■ ■ ■' Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagbiatts. >- ^
Nr. 177. Dienstag» 1. klugust.1916.
Die Braut aus Kanaöa. (Nachdruck verboten.)
(39. Fortsetzung ) Roman von Hrbba v»n Gchmid.
Fred hatte sie brieflich als Schwägerin willkommen geheißen, hatte ihr außerdem in knapper Form aller- !hand Geschäftliches mitgeteilt. Henrika war ja Miterbin ihres Gatten, war Mltgenießerrn des Strödt» rnannschen Vermögens, das zum großen Teil im Delarueschen Geschäft steckte.
Sie besaß nun selber übergenug — konnte wie Tante Liete immer betonte, „im Golde wühlen". Sie hatte alles, was ihr von Haralds Seite zukam. zurückwersen wollen, doch Fred hatte in aller Höflichkeit sehr be- .stimmt darauf gedrungen, daß sie auf keinen Fall auf jtt)r Pflichtteil als Haralds Witwe verzichtete. Sie hatte iin dieser Angelegenheit ein halbes Dutzend Briefe mit !ihm gewechselt, und schließlich hatte sie sich seinem Willen fügen müssen.
Zuweilen überlas sie Freds Schriftstücke. Nichts stand zwischen den Zeilen. Vergeblich suchte Henrika itrßenJ) etwas sie Verletzendes aus den Briefen herauszu- 'lesen, etwas, das ihr eine Handhabe gegen Fred geboten hätte, womit sie eine fernere femdselige Haltung ihm gegenüber vor sich selber hätte begründen können. . . . Aber sie wollte ihm ra nicht mehr feindlich gegenüber- ^stehen — im Gegenteil, sie mußte ihm gerecht werden, ijic hatte ihm etwas abzubitten. . . . Sie hatte solch einen schmählichen Verdacht gegen ihn gehegt. . . . Wenn sie sich seine Persönlichkeit vergegenwärtigte, seine Briefe las, seine ganze Haltung jetzt ins Auge faßte, so begriff sie allerdings nicht mehr, wie sie lange Zeit hindurch hatte glauben können, baß er ihren Trauschein rmterschlagen habe.
Welch ein bitteres Unrecht hatte sie rhm angetan. Als Schimmelchen wieder einmal davon zu reden an- !hub: „Siehst du, Henrika, wie recht ich gehabt habe. — Erinnerst du dich, wie ich immer und immer wieder sagte: „Er weiß von nichts" — da war sie ihr schnell ins 'Wort gefallen: „Sprich nicht mehr davon, Schimmelchen. bitte, niemals mehr."
„Na ja, dein Haß gegen Herrn Delarue war schon unnatürlich", hatte die alte Frau gemurmelt.
Haß? Wer dachte jetzt noch daran? Alle Bitternis hatte sich in Henrikas Seele gelöst . . . Wie sollte sie jetzt noch den Mann hassen, der ihr im Grunde nichts getan hatte, von dem sie nur wußte, daß sie ihm unsympathisch gewesen, von dessen Mutter sie jedoch wie eine leibliche Tochter geliebt und verwöhnt wurde.
Die alte Baronin konnte ihrer Schwiegertochter nicht genug Liebes antun. Sie vergötterte Henrika förmlich, und allmählich schwand bei dieser die kühle Reserve. Wenn Irmgard neidisch veranlagt gewesen wäre, so hätte sie Grund hierzu gehabt. Doch auch sie war eng befreundet mit der Frau des Mannes, den sie einst so sehr geliebt hatte. . . . Irmgard war glücklich, daß Henrikas Anwesenheit ein Trost für Haralds Mutter bedeutete, und Konsul Löhnstädts waren zufrieden, daß die häufigen Besuche Irmgards in Berlin mun voraussichtlich eingeschränkt werden würden. Es 'wurde als selbstverständlich angesehen, daß .Henrika bis
auf weiteres zu ihrer Schwiegermutter ziehen würde. Davon, daß sie Kinoschausprelerin bleiben würde, konnte doch selbstredend nun, wo sie öffentlich als zu den Delarueschen Familienkreise gehörig anerkannt worden war, nicht mehr die Rede sein, lautete die allgemeine Ansicht.
Nur Henrika erlaubte sich, int stillen anderer Meinung zu sein.
Fred wurde täglich in Travemünde erwartet.
Er hatte sich eine Dampfjacht gekauft, die so groß war, daß sie außer der Mannschaft noch etwa 12 Personen aufnehmen konnte. Auf dieser Jacht sollte er in Trgvemünde eintrefsen.
Irmgard, Henrika und Thea hatten sich auf dem Privall im Wetterhäuschen, das nach der Seescite hin offen war, in den Sand gelagert. Eine frische Brise wehte — der kleine Dampser, die „Möwe", die nach den Badeorten, die an der Lübecker Bucht, bis in das Holsteinische hinein liegen, feinen Kurs nahm, schaukelte tüchtig.
Die drei jungen Augenpaare schauten dem Schiffe nach.
„Tapfrer kleiner Kerl, der Dampfer", sagte Irmgard.
Dann schwiegen sie eine Weile und dachten alle drei das gleiche: daß eine jede von ihnen so in Kampf und Sturm gestanden hatte, wie das kleine Boot dort, dessen Rauchfahne am Horizont allmählich zerflatterte.
Waren sie nun in Hafennähe, wo alle Stürme schwiegen . . .?
Theas Hand tastete unwillkürlich nach dem Brief den sie heute nachmittag erhalten, der eine Flut von seelischen Erregungen in ihr ausgelöst hatte.
Sie gab sich alle Mühe, sich nichts anmerken zu lassen, den beiden anderen jedoch fiel ihre Schweigsamkeit auf.
„Du sagst ja kaum ein Wort, Thea", bemerkte Henrika, und rief dann gleich darauf lebhaft: „Ach, seht doch — dort — ein Schiff kommt m voller Fahrt "egen den Wind herein." .■< " ’ _
Sie griff nach dem Krimstecher, der neben ihr lag und richtete ihn auf das Fahrzeug, das wie ein Pfeil daherkam, seinen Kurs auf den Leuchtturm haltend.
„Eine Damvfjacht ist es", sagte Henrika, das GlaL sinken lassend. „Und zwar eine erster Klasse. Ich ver- stehe mich ein wenig darauf", fuhr sie lächelnd fort, „Habs in Dänemark gelernt. Wenn ich bedenke, wie oft und wieviel ich auf See gemimt habe. ... Es ist sozusagen meine Force. Ich habe aber auch selber viel Der- gnügen daran, so sehr auch mein gutes, überängstliches Schimmelchen dagegen eitert."
Mit einem sicheren Bogen schoß die Jacht in die Trave hinein und warf gegenüber dem Leuchtturm Anker.
Die drei im Wetterhäuschen sahen, wie ein Boot sich von dem schneeweißen Schiff löste und nach einem Dutzend Ruderschlägen landete.
