Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. !- - ■-■ )
n». 161. Donnerstag, 13. Juli. 1916.
(23. Fortsetzung.)
Die Braut aus Kanada.
Roman von Hedda von Schmib.
(Nachdruck verboten.)
„Weshalb kommt sie denn nicht schon jetzt?"
„Sie wird kommen. Sie ist gegenwärtig noch gebunden — jeder Künstler in unserem Beruf ist doch ein Sklave seiner Verträge."
„Asto Henrika hat das erreicht, was ich einstmals anstrebte", verletzte Thea gedankenvoll.
„Sie ist auf dem besten Wege zur Höhe. Und Sie, Thea, bereuen Sie es denn so sehr, daß Sie freiwillig der Kunst entsagt haben? Wollten Sie, würden Sie —" er stockte und schaute sie tief und bittend an — „noch einmal den gleichen Anlauf nehmen? Oder sind Sie mit unlöslichen Banden an Ihren jetzigen Wirkungskreis verknüpft?"
„Ja, das bin ich", antwortete Thea Gröning, ohne sich zu besinnen, fest. £
Dann errötete sic plötzlich, genau so, wie sie früher bei jedem geringfügigen Anlaß errötet war. Sie fühlte ihr Herz stark pochen. „Ja", wiederholte sie, „Pflichterfüllung ist der schönste Beruf, wenn man diesen Begriff überhaupt mit solch einem Namen bezeichnen kann. Ich bin auf diesen Platz hier gestellt und will, solange es von mir gefordert wird, auf ihm bleiben. Die Alten und die Kleinen — brauchen mich."
Heino beugte sich tiefer zu ihr hinab: „Ach, Thea, auch noch manche andere Leute könnten den Sonnenschein, den Sie spenden, brauchen. Er wirkt so köstlich nach dem künstlichen Bühnenlicht."
„Lieber Heino, wir sind doch gute Kameraden, nicht wahr? Und dabei soll es auch bleiben."
Sie reichte ihm die Hand und blickte ihn offen und herzlich an.
DaS war der erste Korb, den Thea Gröning austeilte — ebenso verblümt, wie Heino durch die Blume um sie geworben hatte.
Am folgenden Abend spielte Heino Gestern den Egmont so hinreißend, daß die Tagesblätter seines Lobes voll waren.
Er packte den Stoß Zeitungen zusammen und trug ihn zu Tante Liete hinüber.
„Nächstens werden Sie Hofschauspieler, lieber Heino, das Zeug dazu haben Sie'ja — und kündigen mir dann das Zimmer."
Aber Heino versicherte, er lväre viel zu sehr Gewohnheitsmensch, um sein Quartier zu wechseln.
„Ich muß den alten Stahlstich, der über Ihrem Vertikow hängt, ansehen, wenn ich meine Rollen lerne. Sehen Sie, Tante Liete, schon aus diesem Grunde wäre es mir unmöglich, zu kündigen und umzuziehen."
„Na, die alte Scharteke könnte ich Ihnen ja gut und gern schenken. Vermachen tu' ich Ihnen das Bild auf jeden Fall, Heinochen, und cs ist nett von Ihnen, daß Sie auch tonst Anhänglichkeit besitzen."
Ja — die hatte Heino Gestern — er wäre glücklicher auf seiner mit frischem Lorbeer bekränzten Künstler- laufbahn gewesen, wenn sich jene Zeit nicht so fest in
sein Herz eingeprägt hätte — die Zeit, wo er gehungert hatte, um Thea Gröning Rosen schenken zu können.
* * *
„Also, die Jacht, Harald, die darfst du dir bauen lassen, oder sie dir fertig kaufen, wo du magst, am besten in Hamburg oder Stettin, oder in England. Hat deine alte Mutter es mit ihrein Weihnachtsgeschenk für dich gut getroffen? Verlier nur den Scheck nicht. Fred war nahe daran, über die Höhe der Summe zu schelten, aber wir schneiden ia in diesen! Jahr so überaus günstig ab, da wollte ich meinem lieben Tunichtgut eine Extrafreude machen."
Harald Strodtmann zog die Hand seiner Mutter an seine Lippen.
„Tausend, tausend Tank! Du triffst immer das Rechte, Mutter, und verdient habe ich deine Güte eigentlich nicht. Ich habe rechtschaffen gebummelt in Lübeck."
„Du siehst so elend aus, inein Junge, ich fürchtete schon, du hättest dich iiberarbeitet, du schriebst auch so selten in der letzten Zeit."
Nun lachte Harald geradeheraus, sein altes, fröhliches Jungenlachen.
Fred von seinem Klubsessel aus bildete das Echo iu einer tiefen, ruhigen Tonart. „Mutter, bei Harald Überarbeitung iin Geschäft voraussetzen, das hieße alle vernünftigen Begriffe in der Welt auf den Kopf stellen", sagte er, und nun mußte auch die Baronin in die Fröhlichkeit ihrer Söhne einstimmen.
„Aber Harald sieht wirklich erschreckend blaß aus", sagte sie dann, „und er hat solch einen müden Zug um die Augen. Frau Konsul Löhnstädt schrieb mir, daß du anfangs wohl flott im Gesellschaftsstrudel mitgeschwom- men wärest, mein Kind, dich aber in den lebten Wochen fast ganz von der Gesellschaft zurückgezogen hättest."
„Ich litt dazwischen an meinem alten, bösen Kopfweh", bemerkte Harald ausweichend. „Auch für mich aalt der bekannte Spruch, „daß nichts schwerer zu ertragen sei als eine Reihe von schönen Tagen". Es regnete Einladungen, und da zog ich mich ein wenig von dem Trubel zurück."
„Aber nicht in das Löhnstädtsche Kontor, was, Harald?" fragt« Fred lächelnd und launig, er wollte heute keine Verstimmung aufkommen lassen. Es war am ersten Weihnachtsfeiertag. Man hatte den riesigen Baum, der in eine Lichtfiut von Wachskerzen getaucht war, nach dem Abendessen wiederum angesteckt.
Das Aussehen des Bruders gefiel Fred keineswegs. Doch er zog hierüber seine eigenen Schlüsse. Er hatte ein Privatschreiben des Konsuls erhalten. Manches, ivas Harald anbetraf, stand in des alten Herrn korrek- tcr, kaufmännischer Handichrift und Ausdruckslveise so klar da, manches andere noch las Fred zwischen den Zeilen. Das Stadium der Verliebtheit, in dem Harald sich jetzt befand, würde ja vorüvergehen, davon war Fred überzeugt. . . . Ein bißchen Hofmachen, Blumen spenden, was war viel dabei. . . . Der Konsul schrieb, daß
