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- Morgen-Vellage des Wiesbadener Tagblalts. i- -=v

HK. 166. Mittwoch. 19. Juli. 1916.

Die Braut aus Kanada.

Roman von Hedda von Schmitz.

(Nachdruck verboten.)

(28. Fortsetzung.)

„Irmgard, was haben Sie denn da? Ah, eine Depesche — lassen Sie mich sehen, bitte — ein verspäte­ter Glückwunsch für Ihre Eltern. . . .?"

Irmgard zwang sich gewaltsam zu einein Lächeln, doch ihre Augen schimmerten feucht. . . . „Nein, es ist leitt Glückwunsch — etwas anderes, ganz Belangloses, kommen Sie, Fred." Sie schritt hastig vor ihm her, im Gehen das Papier in ihrer Hand in Atome zerpflückend^ als fürchte sie, daß cs am Ende doch noch in unberufene Hände geraten könne.

Fred aber bemerkte deutlich das -Zittern der Weißen, hübschen Mädchenhände, sah, wie Irmgard ihre Zähne tief in ihre Unterlippe grub. . . . Ein heißes, brüder­liches Mitleid erfaßte ihn. Da ging einer achtlos vor­bei und sah nicht, welch ein Schatz ihm an seinem Wege blühte, dachte Fred.

Zu seinem Mitleid gesellte sich der Zorn: einem un­echten Edelstein jagte der törichte Junge nach. . . . Die Frage, die er, Fred Delarue, den ganzen Abend hindurch hin und her erwogen, die er während des Tanzes nach­her hatte stellen wollen, die würde er nun niemals über feine Lippen bringen. Und merkwürdig — ihm war es, als fühle er sich plötzlich einer Pflicht, die — ohne daß er sich dessen so recht bewußt geworden war, — wie ein Alp auf ihm gelastet hatte, entbunden.

Als Irmgard den großen Salon betrat, in dem den älteren Herrschaften der Kaffee gereicht wurde, eilte sie auf ihre Mutter zu und schob ihren Arm in den der Frau Konsul.

Es war so, als wollte sie Schutz suchen vor etwas, das auf sie einstürmte. . . So wenigstens las es Fred

in ihren schimmernden Blicken.

„Nun wird Ihnen Ihre Einzige auch sicherlich bald fortgeholt werden, gnädige Frau?" bemerkte ein Löhnstädtscher Geschäftsfreund aus Bremen zur Frau des Hauses.

„Nein, ich bleibe bei meinen Eltern", sagte Irmgard.

Die Umstehenden lachten und fanden den impul­siven Ausspruch allerliebst. Fred jedoch lächelte trübe — hier kämpfte ein junges, tapferes Herz um einen, ldcssen Augen über sie hinweggingen — und dieser eine war sein Bruder — und das Schlimmste war — Harald entglitt ihm und seiner Sorge . . .

Fred Delarue fühlte in dieser Stunde deutlich, daß eine Gegenströmung so mächtig war, daß sie ihm alle Macht über den Bruder entrissen hatte.

Fred beabsichtigte, am Morgen nach dem Fest zeitig nach Berlin zurückzukehren. Dringendes rief ihn dort hin. Er war jedoch entschlossen, wenn es sein mußte, noch einen halben Tag für Lübeck zuzugeben, um end­lich mit Harald eine Aussprache herbeizufllhren.

Er als Chef der Faniilie hatte die Pflicht hierzu. Über kurz oder lang würde Harald als Sozius in das Telaruesche Geschäft eintreten. Falls er voreilige, bin­dende Versprechungen gegeben hatte, so ließe sich das

immerhin noch arrangieren. „Mit Geld erreicht man. wenn auch nicht alles, so doch das meiste", dachte Fred und begab sich in die Wohnung seines Bruders.

„Der Herr Baron haben wieder das schlimme Kopf­weh", meldet der Diener, der ihm die Tür öffnete, mit bedauernder Geste.

Ja — dann war hier heute nichts zu machen. Fred kannte das . . . wenn Harald an seinen Kopfschmerzen litt, lag er im verdunkelten Zimmer, den Eisbeutel auf der Stirn, und war unfähig, ein Wort zu reden.

Der Diener wußte in solchen Fällen bereits Bescheid.

„Ich werde heute abend noch telephonieren, an- fragen, wie es meinem Bruder geht", sagte Fred nach kurzem Besinnen. „Sie geben mir dann Bescheid Paul."

„Sehr wohl, Herr Delarue."

In stark beunruhigter Stimmung verließ Fred Lübeck. — Als er im Zuge saß, machte er sich Vorwürfe, nicht noch länger geblieben zu sein ....

Als er gegen Abend in der Wohnung seines Bruders telephonisch anrief, erhielt er den Bescheid: „Herr

Baron von Strodtmann sind bereits wieder munter, haben sich zu Herrn Konsul Löhnstädt begeben."

„Na, dann ist's ja in Ordnung, bestellen Sie einen schönen Gruß, Paul. Auch von der Frau Baronin."

„Sehr wohl, Herr Delarue."

Fred legte den Hörer seines Tischtelephons mit einem Gefühl der Erleichterung aus der Hand. Wenn Harald bei Löhnstädts war — zu einer kleinen Nach­feier vermutlich, so war das ein gutes Zeichen. Dieses Kopfweh, das sich mit einer geradezu vernichtenden Stärke unvermittelt einzustellen pflegte, um ebenso plötz­lich wiederum zu verschwinden, kannte er ja an seinem Bruder. Er wußte aber nicht, daß Harald, um die töd­liche Ermattung, die diesen Anfällen folgte, schnellstens zu beseitigen, allerhand aufpeitschende Nervenmittel brauchte, die seinem ganzen Organismus unendlich schädlich waren.

Harald hatte von seinem Prinzipal eine Woche Ur­laub für England erbeten.

„Eine kleine Luftveränderung wird Ihnen gewiß gut tun, mein lieber Harald", sagte der Konsul, der in> folge des gelungenen Festes in brillanter Laune war, freundlich.

Als Fred am nächsten Tage, von einer nicht zu be- meisternden Unruhe dazu getrieben, wiederum bei seinem Bruder anrief, erfolgte die Antwort des Dieners Paul: „Herr Baron von Strodtmann sind heute früh nach England abgereist. Post soll nicht nachgesandt wer den, Herr Baron haben keine Adresse in London aufge­geben."

* * *

Irmgard Löhnstädt mar gerade mit dem Umziehen fertig geworden. — Sie hatte ihr Hauskleid mit einer