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Montag. 24. Juli ISIS. Nlorgen-Kusgabe. Nr. -43. . 64, Jahrgang.
Alle feindlichen Unternehmungen erfoffllos.
Lebhafte Feuerkämpfe zwischen dem Meer und der Ancre sowie im Maasgcbiet. — Starke englische Angriffe an der Front Thiepval-Guillemont und französische Vorstöße südlich der Somme zurückgewiesen. — Geländeqewinn südlich von Damloup. — Abschlagung eines russischen Angriffs südöstlich von Riga. — übergangsversuche der Russen über den Stry verhindert. Schweres Feuer auf die Stadt Belsort zur Vergeltung eines französischen Luftangriffs aus die Stadt Müllheim i. B.
Der Tagesbericht vom 23. Juli.
W. T.-B. Großes Hauptquartier, 23. Juli. (Amtlich.)
Westlicher Kriegsschauplatz.
Zwischen dem Meere und der Ancre haben in einzelnen Abschnitten lebhaftere Feuerkämpfe stottgefunden; in der Gegend von Richebourq ist eine stärkere ferndlichc Erkundungsabteilung abgewiesen worden.
Zwischen Ancre und Somme kam es nach tagsüber gesteigerter Artillerietätigkeit abends und nachts erneut zu Jnfanteriekämpsen an der Front Thiepval-Guillemont. Die hier angesetzten englischen Angriffe blieben, trotz rücksichtslosen Einsatzes an Menschen, erfolglos, bei und westlich von Pozieres, im Foureauxwäldchen und am Westrande von Longueval führten sie zu heftigen N a h k ä m p fe n. Zwischen Guillemont und der Somme wurden Angrifssversuche des Gegners bereits in den Ausgangsgräben durch Sperrfeuer erstickt. Südlich der Somme folgten dem zeitweise sehr starke», von uns in gleicher Weise erwiederten Feuer nur vereinzelte französische B o r ft ö ß e, die m i ß I a n g c n. Es sind über 100 Gel fangenc eingebracht, darunter einige Offiziere.
Im Maasaeviet Artilleriekämpfe von mehrfach großer Stärke.
Östlich des Flusies wurden im Abschnitt von Fl eury feindliche Handaranatentrupps, im Bergwalde (nördlich der Feste Tavannesf Erkundungsabteilungen ab- gewiesen. Südlich von D a m l o u p gewannen wir in Richtung des Gehöftes Dicourt Gelände, machten Gefangene und Beute.
Die Stadt M ü l l h e i m i. B. und in der Höhe ge- lcgene Dörfer wurden gestern von einem französischen Geschwader mit Bomben belegt. Wir haben zwei der feindlichen Flugzeuge im Lustkampf abgeschossen und den Angriff sofort mit schwerem Feuer auf die Stadt Belsort beantwortet.
Tätlicher Kriegsschauplatz.
Südöstlich von Riga wurde spät abends ein feindlicher Angriff im Spcrrfener zum Scheitern gebracht.
überqangsversuche der Russen über den Stry bei Zahatka (südwestlich von Hcresteczko) wurden durch deutsche Batterien verhindert.
Balkankriegsschauplatz.
Nichts Neues.
Oberste Heeresleitung.
Sehr heftige Aämpfe südlich der Val Sugana.
Blutige Abweisung aller italienischen Angriffe auch südwestlich von Paneveggio. — Starke Beschießung des Monte San Michele durch die Italiener.
Österreichisch-ungarischer Tagesbericht.
TV. T.-B. Wien, 23, Juli, (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 23. Juli, mittags:
Russischer Kriegsschauplatz.
Südöstlich von Tatarow durch einen starken russischen Vorstoß bedroht, nahmen wir die auf der M a g o r a kämpfenden Truppen gegen den Karpathen- Hauptkamm zurück.
Sonst bei unveränderter Lage nichts Neues.
Italienischer Kriegsschauplatz.
Nach einigen Tagen einer den Verhältnissen entsprechenden Ruhe kam es gestern an der Front südlich des Pal Sugana wieder zu sehr heftigen Kämpfen. Durch andauerndes Artillericscuer äußerster Stärke unterstützt, griffen die Italiener an mehreren Stellen
wiederholt an. Sie wuroen überall unter den schwersten Verlusten zzrrückgeschlag e n. Das Jägerbataillon Nr. 7 und Teile des Infanterie- Regiments Nr. 17, gegen deren Stellungen sich dev Hauptansturm des Feindes richtete, zeichneten sich in diesen Kämpfen ganz besonders aus.
Auch im Raume von Paneveggio nahmen die Kämpfe an Ausdehnung zu. Der Angriff einer italienischen Brigade gegen die Höhen südwestlich von Paneveggio wurde blutig abgcwiesen. Auf den Höhen nördlich des Ortes scheiterte gleichzeitig der Vorstoß eines selndlichen Bataillons. Abschnitte unserer Tiroler Front, in denen gestern nicht gekämpft wurde, standen zumeist unter heftigem feindlichem Geschütz- feuer.
