Einzelbild herunterladen
 

Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, f

Nr. 168. Krettagj 21. Iuli. 1916

(30. Fortsetzung.)

Die Braut aus Kanada.

Roman von Hedd« von Dchmid.

(Nachdruck verboten.)

Wie seltsam hatte hier das Schicksal seine Fäden ge­sponnen ... Ob sich wohl das Knäuel der Ungewißheiten, in die sie nun durch diese heiinliche Ehe verstrickt war, k>u einem guten Ende entwirren lassen würde. . . .? Sie war in dieser Hinsicht nicht so sanguistisch wie Harald . . . Sie erblickte nach wie vor in Fred ihren ärgsten Feind ... An Haralds Mutter dachte sie voller Liebe — sie konnte sich's nicht vorstellen, das; diese dem Glücke ihres Sohnes entgegen sein würde. Es ivar ja doch wahrlich kein so großes Opfer, das sie Harald bringen mußte . . . Was verzeiht eine echte, rechte Mutter denn nicht dem Kinde ihres Herzens? Henrika fielen die Strophen ein, die sie unlängst irgendivo ge­lesen hatte, und die ihr im Gedächtnis haften geblieben waren:

„Der Mutter Opfermut ist wie das Weltall groß,

Ihr selber aber dünkt das nur ein Kleines •-

Leg, Kind, dein niüdes Haupt in meinen.Schoß, Und fordert man dein Leben — geb ich meines'"

Harald von Strodtmann war keineswegs zu ihr ihrnabgestiegen — Henrika reckte sich bei diesem Ge­danken unwillkürlich stolz auf — der Name dy Santo» hatte in Spanien noch heute einen guten Klang — was tat es, daß ein Zweig auf die breite Straße de» Aben­teurertums verschlagen worden war. Henrika entsann fich genau, daß ihr Großvater von alten, wichtigen Familienpapicren geredet hatte. Wo waren die ge­blieben? Vielleicht hatte ihr Vater, Juan dy Sant >», ne an sich genommen, als er von den Seinen gegangm war, um niemals wieder von sich hören zu lassen. Er schlief nun wohl schon längst in einem Grabe jenseits des Ozeans.

Sie, seine einzige Tochter, hatte selbst, wenn es auch in aller Heimlichkeit geschehen ivar, in den Augen der Welt ein glänzendes Lebenslos gezogen. Binnen weni­ger Monate hatte sie den Weg von der Operetten­fängerin bis zur Baronin Strodtmann der Gattin eines Millionärs, durchmessen. Doch nicht- Harald Strodtmanns Reichtum hatte sie betört, nein, sie liebte ihn ja — auch wenn er arm gewesen, wäre sie seine Frau geworden, dann noch mit viel freierem und glück- lichereur Herzen als jetzt. Die Heimlichkeit bedrückte sie mehr, als sie es vor sich selber zugeben wollte - und dann war ja noch der andere Wermutstropfen in ihrem Glücksbecher: sie wußte es doch — jede Stunde konnte allem ein Ende bereiten . . .

Es würde ein zitterndes Glück unter drohendem Damoklesschwert werden — Henrika brauchte ihre ganze Tapferkeit und Charakterfestigkeit, um sich nicht ent­mutigen zu lassen, um sich dieses Glück, das auf einem Schleichwege errungen worden war, zu gehalten — bis ....

Henrika kam nicht weiter in ihrem Denken — ein donnerähnliches Getöse erschütterte den Wagen — ein Krachen, als wäre die ganze Hölle ringsum losgelassen worden, ein Knacken und Splittern. Der Boden schwankte unter den Füßen der entsetzten jungen Frau

. . . . Alles war das Werk- von Sekunden — dann wurde Henrika, die sich instinktiv an die Fenstertür ge­klammert hatte, in einem gewaltigen Bogen hinaus aus freie Land geschleudert. Ihr angstvoller, entsetzter Hilferuf: „Harald!" erstarb auf ihren Lippen. Sie empfand einen furchtbaren Stotz, dann nichts mehr — es wurde Nacht vor ihren Augen . . . Als greller Feuerschein die Unglücksstätte beleuchtete, die ent­gleisten Waggons waren zu in Teil in Brand geraten, fand man Henrika ein wenig abseits vom Ort der furchtbaren Katastrophe ohne Beivußtsein daliegend. Sie gab, als man sie auf die Tragbahre bettete, nur noch schwache Lebenszeichen.

Ein regnerischer Frühlingsmorgen zog herauf und beleuchtete fahl die verzerrten Gesichter der bei drin Zu­sammenstoß der beiden Eisenbahnzüge Getöteten und Schwerverwundetcn. Manche von ihnen lagen noch ein­geklemmt zwischen den Trümmern der Wagen. Der Brand hatte ziim Glück schnell gelöscht werden können. Das Stöhnen und Wimmern der tinglücklichen nahm der junge Morgenwind auf seine Schwingen und trug es über die knospenden Gefilde. . . Barmherzige Hände halfen und linderten, schafften fieberhaft, retteten, wo noch Hilfe möglich war, entsetzliches Mitleid auf den schreckensbleichen Zügen — aber durch das namenlose Elend hier auf deni aufgewühlten Bahndamm schlichen unter dem Deckmantel sorgender Barmherzigkeit jene Hyänen, die man auf den Feldern des Grauens und des Todes findet, um ihren verruchten Beutegelüsten, sich am Gut der Toten und Wehrlosen zu bereichern, zu frönen. . . .

* *

In das Haus der Delarues im alten Westen von Berlin war tiefe Trauer eingezogen.

Bevor Fred durch Fritz Kunstmann, den er auf Jrm- gards Bitte hin ohne weiteres in sein Geschäftspersonal eingereiht hatte, etwas Näheres iiber die plötzliche Ab­reise auf Nimmerwiederkehr seines Bruders hatte er­fahren können, kam die erschütternde Kunde von dem furchtbaren Eisenbahnunglück auf der Strecke Calais- Paris.

In der Totenlistc wurde unter den ersten Baron Harald Strodtmann genannt.

Der Tod hatte ihrr im Schlaf überrascht, mußte nach dem Gutachten des Arztes sofort cingetreten sein.

Fred, der wgleich an die Stätte des Unfalls abge- reist war, wurde dort der große Reisekoffer seines Bru- ders eingehändigt. Der Schaffner des Wagens, in dem Harald die Reise gemacht und den Tod gefunden hatte, war ebenfalls getötet worden, bei wem also sollte Fred Erkundigungen nach der Begleiterin seines Bruders ein- ziehen? Er nahm mit Bestimmtheit an, daß sich Hen­riette Santen ebenfalls im Zuge befunden hätte. Doch hier wußte keiner etwas vom anderen: alle waren wie gelähmt unter dem Eindruck der plötzlichen Katastrophe. Im Hospital des nächsten kleinen Ortes fand Fred end­lich die Gesuchte, meinte er wenigstens, sie gefunden zu