glauben, daß das Emporblühen doch wohl nur seine Familiensache wäre.
In diesem Sinne hatte auch der Brief der freiirru- lichcn Schwester gelautet und der begüterte Bruder fand es günstig, der zu ihm geplanten Hochzeitsreise des jungen Paares dadurch vorznbeugen, daß er lieber
nochmals ein erkleckliches Sümmchen als den Frieden fernes häuslichen Herdes opferte.
So lernte Frau Minchen die vornehme Schwägerin und deren Herrn Gemahl nicht kennen und tröstete sich auch darüber, nachdem ihr Mann ihr in ziemlich vagen Umrissen angedeutet hatte, daß der Herr Rittmeister wahrscheinlich ein Lump sei, dem seine arme, unerfahrene Schwester zum Opfer gefallen wäre, und daß man besser tüte, sich nicht weiter um die Verwandtschaft zu kümmern. »
Danach wurde ihrer nicht mehr gedacht. Fritz Riedel und seine Frau hingen mit ihren gesunden Sinnen nicht gern unfruchtbaren Gedanken nach. Sie waren vollbefriedigt von ihrem eigenen Leben, in dem alles, woran sie die Hand legten, blühte und gedieh. Nur eines nicht, wenigstens nicht so, wie Frau Minchen es wünschte, und gerade dieses eine war ilf. die Hauptsache. Ihr Lieblingskind, ihr Eugen, vernichtete ans das entschiedenste alle Hoffnungen, die sie aus ihn gesetzt hatte. Er blieb ein kleiner, dicker, ungeschickter Stöpsel, mit einer strohblonden Mähne, wasserblauen Augen, einem Pumpeinäschen und einem Haifisch- mäulchen, das genaue, traurige Ebenbild seiner schönheitsarmen und dabei so schönheitsdurstigen Mutter. Und dabei schien er d^r einzige bleiben zu wollen, dieser Schlingel, der sich so beeilt hatte mit seinem Eintritt in die Welt, als wenn er gleich hinter sich einer langen Reihe von Geschwistern Platz machen müßte!
Frau Minchen sah oft mit umdüstertem Blick auf ihr unerwünschtes Ebenbild, am nieistcn, wenn aus Berlin wieder einmal die Nachricht einlief, daß der freiherrlichen Familie ein Knabe oder ein Mägdlein geboren sei.
Das waren die einzigen Lebenszeichen, die von der vornehmen Verwandtschaft kamen. Sie kosteten Frau Minchen stets ein paar neidische Seufzer und ihrem Mann eben so sicher einige Papierscheine, beide Opfer schweigend und heimlich gebracht. Dazwischen liefen auch ab und zu Todesnachrichten der. freiherrlichen Sprößlinge ein, für die Fritz Rredel allein seine Opfer brachte, denn Frau Minchen erklärte in diesem Fall mit kühler Ruhe: „Na, ichad't auch nichts. Was brau- chen die Leute so viel LAuder? Die könnten wo anders hinkommen, wo man sie gut ernähren könnt'!"
Und sie wußte, was sie damit meinte, nur, daß diese eigensinnigen Kinder sich leider nicht nach ihrer Mei- nung kehrten und nicht zu den Leuten kommen wollten, die sie so gut ernähren konnten.
Die junge Frau Schweichler, die mit ihrem Mann seit zlvei Jahren zu den nächsten Nachbarn des Riedel- <chen Ehepaares gehörten und sich mit diesem sehr ange- freundet hatten, trotzdem zwischen den beiden Frauen ein beträchtlicher Altersunterschied bestand, war die einzige, der gegenüber Frau Minchen manchmal ihr Herz ausschüttete
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