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nr. 169.

Samstag» 22. Iuli.

1916.

[(81. Fortsetzung.) Dtfe BfOUt QUS KOlUtOO, lNachdruck verboten.)

Roman Von Hedda von Schmid.

Eines Tages ließ Fred den Lehrling Fritz Kunst, niann in sein Privatkontor kommen.- ...Ich betrachte Sie als ein Vermächtnis meines Bruders", sagte er rhm in der kurzen, aber nicht unfreundlichen Art, die er seinen Untergebenen gegenüber hatte. »Von Ihrer Führung und Ihren Leistungen wird es abhängen, ob ich für Ihr ferneres Fortkommen Sorgen tragen werde oder nicht." ,

Fritz Kunstmann stotterte seinen Dank.

Der Chef flößte ihm stets einen unbändigen Respekt ein. Oh, Herr Delarue würde sich auf ihn verlassen können. In allen Stücken dachte er, von ihm würde es hier niemand erfahren, daß Herr Baron Strodtmann dem Fräulein Santen nachgereist war. Wo aber mochte Fräulein Santen sein? Darüber zerbrach sich Fritz oft­mals den Kopf. Sie war immer so freundlich gegen ihn gewesen und hatte ihm noch vor ihrer Abreise ge­sagt: „Sie sollen auch eine Karte von mir bekommen, Fritz." Und nun erfuhr er nichts über sie, denn er ge­traute sich doch nicht, den Chef zu fragen, ob er es wüßte. Die Vermutung, daß sie bei dem Eisenbahnunglück auch ihren Tod gefunden haben konnte, kam ihm nicht. Das hätte dann schon in der .Zeitung gestanden, sagte er sich, als er diesen Fall einmal flüchtig erwogen hatte.

In Lübeck bildete Harald Strodtmanns tragisches Ende noch lange ein ergiebiges Gesprächsthema. Man fand dort allgemein jetzt nur Gutes von ihm zu berich­ten, hier und da wurde auch Henriette Santen mit seinem tragischen Schicksal in Verbindung gebracht.

Genaueres darüber wußte jedoch niemanh.

Im Laufe des Sommers kam der junge Börsdorf von einer Spritzfahrt nach Hamburg zurück und erzählte beiläufig seinen Freunden, daß er dort Henriette San­ten gesehen habe: „Jawoll — sie war es, totsicher, ganz 'in Schwarz gekleidet. Ich hatte sie kaum wiedererkannt, so sehr hat sie sich verändert. Blaß war sie und un- heimlich schlank — aber ihre Augen schienen mir noch schöner geworden zu sein. Wer einnial Henriette San­tens Augen gesehen hat, der vergißt sie nicht mehr", fügte er schwermütig hinzu und blickte still in sein Glas.

„No — na, der gute Benno schwärmt schon wieder, versuch es doch aufs neue bei der Santen. Vielleicht hast du jetzt mehr Chancen, wo Strodtmann tot ist."

„Laß das", fuhr Börsdorfs schroff auf den Sprecher ein, „laß die Toten in Ruhe und die Lebenden ebenfalls. Wer ein ungehöriges Wort über Fräulein Santen der- liert, bekommt cs nnt mrr zu tun."

Damit war auch in diesem Kreise der Lübecker fcmiesse d’orde das Kapitel „Henriette Santen" er- ledigt.

Es hieß jetzt rn Lübeck allgemein in der Löhnstädt- schen Verwandtschaft und Frermdschaft, daß Irmgards und Fred Delarues Verbindung nur noch eine Frage der Zeit wäre.

Irmgard weilte mit der Baronin Strodtmann in Oberitalien. Das Trauerjahr, so sagte man, mußte ja

noch abgewartet werden, aber dann stünde der Hochzeit nichts mehr im Wege. Daß Konsul Löhnstädts ihre Tochter entbehrten, sie monatelang bei ihrer zukünfti­gen Schwiegermutter weilen tießen, war ja der beste Beweis für die Richtigkert der Vermutungen in bezug auf sie und Fred.

Tiefblau, von glitzerndem Sonnenschein hell über- strahlt, rollte der Öresund beim Badeort Slodsborg kleine, kurze Wellen gegen das flache Ufer.

Fesche, schlanke Kopenhagnerinnen radelten auf dem Strandweg hart anr Wasser. Ihre weißen Autoschleier, über englischen Strohhüten zusammengeknotet, tvehten lustig im Winde.

Zwei Damen schritten am Strande dahin. Ein schnee­weißer Pudel umkreiste sie in großen Sprüngen.

Die ältere der beiden trug ein auffallendes, grünes Sommerkleid, mit sehr viel Cremespitzen besetzt. Die Junge, Schlanke an ihrer Seite in weißem Leinenklcid, nnt schwarzer Seidenschärpe und im großen, schwarzen Hut war eine Erscheinung von eigenartiger, durchgeistig­ter Schönheit.

Sie bogen in langsamem Dahinschreiten in den Weg ein, der durch den Wald bis zur Bahnstation führt.

„Wir müssen uns beeilen, Schimmelchen, um sechs Uhr will der Agent mit dem neuen Vertrag bei uns vor- sprechen", sagte die Jüngere.

„Gott — Henrika, mann werden endlich die Auf­nahmen hier zu Ende sein? Siehst du, Kopenhagen ist ja ganz nett, den Tee versteht man in Dänemark aus­gezeichnet zu bereiten, und die Butterbrote sowie der frische Gurkensalat sind einfach — prima, aber mich hat das Heimweh nach Deutschland doch schon mächtig ge­packt. Weißt du, Kind, ich nröchte des Abends wieder mal an der Alster sitzen, im Pavillon Schokolade tritt-, ken und den Schwänen Kuchenkrumen hinunterwerfen. Ja — danach sehne ich mich recht."

„Gutes, armes Schimmelchen, ich hetze dich so in der Welt herum."

„Na ja, mein Herz, daran ist fürs erste nichts zu ändern. Das Iveiß ich ja. Ich rede auch bloß, um meinem Herzen wieder mal Luft zu niachcn. Heimweh- krank bin ich von reher gewesen. Drüben in Kanada erst recht. Dort war es ganz arg damit. Deinem Freunde, dem Heino Gestern, gefällt es, ivie es scheint, auch nicht sonderlich drüben. Wenn sein Gastspiel dort zu Ende ist, will er sich ja eilends nach Deutschland ein- schiffen. . . . Schrieb er dir nicht so letzthin?"

„Ja, sein angekündigter langer Brief ist in diesen Tagen fällig. Er versprach mir eine wichtige Mit- teilung zu rnachen."

„Einen Heiratsantrag^, platzte Frau Amalie Schim- melheck heraus.

„Aber Schimmelchen", ries Henrika, halb lachend, halb ärgerlich — sie kannte ihre Pappenheimer —, „du denkst immer gleich an derartige Dinge."