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Sonntag» Sv. Juli 1916.

Morgen-Kusgabe.

Nr. SSS. . 64. Jahrgang.

W.T.-B. Berlin, 29. Juli. (Amtlich. Drahtbericht.) In der Nacht vom 28. zum 29. Juli hat ein Marine­luftschiffgeschwader de» mittleren Teil der englischen Ostküste und dabei die Bahnanlagen von Lincoln, Jndustrreanlageu bei N o r w i ch, die Flottenstützpunkte Grimsby und Jmmingham, sowie die Vorpostenfahrzeuge vor dem Humbcr mit Bomben belegt. Ein L c u ch t t u r m an der Humber- mündung wurde vernichtet. Trotz des Schießens mit Brandgeschossen sind alle Luftschiffe unbe­schädigt in ihre Heimatshäfeu zurück gekehrt.

Der Chef des Admiralstabs der Marine.

An der Schwelle der dritten Uriegr- jahrer.

Schon zwei Jahre Krieg! Die Zeiten fliegen pfeil­geschwind. Wenn wir jetzt zurückschauen auf die ge­witterschwangeren Julitage des Jahres 1914, so haben wir die Empfindung, als ob dies alles in endlosen Fernen hinter uns liegt; und die Friedenszeiten, in denen sich Handel und Wandel glatt vollzogen, in denen in den Parlamenten und in den Gemeindevertretun­gen um harmlose Millionen oder Tausende von Mark erbittert gestritten wurde, muten uns fast wie ein Mär­chen an. Und rückschauend können wir uns nicht ge­nug über uns und über andere Zeitgenossen wundern, die mit weisen Worten die Dauer eines modernen Krieges auf höchstens einige Monate angekündigt hatten.

Zwei Jahre Krieg und noch ist kein Ende abzu- schen! Die Widerstandskraft der Völker in militäri­scher und wirtschaftlicher Beziehung hat sich als über alle Maßen gewaltig erwiesen. Aus einem riesigen Reservoir von Kräften f auflt der Krieg fortgesetzt seine Nahrung. Unser deutsches Volk aber und unsere treuen Verbündeten, von allen Seiten bedrängt und bedroht, sie haben in bewundernswerter Weise ihre Widerstands­kraft erwiesen und weit darüber hinaus mächtige Proben ihres Angriffsgeistes, ihrer militärischen und technischen Überlegenheit geleistet.

N r ch t die Z a h l, sondern der Gei st ist es, der in diesem großen Ringen schließlich den Sieg davon tragen muß. Ter Geist und die höhere Moral! Wie wir in heiligem Zorn über die Tücke und Verlogenheit unserer Gegner in das Feld zogen, wie unsere Sache vom gan­zen Volke einheitlich als die «ache des Rechts und der Gerechtigkeit empfunden wurde, so ist auch während des ganzen Krieges unser Schild rein und unbefleckt ge­blieben. Und darauf darf das deutsche Volk ebenso stolz' sein wie auf die imposanten militärischen Erfolge, die wir zu Lande und zur See, in der Luft und unter dem Wasser errungen haben. Der deutsche Name, die deut­sche Ehre strahlt auch nach zwei Jahren harten, die Leidenschaften aufstachelnden, die feineren Gefühls­regungen abstumpfenden Krieges in Hellem Glanze. Wir brauchen nicht die Waffen der Lüge und der Ver­leumdung, wie unsere Gegner; wir brechen nicht das Völkerrecht, wir sind ritterlich gegen Schiffbrüchige und Gefangene. Wir können die Wahrheit vertragen und gehen sogar so weit, die oftmals zu diesem Zweck ge­färbten und übertriebenen Heeresberichte aller unserer Gegner in unseren eigenen Blättern zum Abdruck zu bringen.

Mit uns ist das Recht und die Wahrheit. Mir uns wird auch der Sieg sein.

Wir haben unsere Feinde nie unterschätzt. Der kraftvolle soldatische Übermut, der sich namentlich zum Beginn des Krieges in oft drastischen und humorvollen Wendungen zeigte und den wir als mannhaft-jugend­lichen Ausdruck des berechtigten Selbstvertrauens, der eiaenen Stärke und militärischen Ausbildung nicht missen möchten, ist bei uns nie soweit gegangen, daß von unseren Soldaten die ihnen gestellten Aufgaben auf -die leichte Achsel genominen wurden. Ernste, ge­wissenhafte Pflichterfüllung, zähe Ver- teidigungskraft, aber gleichzeitig unwider- stehlicher Drang nach vorwärts, schneidige ü n 1 e r n e h m u n g s l u st, geschickte Ausnutzung aller Schwächen des Gegners das sind Eigenschaften und Taten, denen mir unsere ruhmreichen Erfolge gegen eine millionenfache Überzahl von Feinden verdanken.

