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Nr 167.

Donnerstag. 20. Iuli.

1916

Morgen-Seilage des Wiesbadener Tagblatts.

(29. Fortsetzung.)

Die Braut aus Kanada.

Roman von Hedda von Schmitz.

(Nachdruck verboten.)

Irmgard halte mit großen, bang aufgeschlagenen Augen den Redestrom der geängstigten Frau über sich .ergehen lassen. „Er ist fort und kommt nicht wieder", diese Worte Prägten sich ihr ein, darüber hinaus konnte che vorerst nicht denken — sie preßte ihre Hand gegen die Stirn und sagte mühsam:

„Meine gute Frau Kunstmann, so gern ich dem Fritz und Ihnen helfen wollte, ich kann bei Papa nichts aus- nichten. Das weiß ich bestimmt. Er liebt es nicht, daß Mama oder ich uns irgendwie in seine geschäftlichen ^Angelegenheiten inischen. Warten Sie einen Augen- Iblick, liebe Frau Kunstmann, lassen Sie mich Nachden­ken, was zu tun ist."

Sie erhob sich schnell und trat an das breite Fenster, um ihre heftige innere Bewegung zu verbergen. Mit beiden Handflächen stützte sie sich auf die Fenster- brllstung — ein Zittern rann durch ihre Glieder, mit aller Gewalt drängte sie die Tränen, die ihr brennend in die Augen stiegen, zurück.

Draußen lachte die Sonne.

Im Vorgarten der Löbnstädtschen Villa hier drau­ßen vor dein Burgtor blühten Narzissen und Tazetten. — — Irmgard aber meinte in eine öde, graue Land­schaft hinauszublicken. ... Er koinmt nicht wieder_

Wie fressendes Feuer gruben sich diese Worte in ihre Seele.

Hinter ihr ertönte das leise, trostlose Schluchzen der Mutter, die um die Zukunft ihres Sohnes bangte.

Irmgard nahm sich Zusammen. Sie war ihres Vaters Tochter. Es lag ihr im Blut, >no es nottat, ohne viel zu zaudern, einen Entschluß zu fassen:

„Liebe Frau Kunstmann", sagte sie, „weinen Sie doch nicht so. So schlimm ist es ja noch lange nicht, wie Sie es ansehen. Hier in Lübeck kann ich für Fritz nichts tun, aber verlassen Sic sich darauf, es wird gut für ihn geiorgt werden. Er muß sich natürlich auch selber ordentlich halten. Ich werde Ihnen einen Empfehlungs­brief an Herrn Delarue in Berlin geben, den Stief- bruder des Herrn von Strodtmann."

Eilig warf Irmgard einige ausklärende Zeilen an Fred auf einen mit ihrem Namenszug versehenen Briefbogen: „Ihr Bruder, lieber Fred, hatte dem jun­gen Menschen, dem Überbringer dieses Schreibens, ver­sprochen, ihn bei Ihnen tut Geschäft anzustellen, in der Eile seiner Abreise aus Lübeck hat er dies Versprechen vergessen. Frau Kunstmann, die Mutter des Fritz, sagt, Ihr Bruder käme nicht mehr hierher zurück. Uns ist nichts Näheres darüber bekannt. Sie dürfen Fritz ge­trost auf meine Verantwortung hin bei sich anstellen. Tun Sie es mir zu Gefallen — und auch um Haralds willen, an dein mein Schützling mit einer rührenden Treue bängt. Mit herzlichstem Gruß Ihre Irmgard Lohnstädt."

Irmgard händigte Frau Kunstmann den Brief ein und drückte ihr ein Zwanzigniarksti'ick als Reisegeld für

Fritz in die Hand. „Er soll noch heute abreisen, sorgen Sie dafür, Frau Kunstmann, und srch in-Berlin sofort bei Herrn Delarue melden. Wenn er sagt, daß er mit einer Botschaft, die Herrn von Strodtmann beträfe, käme, so wird er sogleich vorgelassen werden. Herr Delarue wird ganz bestimmt für Fritz sorgen."

Als Frau Kunstmann unter reichlichen Dankesver- sicherungen gegangen war, sank Irmgard auf den ersten besten Stuhl.

^ Hatte sie im Impuls recht gehandelt? Ja — denn Fntz Mutter durste hier nicht weiter herumtragen, daß Harald schuld daran war, daß ihr Sohn stellenlos ge- worden.

Irmgard sagte sich, daß Harald, ohne Rücksicht aus dre Seimgen zu nehmen seinen eigenen Weg gehen wurde. . . . Für sie war er verloren. ... Er würde nicht wiederkommen. ... Er gehörte einer anderen — und sie — sie mußte ihn vergessen: 'ein hübsches

schmales Gesicht, seine Stimme, die sich so sehr in ihr Ohr und ihr Herz geschmeichelt hatte, stin jungenhaftes Lachen, seine leichtherzige Art, auf die ihr Vater so sehr schalt, die sie aber um io mehr an ihm gern hatte. . . . Sie konnte seltsamerweise ihrer Rivalin nicht zürnen, ein geheimes Band der Svinpathie spann sich von ihr zu jenem Mädchen, das außerhalb der Kreise, in denen sie, scheinbar vom Schicksal dadurch bevorzugt, lebte, stand.

„Wenn er nur glücklich wird", dachte Irmgard und schlug in ansbrechendem Schmerz beide Hände vor ihr blasses Gesicht.

Bis zu dieser letzten Stunde jetzt hatte sie noch immer im geheimen ein Glück für sich erhofft, das ihr von Harald kommen würde. ... Sie hätte 'hm alles ver- ziehen: seine Leidenschaft sür Henriette Santen, die so­viel Staub in der Stadt aufgewirbelt hatte — seinen sonstigen Leichtsinn. So lote er war, hätte sie ihn, ohne sich zu besinnen, genomnien, hätte ihrem Vater gesaat: 'Harald Strodtmann oder keinen, Papa! Liebe läßt sieb nichts vorschreiben. Wenn du willst, so kannst du mich enterben, wenn dir dieser Schwiegersohn nicht recht sein sollte."

Nun aber war alles, alles, !vas sie an seligen, heini- lichen Träumen ausgesponnen hatte, zu Ende . . . Sie wußte ja nicht einmal, wo in der weiten Welt sie Ha­rald Strodtmann suchen sollte. Sie glaubte nicht recht daran, daß er nach England gegangen war, er hatte seine Fährte verwischen wollen mit jenem göttlichen Leichtsinn, den er immer aus sein Schild geschrieben hatte, sein Lebensschifslein flott und vertvegen steuernd, ohne die Folgen seiner Handlungen zu überlegen . . .

Der Schnellzug, aus Calais kommend, eilte durch stockfinstere Nacht dahin.

Im reservierten Abteil erster Klasse lag Harald Strodtmann, bleich, mit geschlossenen Augen.