n*. 176.
Sonntag» 30. 3uli.
1916,
fr=— « i Morgen-Seilage des Wiesbadener Tagblatts. e-:=i )
:(38. Fortsetzung.)
Die Braut aus Kana&a.
Roman von Hetztza von Schmitz.
(Nachdruck verboten.)
Die Sommersonne lachte auf Travemünde herab. Die Saison stand auf ihrem Höhepunkt.
Ein Vergnügen, „zum Wohl und Wehe" der Kur- tzöste, wie einer der letzteren sich ausdrückte — jagte das andere.
Die Sonne spiegelte sich in den Fenstern von Travemünde-Stadt. Dort, in der Vorderreihe, gab es unzählige Fremdenpensionen, von deren glasverdeckten kleinen Veranden man den Blick auf den Privall, die Travemünde vorgelagerte Insel, hatte. Die Trave war hart vor ihrer Mündung in die Bucht mit unzähligen kleinen und großen Fahrzeugen bedeckt. Der Weg zu Travemünde-Strand lief an dem Leuchtturm, an dessen Fuß sich die vielhundertjährige Ulme erhob, vorüber. Weiterhin gelangte man an das hohe Brodtener Ufer, von wo aus man einen wundervollen Blick über die Bucht genoß, wo man abends das Blinkfeuer von einer kleinen, gegenüberliegenden Insel her aufblitzen sah.
Thea Gröning, die mit ihren beiden Neffen nach Travemünde ins Bad gekommen war, hatte anfangs in der Vorderreihe in einer der kleinen anheimelnden Pensionen Wohnung nehmen wollen. Da war ein herzlicher Brief von Henrika gekoinmen: Thea und die
Knaben dürften bei niemand anderem als bei ihr, in ihrer Villa wohnen, als ihre Gäste. Sie habe eine Villa für sich allein gemietet, um dem Verkehr mit Fremden zu entgehen. Es wäre so sehr viel Raum in dem großen Hause mit seinen Veranden und Altanen. Und im Garten wäre ein großer Spielplatz, und für Turngeräte wolle sie, Henrika, auch Sorge tragen. Kurz — Hans Grönings Neffen und Schwester sollten sich wohl bei ihr fühlen.
Der Brief war so warm und herzlich gehalten, daß eine Ablehnung Henrika hätte verletzen müssen.
„Wir sind Henrika eine Genugtuung schuldig", sagte Thea und reichte ihrem Schwager das Schreiben zur Einsicht. „Wir haben sie nicht zu nehmen gewußt, sie, die Bruder Hans uns vertrauensvoll geschickt hatte. Wenn es dir recht ist, Franz, gehe ich mit den Kindern zu Henrika. Meine Anwesenheit wird ihr vielleicht auch aus dem Grunde lieb fein, weil im Juli endlich eine Zusammenkunft zwischen ihr und ihrer Schwiegermutter stattfinden soll."
„Delarue und seine Mutter werden also auch in Travemünde sein?"
„Ja. Die Baronin als Gast der Löhnstädts, wie Henrika schreibt. Der Konsul besitzt eine Villa auf dem Privall."
„Du würdest gern nach Travemünde gehen, Thea?"
Doktor Haendler, in seiner Hausjoppe besonders schlank und jugendlich, wanderte im Zimmer umher, rückte an einer Stuhllehne, zupfte ein welkes Blatt von einer der Topfpflanzen auf dem Blumentisch unter dem Fenster ab, und blickte durch seinen Kneifer seine Schwägerin mit einem seltsam unruhigen und gespannten Blick an.
„Gewiß. Sehr gern", erwiderte Thea gelassen. Si« blickte bei ihren Worten nicht von ihrer Arbeit auf. Sif nähte einen frischen Matrosenkragen auf Kurtchens Schulbluse.
„Die Kinder sollen Seeluft haben, ich mag die Ser über alles — in Travemünde soll es entzückend sein -- und ich würde mich herzlich freuen, Henrika wiederzusehen. Ich habe das Gefühl, ihr gegenüber vieles an Unterlassungssünden nachholen zu müssen, sie mir wirklich zur Freundin^zu gewinnen. Tante Liete geht ja zu Blessigs an den scharmühelsee, und du nach Tirol, Franz, da werden wir alle vortrefflich aufgehoben sein."
„Ja, das werden wir", erwiderte der Doktor in einem kurzen Ton, daß seine Schwägerin erstaunt ihr anblickte. Ohne weiter ein Wort zu verlieren, verließ er das Zimmer.
Thea seufzte leise.
Was war das nun wieder? Worin hatte sie es ver» sehen? Franz war in letzter Zeit mitunter so wunderlich. Ganz anders als früher. Fühlte er sich nicht mehr behaglich und zufrieden in seiner Häuslichkeit?
Thea ließ ihre fleißigen Hände in den Schoß sinken und sckaute gramvoll vor sich hin. . . Wenn es hier anders werden sollte . . .? Vielleicht dachte Franz daran, seinen Kindern eine zweite Mutter zu geben, und scheute sich davor, es ihr zu sagen ... es war ja nicht auszudenken . . . Die Kinder, die mit solcher Zärtlichkeit an ihr hingen, würden sie denn überhaupt ohne die Tante Thea sein können . . .?
Thea merkte gar nicht, daß sie weinte . . . Dann lvurde sie Herrin dieser jähen Gefühlsaufwallung. Sie war jetzt so daran gewöhnt, vieles, was sie innerlich durchlebte, in sich zu verschließen. Sie wollte tapfer in die Zukunft blicken. Vielleicht sah sie Gespenster — Franz war verändert infolge von Überarbeitung, er batte sich in letzter Zeit zuviel zugemutet mit wissen- schaftlichen Forschungen und Studien, die er in seiner freien Zeit trieb — der Aufenthalt in den Bergen würde ihm gut tun.
Nun war Thea mit den Kindern bei Henrika in Travemünde.
Schimmelchen erwies sich als außerordentlich dazu geeignet, sich mit den Haendlerschen Buben zu beschäftigen: das Dreiblatt buddelte stundenlang vergnügt am Strande, und der Pudel Negus wurde häufig Henrika untreu und gesellte sich als vierter hinzu.
Henrika und Thea machten sturrdenlang Spazier- gange, ließen sich im Motorboot auf den Privall hin» iibersetzen, wanderten dort arn Strands dahin, und wurden in diesen köstlichen Sonnnertagen Freundinnen.
Dann kamen Löhnstädts mit der Baronin, direkt aus Kissingen, wo sie wochenlang zusammengewesen waren.
Die erste Begegnung mit der Mutter des Mannes, der einen Tag hindurch ihr Gatte gewesen war, brachte
