1916.
Der Roman
Morgen-Beilage der Wiesbadener Tagblatts.
m
Mr. 170.
Sonntag» 23. Iuli.
1916.
(32. Fortsetzung.)
Die Braut aus Kanada.
Roman von v»n Schmitz.
(Nachdruck verboten.)
„Ja, leider bin ich so unvorsichtig gewesen, dir mein Wort zu geben", sagte Schimmelchen kleinlaut und schlug mit einer resignierten Miene ihren Sonnenschirm, — es war noch immer der lilaseidene — auf. „Du brächtest es auch fertig, ohne mit der Wimper zu zucken, zu leugnen, daß du dann und dann in London mit dem Baron Harald Strodtmann getraut worden bist. Ich kenne ja deinen Eigensinn, Kind — und alles um Phantastereien wrllen . . ."
„An meinen Gründen ist nicht zu rütteln", fiel Henrika ihr ins Wort, „und wenn du nrir noch öfters mit deinen, ich gebe ja zu, verständigen Argumenten kom- nren wolltest, ich bliebe bei dem, was ich beschlossen habe. Der Trauschein, den nebst anderen mir gehörenden Papieren, meinem Geburtsschein usw. Harald in seinem kleinen Handkoffer mit sich führte, — dieser Koffer lag, ich entsinne mich dessen deutlich, im Wagennetz in unserem Abteil" — schaltete sie ein — „ist nicht mehr vorhanden, d. h. er ist für mich nicht wiederzu- erlangen. Das wäre noch lange kein Unglück, denn ein Duplikat ließe sich ja — wir haben es oftmals schon erwogen — leicht beschaffen. Ich entsinne mich zwar nicht mehr des Namens jenes Geistlichen, der uns getraut hat — ich ging wie in einem Nebel an jenem seligen, unglückseligen Tage einher, aber wozu gäbe es denn Auskunfteien und Detektivs auf der Welt. Schimmelchen, liebes, wollen wir niemals mehr über diese Dinge reden — es führt doch zu nichts, es erweckt nur aufs neue die unzählige Male schon durchkostete und niedergekämpfte Bitterkeit in meinem Herzen. Harald hatte öei seinen Lebzeiten den Kampf um meinetwillen mit den Seinigen gescheut. . . . Diese Heimlichkeit hätte nicht sein sollen. Ich stand damals unter dem Banne seiner Bitte:!, unter der Gewalt seiner inich überzeugenden Worte. Er konnte hinreißend sein, wenn er etwas erreichen wollte. Und ich war verliebt. . . . Vielleicht wäre doch noch alles gut geworden. Seine Mutter hätte ihm am Ende doch sehr bald seine Heirat mit der Opercttensängerin verziehen — glaube mir's Schimmelchen, ich liebte die Baronin Strodtmann, meines Haralds Mutter, damals, ohne sie zu kennen. Nach Haralds furchtbarem Ende litt ich mit der Mutter — ich durfte aber nicht zusammen mit ihr an seinem Grabe stehen, mich hatte man ausgestoßen — aiisge- schlossen. . . . Und wenn ich mich jetzt Baronin Strodt- niann nennen wollte, so würden inich die DelarueS als Hochstaplerin und Betrügerin anfeinden."
„Wenn du ihnen aber die volle Wahrheit sagst?"
„Die wissen sie ja doch längst", versetzte Henrika verächtlich. „Schiinmelchen, soll ich dir die Tatsache immer vnd immer wiederholen?"
„Ich glaub's aber nicht", erwiderte Frau Schimmel- beck hartnäckig. .
„Ich habe inich nach meiner Entlassung aus dem ^ospital »» fc*>t kleinen tranrösjsckcn Stadt, Inn ick, deck, wochenlang mit dem Tode kämpfte, wo du mich dann kandest, du Gute, Getreue, auf der Bahn erkundigt:
Fred Delarue sind die Koffer seines Bruders ausgehändigt worden. Auch meinen Reisskoffer erhielt ich wieder. Der Gepäckwagen war ja unversehrt, geblieben bei dem Zusammenstoß der beiden Züge. Mein Trauschein muß in Fred Delarues Händen sein. Die Ehe seines Bruders, die nur einen einzigen Tag hindurch gedauert, hat in seinen Augen wohl niemals eine Gül- tigkeit besessen, wird sie niemals besitzen. So jetzt hast du deinen Willen wieder einmal gehabt, Schimnielchen, das vielbesprochene Thema hat zwischen uns beiden wieder seine Auferstehung gefeiert — lassen wir es nun auf immer ruhen, tue mir den Gefallen, rühre nicht mehr an diese für mich so schnierzlichen und peinlichen Dinge."
Aber Frau Amalie Schiminelbeck schüttelte ihr Haupt, auf dem ein goldgelber Strohhut mit großen roten Kirschen verziert prangte und sagte, das letzte Wort behaltend: „Deinem Schwager, dem Fred Delarue, traue ich auf keinen Fall solch eine niedrige Handlungsweise zu, da nehme ich getrost Gift darauf."
Henrika erwiderte nichts.
Was nützte es, gegen Windmühlen kämpfen.
Sie wußte es besser. Sie glaubte Fred Delarue gut zu kennen. Er würde alles daran setzen, um seine Mutter vor dem zweiten Schlag, eine Operettendiva als Tochter aufnehinen zu müssen, zu bewahren. Sie hätte darauf schwören mögen, daß er ihr, falls es ihr einfallen sollte, ihre Ansprüche als Haralds Witwe geltend zu machen, sagen würde: „Wieviel Schweigegeld beanspruchen Sie, Madame? Mit welcher Summe können wir, meine Mutter und ich, Sie auf immer abfinden?"
Henrika litt sehr, sobald diese Gedanken auf sie einstürmten. Doch die Geister der Vergangenheit ließen sich nicht so leicht bannen. Es bedurfte einer übermenschlichen Kraft dazu, um sich zu sagen: „Für mich ist die Vergangenheit endgültig tot. . ." Henrika war jung, und ihr spanisches Blut revoltierte. . . .
Es war ihr eine Erleichterung, den Feind so recht von Herzen zu hassen.
Sie lehnte sich in die Ecke des zweistöckigen Wagens, in dem sie und Schinimelchen nach Kopenhagen zurück- kehrten.
Die Eisenbahnschienen liefen längs dem Strand dahin. Der Forst von Klampenborg reckte sich rechts ain Wege hoch und massig empor. ... Es war ein schönes und gesegnetes Land, dieses Land der Seen, doch Henrika mußte, obgleich sie immer behauptete, nirgendwo eine Heimat zu haben — ischimmelchen beistimmen: auch sie drängte es dazu, nach Deutschland heimzukehren.
Sie schalt sich sentinumtal, denn sie hatte eigentlich niemand in Deutschland, nach denl sie sich sehnen konnte: Heino, ihr guter Freund, war in Amerika auf einer Gastspielreise, und Thea, mit der sie setzt in ständigem Briefwechsel war. konnte sie, Henrika, doch nicht in allem verstehen, begriff es zuni Beispiel nicht, daß der Beruf einer Filmscbauspielerin sie so befriediaw. Früher, das wußte Henrika, hätte Thea ihr Beifall gejauchzt, jetzt ging sie so sehr in der Haendlcrschen Häuslichkeit, in
