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Norgen.Beilage der Wiesbadener Tagblatts,

N». 174. Lreitag, 28. Iuli. 1916.

(88. Kortsetzung.1'

Ol« Braut aus Kanada.

Roman von Hrdd« von Schmitz.

ilNachdruck verboten.)

Flammte denn keine Eifersucht in Irmgards Seele duf . . .? Empfand sie nicht noch nachträglich Qualen darüber, datz er jene andere so sehr geliebt, daß er hinter dem Rücken seiner Angehörigen ihr seinen Namen ge­geben hatte?

Das Briefblatt mit Haralds Schriftzügen zitterte unmerklich in Irmgards Hand — ein Tropfen löste sich von ihrer Wimper, fiel auf das Schreiben, den Namen Henrikas halb verwischend.

„O Fred, wie wird Ihre Mutter glücklich sein?"

Nun fuhr er von seinem Sitz empor. Er glaubt« sich verhört zu haben ....

„Sie sagen da etwas-"

„Was ich verantworten kann", fiel sie schnell ein. Sie strich leicht und liebkosend über den Brief in ihrer Hand, legte ihn behutsam in seine Falten und dann auf den Tisch aus heller Birkcnmaser, an dem sie saß.

„Ich will es Ihnen eingestehen, Fred, Ihre Mutter weiß durch mich, daß Harald Henriette Santen geliebt hat. Ich habe in dieser Liebe Ihres Bruders niemals eine Verirrung erblickt. Daß er sie zu seiner Gattin machen würde, glaubte ich aus einigen Reden von Frau Kunstmann schließen zu können. Fritz hatte hi« Und da etwas aufgeschnappt, vielleicht war Harald nicht immer vorsichtig in seinen Äußerungen Fritz gegen­über gewesen. Ihre Mutter wünschte Henriette Santen kennenzulernen — zuerst glaubten wir, daß sie nicht mehr am Leben sei, doch durch Nachforschungen erfuhren wir, daß sie wochenlang in Frankreich krank gelegen, dann war ihre Spur verwischt. Endlich gelang es Papa, den ich ins Vertrauen gezogen hatte, vor kurzem festzustellen, daß Henriette Santen mit Henrika dy Santos identisch ist. Sie lesen in den Zeitungen nur das, was auf Politik und auf Kaufmännisches Bezug hat, Fred, sonst hätten sie schon wissen müssen, daß die dänische Filmprinzessin, wie man Henrika dy Santos nennt, früher bei der Operette gewesen ist unter dem Künstlernamen Henriette Santen."

„Doch, doch, ich weiß seit einigen Tagen alles", murmelte Fred. Er wußte nicht warum — aber er kam sich plötzlich so klein vor — da hatten seine Mutter und Irmgard, ohne ihn zu Rate zu ziehen, so einfach über seinen Kopf hinweg Schritte getan, die ihm zunächst ganz unverständlich erschienen. Er konnte es nicht fassen — seine Mutter hatte nach Henriette Santen ge­forscht, nach der Frau, deren Schicksal mit Harald in Verbindung gestanden . . . Und er war ängstlich be­müht gewesen, alles was Henriette Santen anbetraf, vorsichtig von ihr zu verbergen.

Seine Anschauungen, auf Traditionen aufgebaut, erlitten plötzlich kläglich Schifsbruch. Geradezu isoliert kam er sich vor.

„Bitte, weiter, Irmgard", sagte er kurz, als sie, seine peinliche Überraschung wahrnehmend, schwieg.

„Ach, Fred, Sie sind solch ein prächtiger, groß­zügiger Mensch in den meisten Dingen — aber —"

„Bitte", begann er, sie unterbrechend, doch sie ließ !

rhm nicht das Wort, ließ sich nicht irre machen: „Sie sind ein vortrefflickrer Sohn, waren Harald ein guter Bruder. Doch Sie haben nicht verstanden, seine Natur richtig zu nehmen. Er hing trotzalledem mit großer Liebe an Ihnen, das weiß ich von ihm selber — aber in vielen Dingen waren Sie beide sich doch innerlich fremd. Es sind manche eingewurzelte Anschauungen in Ihnen, Fred, über die Sie nicht hinweg können. Allerdings wäre Ihre Mutter damals ebenso sehr wir Sie gegen eine Ehe Haralds mit einer Operetten« sängerin gewesen — aber wenn sie in der Folge sich da­von überzeugt hätte, daß Haralds Glück mit Henriett« Santen zusammenhing, so hätte sie sich in alles ge- funden. So hat sie es mir wiederholt gesagt." Fred war verstummt.

Seit seiner Knabenzeit fast passierte es ihm zum ersten Male, daß jemand ihn so „abkanzelte", wie Irm­gard Löhnstädt es eben tat. Aber ihre offenen Wort« Verbannten das unbehagliche Empfinden, das ihn seit Empfang der überseeischen Post belastet hatte.

„Bitte, Irmgard, fahren Sie nur ruhig fort, ich höre

8 ern zu", bemerkte er liebenswürdig, als er sah, daß sie sn forschend und zweifelnd, ob er ihr ihre Aufrichtig­keit übelgenommen hatte oder nicht, anblickte.

. „Verstehen Sie nun, Fred, daß ich behaupte, es sei ein Glück für Ihre Mutter, daß Henrika dy SantoS Haralds heimlich anaetraute Frau ist? Ihre Mutter wird Henrika wie eine Tochter lieb haben — sie liebt sie schon jetzt. ... Ich will's Ihnen nur sagen: Ihr« Mutter hat Henrika bereits gesehen — im Film."

„Ah", entfuhr es Fred überrascht — „auch das noch. Es ist doch geradezu märchenhaft, wozu der Kinemato- graph nützlich iein kann", versuchte er, seine Erregung unter einem Anflug von Spott zu verbergen.

„Nicht so", versetzte Irmgard ernst. „Ich schrieb auf die Bitte Ihrer Mutter Henrika dy Santos nach Kopenhagen und bat sie in ihrem Namen nach Lübeck n kommen — oder auch in Hamburg, wenn ihr das ieber sein sollte, eine Zujanunenkunft mit Ihrer Mutter zu haben."

„Also ein förmliches Komplott. . ."

„Nennen Sie es so, wenn Sie wollen, lieber Fre8 — aber seien Sie froh, datz Ihre Mutter zufrieden ist, das Mädchen kennen zu lernen, das ihr Sohn so über alles auf der Welt geliebt hat. Henrika dy Santos ist eine große Künstlerin. . . . Filnischauspielerin ist sie geworden, als sie nach jenem Eisenbahnunfall, der sie an den Rand des Grabes brachte, ihre schöne Stimme einbllßte. Was sollte sie beginnen? Sie war mittellos, sie hatte außerdem für ihre mütterliche Beschützerin, deren auffallende Erscheinung mir noch gut in der Er­innerung ist, zu sorgen — es war ein großes Glück fitt sie, daß sie ihre phänomenale Begabung für das Kin« entdeckte. Sie brauchen sich Ihrer Schwägerin wahr­lich nicht zu schämen, Fred. . . ."

„Was hat Henrika Ihnen geantwortet?"

* „Sie können ja Einsicht in ihren Brief nehmen, ich