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i fc— -■ ! Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatis. >» "

Nr« 160.

Mittwoch. 12. 3ulf.

1916.

( 22 . Fortsetzung.)

Di« Braut aus Kanada.

Roman von Hebd« von Schmib.

(Nachdruck verboten.)

Ein kleines Tannenbäumchen, nur mit Weißen Wachskerzen geschmückt, brannte in der Kinderstube ber Haendlers in Eharlottenburg.

Kurt und Hans trugen schwarze Samthöschen und weiße Matrosenlittel mit schwarzem Schlips.

Ihre Mutter schlief nun schon seit Wochen lhren letz- ten Schlaf im fernen Davos.

Bei völlig klarer Besinnung hatte Frau Hannchen vor ihrem letzten Ende ihre letztwilligen Verfügungen getroffen. Sie war so schwer gestorben, die arme, junge Frau. So recht aus dem Glück hinaus.', war sie aus dem Leben gegangen, von dem sie doch soviel erhofft hatte. Das größte Opfer, das sie ihren Kindern, ge- bracht, war, daß sie darauf verzichtet hatte, die Kleinen vor ihrem Tode noch einmal an ihr Herz zu schließen. Doktor Haendler hatte die beiden Knaben nach , Davos bringen wollen. „Nein, Franz, nicht, es ist besser, sie behalten mich so im Gedächtnis, wie ich vor meiner ^Krankheit war. Hängt ein Bild von niir in ihre Stube, ein großes, gutes Bild — laß nrein Brautbild ver- größern, Franz. Den Kindern würde grauen vor mir, wenn sie mich in meiner abgezehrten Gestalt jetzt sehen würden. Und der Abschied von ihnen nach diesem letz­ten Wiedersehen wäre ein zweifacher Tod für mich. Und .küssen könnte ich sie nicht, am Ende steckte mein Hauch sic an, würde ich denken. Thea ist ja bei ihnen, Franz, und bleibt bei ihnen, Thea ist gut."

Sie starb in den Armen ihres Mannes und wurde, fr wie sie es gewünscht hatte, in Davos begraben.

Heute, am 'Weihnachtsmorgen, waren die Sachen der Verstorbenen aus Davos angelangt.

Thea beeilte sich, alles sortzuräumen und zu ver- schließen, bevor die Mutter und der Schwager vom Kirchhof und aus der Kirche zurück waren.

Frau Gröning litt sehr darunter, daß ihre beiden Kinder fern von der Heimat ihre letzte Ruhestätte ge- funden hatten. Es wäre ihr ein großer Trost gewesen, die lieben Gräber zu schmücken und zu Pflegen. So war sie denn heute wenigstens zu ihres Mannes Grab hinaus­gefahren.

Das Haus ihres Schwiegersohnes war ihr eine rechte Heimat geworden, sie hatte es längst verschmerzt, ihre eigene Wirtschaft aufgegeben zu haben. Thea leitete den ganzen Hausstand. Ohne daß sie die Kochschule be­sucht und sich früher zu Hause in der Wirtschaft betätigt hatte, wußte sie nun in allem Hauswirtschaftlichen ge- /rügend Bescheid, hatte es von selber erlernt. Die Kin­der hingen mit großer Liebe an ihr — wer die näheren Umstände nicht kannte, hätte auf eine glückliche Familie — Vater, Mutter und Kinder — schließen können, wenn man den Doktor, seine Schwägerin und die bei­den Knaben auf Spaziergängen zusammen sah. Oder wenn Thea des Abends, Wäsche stopfend, im Eßzimmer saß, die Mutter ihre gewohnte Patience legte und der Hausher in seinem Schreibzimmer nebenan arbeitete. Es war also, als wäre Frau Hannchen niemals dre Seele dieses friedlichen Kreises gewesen, als hätten

helle Kinderstimmchen ihr in den Räumen hier, die sie so sehr geliebt, niemals zärtlich den Mutternamen ge­geben ... sie trauerten ja alle um die Dahingeschiedene, aber wohl nur die alte Mutter empfand den Verlust als etwas Unersetzliches. An die anderen, die Jünge­ren, trat das Leben beständig mit seinen Tausenden von Fragen heran, Frau Gröning jedoch schaute von Tag zu Tag mehr in die Vergangenheit, als daß sie ihre Blicke in die Zukunft schweifen ließ.

Die Kinder freuten sich an dem Tannenbäumchen, das die Tante Thea für sie aufgeputzt hatte.

Sie kramte hastig in einer geschnitzten Truhe, auf deren Boden sie die Sachen der Schwester versenkte. Sie mochte den Reisekoffer nicht über die Feiertage hier herumstehenlassen, das Mädchen sollte ihn noch heute auf den Hängeboden schaffen.

Ganz sachte und vorsichtig bettete Thea Stück für Stück in die Truhe, da waren Bücher, welche die Kranke gelesen hatte, hier ihre Schreibmappe mit dem Lederetui für Federn und Bleistifts.

Ein Briefblatt glitt zwischen den Löschseiten der Mappe hervor, und Thea griff danach. Das Datum stand obenan — die Kranke hatte die Zeilen hier kurz vor ihrem Tode geschrieben — zuerst mit großer^Schrift die Buchstaben hingemalt, dann, wohl von Schwäche übermannt, hatte sie schwer leserliche Zeichen hinge­kritzelt.

Thea las — und die Buchstaben tanzten vor ihren Augen, aber sie konnte nicht anders, sie mußte den an- gcfangenen und nicht beendeten Brief, den Frau Hann­chen an ihren Gatten gerichtet hatte, bis zur letzten Zeile lesen, und die lautste: „Ich schreibe dir dies alles auf alle Fälle, lieber Franz, ich hoffe, es dir aber noch mündlich sagen zu können, du kommst ja bald zu niir.."

Thea schrak empor, als der kleine Hans angelallfen kam: „Tante Thea, meine Eisenbahn will auf einmal

nicht mehr fahren — und die Giraffe aus dem Zirkus hat schon keinen Kopf mehr, Tante Thea, mach ihn schnell an."

„Ja, mein Jungchen, gleich — gleich — ich komme, lauf du nur wieder zu deinen Spielsachen . .

Verwirrt strich sich Thea über die Stirn. Dann schob sic hastig das Briefblatt in die Mappe zurück, legte sie obenauf in die nun gefüllte Truhe und schlug den Deckel zu. So — das wäre besorgt — die Arbeit für die Tote war getan, nun hieß es wieder den Lebenden geben, was ihnen zukam. . . . Und wahrlich — Thea Gröning hatte genug zu tun, angefangen von Bubis Giraffe, der sie zu ihrem Kopf verhelfen mußte, bis zu den unend­lich vielen kleinen und großen Obliegenheiten, die ihr zugefallen waren. Auch Tante, Liste war mit den Jahren anfällig geworden. Die aufregende Zeit, in Davos hatte ihr nicht gut getan. Sie bedurfte häufig Theas Pflege. Es war gut, daß'Heina Gestern zu An- fang der diesjährigen Wintersaison an einer namhaften Berliner Bühne ein Engagement erhalten hatte. Ob-