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Wiesbadener Tachlck.

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Dienstag, 23. 3ult 1916.

klbend-klusgabe.

Nr. 346. . 64. Jahrgang.

was geht in Rußland vor?

Ssasunow und Buchanan.

Rußland ist das Land der politischen Überraschun­gen. Ein seltsames Geheimnis umhüllt alle Vorgänge, die sich im politischen Leben des Zarenreiches während des Krieges abspielen. Auch der Rücktritt des Ministers des Äußern Ssasonow ist g e h e r m n i s- v o l l, wie alle Umwälzungen, die sich innerhalb des russischen Kabinetts ereignet haben. Herr Ssasonow batte soeben seine Unterschrift unter den russisch­japanischen Vertrag gesetzt, der von der ganzen Ententenpresse als ein ungeheurer diplomatischer Er­folg Rußlands ausposaunt wurde. Dem russischen Finanzminister Bark war fast gleichzeitig die Unter» bringung der neuen 6-Mllliarden-AnIeihe in London und Paris gelungen, die ebenfalls als ein russischer diplomatischer Sieg gefeiert wurde. Unter diesen Umständen hätte man eigentlich glauben müssen, daß die Stellung Ssasonows in den letzten Tagen eher gefestigt als erschüttert worden sei. Und trotzdem hat der geheimnisvolle Ministerrat unter dem Vorsitz des Zaren deni Minister des Äußern offenbar nahegelegt, sein Rücktrittsgesuch einzureichen! Zar Nikolaus hat zwar , in einem Erlaß in huldvollster Weise den Eifer gelobt, den Ssasonow bisher im Dienste des Vaterlandes entwickelte, und sein Bedauern ausge­sprochen, daß der Minister infolge seines Gesundheits­zustandes gezwungen sei, seine Entlassung zu nehnien, aber diese Worte des Selbstbeherrschers aller Reußen können auch in Rußland niemand täuschen. Welche ge­heimen Ursachen haben nun Ssasonows Fall herbeige- iührt? Offenbar verdankt er seinen Sturz nicht allein dem Zustandekommen des Abkommens mit Japan, ob- wohl dasselbe den sogenannten „echt russischen Leuten" naturgemäß mißfallen muß. Ter Rücktritt des Ministers, der während des ganzen Krieges die russische auswärtige Politik leitete, wurzelt vielmehr wohl in einem viel ernsteren prinzipiellen Konflikt. Weite einflußreiche Kreiie im Zarenreiche haben mit täglich wachsendem Mißbehagen gesehen, wie Rußland immer mehr zum Vasallen seiner Verbündeten und vor allem Englands herabsank. Die Mißstimmung darüber hat sich zu wiederholten Malen in der russischen Öffentlichkeit Luft gemacht, doch war es bisher Ssasonow immer gelungen, sie wieder zu beschwichtigen. Jetzt jedoch, angesichts der ungeheuren Men­sch e n o p f e r, welche die zur Entlastung, der Verbün­deten im Westen unternommene russische Offensive Ruß­land kostet, hat die Richtung, die eine rein russische Politik fordert, die Oberhand gewonnen. Mit echt slawischer Schlauheit hat man gewartet, bis Herr Bark seine Milliarden bei den teuren Verbündeten untergebracht hatte, bevor man durch den Rücktritt Ssasonows England einen Schlag ins Ge­sicht versetzte. Denn gerade England ist cs , gewesen, das mit besonderer Liebe an der Person des bisherigen russischen Ministers des Äußern hing. Herr Ssasonow war von jeher der intime Freund des britischen Bot­schafters am Petersburger Hof Buchanan. Als vor mehreren Monaten die Stellung Ssasonows als er­schüttert galt und sein Rücktritt als nahe bevorstehend bezeichnet wurde, bot der britische Botschafter seinen ganzen Einfluß beim Zaren auf, um den bedrohten Staatsmann zu stützen. Buchanan erklärte damals öffentlich in allen Petersburger Salons, daß England die Zusammenarbeit mit Ssasonow besonders erwünscht sei. Die russische Entlastungsoffensive in Galizien und der Bukowina, deren verfrühter Beginn die Pläne der russischen Heeresleitung empfindlich störte, zeigt deut­lich genug, weshalb die Engländer eine so heiße Liebe für Herrn Ssasonow fühlten, der ein williges Werkzeug in ihren Händen war. Aber ebenso groß wie die Freundschaft zwischen Ssasonow und Buchanan war die Feindschaft einflußreicher russischer Kreise gegen den britischen Botschafter, dessen Politik von den russischen Konservativen mit Erbitterung als eine un­geschminkte Erpresser Politik empfunden wurde. Diesen Kreisen ist es jetzt gelungen, den Schütz­ling Englands aus dem Kabinett zu drängen. Daß sie sich dabei besonders auf die o p f e r r e i ch e u n d t r o tz- dem unglückliche russische Offensive be­riefen, beweist allein schon die Nachricht, daß tm ent- scheidenden Kronrat ini russischen Hauptquartier eine außerordentlich pessimistische Beurteilung der Kriegslage hervorgetreten sein soll. Mit dem Verschwinden Ssasonows aus der Regierung dürfte aber auch die Stellung des britischen Botschafters in Peters- bürg recht schwierig geworden sein. England hat sisinen Haupthandlanqer in der russischen Hauptstadt verloren, und der bisherige Verlauf des Angriffs des englischen Millionenheeres in Frank­reich erscheint nicht geeignet, den britischen Einfluß in Rußland zu verstärken. Die E n t t ä u s ch u n g über die militärische Leistung der Engländer durfte sogar Ssasonows plötzlichen Abgang beschleunigt haben.

