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Der Komai

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Morgen-Aeilage der Wiesbadener Tagblatts, i-

n». 175. Samstag, 29. 3ult._ 1916,

Di6 BtOUt 011$ KöttaöO. ikNachdruck verboten.),

(37. Fortsetzung-)' Roman von Hrdda von Schmitz.

Die Hängelampe über dem runden Tisch im Haend- lcrschen Eßzimmer warf ihren freundlichen, gelben Schein auf das blütenweiße Tafeltuch.

Durch das offene Fenster strich weiche Maienluft tn das Gemach. Thea ging auf und ab und half dem Dienstmädchen beim Abräumen des Tisches. Tante Liete und Thea hatten heute allein zu Abend gegessen.

Die Kinder schliefen. Doktor Haendler wohnte einer geselligen Veranstaltung eines Lehrervereins bei. Tande Liete, deren Sehkraft in letzter Zeit noch mehr db genommen hatte, trug einen goldgefaßten Kneifer. Doch machte es ihr trotzdem noch Mühe, den Brief, den sie dicht unter die Lampe hielt, zu entziffern.

„Da soll einer aus Heinos modernen Krakelfüßen, die allesamt hinterüberpurzeln, klug werden", schalt sie.

, Ich muß den Brief, der längste, den er je in feinem Leben verfaßt hat, nochmals gründlich durchstudieren, ja, und ich muß sagen, Hansemanns verflossene Braut aus Kanada bereitet uns eine Überraschung nach der anderen. Kaum, daß man sich vom Staunen darüber, daß sie die Witwe des Barons Strodtmann ist, erholt hat, kommt schon wieder etwas Neues . . .! Da kann man ja einen ganzen Film davon Herstellen — und die Henrika kann 'ich selber mimen. Das gibt dann einen Haupteffekt. Gott — wenn ich daran denke, wie perplex h'tr alle hier waren, als das Kabeltelegramm mit der Nachricht von Hansemanns Verlobung hier eintraf. Deine Mutter, Thea, konnte sich ja nie recht mit der amerikanischen Schwiegertochter abfinden — na, nun bat die Baronin Strodtmann sie bekommen. Ob die wohl froh sein mag über die Bescherung? Was meinst du, Thea?"

„Ja, sehr froh", erwiderte Thea mit Betonung und faltete das Tischtuch sorgfältig zusammen. „Henrika bat mir geschrieben, daß auch sie sich unendlich darauf freut, die Mutter ihres verstorbenen Mannes kennen zu lernen."

„Na, Tee trinkeg — abwarten. Ihren Hochmut scheint die Frau Baronin jedenfalls aufgesteckt zu haben", fuhr Tante Liete fort. „Ist auch ganz rocht. Angenehm mag es ihr nicht sein, daß jeder Schuster- junge für 'ne halbe Mark oder drei Groschen ihre Schwiegertochter, die „Filmprinzessin", im Kino beäugen kann. Wenn ich einen Sohn hätte, mit Wonne würde ich Henrika als Schwiegertochter begrüßen. Es freut mich nachträglich ganz besonders, daß ich schon damals etwas von Henrika gehalten habe,. als deine selige Mutter und deine selige Schwester, liebe Thea, aus dem Kopfschüttcln über Hansemanns Erkorene nicht heraus- kommen wollten. Bist du nun fertig, Thea? Ja? Also dann tu mir den Gefallen und trag mir Heinos Schrei- ben aus New York recht laut und deutlich vor. Ich höre auf dem linken Ohr doch nicht mehr gut. — Setz dich hierher, Thea, mein liebes Kind, so — und nun lies."

„Hochzuverehrende, allerungnädigste Tante Liete", begann Thea.

«Verrückte Anrede", brummelte das alte Fräulein.

«Ihr Zorn", fuhr Thea im Vorlesen fort, „hat mich vollkommen zerschmettert. L>chreibfaulheit ist Ihrer Ansicht nach, verehrte Gönnerin, ein schlimmes Ver­brechen. Daß ich eine Abneigung gegen Tinte und Feder besitze, habe ich von ieher als einen meiner größ­ten „Charakterfehler" betrachtet. Leider ändert man sich in meinem Alter nicht inehr so leicht, wie eS in man», cher Hinsicht erwünscht wäre. Ich will heute wenigstens den Versuch machen, mich einigermaßen zu bessern, um Ihr Wohlwollen nicht auf immer zu verscherzen. Außerdem bin ich in der glücklichen Lage, Ihnen lauter angenehme Neuigkeiten mitteilen zu können. Henrika, die mit ihrem Schatten, dem getreuen Schimmelchen (alias Frau Amalie Schimmelbeck), eben hier in New Hsork weilt, hatte mich gebeten, über eine sie betreffende wichtige Angelegenheit nicht früher etwas verlauten zu lassen, als bis alles perfekt geworden. Hören Sie nun zu, liebe, verehrte Tante Liete' Im Herbst des vorigen Jahres ließ sich ein durch Krankheit und allerlei Wechselfälle des Lebens stark heruntergekommener Kollege, ein Belgier, bei mir melden und behauptete, im Besitze von Dokumenten zu fein, die für Henrika dy Santos von Wichtigkeit wären. Er habe, sagte er, durch einen Zufall erfahren, dak ich die Filmprinzessin Hen­rika dy Santos gut kenne. Daher habe er mich als eine zum Vertrauensmann geeignete Persönlichkeit ausge­sucht. Ich schenkte seinen Worten anfänglich keinen Glauben, bis er mir haarklein erzählte, daß er vor Jahren in dem Zuge Paris-Calais gefahren sei, in dem Baron Harald Strodtmann verunglückte. Er habe zwi­schen den Trümmern eines Wagens ein unversehrt ge­bliebenes Handköfferchen gefunden, als dessen Eigen­tümer er, wie er durch den Inhalt des Köfferchens leicht hatte feststellen können, den Baron Strodtmann, dessen Namen auf der Totenliste gestanden, erkannt habe. Die Wertsachen habe er zu Gelds gemacht — er sei ohne Engagement und in bitterer Not gewesen auf dem Wege nach Paris, hatte gehofft, dort möglickrerweise sein Glück zu machen. Die Brieftasche des Toten habe er. einer abergläubischen Empfindung folgend, aufbe­wahrt. In ihr befänden sich Dokumente, die Fräulein Henrika dy Santos gehörten. Nun habe er in einer großen amerikanischen Zeitung gelesen, daß die Erben eines Juan dy Santos, der vor einer Reihe von Jahren in Boston gestorben, gesucht würden. Es handele sich um eine Erbschaft in Spanien. Ich kaufte, ohne viel " zu zaudern, dem Belgier die Papiere ab — es waren Henrikas Geburtsschein, der Trauschein ihrer Eltern, von einem evangelischen Pfarrer in Kanada ausgestellt, Henrikas Mutter war ja. wie Ihnen bekannt ist, liebe Tante Liete, Deutschamerikanerin, und ein an Herrn Fred Delarue in Berlin adressierter Brief, — der, wie sich nachher hcrausstellte, Henrikas und Harald Strodtmanns Trauschein enthielt. Mit allen Einzel­heiten will ich Sie nicht weiter ermüden, ich übergab die Sache einem Rechtsanwalt, der alsbald in Erfahrung brachte, daß es sich tatsächlich um eine Millionenerb-