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Msrgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts, i»

Nr. 171. Dienstag, 28. Juli. 1916. \

(83. Fortsetzung.) ©IC ßlfttUt ÖUS WOttOÖCI# (Nachdruck verboten.»

Roman von Hrdda von Schmitz.

Fred Delarue saß an einem Nachmittag im Novem- der in seinem Arbeitszrmmer. ^ .

Für ihn war es —. noch „vor Trsch , da m seinem Hause englische Tischzeit herrschte. , ^. „ r .

Der sonnenlose Tag hatte in einem echt Berliner Regennebel sein Ende gesunden. ,

Das große, im englischen Stil eingerichtete Zimmer

lag fast im Dunklen-Fred liebte diese „Übergangs.

rnomente vom Schatten zum Licht", wie er die Dämmer­stunde nannte. Für seine kostbare Zeit bestand sie ja auch nur aus Augenblicken. In ihnen überdachte er aern wichtige Angelegenheiten. Ihm war es dann, als arbeite sein Geist schärfer, wenn seine Sehkraft durch nichts Helles abgelenkt wurde.

Es hatte für ihn soviel Beruhigendes, dieses Grau iind Schwarz, das sich wie ein weicher Mantel um seine Sehnerven legte.

Ein Pochen an der Tür wurde laut.

„Herein", sagte Fred, und berührte den Knopf der elektrischen Leitung. Hell flammte das Licht in den Birnen, die in einem Bündel von der hohen Zimmer­decke herabhingen, auf.

Bei geschäftlichen Unterredungen liebte Fred volle Beleuchtung — arbeitete er allein am Schreibtisch, so genügte ihm das durch einen grünseidenen Schirm gc- dänipfte Licht der kunstreich in Kupfer getriebenen Tisch- lampe.

Doktor Haendler wurde gemeldet.

Fred hatte ihn erwartet.

Es handelte sich um eine wichtige Besprechung: bei der Krisis jenes Unternehmens in Kanada, in das Hans Gröning mit deni ihnr in manchen Dingen eigen ge­wesenen Leichtsinn beinahe sein ganzes, in sauren Ar­beitsjahren erworbenes Vermögen hineingesteckt hatte, tnaren die Aktien des Kohlenlagers fast wertlos gewor­den. Unerwarteterweise war ledoch kürzlich ein enormer Umschwung in den kanadischen Kohlengruben einge- treten: eine neue Gesellschaft hatte die Aktiven und Passiva übernommen, hatte den Aktionären, die bisher keinen Schilling Dividende gesehen hatten, neue Anteile angeboten, sich resp bereit erklärt, die Winipeg-Aktien znrückzukaufen. Fred Delarue, als vorsichtiger Ge­schäftsmann, hatte sich anfänglich äußerst mißtrauisch diesen Aussichten gegenüber verhalten. Doch die Tat­sachen lehrten ihn, die nunniehr mit frischer Kraft in Angriff genommene Ausnutzung des Kohlenlagers mit anderen Augen zu betrachten. Die Aktien stiegen rapid zu einem überaus günstigen Kurs. Es fragte sich nun, was praktisch war — mit den versprochenen Dividenden zu rechnen, oder alle Aktien, die sich noch in seinem, Delarucs und Gröningschcn Besitz befanden, schleunigst auf den Markt zu werfen. Man konnte ja nie wissen, was schon in allernächster Zeit drüben wiederunr iür neue Veränderungen einlreten dürsten. Naturgewalten konnten das so großartige anfblühende Unternehmen

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in Kanada zu een Alltäglichkeiten gehörten, konnten die

Papiere mit einem Male wiederum zu fast wertlosen stempeln. Im Lande der unberechenbaren Möglichkeiten mußte man auf alles Unerivartete beständig gefaßt sein.

Doktor Haendler, dem kaufmännisches Risiko sowohl Respekt als auch, wie er lächelnd sagte: „heimliches Grauen" abnötigte, war entschieden mehr für den „Sperling in der Hand ' als wie für „die Taube auf dem Dache".

Er vertrat in dieser Aktienangelegenheit die Inter­essen seiner Schwägerin Thea und diejenigen seiner bei- den Söhne, die den Anteil, der ihrer Mutter zugefallen wäre, erbten.

Da die beiden Männer, Fred und Dr. Haendler, ein­ander persönlich sympathisch gegenüberstanden, wurde die Regelung der Angelegenheit schnell erledigt.

Fred stimmte gleichfalls für schleunigen Verkauf der Anteilscheine bet der gegenwärtigen günstigen Konjunk­tur. Es freute ihn, in dem Doktor eine so verständige, klare und energische Natur zu finden. Er erkundigte sich im Laufe des Gesprächs auch ganz unbefangen nach Thea und den Kindern, als man nach Beendigung der geschäftlichen Konferenz noch für die Dauer einer Zigarre beisammen saß.

Es ginge allen gut zu Hause, berichtete der Doktor.

Er war eigen davon berührt, daß seine Kinder nun doch ihren in Kanada verstorbenen Onkel beerbten. Er entsann sich deutlich jenes Abends, an dem seine Frau ihm voller Beschämung eingestanden hatte, daß sie sich nicht so herzlich über die Verlobung ihres Bruders, des Erbonkels in der Familie, gefreut habe, als man es von ihr hätte erwarten können.

Dieser Gedankengang veranlaßte den Doktor zu der Äußerung: „Sie entsinnen sich natürlich der Braut

meines verstorbenen Schwagers, Herr Delarue? Der Braut aus Kanada — jawohl, «ie haben Henrika dy Santos doch vor zirka fünf Jahren aus Kanada zu uns herübergebracht."

„Ja — und?" fragte Fred kurz.

Die Erinnerung an Henrika dy Santos berührte ihn jedesmal peinlich.

„Denken Sie mal an, was aus Henrika geworden ist: also zuerst, nachdem sic das Haus meiner verstorbe­nen Schwiegermutter heimlich verlassen hatte, ging sie zur Bühne. Neuerdings ist sie — Filmschauspielerin ge- toorden. Und was für eine! Hervorragend, ich ver­sichere es Ihnen, Herr Delarue. Die Zeitungen er­wähnen ja bereits Henrikas Leistungen. Haben Sie niemals ibren Nani 'n in einem oder denr anderen Blatt gefunden?"

„Nein", erwiderte Fred kalt. „Meine Zeit ist sehr besetzt

„Und für die Rubrik „Kinomatographisches" fehlt mir außerdem jegliches Interesse", schloß Fred mit deutlicher Geringschätzung.

„Oh", nreinte der Doktor mildernd, „das Kino löst immerhin manche künstlerischen Aufgaben in hervor- ragender Weise. Zum Beispiel auf wissenschaftlichem