Zurückhaltende Beurteilung des Rücktritts Ssasonows in Wien.

(Von unserem L.-Sonderberichterstatter.)

8. Stockholm, 23. Juli. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) In diplomatischen Kreisen Wiens ist man über den Rücktritt des russischen Ministers des Äußern der Ansicht, daß, so sehr die Verabschiedung eines am Aus­bruch des Weltkrieges verantwortlichen Staatsmannes an und für sich erfreulich sei, der weitere Schluß, daß dies Ereignis auf die Entwicklung der politischen Lage von grundlegendem Einfluß sein nrüßte, nicht berechtigt wäre. Es sei vielmehr anzunehmen, daß Stürmer in der Richtung seiner Vorgänger, die ja vomZaren bestimmt werden, weiter» schreite.

W. T.-B. Wien, 24. Juli. (Nichtamtlich.) Die Blätter besprechen zunächst mit Zurückhaltung den Rücktritt Ssasonows. Das „Neue Wiener Tagtl." sagt: Für den gegenwärti­gen Zeitpunkt mag das Ausscheiden Ssasonows aus seinem Amt wesentlich sein, die Entscheidung wird in dem blutigen Ringen erstritten, die Diplomaten haben noch nicht das Wort. Immerhin bedeutet es eine Erleich­terung, wenn ein Mann verschwindet, der mit einer so schweren Blut sch u l d belastet ist. — Die „Reichs- p o st",schreibt: Die Übernahme der Erbschaft Ssasonows durch Stürmer bedeutet gewiß nicht eine grundsätzliche Wandlung in den äußeren Beziehungen Rußlands. Immerhin wird Stürmer freier in seinem Verhältnis zur Londoner Downrngstreet sein. — Auch die „Arbeiterzeitung" glaubt, der Fortgang und das Schicksal der russischen militäri­schen Operationen dürften für die Gestaltung auch der politi­schen Dinge und für die FrredensneigungRuß- l a n d s oder sein Ausharren im Krieg von größerer Bedeu­tung sein als der etwaige Unterschied der Anschauungen, der einen Stürmer von einem Ssasonow trennen mag. -- „E x t p.a blatt" erblickt in dem Rücktritt Ssasonows ein Zeichen der tiefgehenden V e r w ! r r u n g, die in den höchsten Kreisen in der Umgebung des Zaren eingerissen sei.

Ein unangenehmer Eindruck in London.

Lugano» 24. Juli. (Zens. Bln.) Der Mailänder „Corriere della Sera" erfährt aus London, dort habe der Rücktritt Ssasonows, der als Hauptpfeiler des Dreiverbands an­gesehen wurde und der wegen seiner durchaus e n g l a n d - freundlichen Politik große Sympathie genoß und sich des völligen Vertrauens in den offiziellen britischen Kreisen erfreute, einen unangenehmen Eindruck herbor- gerufen.

