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Nr. 888. Sonntag, 3V. Juli 1V16.

mit der überall reifenden Ernte wieder die Sorge be­hoben. Mehr als zuvor bedarf es der festen Hal­tung aller deutschen Volksschichten; wo immer sich Zeichen von Erschlaffung bemerkbar machen sollten, wird der Hinweis auf die unverdrossen aus­harrenden, viel größere Opfer bringenden Kämpfer draußen genügen, uni über Entbehrungen und Leid hinwegzuhelfen. Im einzelnen kann man an unseren Fronten dem Heldentum unserer Soldaten, dos sich vieltausendsältig täglich kundtut, nicht nach­gehen: mit Ehrfurcht und Dank können wir es nur als Ganzes vor unser Auge stellen. Ohne uns mit Worten berauschen zu wollen, wie es die Feinde tun, stehen wir treu zu unserem Heere, wie es für uns. Die deutsche Kriegsmacht zu Lande und zur See wird in Sieg und Ehre die Entscheidung erbringen.

Russische Massenangriffe bei Monasterzyzka überall zurück- geschlagen.

Wiedcrgewinn von Gelände bei Lurk. Ein schwerer feindlicher Mißerfolg bei Soknl.

Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.

W. T.-B. Wien, 29. Juli. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Amtlich verlautet vom 29. Juli, mittags:

Russischer Kriegsschauplatz.

Der Feind hat gestern seine Angriffe im ausgedehnte»' Frontabschnitt wieder ausgenommen. Südlich deS D n j e st r wurde der russische Andrang vor unserer östlich von Plumacz : verlaufenden zweiten Linie zum Stehen gebracht. Nordöstlich und südöstlich von Monasterzhska führte der Feind bei Tag und Nacht ununterbrochen seine An­griffskolonnen gegen die Stellungen der österreichisch-ungari» schen und deutschen Truppen vor. Er wurde überall zu- rückgeschlagen. Das Borfeld ist mit toten und schwer­verwundeten Russen bedeckt. Ebenso scheiterten alle Ver­suche des Gegners, bei Z w i n i a c z e durchzudringen. West­lich von Luck gewannen die verbündeten Truppen einen be- trächtlichen Teil deS gestern aufgegebenen Geländes zurück. Zwischen der Turpa und der von Rowno nach Kowel führen, den Bahn wurden nach Abwehr mehrerer A n - st ü r m e die noch vor der Stochod stehenden Berteidiger hinter den Fluß zurückgenommen. Ein heute früh nordwestlich von Sokul angesetzter russischer Massen stoß scheiterte unter großen feindlichen Berlusten.

Italienischer Kriegsschauplatz.

Die Lage ist unverändert. Südwestlich von Pane- v eggio wurde ein Nachtangriff abgewiesen.

Südöstlicher Kriegsschauplatz.

An der unteren Bojusa erhöhte GefechtStätig- keit.

Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabes: v. H ö f e r, Feldmarschalleutnant.

Me Lage im Westen.

Karl v. Wigand über die größte Schlacht der Geschichte.

Ein Lied von deutschem Heldentum.

Sr. Haag, 29. Juli. (Eig. Drahtbericht. Jens. Bln.) Karl v. Wigand berichtet aus dem Großen Hauptquartier derNew Dork World" von der deutschen Front folgendes: Mit kurzen Ruhepausen rast die Schlacht gleich einer wildbewegten See nun vier Wochen. Kein Anzeichen ist ^bemerkbar, daß Franzosen oder Engländer zu erkennen be­ginnen, daß das von ihnen erstrebte Ziel unerreichbar ist. Ihre Schläge dauern unvermindert fort, wie der Donner von Tausenden von Dampfhämmern. Kein Zeichen, daß die Tampfkraft versiegt. Aber auch in den deutschen Linien ist kein Anzeichen der Schwäche zu entdecken. Sie stehen wie eine Mauer aus Blut und Eisen, zusammen- gekrttet durch ihren spartanischen Geist von Entschlossenheit

_Wiesbadener Tnglrlall.

und Mut, der aushält oder stirbt. Zwischen Somme und Ancre stehen ungefähr 1% Millionen Menschen und zwischen 7000 und 10000 Geschütze in tödlichem Kampfe gegenüber. Es ist nicht nur die größte Schlacht dieses Welt­krieges, sondern auch die größte Schlacht der Ge­schichte. Wenn die deutschen Schätzungen von einer