Schauen wir aber aut die wirtschaftliche Lage, wie sie sich rn den zwei Jahren des Krieges in derbe­lagerten Festung" Deutschland gestaltet hat, so können

wir auch da ruhig und getrosten Mutes sein. Schwie­rigkeiten und Mißgriffe sind vorhanden gewesen, wuche­rische Ansätze und Kettenhandel haben die gute Stim­mung beeinträchtigt. Die Vorräte auf einzelnen Ge­bieten sind knapp. Wir müssen Haushalten, um durch­halten zu können, die uns zur Verfügung stehenden Vor­räte müssen eingeteilt werden, damit jedem etwas zu- kvmmen kann. Aber glauben unsere Gegner wirklich, baß wir dieser Knappheit und der damit verbundenen Unbequemlichkeiten nicht Herr werden könnten? Die Kraft und die sittliche Stärke des deutschen Volkes wer­den auch diese Nadelstiche des Krieges zu überwinde» wissen.

In gewaltigem Ansturm, im Westen und im Osten, zusammengeballt in Millionen von Kämpfern, bedrohen uns unsere Feinde. Aber unsere eisernen Mauern halten stand. Die russischen Horden brechen zu- summen, die englischen Legionen kühlen zum ersten Mal wirklich am eigenen Leibe, was die deutsche F a u st bedeutet, die italienischen Anstürme an die unerschütterliche Alpenwacht bleiben vergebens, und langsam verrinnt das Herzblut Frankreichs vor den Mauern Verduns. Der Kampf ist hart und noch nicht entschieden. Aber wir trauen auf unser Heer und seine Führer, auf unser Volk daheim. Kritik und Mißvergnügen, das mögen wir uns alle zum Be­ginn des dritten Kriegsjahres gegenseitig versprechen, sollen keinen Raum finden in deutschen Herzen. Mut und f e st e s V e r t r a u e n auf die Z u k u n f t, die harte Entschlossenheit zum Siege, sie mögen uns beim Eintritt in das dritte Kriegsjahr be­seelen!_ _

Dar zweite Megrjahr.

(Von unserer Berliner Abteilung.)

Wenn man die Kriegslage am Ende dieses zweiten Kriegsjahres richtig beurteilen will, wende man zu­nächst den Blick zurück auf die Lage, wie sie sich vor Jahresfrist darstellt: und dieser Blick zurück wird jeden ermutigen, den Blick vorwärts in Deutschlands Zukunft zu richten. Was in der Jahresspanne erreicht wurde, ist so gewaltig, daß der Deutsche mit Zuversicht die kom­mende Entwicklung des Völkerkrieges erwarten darf.

Als das zweite Kriegsjahr begann, lag das Schwer­gewicht der Kämpfe im Osten; gegen Franzosen, Eng- länder und Serben hieß die Parole: Festhalten!

Gegen den größten Feind, den Russen, brauchten wir volle Bewegungsfreiheit: unsere denkbar ungünstige

Front mußte vorgeschoben, zur geraden Linie verkürzt werden. Mit dem Durchbruch bei Gorlice und T a r n ow, der Säuberung Galiziens, begann der große Druck, vor dem die Russen unaufhaltsam ostwärts zu- rückweichen mußten. Ende Juli 1915 verlief die deutsche und die deutsch-österreichische Front schon von Nord nach Süd: westlich Mitau und Kowno, über

Augustow mit westwärts ausschweifendem Bogen um das große polnische Festungsgebiet, dann über Cholm östlich Lemberg und Tschernowitsch bis an die galizisch- rumänisch-russische Grenzecke. Hindenburg hatte das Hauptstück schon geleistet; vom polnischen Festungswall waren Rozan und Pultusk weggerissen, Mackensens Heeresgruppe, deren linker Flügel vor Warschau stand, batte die Weichsel schon überschritten. Ungeheuer wuch­tige Schläge leiteten das zweite Jahr ein; hinter ein­ander fielen: am 3. August Warschau, am 8. August Iwangoro d, am 18. Ko wno, am 20. Nowo­ge o r g i j e w s k, am 26. B r e st - L i t o w s k, am 4. September G r o d n o, und am 25. September hatten unsere Heere annähernd die Front erreicht, die sie bis heute festgehalten haben. Nach Süden waren die ver­bündeten Heere ebenfalls siegreich vorgedrungen und hatten bis Ende November die Gegend südlich von Pinsk erreicht. Das schier unübersehbare Russenheer war ganz außerordentlich geschwächt und zu größerem Gegenstoß auf längere Zeit unfähig gemacht worden. Die BeuteimOsten betrug 4000 Offiziere, 1 100 000 Mann gefangen, 2700 Geschütze und 2300 Maschinen­gewehre. Unser Ziel der Frontverkürzung war vollauf erreicht; die Aufmerksamkeit konnte sich in er­höhtem Maße den andern Kriegsschauplätzen zuwenden.

An der Westfront hatten die Feinde den so arg be­drängten Russen durch Offensivstöße in Flandern und der Champagne Ende September und Anfang Oktober Entlastung bringen, mehr noch, den von Joffre in einem Tagesbefehl verheißenen Durchbruch erzielen wollen. Der um dasSechs- bisSiebenfache an Truppen- ?whl überlegene Angriff scheiterte: bei Arras und süd­östlich von Vouzieres zeigten die deutschen Abwehr­truppen so hervorragende Tapferkeit, daß die deutsche

Heeresleitung keinen einzigen Mann mehr nach der Westfront zu schicken brauchte, als vorgesehen war, wo­mit die erstrebte Entlastung der Russen mißglückte. Auch die Italiener hätten vielleicht gern zu dieser Zeit zur Ablenkung von den russischen Waffenbrüdern beigetragen, sahen sich aber durch die erfolglos, doch blutig verlaufene zweite Jsonzoschlacht völlig lahmgelegt.

