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Zreitag, 4. August 1916
Nr. 365. * 64. Jahrgang.
Zeppeline über England.
Mit großer Freude verfolgt ganz DeutMand die Angriffe unserer Zeppeline au, England, die nun end- stch wieder dem übermütigen ^nselvolk den Ernst des Kneges ins Land tragen. Rühmt es sich doch, all seine Grafschaften, Groß- und Kleinstädte m Munition s w erk st ä tten, , H r f i s b a u w er ften
und Arsenale umgewandelt zu haben. So wollen wir denn fleißig die Mittel gebrauchen, dre Wir haben und ihm in seine Rüstung, da wo ste gebaut wird, Fetzen -iu reißen, wie wir können. Jeder Zeppelin mmdcit dre M u n i t i o n s z u f u h r an die englisckze Front und hilft so unseren Töpfern. Nebenher aber, mcht zu unterschätzen, werden der englischen Bevölkerung Lek- tionen erteilt. Denn, das muß schließlich auch der snobi- stischste „Gentleman" einsehen. wirksamer sind un- sere Zeppelinbomben denn doch als die ohnmächtigen Lira d?n des M u st e r m o r a l r st e n As- auith, der uns nun gar schon aus der Reihe der N a t i o n e n streichen will, weil einem Piraten und Meuchelmörder vor deutschem Gericht verdienter Lohn ward Jetzt wird wieder deutsch rmt England ge- redet, deutsch und Frakt-ur. und das ist, um den Flieden näherzubringen, ein guter Anfang.
I).Th. Kaftan, der G e n er alsup er rn ten-
d e n t von S ch I e s w i g. schreibt m Urner Schrift: „Die gegenwärtige Kriegslage und wir Christen .(mb, Berl. d. Schl.-Holst. Schriftenvcrems) allen noch immer sentimentalen Deutschen wlgendes ms Gewissen.
Der Krieg ist ein grausames Handwerk... Sehr grausam. Das kann und wird kein Mensch ändern. Deutsche Kugeln treffen ebenso schwer wie andere deutsche Bomben und Torpedos bringen so grausame Vernichtung wie die aller anderen Volker, ^a, haben >vir es in der Hand, unsere Kugeln, Bomben und Torpedos noch vernichtender zu machen als die de anderen, so tun wir das. selbstverständlich und ohne Scheu. Das ist der Krieg. Hier gilt das wunderliche Wort: je vernichtender, um so barmherziger. .
Bor einiger Zeit kam mrr eme norwegische Kirchen zeitung zu Gesicht. Um kirchlicher Fragen willen, las ich sie, sah aber ihren Gesamtinhalt durch. Hier äußerte ein Norweger, rm Sonnenglanz habe er deutsche Zeppeline über sich dahinfahren sehen, und als er . sie sah, habe der Gedanke seine Seele bewegt: da ziehen sie ihren Mordweg. Mord! Unzweifelhaft wollte er zum Ausdruck bringen, was sie auszurichten trachteten, sei linrecht. Welche Torheit! Ich bm auch sonst dem Ge- danken begegnet: ein Kanonen schuß - ,a! aber ein Bombenwurf sei ganz etwas anderes. Welche G e- dankenlosigkeit! Hier kann man den Einfluß studieren, den die G e w o h n h e i t auf das Denken, )a zuletzt auf das moralische Urteilen der Menschen ausübt Welcher w o r a l i s ch e Unterschied ist zwischen dem Abschuß der Granate, die in hohem Bogen über einer Werft niederqeht, .und dem Wurf einer r>wmbe die vom eincnl Zeppelin aus auf diese Werft hcruntergeworfcn wird? Diese Frage gebe, man denen zur Beantwortung, die hier gedankenlos einen Unterschied machen. .
' Ja, wenn mit Absicht Bomben auf P r t vat- Fiäufer und Zivil Personen binaogeworfen würden — dann könnte mit Grund die Frage auftauchen: ist das recht? So weit aber uns bekannt, haben die Bombenwürfe unserer Zeppelins stets öffentlichen Ge- bäuden und vorwiegend militärischen Anlagen gegolten. Auch öffentlichen Gebäuden. Ge- länge es, die Bank von England zu treffen — welcher Jubel würde ganz Deutschland erfüllen, an- aesichts dessen, daß es das Portemonnaie gewesen, um dessentwillen England frevelhaft diesen Weltkrieg ent- zündet hat. Privathäuser und Privatpersonen sind von den Bomben ohne Absichr getroffen — genau so wie das auch von Granaten und Kugeln gilt. Man kann mit den Privatpersonen, die so getroffen werden, großes und ernstes Mitleid haben, fast einerlei, ob ste unsere Feinde oder Freunde sind. Aber daß auch ste leiden müssen, das ist der Krieg. Dabei hat dies, daß es so ist, in England noch eine besondere Bedeutung. Daß das englische Volk den Krieg dergestalt an fernem eigenen Leibe erfährt, ist eine geschichtliche Not- Wendigkeit. Etwas von dem Besten und Heilvoll- sten, das dieser Krieg gebracht hat, ist das Aufhören der dplenckick isolation Englands, das Aufhören dessen, daß England dank seiner Flotte während aller Kriege sicher auf seiner Insel saß, daß die Engländer Sport treibend oder mit den Händen in den Hosentaschen zu- sahen, wie die von ihnen aufeinander gehetzten! Volker sich zerfleischten, um ihrer habgierigen Weltherrschaft zu dienen. Auch im Beginn dieses Krieges haben die Eng- länder drüben in England kaltblütig gesagt: „Em
Geschäft." Gotl sei Tank, daß es mit ihrer ^nfelsrcher- heit vorbei ist. Möchten noch hundert Zeppe-
line England heimsuchen. Das wird wie nichts anderes dem Weltfrieden der Zu- kunft dienen." . I>. L. L.