Morgen-Ausgabe. Erstes Blatt. Seite 3.

fehlen. Vierzehntägiges Trommelfeuer aus stärksten Kalibern, Gasangriffe, die Gräben eingeebnet, nur Krater als Schutz, und dann Angriffe von schwarzen und gelben Franzosen und Engländern, das ist wohl mehr, als selbst ein Amerikaner sich ausdenken kann. Niemand, der das nicht mitgemacht hat, kann sich einen Begriff davon machen. Außerordentlich

Viertelmillion an Verlusten bei den Alliierten auch nur einigermaßen richtig sind, so muß der Totalverlust auf beiden Seiten mehr als 300 000 betragen. Waterloo mit einem Verlust von 62 000, Gattisburg mit 63 000 nehmen sich dagegen wie Scharmützel aus, und dabei tobt die Schlacht mit un- gedämpfter Wut weiler. In einem Brief schreibt mir Rittmeister $.: Wir sind ebenso vertrauensvoll wie immer, und unsere unvergleichlichen Jungen fechten mit einem Heldengeist, für dessen Schilderung die Worte

dramatische Ereignisse werden bei den einzelnen Bataillonen erzählt, die die Weltgeschichte schreiben. Eine unendliche Tragik liegt in der menschlichen Seite des Dramas, indem hier im Westen Inder, Afrikaner, Australier, Neusee­länder, Kanadier, Irländer, Schottländer, Engländer und Franzosen immer wieder von neuem in nie dagewesenem An­sturm die deutschen Phalanxen zu durchbrechen suchen, wäh­rend auf der Ostfront unübersehbare Scharen von Russen zwischen Hindenburgs, Prinz Leopolds und Linsingens Linien

Leonowka kann man erkennen. Sie können ihn groß zu den

vielen anderen großen Tagen in ihr Heldenbuch schreiben jene kampferprobten Regimenter, die diese Stellung nahmen!

Die Granattrichter sitzen dicht, das Hindernis fehlte, die Bajonette stechen so scharf aufblickend in die Sonne. Die Russen hatten den letzten Sturm nicht abgewartet in ihrer Kreideburg. Jetzt sitzen deutsche Beobachter in den tiefge­schnittenen Gängen. Die Kirche von Kieselin ragt über das Grün von Parkbäumen aus dem Tal empor.

*

Kleine Flammen, die tanzen, langsam sterben, wieder schwarze Balken, das ist das Städtchen Kieselin. Die öster­reichische Verwaltung hat saubere Bretterwege im Winter legen lassen, das sieht man noch.

Sonst? Die Kirchen stehen noch, auch das Pfarrhaus, ein altes, mächtiges Klostergebäude; aber die Russen haben gestern eine 18-Zentimeter-Granate in das Pfarrhaus gesetzt. Eine Kuh ist von den Sprengstücken schlachtreif geworden. Ein paar Frauen, ein alter Mann, sind dabei, sie zu zerlegen. Ein kleiner totes Panjepferd liegt an der Eingangstür zum Kloster.

Das Herrenhaus. Schloß des Grafen Olizar, steht noch. In den Jnnenräumen hqt sich der Krieg breit gemacht. Die Wohnzimmer, alte Briefe, eine Knabenrüstung, Mode- journale. ein Bild, zerbrochene Möbel, klirrendes Glas, Post- karten mit den Grüßen aus den eleganten Badeorten einer eleganten Welt, Bücher, eine Meißener Tasse. An den Park­bäumen stehen die Pferde.

Gestern sollte hier ein Panjepferd gekauft werden", er- zählt der Oberarzt.Der Jude handelte gerade mit dem Un­teroffizier. Man wurde nicht einig. Da hauen über den Park ein paar russische Schrapnells, das Pferd wird an der Hinterhand verwundet.Sie haben gekauft!" sagte 8er Jude sofort. Sie wurden auch da nicht einig. Wir lachen. Lachen doch nicht recht.Es geht also vorwärts?" sagt der müde ab­gespannte Oberarzt beun Abschied.Es geht vorwärts, aber nicht leicht."Wenn's nur vorwärts geht."

An der kleinen zweiten Kirche am Gutspark schaufeln sie Gräber. Es beginnt zu regnen. Die kleinen Flammen in Kieselin zischen auf, verlöschen.

Die Pferde traben zum Wald von Zapust. (Kb.)

Rolf Brandt, Kriegsberichterstatter.

Rus Kunst und Leben.