Die lang aufgeschobene militärische und moralische Pflicht, die Serben als die eigentlichen Kriegs­urheber zu strafen und unseren türkischen Bundesge­nossen die Hand zu reichen, führte Anfang Oktober unter Mackensens Oberbefehl zur Überschreitung der Donau. Während Deutsche, Österreicher und Ungarn von Norden und Osten zugleich in Serbien einrückten, drangen auch die tapferen Bulgaren, für die es keinen Zweifel mehr geben konnte, nach welcher Seite sich der Sieg neigte, auch vorn Süden vor und verlegten den geschlagenerz Truppen König Peters die Rückzugsstraße nach Süden. Innerhalb acht Wochen war das ganze Land trotz Witterungsunbilden und Ge- ländeschwierigkciten gesäubert; die serbischen Heeres­trümmer flüchteten durch Albanien und Montenegro.

Schon am 5. Oktober hatte die Entente von den Dardanellen englische und französische Truppen weg nach Saloniki gebracht, um Griechenland zur Hilfeleistung für die Serben mitfortzureißen. Bis Ende November hatte sie etwa 100 000 Mann dort ver­einigt. Doch das Vordringen der englisch-französischen Entsatztruppen war völlig vergeblich); nach einigen Kämpfen auf mazedonsichem Gebiet wurden sie vom 10. bis 12. September bei Gewgjelr und Dorr an vollends geschlagen und mußten fluchtartig auf griechi­sches Gbiel zurüc'aehen. Allmählich wurde dann das Landungsheer in Saloniki auf 250 000 Mann verstärkt' eine dort nutzlos ausharrende Truppen- m a ch t, welche die Entente heute gewiß an anderen Stellen schmerzlich entbehren wird.

Im Januar 19r6 schlug die Stunde M o n t e n e - g r o s Die Armee Koeveß befand sich zwei Tage nach der Einnahme desunüberwindlichen" Lo wischen in der Hauptstadt C e t t i n j e und am 14. Januar unterwarf sich der Rest des montenegrinischen Landes. Italien, das seine albanischen Interessen bedroht sah, wurde aus D n r a z z o bald verjagt und sieht sich an der zweiten Landungsstelle, V a l o n a, eingeschlossen. Auf dem Balkan gestaltete sich die Lage der Entente recht aussichtslos; die ans den Dardanellen bis zu je 5 französischen und englischen Divisionen verstärkten Expeditionskräste schickten sich endlich, nach der blutigen Niederlage von Aanaforta unter großem Prestige- Verlust im ganzen Orient zur Wiederoinschiffung, die dank der britischen Flottenmacht möglich wurde. Für Italien hatte im Oktober 1915 die dritte Jsonzo- Offensive denselben grausamen Mißerfolg, den di; spätere vierte Jsonzoschlacht nochmals wieder­holen sollte.

Um die Jahresivende 1915/16 hatten die Mittel­mächte eine Lage geschaffen, die ihnen die unbe­schränkte militärische Bewegungsfrei­heit sicherte. Der Vierverband verfing sich im Wahn, daß diese Freiheit die Quelle all unserer Triumphe wäre und daß um jeden Preis durch einheitliche Lei­tung der Operationen auf den verschiedenen Kriegs­schauplätzen, d. h. durch gleichzeitiges Einsetzen der Offensive, dem Feinde der Vorteil der zentralen Stel­lung entrüsten werden müsse. Da die Gegner zur Durchs führung dieses Planes längerer Vorbereitungen be­durften, hatten wir begründete Aussicht, ihnen einiger­maßen das Konzept zu verderben. Am 21. Februar be­gann unser Angriff auf die französischen Stellungen bei Verdun. Der Verlauf der Kämpfe dort, die Überraschung von Doualintont, sind noch in aller Erinnerung, so daß an dieser Stelle auf eine eingehen­dere Schilderung des SchlachtverlaufS verzichtet werden darf. Die Festung selbst ist noch nicht in unserer Hand und es stehen uns dort zweifellos noch harte Kämpfe bevor. Aber gerade die Zähigkeit, mit der die Franzosen die Maasstadt verteidigen, zeigt, daß nnfire Anstrengungen nicht vergebens waren. Zwei Drittel der französischen Arniee wurden bereits bei Verdun eingesetzt; sis brachte schwere Opfer. Fragt jemand, wann Verdun wohl fallen wird, dann muß die Antwort sein: die Kämpfe dort haben weit mehr als die örtliche Bedeutung gehabt. 1200 französische Offiziere, übcr 55 000 Mann wurden dort gefangen genommen, 210 Geschütze und 4 0 0 Maschinengewehre erbeutet! Verdun ist die offene Wunde, aus der das französische Herz- b I u t fließt, wie sich ein deutscher Offizier ausdrückte.