Der Roman.
o Morgen-Neilage des Wiesbadener Tagblatts, i .- >
Nr. 178.
Mittwoch, 2. klugust.
lylb.
(40. Fortsetzuns)
Oie vraul aus Uanada.
Roman von
^rd), ihr Tischnachbar, sah sie mit seinem innere Auge immerzu als Karen Var sich in ihrer Rolle aus dem Film „Die Flucht der Gräfin Uhlfeld". War das leidenschaftliche, innge Weib, das mit Gefahr des eignen Lebens die Adlerklippc erklimmt, um dort das rettende, wegweisende Feuer aufflamnien zu lassen, dieselbe, die hier an der Tafel präsidierte . . .? Jung, mädchenhaft, im weißen, gestickten Batistkleid, eine rote Rose ini weißseidenen Bandgürtel. Welch ein wunderbares Geschöpf war Henrika dy Santos! — In allen Farben schillernd und dabei doch immer wieder ihrem ureigenen Wesen treu öleiöend, voll Wahrhaftigkeit trotz des Komödiensprelens, das sie sich als Beruf gewählt hatte.
Wenu Fred an diesen Brief dachte ... Er wies den Gedanken daran heute von sich, gab sich ganz dem Zauber hin, in der harmonischen, vornehmen Häuslichkeit, die sich Henrika auch in der Mietsvilla zu schaffen gewußt hatte, zu weilen.
Die Zeit ging wie im Fluge dahin.
Thea hatte alle Mühe, ihre innere starke Erregung zu beherrschen. Warum guälte er sie so unerhört? Was hatte ihn hierher getrieben, wenn er die Entscheidung von Stunde zu Stunde hinausschob. Merkte er denn nicht, daß sie litt? Er nahm am Abend Abschied. Er müsse nach Lübeck hinüber, sagte er.
„Auf Morgen, Thea", er drückte ihr flüchtig die Hand, vermied es, sie anzusehen. Reute ihn das, was er ihr geschrieben . . . was war das nur . . . Thea wußte nicht aus, nicht ein. Sie verließ den Kreis der anderen, die auf der Veranda den Tee nahmen, und flüchtete in ihrer Herzensnot zu den Kindern.
Der Wind hatte abgeflaut, die See lag spiegelglatt da. Wenn das morgen auch so sein sollte, dann würde man auf Freds Jacht eine längere Fahrt in der Bucht unternehmen.
Die Haendlerschen Knaben tobten vor Freude über das bevorstehende Vergnügen: „Tante Thea, möchtest
du auch gern solch eine Jacht haben?" fragte der jüngere der Brüder.
Thea schüttelte niit dem Kopf und nahm den kleinen Hans in ihre Arme.
Die Zeit, wo Fred Delarue der Traum ihrer Tage und Nächte gewesen war, lag so fern . . . Wenn er ihr heute seine Jacht und Gott weiß noch was alles zu Füßen gelegt hätte, mit seiner eigenen Person zusammen — sie hätte gedankt . . .
Die weiße Jacht, die auf ihrem Bug in goldenen Buchstaben den Namen „Prinzeß" trug, glitt auf die Bucht hinaus.
Das hohe Brodtener Ufer entschwand bald den Blicken der kleinen Gesellschaft an Bord des Schiffes.
Die funkelhagelneue Jacht war wie ein Schmuckstück: der kleine Salon hatte Mahagonitäfelung, das Speisezimmer war in Eiche gehalten. Sechs Einzel
kabinen dienten als Schlafräume. Im Salon befand sich eine auserlesene, kleine Bibliothek.
Auf Deck, wo man vor dem Winde geschützt war, saß die Baronin und neben ihr Schimmelchen. Henrikas Duenna erfreute sich des besonderen Wohlwollens von Haralds Mutter. Frau Amalie Schimmelbcck konnte oen Verstorbenen, von dem sie seiner Mutter aus seiner ^ubecker Zeit erzählen mußte, nicht genug loben: sein liebenswürdiges Wesen, seine kindliche Güte, seine ge- wannende, äußere Erscheinung — das hatte eine Brücke zwischen diesen beiden Frauen geschlagen, und die Baronin hatte darum gebeten, daß auch Schimmelchcn mit nach Berlin komme. Ganz unmerklich hatte sie es ver- standen, die all zu grellbunte Farbenpracht in der Gewandung dieser Getreuen, die mit fanatischer Liebe an Henrika hing, zu dämpfen.
„Ich habe immer nur auf das gute, ehrliche Herz gesehen, nicht auf die grünen, roten und lila Kleider, die mein gutes Schimmelchen so sehr bevorzugt", hatte Henrika lächelnd ihrer Schwiegermutter gesagt, aber sie empfand es doch ganz angenehm, daß ihre Gesellschaf- terin nun in einem sanft abgetönten Grau einherging, und in der Öffentlichkeit nicht mehr belustigte und ver- ivunderte Blicke auf sich zog.
Henrika trug beute ein Weißes Kostüm, einen Weißen Flauschmantel und eine Sportmütze von gleicher Farbe.
Fred ertappte sich wiederholt darauf, daß er seine Schwägerin verstohlen anstarrte wie ein holdes Wunder . . .
Die lange Brücke von Kellenhusen war passiert, und nran näherte sich dem kleinen Badeort Dahme im Holsteinischen, der auf den ersten Blick hin reizlos erscheint, imd doch einen intimen Reiz in seinem hellen, flachen Strand und den Deichen besitzt.
In einem der Hotels war das Mittagessen für die Gesellschaft an Bord der „Prinzeß" bestellt worden.
Der Strand flimmerte blendend — die See war kaum merklich bewegt — hellgrüne Boote mit jungem Volk, das sich im Rudersport übte, glitten auf der lichtblauen Flut dahin — halbnackte Kinder spielten im Sande, braungebrannte Badegäste rekelten sich faul in Liegestühlen und ließen sich von der Sonne wenn möglich noch mulattenhafter einbrennen.
Den Kaffee wollte man kurz vor der Abfahrt an Bord nehmen. Ein Sirenensignal sollte „zum Futtern blasen." — Bis auf die alten Damen beschlossen alle, sich das Dorf, das an primitiver Ländlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ, anzusehen.
Die Kinder hatten Henrika mit Beschlag belegt. Sie tollte und plauderte gern mit ihnen, ebenso wie in alter Zeit, wo sie ihnen kanadische Märchen erzählte.
Fred und Irmgard sowie der Konsul schlossen sich dem Trio an — es war nicht Zufall, daß Doktor Haendler mit Thea zurückblieb und in eine der Seitengassen einbog