An der I s o n z o - F r o n t wurde der Monte San Michele stark bcschosien.
Südöstlicher Kriegsschauplatz.
Die Lage ist unverändert.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. H ö f e r, Feldmarschalleutnant.
Die Minen und — die Ukrainer.
Das Schicksal des Weltkrieges hat diese beiden Völker, die sonst wahrhaftig nichts miteinander gemein haben, auf einen gemeinsamen Boden gestellt. Für die Flamen wie für Ukrainer däminert am Horizont der Geschichte die Möglichkeit, ihr nationales Leben selbständig zu führen. Dort wie hier gibt es eine Schicht begeisterter geistig hochstehender Führer, die den Widerstand der breiten Massen mehr als etwas Negatives denn als greifbarer Gegensatz fühlen, die also bemüht sind, das schlunimernde V olksbewußt - sein aufzurütteln, und die in diesem Kampfe um die Seele der beiden Völker — sagen wir es offen — Ent- täuschungen in Fülle erleben. Wir in Deutschland sind gewohnt, die weitausgreifenden politischen und geschichtlichen Konstruktionen der flämrschen wie der ukrainischen Führer als etwas zu betrachten, was von dem Willen einer ausgedehnten Schicht der beiderseitigen Stammesgenossen getragen wird. Wir sollten in dieser Hinsicht vorsichtiger sein und uns immer nur an das halten, was bewiesen werden kann. Das ukrainische Nationalkomitee möchte die Loslösung der südwestlichen russischen Provinz vom Zarenreich vorbereiten, aber wie viele Ukrainer stehen hinter dieser Forderung? Wir wollen uns nicht täuschen, wir wollen ruhig zugeben, daß es nicht so viele sind, wie nötig wäre, um der Bewegung einen zukunftsreichen Weg zu versprechen. Mit den Flämen steht es insofern beträcht- lich anders, als wir durch die entscheidende Macht unserer Waffen und durch unseren politischen Willen in die Lage gekommen sind, das'Schicksal Belgiens und damit namentlich der Flämen m i t z u b e st i m m e n. Es wird damit nichts geschehen, was wir nicht für unsere, also im germanischen, also auch im flämischen Sinne liegenden Interessen nützlich erachten; indessen werden wir immer in: Auge behalten müssen, daß die große Masse der Flämen selber erst dazu gebracht werden soll, zu begreifen, was ihre Führer erfreu- licherweise allerdings schon begriffen haben, nämlich daß sie national mit uns vom selben Stamme sind und ihrer Wohlfahrt nur dienen werden, wenn sie daraus die Folgen ziehen.
Der flämische Gedanke ist damit noch nicht am Ziele, daß er sein Recht gegen Wallonen und Franzosen zur Geltung bringt, wie es eine Reihe tapferer Flämen gerade jetzt, mitten im Kriege, in Wort und Schrift getan haben. Das ist auch die Meinung eines offenbar gründlichen Kenners der flämischen Bewegung, des in Brüssel lebenden Dr. Friedrich Markus H u e b n e r, der in der letzten Nummer der „Europäischen Staats- nnd Wirtschaftszeitung" wichtige Beiträge zur Beurteilung der flämischen Bewegung bringt. Es sind wohl harte Worte, aber wir werden ihnen die Glaubwürdig- keit nicht absprechen dürfen, wenn Huebner schreibt: „Mit dem realpolitischen muß ein geistig-individuelles Umsichgreifen der Idee stattfinden. Der Flämingantis- mus hat hier vielleicht seine schwerste Bedrohung. Denn so allgemein, wie man denken könnte, arbeiten unter den Flämen Unruhe unv Aufwärtsdrang keineswegs. Diese vier Millionen Menschen gehören gefühlsmäßig noch viel zu sehr in Epochen, die von den großen Massen im übrigen Europa vor Jahrhunderten durchprobt und erledigt wurden. Statt das Leben zu beherrschen und über ihm zu stehen, trägt man mit der stummen Ergebenheit von Tieren, was stärker und unabänderlich scheint. Da nicht Verstand, sondern Gefühl und Leidenschaft das Wort haben, ist der Mensch beständig genasfübrt von Verschwommenheit, Träumerei oder jähen Gewalthandlungen. Die Kräfte des Argwohns, der Lässigkeit, der Selbstzerfaserung haben sich unter der Geschlechter langen Verknechtung fast
ganz an die Stelle frischer Entschlußtugenden gesetzt.^ Das Selbstgefühl jedes einzelnen hat Formen angenommen, die, im 14. Jahrhundert zur Verteidigung nötig, im 20. wie krause, unbrauchbare Launen anmuten. Die Kluft zwischen dem Volke und der dünnen Schicht lener, die für dieses Volk,das flämische Ideal im Herzen tragen, ist ungeheuer. Ein. ganzes Volk von Ein g eschläferten gilt es zu wecken und im Geschwindschritt auf die durchschnittliche Höhe der Bildung und der Bewußtheit im übrigen Europa zu bringen. . . . Sind für diese Aufgabe Wort, Schrift und Geist zureichend? Werden Versprechungen intellektueller Art, Hinweise aus eine Zukunft, die glorreich ist, weil in ihr eine Idee befriedigt wird, kurzum werden halbbegreifbare, mehr überpersönliche Verantwortungsgefühle das geburtenreiche Flämenvolk stacheln und es zum Anschlüsse an das kleine mutige Häuslein seiner voranstürmenden Führer bewegen können?"
