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Nr. 173. Donnerstage 27. Juli. 1916.

(35. Fortsetzung.)

Die Braut aus Kanada.

Roman von Hrdda von Schmid.

(Nachdruck verboten.)

„Spekulation", schoß es Fred durch den Srnn, „es war klug von der Operettensängerrn, einen Mann zu heiraten, der Ke nach kurzer Frist zur reichen Witwe machen würde." Doch sofort schämte er sich seines un­edlen Verdachts. Wenn Henrika ihre Ansprüche als Haralds Wrtwe hätte geltend inachen wollen, wäre es ihr doch ein leichtes gewesen, es zu tun. Warum hatte sie der Familie ihres Gatten die heimliche Trauung in England »erschwiegen. Ein langsames Verstehen kam über Fred. . . . Ein Begreifen dieser stolzen, jungen Frauenseele. . . . Ihren ärgsten Femd batte Henrika ihn genannt. . . . Wie kam sie dazu! ^a - sie war ihm nicht sympathisch gewesen — aber sie besaß trotzdem keine Veranlassung dazu, ihn ihren Feind zu nennen. Er konnte sich's gut vorstellen, wie sehr eine Henrika dy Santos zu hassen imstande war — er wußte es, wie stark ihr seelisches Empfinden war, seit­dem er sie in der Rolle der Karen gesehen hatte. . . . Aber auch zu lieben verstand dieses junge Weib. . . . Er begriff seinen Bruder nun voll und ganz. . . .

' Diese letzte Bitte Haralds hat ihn auf das tiefste er- schüttert. . . . Wie ein Testament erscheint ihm dieser Brief, den Harald zwei Tage vor seinem Tode geschrie­ben hat. Es war Fred rätselhaft, daß er erst jetzt und auf dem Umwege über das Weltmeer in seine Hände gelangt war ...

Er nimmt das Begleitschreiben zur Hand und liest die Unterschrift „Heino Geltern". Der Name kommt ibm plötzlich so bekannt vor — richtig, so hieß ja der junge Schauspieler, den er flüchtig bei Grönings kennen gelernt hatte. Haralds Schreiben war ein zusammen- gcfalteter Schein entfallen — Fred breitete ihn vor sich auf dem Tisch aus — nein, es ist kein Zweifel — es ist der Trauschein seines Bruders. . . . Jede Möglichkeit noch zu glauben, daß Harald seine Abstcht, Henrika zu heiraten nicht ausgeführt hat, ist hiermit geschwunden.

. . . Fred -ist noch wie erstarrt über diese Lösung: die Filmprinzessin seine Schwägerin, die Witwe seines Bruders. ... Er wundert sich halb unbewußt darüber, daß es ihm nicht als etwas Unmögliches, Unerhörtes vorkommt, daß Henrika ebenso wie seine Mutter eine Baronin Strodtmann ist. . . . Dann liest er den auf­klärenden Begleitbrief. Er ist aus New Aork datiert und lautet:

„Sehr geehrter Herr Delarue!

Einliegend übermittle ich Ihnen ein an Sie adres­siertes Schreiben, das durch einen seltsamen Zufall in. meine Hände gelangt ist. Es befand sich in einem Köfferchen, das Ihrem verstorbenen Herrn Bruder, Herrn von Strodtmann, gehört hat. Durch Umstände, die hier zu erörtern nicht not>nendig sind, kam ich in den Besitz von Dokumenten, die einer mir nahestehenden Person gehören und die sich ebenfalls in dem genann­ten Köfferchen befanden. daS in der Nacht, in welcher Ihr Herr Bruder ums Leben kam, aus dem halbzer­trümmerten Wagenabteil, wo der Tod ihn im Schlaf überraschte, entwendet worden ist. Der Dieb, der die

im Köfferchen befindlichen Wertsachen sich angeeignet, hatte die Dokumente, di? er in einer wappengeschmück­ten Brieftasche vorgefunden, ebenfalls behalten, ohne sich mehr als flüchtig von ihrem Inhalt zu überzeugen. Seinen Worten nach war es seine Absicht gewesen, das gestohlene Gut späterhin den Anverwandten des Barons Strodtmann zuzustellen, ich vermag jedoch dieser Ver­sicherung keinen Glauben zu schenken. Ich habe dem Manne, der einen verkommenen Eindruck macht, ver­sprochen weder Ihnen gegenüber seinen Namen zu nennen, noch eine Anzeige gegen ihn zu erstatten — es ist ein Schwerkranker, der bald vor einem höheren Richter stehen wird. Ich erachtete"es für meine Pflicht, den an Sie adressierten Brief, sehr verehrter Herr Delarue, mit umgehender Post Ihnen zu übersenden. Genehmigen Sie den Ausdrtlck vollkommenster Hoch­achtung

Ihres ergebenen

Heino Geltern,

Mitglied des Wiesinger Ensembles z. Z. New Bork.

Fragen, auf die er kerne Antwort fand, jagten ein­ander in Freds Hirn.

Fred, der Sichere, Selbstbewußte, stand plötzlich ihn erschütternden Tatsachen mit gebundenen Händen gegen­über.

Es war eine Schicksalsfügung, der er sich im ersten Moment des Staunens nicht gewachsen fühlte. Dann gewann'er seine gewohnte ruhrge itberlegung. Er mußte es so schonend als möglich seiner Mutter mit- teilen, daß die Filmprinzessin Henrika dy Santos — Haralds Witwe war.

Fred bangte beim Gedanken daran, in welcher Weise die alte schwergebeugte Frau diese Enthüllung aufnehmen würde? Vielleicht würden ihre Tränen linder fließen, wenn sie Haralds letzten Brief gelesen hatte. ... Er war ein mit dem Male frühen Todes Ge­zeichneter gewesen. Möglicherweise hatte ihn sein schnelles Ende vor einem langen, qualvollen Siechtum bewahrt. . . . Gehirnkrämpfe wären voraussichtlich seine Todesursache geworden, ähnlich wie die, an wcl- chen sein Vater, der lebenslustige Baron Strodtmann, gestorben war — noch in der Blüte seiner Jahre stehend.

Fred betrachtete es als ein Glück, daß seine Mutter ven Irmgard Löhnstädt begleitet wurde. Er beschloß, mit Irmgard zu reden, ihr alles über Harald und Hen­rika mitzuteilen. ... Er würde dadurch in ihrem Her­zen Wunden aufreißen — das verhehlte er sich nicht, aber daran war nichts zu ändern — erfahren würde sie die näheren Umstände ja doch. Sie kannte die seelischen Stimmungen 'einer Mutter jetzt besser als er — der Sohn — die Pflege, die sie der Baronin in der ersten, schweren Zeit gewidmet, hatte an Selbstaufopferung ge­grenzt.

Am ersten Abend nach ihrer Ankunst m Berlin, saß Irmgard im Erkerzimmer, einem lauschigen Gemach in: Biedermeierstiel, Fred gegenüber. Die Baronin.