Zum 3. Luftangriff dieser Tage.
Der amtliche englische Bericht.
W. T.-B. London, 3. Aug. (Nichtamtlich.) Amtliche -«düng von 2 llhr 30 Min. morgens. Es haben offenbar » bis 7 Luftschiffe an dem Angriff teilgenommen. In den östlichen und südöstlichen Grafchaften wurde ein beträchtliche Zahl Bomben abgeworfen. Es liegen noch keine bestimmten Nachrichten vor. Es wird kein militärischer Schaden gemeldet. Viele Abwehrkanonen waren in Tätigkeit. Wie gemeldet wird, ist mindestens ein Luftschiff getrosten worden.
Br. Kopenhagen, 4. Aug. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) Wie die „National Tidende" aus London berichtet, melden englische Blätter, daß die deutschen Luftschiffe bei ihrem letzten Angriff sich in so bedeutender Höbe hielten, daß ge stch u n m ö g l i ch über ihre Ziele orientieren konnten. Man vermutet, daß die Luftschiffe beabsichtigen, durch Brand- bomben die englischen Kornfelder in Brand zu stecken. Der parlamentarische Mitarbeiter des Blattes erklärt, im Unterhaus bestehe starke Stimmung dafür, die Regierung aufzufor- dcrn, allen deutschen Besitz in Großbritannien zu beschlagnahmen als Vergeltung für die Hinrichtung F r y a t t s und anderer Brutalitäten der Deutschen.
In einem anderen Schreiben heißt es: 11 Uhr vormittag»,
2. Februar 1916. „Wir leben noch alle, haben aber nichts zu eßen. Heute ftüh war hier ein englischer F i s ch d a m p s e r. wollte uns zedoch nicht retten. Er hieß „King S r e p h e n" und war aus Grunsbh. Der Mut sinkt, der Sturm nimmt zu. Euer an Euch noch un Himmel denkender Hans. Um Uy a Uhr hatten wir ein gemeinsames Gebet, dann nahmen wir
vcneinander Abschied." ^ . ... e ,
Der gesamte Fund mit der Flaschenpost ist dem deusichen Konsul in Goeteborg übergeben worden._
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Der letzte Bericht der vom „King Stephens nicht aufgenommenen Besatzung von „L. 19 .
W. 1.-B. Kopenhagen, 3. Aug. (Nichlamtlich.) „Berlingske 'i'idende" meldet aus Goeteborg: Ein Fischer aus Nortrand fand be, Slaaerak eine Flasche, die den letzten Bericht des Kommandanten « o e w e von dem am 2. Februar 1916 in der Nordsee verunglückten «uitschisf ,.U. 19" enthält. Der Bericht, der an den Korvetten- kapitän Stcasser gerichtet ist, lautet: „Mit 16 Mann auf der Platt- srim des L. 19". Unter 3 Grad östlicher Länge schwimmt die Hülle ebne Gondel. Ich versuche den letzten Bericht zu erstatten, -vrel- nial Motorbavarie. Leichter Gegenwind aus dem Rückwege verzögerte die Reise und führte mich im Nebel nach Holland, wo wir aus Ge- ivcbren beschossen wurden. Drei Motors versagten gleichzeitig und machten unsere Stellung schwieriger. Nachmittags ungefähr um 1 Ubr brach unsere letzte Stunde an. Loewe".
Die Flasch: ist eine gewöbnliche Bierflasche. Ste enthalt ferner einige Pvstquittungen und außerdem 15 letzte Kartengruße der Be. satzung an die Angehörigen. Loewe schreibt an ,eme Gattin: ,,^e letzte Stunde aus »er Plattsorm mit meinen Leuten! Lange denke ich an dich, vergib mir alles! Erziehe unser Kind!'
Obcrmaschinlst Flade schreibt: „Meine innig geliebte Martha „nd Kinder' Je« ist also der Augenblick gekommen, wo ich mein Leben lassen muß. Auf hoher See, auf dem Wrackftück unseres Lustschistes, sende ich dir die letzten Grüße. Es muß aber_ lern, ßirüfee auch die Eltern und Geschwister. ^ Die letzten herzlichen Gruge und Küsse von deinevi treuen Manne!"
Sit Rogers politisches Testament.