Inzwischen wollen wir aber doch hören, was uns die führenden Flämen zu sagen haben. So lesen wir in den „Dietschen Stemmen", einer Monatsschrift, die seit Jahresfrist für die Idee des Flamentums das gediegenste agitatorische Rüstzeug schmiedet (sie erscheint in Holland) das Folgende:
„Während das Blut der flämischen Söhne verströmte, heißt es im „Goedendag", einer lebendigen jnngflämischen Studentenzeitschrist, durften die Fran- zöslinge laut schreien: Tod den Flamingen!
La Belgique de demain sera iatiue! ohne daß man ihnen von Regierungsseite Schweigen auscrlegte — vielmehr wurden sie noch mit Ämtern und Würden betraut. . . . Hieraus ergibt sich, daß die belgische Negierung das loyale Verhalten der Flaminge während des Krieges nicht nur nicht anerkennt, sondern auch wenige r denn je geneigt ist, den Zustand von Geringschätzung, unter dem die Flämen nun seit so langem leiden, zu beheben. . . . Nicht länger aber wird der Fläming duldsam zusehen, wie man sein Volk ermordet." Denn dies ist die Wahrheit: „Flandern kann nicht tiefer erniedrigt werden als durch die Stellung, welche es unter der belgischen Regierung angewiesen erhielt."
An einer anderen Stelle in demselben Organ heißt es: „Der belgische Staatsgedanke ist ein Staatsgefüge ohne Volk, eine Ungereimtheit, es ist kein System von Gefäßen, in denen der Geist des Volkes gefaßt ist und sich bewegt wie das Blut in den Adern. Die Geschichte hat einen mechanischen belgischen Staatsverband ins Leben gerufen, ein abstraktes Ding, das versäumte, ein Diener der bestehenden, tatsächlichen organischen Oberhoheit zu sein. Diese Staatsoberhoheit offenbart sich als schlummernder Keim bei den Flamen und ihrer flämischen Rasseeinheit."
Was die Flamen fordern, ist erstens eigene, von dem! wallonischen Teil abgetrennte Vermal t u n g, sodann eine eigene Hochschule, drittens einen durchgebildeten flämischen Unterricht auch auf der Unter- und Mittelstufe, Anerkennung des Flämischen als flandrische Amtssprache, sowie Einführung und Gebrauch des Flämischen in den flandrischen Truppenteilen.
Daß die deutsche Okkupation den Flamen bei der langersehnten Flamisierung Gents an die Hand geht, beißt den flämischen Gedanken ungemein im Ansehen heben. „Goedendag" schreibt: „Wir haben nicht wie die Tageszeitungen zu untersuchen, ob diese Maßnahmen gesetzlich anfechtbar sind. Wir sehen lediglich, daß uns ein Rech t, das höchste Recht, worauf ein Volk Anspruch erheben daiH zurückgegeben wurde, nicht aber, daß man uns ein (Jeschenk gemacht hätte." Leo Picard schreibt in den „Dietschen Stemmen" st. Jahrgang, S. 200): „Die fläniische Hochschule lebt! Und käme sie im Oktober 1010 zu Gent auch nicht zustande, so bleibt, sie doch im Geiste aller Flamingen das Ideal: Sie ist das greifbarste Symbol von Flanderns Wiederauserstehen." Unter ihren Vorkämpfern ragte der Volkswirtschaftler Lvedewßk de Raet hervor, der vor anderthalb Jahren starb. Als der Krieg kam und alles schwankte, verließen ihn die Freunde; das Tagebuch, das er zurückließ, spiegelt den Zwiespalt in seiner Brust, das Drama eines richtungslosen Volkes, aber die Liebe zu diesem Volke gab ihm die Freiheit, unbefangen über Flanderns Zukunft zu urteilen und die Forderung nach einer selbständigen und reinflämischen Politik gutzuheißen.
Was nun auch aus und mit Belgien Mrd, undenkbar ist und bleibt es, daß die Flamen wieder in die entwürdigende Knechtschaft des fran- zösisierten Wa!lo nentums zurückkehren können. Insofern ist der Unterschied zwischen ihnen und den Ukrainern, von denen wir im Eingang sprachen, doch ivohl groß. Wir haben nichi den Eindruck, daß sich die Sehnsüchte der ukrainischen Intelligenz nach diesem Kriege verwirklichen werden.
