■I Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, s
Nr. 162,
Kreitag» 14. 3uli.
1916.
Dti BtdUt ans Kdltdöd. (Mtud verboten,)
(24. Fortsetzung.) Roman von Hedda von DHmib.
„Bitte? Ich habe nicht recht gehört — ich verstehe
T,lCf 2ß'ie* Eiszapfen fielen die Worte von den Lippen des Jüngeren.
„Verzeih, Harald, es liegt mir fern, dich zu, bevor- munden, ich bitte dich nur, vorsichtig zu fein — ich, als dein älterer Bruder, glaube ein Recht dazu zu besitzen, dick vor Übereilungen zu warnen. Wir, in unserer Lebensstellung, haben Rücksichten zu nehmen."
Nun brauste Harald wider Willen auf.
„Rücksichten — Rücksichten — Lebensstellung — ist man ein Mensch mit einem Herzen im Leibe, oder ist man bloß eine Rechenmaschine?! Nimm du die Rücksichten, die dir für deine Person gut scheinen,, doch ich mag, tvas meine Privatangelegenheiten anbetrifft, von me- mand gegängelt werden. Wie mir klar wird, haben dre Löhnstädts über mich geklatscht, für dich, , lieber Fred, braucht das aber nicht maßgebend zu sein. Angstrge dich doch um Gottes willen nicht fortgesetzt meinetwegen — im August bin ich 23 geworden, andere in meinem Alter sind bereits Familienväter", schloß Harald aufgebracht.
Im nächsten Moment schon tat ihm seine Heftigkeit leid, Er umarmte den Bruder hastig zum Abschred. , Ich bin doch etwas nervös, nimm es nicht so genau tritt dem, was ich soeben gesagt habe und mache drr, bitte, meinetwegen keine Sorgen."
Das Auto wurde gemeldet.
Die Baronin erschien — man fuhr zur Bahn.
„Ich werde dir bald Nachrichten von mir geben, Fred", sagte Harald, sich aus dem Fenster seines Wagenabteils Erster hinauslehnend.
„Hoffentlich nur Gutes", antivortete Fred mit Be-
luuuuy»
„Aber ja — selbstverständlich."
Gottlob — nun setzte sich der Schnellzug endlich rn Bewegung. Harald lehnte sich in die roten Polster zu- rück — das Bild seiner Mutter wie sie, ihnr zum Ab- schied immer wieder zunickend und winkend auf dem Bahnsteig gestanden, grub sich in seine Seele wie etwas, das er nie vergessen würde.
Er preßte seine Lippen fest aufeiirander. Er war unzufrieden mit sich selber. Reue erfaßte ihn. Er hatte das Gefühl, als fei er diesmal ein fremder Gast rm Hause seiner Mutter gewesen..
Die Mutter gab ihm nur imnier unerschöpflich, forderte nichts von ihm — ja doch — es wurde ihm zu eng — zu heiß inr Abteil, er riß auch das zweite Fenster auf — ja doch — sie würde fordern, sie und Fred, beide würden von ihm verlangen auf sein Glück zu verzichten. . . . Sie würden sich zwischen ihn und Henrika stellen, sie nicht als Tochter und Schwester aufnehmcn wollen. Sie — ohne die er sich sein ferneres Leben nicht denken konnte, war zu stolz, in eine Familie zu treten, in der man sich gegen ihre Aufnahme sträubte. Das Hatto sie ihm doch wiederholt versichert.
Würde es am Ende dann so weit kommen, daß et zwischen den Seinen und seiner Braut wählen mußte?
Blindlings würde er es tun — ohne mit der Wimper zu zucken. Wenn die in Berlin mit ihren Vorurteilen nicht zu brechen vermochten, so mußten sie eben die Folgen ihrer Handlungsweise tragen.
Er würde sich Henrika durch nichts in der Welt rauben lassen. ,
Vielleicht, nein wahrscheinlich sogar,, ahnte rzred den ganzen Zusammenhang der Dinge, fürchtete bereits für ihn, würde alles dazu tun, um diese, in seinen Augen ganz unmögliche Heirat zu vereiteln.
Seine Mutter aber — ja, seine Mutter, die würde ihn verstehen. Er kannte sic doch so gut — sie war immer nachsichtig ihm gegenüber gewesen. Sie würde ihm ihren Segen gewiß nicht verweigern. Und wenn — nun, dann würde es auch ohne diesen Segen gehen.
Harald dachte sich in eine solch mutige Kampfstim- mung hinein, daß es ihrn nun leid tat, keine Anssprache in Berlin herbeigeführt zu haben. Durch seine Überängstlichkeit, am Ende alles voreilig zu verderben, hatte er vielleicht günstige Momente nnansgenützt vorüber- gehen lassen.
Dann aber tauchte» alle Zweifel und Pläne, alle Hoffnungslosigkeit und alle Kampfbereitschaft in ihnr in der einzigen hiinmelhochjanchzenden Empfindung unter, daß er nach wenigen Stunden Henrika dy San- tos Wiedersehen würde. Weiter wollte er eben auch nicht denken. Noch erhob sich ja auch keine drohende Faust, um ihm den Glücksbecher, nach dem er schmachtete, von den jungen, dürstenden Lippen zu reißen.
Guten Mutes entstieg er dein Zuge und grilßte das alte Holstentor, durch das er in die Stadt einfuhr, aus seinem Auto wie einen teuren Bekannten.
Gottlob! Nun atmete er endlich wieder die gleiche Lust mit Henrika dp Santos.
* ±. *
Bekanntlich hat die Zeit für alle glücklichen Leute doppelt so schnelle L-chwingen.
So glitten denn die Tage mit einer geradezu märchenhaften Geschwindigkeit an Harald Strodtmann und Henrika dy Santos vorüber.
Sie sahen einander täglich — auch bei dem schlimmsten Wetter trafen sie sich, wenn auch nur wie im Fluge.
Henrika hatte Harald gebeten, sie nie zu besuchen. Sie empfange keine Herrenbesuche, nicht einmal die von Kollegen, und daher wolle sie unter keiner Bedingung mit ihm eine Ausnahme machen, hatte sie ihm
gesagt. , , . . a ^
Aber sie gingen zusainmen spazieren, und das war selbstredend genug, um den Leuten Stoff zun, Reden über das Paar zu liefern.
Henrika kümmerte sich nicht darum, was man über sie sagte. Wenn hier und da einmal eine anzügliche Be- merkung von den Lippen einer Kollegin fiel, so blickte sie nur mit schweigender Verachtung über die Sprecherin