* Aufdeckung eines römischen Theaters. Durch ausge­dehnte Ausgrabungen des Mainzer Altertumsvereins wurde am Südbahnhof das Theater des römischen Mainz freigelegt. Zwar wurden die umfangreichen Bauten schon bei Anlage des Bahnhofs 1884 entdeckt und planmäßig auf Karten festgelegt, doch fielen die meisten Mauerreste dem Bahnbau zum Opfer. Erst vor zwei Jahren schnitt man bei Kanalisationsarbeiten die Mauerblöcke wieder an. Vergleiche mit den Plänen und Skizzen von i884 ließen zuerst die Ver­mutung aufkommen, daß man es mit den Resten eines Theaters zu tun habe. Unter Leitung des Dr. Drexel vom Kaiserlich Archäologischen Institut zu Frankfurt a. M. wur­den weitere Grabungen vorgenommen, die in diesen Tagen zum Abschluß kamen. In einer Tiefe von 6 Meter stieß man auf die ersten Mauerreste der Orchestra und des Zuschauer­raums. Die Bühne hatte eine Länge von 41 Meter und eine Tiefe von 8 bis 12 Meter. An sie stießen rechts und links schmale gewölbte Flügelbauten. Vor die Bühne legte sich auf dem Abhang eines Hügels genau im Halbkreis der Zu­schauerraum mit seinen stufenförmig ansteigenden Sitzreihen, unmittelbar vor der Bühne lag im Halbkreis die Orchestra. Der Zuschauerraum hatte einen Durchmesser von 126 Meter. Das Theater war ein Bühnentheater, kein Amphitheater, und ist das erste Bühnentheater, das auf dem Boden des römischen Germaniens festgestellt wurde. Auf Grund der früheren und vor allem der jetzt gemachten Funde können seine Größenver­hältnisse und seine Grundrißanlagen genau bis in die Ein­zelheiten hinein festgelegt werden. Das Theater stimmt, wie Dr. Drexel mitteilt, in seinen Grundrissen mit dem römi­schen Theater in Arles (Frankreich) überein.

Kleine Chronik.

Theater und Literatur. Karl Hauptmanns Drama Die rote Jule".wird am 4. November unter dem Patro­nat desSchillervereins" am Stadttheater in Leipzig zur Aufführung gebracht.

Bildende Kunst und Musik.Schmetterling e" be­titelt sich Paul L i n ck e s neueste Operette, deren Buch A. O. Erler und Will Steinberg zu Verfassern hat. DaS Werk gelangt im Herbst in Berlin zur Uraufführung.Die Dosc Seiner Majestät", Operette in 3 Akten von Leo Walter Stein und Rudolf Presber, Musik von Gilbert, wurde von Direktor Tharle für die Komische Oper in Berlin zur Urauf- 'führung erworben.

Wissenschaft und Technik. In München ist der Anthro­pologe Johannes v. R a n k e, der Neffe des Historikers Leopold v. Ranke, im Alter von 80 Jahren verstorben. Das Skelett eines Diluvialpferdes wurde, wie dieMünch.N.N." melden, bei Grabungen im Bialatal in Nordböhmen 7 Meter tief gefunden. Das Gerippe ist vollständig erhalten. Das Bialatal ist die Fundgrube reicher diluvialischer Tierreste, so z. B. auch von Mamnmtknochen. Die Biala mündet bei Aussig in die Elbe und durchfließt das nordwestböhmische Braunkohlenbecken. Gestern fand in Anwesenheit des Königs Friedrich August in schlichter Form die Feier des 160jährigen Bestehens der Freiberger Berg­akademie statt. Bei dem Festakt in der Aula gab Finanz- minister v. Seydewitz einer Anzahl Ernennungen und Aus­zeichnungen statt. Die Rektoren der Akademie sollen fortan den Titel Magnifizenz führen, womit die längst geplante äußere Gleichstellung der Bergakademie mit den höheren Lehranstalten des Reichs herbeigeführt wird. Sodann hielt Rektor Oberbergrat Professor Galli die Festrede, in der er für die Auszeichnungen dankte und alle Vertreter der auswärti­gen Hccksscbulen, darunter solche aus Leipzig, Aachen, Berlin und Breslau, willkommen hieß. Nach einer Reihe weiterer Ansprachen wurde eine gemeinsame Besichtigung der neuer­bauten Anstalten für Mineralogie und Geologie vorgenom­men. Nach 1 Uhr kehrte der König nach -Dresden zurück.