Einzelbild herunterladen
 

Nr. 163.

a Mrgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. l E—— »i

Samstag» 15. Iuli.

1916.

(25. Fortsetzung.)

Die Braut aus Kanada.

Roman von Hedda von Dchmid.

(Nachdruck verboten.)

Henrika erfuhr durch Kunstmännchen, als er ihr eines Tages in Haralds Auftrag ein Paket Bücher über- Lrachte, daß dieser einen Ohnmachtsanfall gehabt hätte. Sein erschrockener Diener hatte den Arzt herbei­telephoniert.

Am Nachnrittag am folgenden Tage trafen sich Hen­rika und Harald im Dommuseum. Es war an einem Donnerstag, wo es für jedermann freien Eintritt dort gab. Da die Sale dann stets stark besucht waren, so verschwand das Paar in der Menschenmenge.

Draußen blaute ein lichter Vorfrühlingstag.

Schnelle Wolken jagten dahin, dem nahen Stronie zu.

, Henrikas Herz schwoll in heißer Sehnsucht danach, rn dre Ferne zu ziehen. . Das Leben hier in der ent­zückenden, alten Stadt, die sie sehr liebgewonnen hatte, beengte sie doch auf die Dauer.

Verschiedene Intrigen beim Theater, die sich in ge- hasslger Weise gegen sie richteten, schufen ihr mitunter böse Stunden. Es ging doch nicht, sich über alles son- beran hrnwegzusetzen. Es schritt sich wahrlich nicht leicht und unangefochten auf dem Wege der Kunst da- ck'in, auch war sie noch kein so strahlendes Licht am Kunst- limimel, daß sie weder die Kritik, noch sonsüvie die osfeutliche Meinung nicht zu scheuen brauchte. Sie suhlte instinktiv, daß etwas Feindliches gegen sie am Werke war, sie lvie mit unsichtb-iren Fäden umgarnte. Sic wußte selber nicht, was es war, doch sie hatte jetzt wlederholt ern großes Angstgefühl vor der Zukunft. Sie batte sich am liebsten von allem hier losreißen mögen, tvret und stolz Hatte sie sich damals gedünkt, als sie von den Grönings gefloben war, und nun war sie wiederum eine Beute beängstigender Enipsindungen geworden, sah sich in unentrinnbare Wirrjale verstrickt.

Sie klammerte sich an die Hoffnung, daß ihre Ehe mit Harald der rechte Hasen für sie Win würde. Sie jfebte ihn ja doch, glaubte wenigstens, ihn zu lieben. Doch hatte sie in letzter Zeit oft innerliche Kämpfe zu bestehen. Es siel ihr so namenlos jchwer. ihre Kunst aufzugeben. Sie hatte selber soviel Freude an ihrer glockenhellen Stimme, und wenn sie eine Rolle spielte dann gab sie rmnier sich selbst, vergaß alles aiidere um sich herum. Wurde nicht am Ende dermaleinst der Tag ftir sie kommen, lvo sie sich reuevoll sagen würde: „Das Opfer, das du Harald zuliebe gebracht hast, war zu groß Tie Bretter bilden deine Welt, die du nicht entbehren lannst. Und im besten Fall würde sie in Haralds Familie eine Geduldete sein — diese Überzeugung verschärfte alles ber ihr.

Schweigend, jeder von seinen eigenen Gedanken ganz hlngenommen, waren Henrika und Harald bis in das oberste Stockwerk des Dommnseilms empor- gestiegen, wo sich am Ende einer Zimmerflucht das so- geiiannte Bergensche Zimmer befindet, das Erinnerun- gen an jene Zeit umfaßt, wo die Lübecker Handels­treibenden gefahrvolle Fahrten nach Bergcii unter­

nahmen und dort eine blühende Kolonie gegründet hatten.

Mitten auf einem altertümlichen Tisch lag ein ur­altes kaufmännisches Hauptbuch breit aufgeschlagen.

Henrika blickte auf die vergilbten Blätter, die alt- modischen, verschnörkelten Schriftzüge — „Respekt vor

Aten Tradition!" Sie begriff mit einemmal, daß die Nachkommen alter, stolzer Familien auch Verpflicb- tungen gegen ihren Namen, ihr Haus besaßen . Es.war ihnen nicht gleichgültig, durfte ihnen nicht gleichgültig sein, wie und von wo sie sich ihre Frauen, die Mutter ihrer Kinder, die ihr Geschlecht fortpflanzen sollten, holten.

Henrika und Harald lvarcn allein im Gemach. Hier oben herrschte eine balbe Däminerung. Die Märzsonire hatte sich hinter leichtem Gewölk verborgen.

„Gib mich frei, Harald!"

Henrika erschrak selber über den Klang ihret Stimme.

Mit einem Schritt war er dicht neben ihr. Seiim Gesichtszuge waren grünlich blaß in der matten Be- leuchtung. Henrika bemerkte, wie sehr seine Schläfen eingesunken waren. Eine plötzliche wahnsinnige Angst schnürte ihr die Kehle zusammen „Nein, — nein", jchrre es in ihr auf, „ich kann ihn doch nicht verlieren, ich kann nicht ohne ihn sein."

„Sag' das nicht noch einmal, Henrika."

Haralds Stimme klang unnatürlich heiser — oder war es dre Klangwirkung hier in dem dämmrigen Ge- ruach, wo die altertümlichen Gerätschaften dcii' beiden jungen, erregten Menschenkindern seltsam fremdartig entgegenstarrten?

„Du weißt, ich kann nicht ohne dich sein, .Henrika, warum quälst du mich mit solch grausamen Scherzen?"

Seme heißen Blicke bohrten sich in die ihren, sein« Rechte umspannte mit leidenschaftlichem Druck ihr feines Handgelenk.

„Harald, hör' nrich an: Die Deinen werden niemals nilt unserer Heirat einverstanden sein, und ich will — ich darf dich nicht deiner Mutter und deinem — Bruder entfremden."

„Wenn du dich von mir lossagst, Henrika, dann hat mem Leben weiter keinen Wert für mich. Ich liebe dich mehr als Mutter niid Bruder, das weißt du ja selber, ich. brauche dir's nicht erst zu schwören: Vergib mir, dag ich dir diese Wartezeit zumute, ich wollte, ich käme mmeller zum Ziel, zri einer ciidgültigen Entscheidung. Nur wenige Wochen noch gedulde dich, Henrika."

Seine Stimme tvar so weich. so flehend, sein schmales, schönes Gesicht flammte in einer fieberhaften Nöte, seine Hände zitterten.

Liebe und Mitleid übcrwogen alles andere in Hen­rika. Etivas Mütterliches, Beschützendes stieg bei Haralds Anblick in ihr ans. Sic lehnte sich einen Augenblick lang an seine Schulter, mit ihrem linken S'm seine andere Schulter leicht umfassend. „Ja ja" flüsterte sie. „es sei so, wie du es willst, Harald, alles wie du willst.' ' ■