Rotterdam, 24. Juli. (Zens. Bln.) Die „Daily News" erfährt unterm 23. aus Petersburg über den Rücktritt Ssasonows: Die Fehler, welche die Diplomatie des Vierver­bands am Balkan begangen hat, hatten ihn zu Beginn des Kriegs einer Kritik blotzgestellt, allein die stetige F e st i g u n g des englisch-russischen Einvernehmens als eine Bürgschaft nicht allein für den Sieg in dem Krieg, son­dern auch für eine Zukunft des Friedens in Europa, genügt, um in den Augen seiner Tadler seine verkehrte Leitung der Balkanangelegenheiten mehr als wettzumachen. Sein Rücktritt wird, wiewohl daraus keine Änderung der russischen Politik entsteht, von allen bedauert werden, die wußten, wie sehr das Bündnis zwischen England und Rußland diesem Manne, der England kannte und liebte, zu Herzen ging.

Englische Blätter bestreiten eine Kursänderung!

W. T.-B. Rotterdam, 24. Juli. (Nichtamtlich.) Laut einer Meldung des „Nieuwe Rotterd. Courant" betonen „Times" und „Daily News", daß die russische Politik durch den Rücktritt Ssasonows nicht verändert werde.

Holländische Vermutungen.

V/. T.-B'. Amsterdam, 24. Juli. (Nichtamtlich.) „Nieuws van den Daag" schreibt über den Kabinettswechsel in Ruß- laiid, es sei schwer, zu glauben, daß nicht hochpolitische Gründe im Spiel gewesen seien, und meint, der Rücktritt Ssasonows hänge wohl mit der kürzlichen Englandreise und mit den Besprechungen mit der englischen Diplomatie über die russische Kriegsanleihe zusammen.

Bemerkenswerte Hinweise im Berner „Bund".

W. T.-B. Bern, 24. Juli. (Nichtamtlich^ In eincc Be­sprechung des Rücktritts Ssasonows nimmt der „Bund" nicht an, daß ein Wechsel der russischen äußeren Politik damit verbunden sein werde. Er weist indessen darauf hin, daß die Vermutung naheliege, daß die Wandlung in der Haltung Ruß­lands im fernen Osten, die in dem Abkommen mit Java» einen sichtbaren Ausdruck fand, zu dem Wechsel im Ministe- riilin des Äußern beigetragen habe. In diesem Augenblick <ei noch daran erinnert, schließt der „Bund", daß nach russi­schen Pressemeldungen Mitte Juli im Hauptquartier eine Sitzung de-s Ministerrats stattgefunden hot, in der die Er­örterung über nie Möglichkeit eines Friedensschl ujj e s i m cn breiten Raum einnahm. Die russische Zens u r hatte diese Meldung durchgelassen, woraus wir für heute unterließen, irgend welche Schlüsse zu ziehen.

*

von 5er Ostfront. Türkische Truppen an der galizischen Zront.

(Von unserer Berliner Abteilung.)

I-. Berlin, 25. Ju!i. (Eig. Meldung. Zens. Bln.) Noch

der galizischen Front sind, wie wir hören, dieser Tage türki­sche Truppen abgegangen. Der B i e r v e r b a n d hat sich bisher laut der gemeinsamen Front gerühmt. Die Mitwirkung türkischer Kräfte im Osten gegen die Russen be­weist zugleich die Einheitlichkeit der Kriegsführung auch bei den Verbündeten und die erfreuliche Stärke des osmanischen Heeres. Sie zeigt weiter, daß auch unsere türkischen Verbündeten, wenn in Galizien vielleicht die siebcnbürgische und die bulgarische Frage entschieden wer­den soll, entschlossen sind, hier ihre Gegenwart kundzutun, da auch die Konstantinoprlfrage auf diesem Kampfplatz mit zu/ Entscheidung kommt.

Die ungeheuren russischen Verluste an der Nordwestfront.

Immer rücksichtslosere Einberufungen in Rutzlgnd.

(Von unserem 8.-Sonderberichterstatter.)