Zur vollzogenen Hinrichtung Sir Roger Casements schreibt uns ein der irischen Bewegung naoeswhender Hochschullehrer, der aus Feindschasr gegen England außerhalb seiner Heimat lebt: '
Sir haben es also gewagt! Die Gesuche von lech» irischen Bischöfen, 26 Abgeordneten und 42 Umversitats- vertretern, die Fürbitte des Papstes, die Depeschen der Amerikaner, der Brief der Witwe des Journalisten Skessington an Asquith, worin unter Hinweis aus die Schuld, die englische Oftiziere gegenüber Skeftrngton auf sich' geladen haben, um Gnade für Cafement gebeten wurde, alles hat nichts gefruchtet. In dem Kampfe „'Ille King against Casemeut" hat der King, hat das englische Imperium seine äußere Macht gebraucht, um den gefürchteten Mann zu vernichten. „ Sir Roger aber ist sicher mit jenem Lächeln innerer Uberlegenhert auf den Lippen gestorben, die ihn schon im Prozesse die .chönen Worte sprechen ließ: „Ich bm stolz, auf der
Bank des Verräters zu sitzen, anstatt auf dem Platz, den meine Ankläger einnehmen." Und dann: „>zch hoffe
auch meinem bittersten Feind verständlich zu machen, daß ein Mann, über den die Zeitungen sagen, er ist em irisck>er Verräter wie jeder andere, doch immerhin em Ehrenmmm sein kann." Sie haben sich anscheinend doch niwt getraut, dieseni Ehrenmann die 'chimpfliche strafe äes Galgens anzutnn, aber sie haben es doch gewagt, ihn zu erschießen. Es war wieder einmal mehr als em Verbrechen, es war eine politische Torheit. Gewiß, ^r- land besitzt zunächst nur wieder em Grab, über das es weinen kann. Aber eS wird an diesem Grabe — mehr tun, es wird Rache brüten, Rache und Berge l t u n g für a l l e Z e i t e n. Der Sinn-Fein-Fuhrer oer letzten Revolution, der im Mai hmgerrchtet wurde, hat es kurz vor dem Ausbruch der Erhebung vor so einem Grab ausgesprochen: „Sie haben mit Zwang,
Gelvalt und Unterdrückung gegen uns gewütet, ste olaiibten mit unseren Körpern den Geist toten zu iönnen. Aber die Narren, die Starren, die Narren! Sie haben unsere h e i l i g e n G r a b e r o erg e s s e n, aus denen die irische Jugend auswachst! , Die irische Jugend wird den Märtyrer Casenient zu ihrem Heili- gen wählen, und wenn sie fragt, was "w.wollte imd prophezeite, wird man ihr vorlesen, was Sir Roger für sie die irisch? Jugend und für die Deutschen als poli- tisches Testament niedergeschrieben hat. ,
Lange vor Ausbruch oes Weltkrieges, im Jahre 1911. schrieb Lasement unter dem Titel „Irland. Deutsch- land und die Freiheit der Meere" eine Reche knapper Aufsätze, die er im September 1914 ut New Bork und bald darauf in Philadelphia unter der Überschrift. „Das Verbrechen gegen Europa" erscheinen ließ, also gerade zu jener Zeit, als in dem „freien" Amerika die Teutscherchetze am wildesten tobte. Da erhob Casemeut seine Stimme und antwortete auf die Frage nach dem wirklichen Schuldigen: Nicht wer die^Neu-
tr-alität Belgiens verletzt bat (jetzt ilberwundener L>tand- Punkt, auch auf englischer Seite), sondern wer die Frei- beit der Menschheit verlebt hat! In emem Vor- wort des als Einleitung gedachten Aufsatzes „Die Ursachen des Krieges und die Grundlagen für den Frieden" sprach es Casemeut zu der Zeit, als die, russischen Heere in Ostpreußen vordrangcn und sich m großen Massen in Galizien befanden, bereits aus: „Der
Menschheit wertvollster Besitz, das Meer. das bisher von einem Volk allein zu fernem eigenen Nutzen beansprucht wurde, muß wieder freigegeben wer- den zum gemeinsamen Stutzen der M enfsw l, e i t- und wie die Politik Englands, das Meer für sich allein' zu beanspruchen, als die Hauptursack)e dieses Krieges anzusehen ist, f o sollte der Entschluß, dr^ Meere zu befreien, die einzige Politik sern, dre dre Grundlage für einen dauernden Frieden
^^^Damit "forderte Cäfement fast wörtlich genau das- selbe wie der deutsche Reichskanzler, der rn ferner Reichstagsrede vom 19. Augusts 1915 also etwa em Jahr später, verlangte: „Dre Freiheit der Weltmeere, nicht um die Meere, wie es England will, allem zu be- herrschen, sondern damit sie, a l l e n V o l r e r n m gleicher Weife dienstbar fern konnten Und noch ein wundervolles Wort des Hingerichteten Casemeut:
Deutschland und Irland haben emen gememsameu Widersacher, beide denselben imverlohnlichen, gewissen- losen Feind. Könnte England es, so wurde England