8. Stockholm, 25. Juli. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Das Moskau erSemstwo-Komitee erhielt bon der Armee Kuropatkin die Anweisung, umgehend in sechs größeren Städten für die Aufstellung von je 100 000 Betten zu strgen, da ungeheure Verwundetentransporte in der Richtung Riga-Mcskau unterwegs seien. In Riga selbst seien die Lazarette derart überfüllt, daß alle leichter Verwundeten aus Massenstrohlager untergcbracht worden seien. Offenbar übertreffen die in den letzten Tagen an der russischen Nordwestsront von den Rassen erlittenen Verluste noch bedeutend die hier angegebene Zahl-von 60 000, denn es sind auch sehr große Verwundetentransporte nach Peters­burg unterwegs. Zum Ersatz der ungeheuren Abgänge werden immer rücksichtslosere Einberufungen vorgenommen. In der vergangenen Woche sind sämtliche ausgehobenen älteren Landsturmjahrgär.ge unter die Fahnen gerufen, und zwar mit nur 24stündiger Frist. Welcher Er­schütterung dadurch das gesamte WirtschcftSleben ausgesetzt ist, beweist die Denkschrift, die von mehreren tausend Handels­gesellschaften, darunter sämtlichen Banken, eingereicht wurde und worin die sofortige Freilassung eine? Teils der Einge­zogenen gefordert wird, damit das Gesckäftslcben nicht zum Stocken gebracht werde. Es erging sofort ablehnender Be­scheid. Es sei nn ausführbar, auch nur einem einzigen Sol- dalen Aufschub zu gewähren. Alle Änträge niüßten ausnahms­los abgelehnt werden. Ferner ordnete das kaiserliche Reskript zur Aufstellung der Reserveabteilungen und zur Ver­stärkung der Sanitätstruppen die Einberufung der M e n n o n i t e n in allen russischen Gonvernemenls für den 28. Juli an.

Die schweren russischen Verluste in Wolhynien.

Sr. K. und k. Krikgspressequartier, 25. Juli. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Gefangene russische Offiziere teilen nrit, daß die V e r l u st e der Armee S a ch a r o w, die in Wolhynien steht, seit Anfang der Offensiven mehr u l s 50 Prozent betragen. Die Verluste müssen durch alle ver­fügbaren Ersatztruppen ersetzt werden. Der Plan der Russen, in der Richtung auf Lemberg voczustctzen, werde aufrecht erhalten und Sacharow sei berufen, diese Absicht durchzv« führen.

Großfürst Nikolai Nikolajewitsch in Ungnade?

Berlin. 24. Juli. (Zens. Bln.) Aus neueren amtlichen Schriftstücken zwischen Petersburg und dem Oberkommandie­renden der russischen KaukasuSarmee geht nach der „Nat.- Ztg." hervor, daß Großfürst Nikolai Nikolajewitsch nicht mehr Oberkommandiercnder der Kauka­sus a r m e e ist. Wie in einflußreichen politischen Kreisen Petersburgs verlautet, besteht zwischen dem Zaren und dem Großfürsten eine e r n st h a f t e Spannung, die deutlich sichtbar wurde, als der Zar anläßlich der Einnahme von Baiburt an General I u d e n i t s ch ein Glückwunschtele­gramm richtete, keins jedoch an den Statthalter des Kaukasus abging.

Barks Finanzverhandlungen in Paris und London.

\V. T.-B. Kopenhagen, 25. Juli. (Nichtamtlich. Drahtbe­richt.) Moskauer Zeitungen vom 18. Juli berichten: Nach einem tags zuvor vom Finanzminister Bark aus Paris ein- getroffenen Telegramm haben seine Verhandlungen mit dem französischen Finanzminister Ribot das Ergebnis gehabt, daß Rußlands Kredit für seine Bestellungen in Frankreich bis zum Ende des Krieges verlängert wurde. Auch wurde die Zinsenzahlung für alle früheren Kreditoperationen Rußlands in Frankreich geregelt. Bark kündigt in dem Tele­gramm seine Abreise nach Loiidon an, wo m einer Finanzkonferenz der Alliierten die Frage der Valuta- „ n l e i h e Rußlands sowie des in die Kasse des die Anleibe. durchfiibrenden Bankvecbandcs als Bürgschaft zu hinterlegen.

. den Geldfonds geregelt werden soll.