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1 Der Roman, n

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r*~ . -i Morgen.Seilage der Wiesbadener Tagblatts, l»

Nr. 159.

Dienstag» 11. Juli.

1916.

(21. Fortsetzung.)

Die Braut aus Kanada.

Roman von Hrdd« von Schmid.

(Nachdruck verboten.) :

In der Domkirche zu Lübeck war nachmittägliches Orgelkonzert.

Während die letzten, mächtigen, rauschenden Akkorde im Nachspiel verklangen, strömte die Menge der Kon­zertbesucher aus dem Mittelschiff der Kirche durch dre wundervoll altertümliche Vorhalle, das sogenannte „Paradies" ins Freie.

Der kurze Winternachmittag war bereits in den Abend übergegangen. ...

Der erste Schnee im Jahr deckte dünn und schlüpfrig die Straßen. Die Anlagen am Wasser bei der Dom­kirche waren dick bereift.

Henrika dy Santos zog ihren Schleier fester um ihr Gesicht und schlug den Kragen ihres Persianerjacketts hoch. Sie hatte heute einen freien Abend, und es hatte sie dazu getrieben, allein zu sein, um in der Stille nach­zudenken — über Vergangenheit — Gegenwart und Zukunst. . . . Ach, es verlohnte sich vielleicht nicht, über, die Zukunft nachzugrübeln — im Leben kam gewöhn­lich doch alles ganz anders, als wie man es sich ausge­malt hatte, kam, wie es kommen mußte. Für Henrika hatte es eine Zeit gegeben, wo sie sich mit zusammen­gebissenen Zähnen gesagt hatte: „Durch um jeden

Preis!" Wo sie, ohne zu zaudern, ihr Schicksal mutig in ihre eigene Hand genommen hatte. So gut es Hans, der arme, liebe Mensch, besten einsames Grab drüben überm Weltmeer lag, es mit ihr, seiner kindlichen Vraut, gemeint hatte, so redlich seine Verwandten den guten Willen gezeigt, auch nach seinem Tode sich ihrer weiter­hin anzunehmen — sie hatte sich die Schwingen wund­gestoßen in dem Käfig, in den man sie in bester Absicht gesetzt hatte.

Mit welcher Wonne hatte sie die ersehnte Freiheit begrüßt! . . . Wie hatte sie gearbeitet, unermüdlich ge­lernt, um dann überraschend schnell auf jener wunder­vollen Himmelsleiter zu stehen, auf der es aufwärts geht zu den Höhen der Kunst. Heino hatte sich als ein treuer Freund gezeigt: er hatte ihr, dank seiner Ver­bindungen und Erfahrungen, die sein steigender Stern am Kunsthimmel ihm verschafft, nach Möglichkeit die Wege geebnet, und Frau Amalie Schimmclbeck, die für alles, was mit den Brettern, die die Welt bedeuten, zu­sammenhing, eine last lächerlich inbrüstige Verehrung und Anhänglichkeit besaß, hatte Henrika dy Santos in ihr Herz geschlossen, als wäre das junge, alleinstehende Mädchen ihr leibliches Kind.

Eine Zeit hindurch hatte Henrika gemeint, vorder­hand wunschlos zu sein; sie gefiel dem Publikum, ihre Zurückhaltung schuf ihr zwar keine Freunde, aber auch keine Feinde unter ihren Kollegen. Es war ihr aller­dings ein Schmerz, daß ihre Stimme, so süß und wohl­lautend sie auch war, nicht für die Oper ausrcichte. Doch die Operette bot ihr ia ein tveites Feld, ihr Können zu entfalten, und sie nahm es außerordentlich ernst mit ihrer Kunst.

Wenn sie vor ihrem Ankleidespiegel stand und der ibr saate. wie schön sie war, wenn bewundernde Blicke

es ihr verrieten, dann dachte sie bisweilen: „Wenn

Fred Delarue mich jetzt sehen könnte, Fred, dieser hoch­mütige Mensch, der sich meiner so sehr geschämt hatte, als er mich über das Weltmeer hierher auf deutschen Boden brachte." Doch was ging sie Fred Delarue an? Er war aus ihrem Leben ausgeschaltet — io hatte sie mit einem unwillkürlichen, befreiten Aufarmen sinmer gedacht, und nun trat er aufs neue drohend wie ein Gespenst in ihr Dasein. — Er war Harald von Strodt- manns Bruder, das wußte sie erst seit kurzem, hatte es zufällig gehört^md es hatte ihr einen Stich ins Herz gegeben. . . . sie hatte bisher immer geglaubt, daß der Löhnstädtsche Volontär, der sie so beharrlich mit seinen Blumenspenden und seiner Verehrung verfolgte, ein entfernter Verwandrcr der Baronin Strodtmann in Berlin sei.

So sehr sie auch dagegen ankämpfte — sie konnte sich auf die Dauer dem Zauber, der von Haralds gewinnen­der Persönlichkeit ausging, nicht entziehen. Sein, ge- geduldiges Werben um einen flüchtigen Gruß, einen freundlichen Blick von ihr hatte sür sie etwas Rührendes.

Äber wohin sollte es führen? . . .

Haralds stolze Mutter, und vor allem sein Stief­bruder, würden niemals in eine Verbindung zwischen ihm und ihr willigen.

In den Anlagen war es um diese abendliche Stunde menschenleer. Die bereiften Bäume und Büsche, sahen im dicken, flockigen Rauhreif unwahrscheinlich wie Ge­bilde einer fremden, sagenhaften Welt aus.

Henrika blieb stehen und ging dann langsamen Schrittes den Weg, den sie gekommen war, zurück — sie sah plötzlich, wie jemand eine der schmalen Gassen ent­langeilte. Man nannte diese Gasse seit undenklichen Zeiten das „Fegefeuer". Wer, verfolgt, diese Gaste ent- langgelaufen und die Portika der Domkirche, die stets offengestanden, das „Paradies" erreicht hatte, dem hatte die alte ehrwürdige Tomkirche vor Not und Tod ein Asyl geboten.

Harald von Strodtmann stand vor Henrika und zog seinen Hut.

„Direkt aus den: Fegejener", sagte er schnell atmend, und nahm die Hacken zusammen, so, als mache er einem Vorgesetzten eine dienstliche Meldung.

„Daß Sie die Possen nie lassen können, Herr von Strodtmann."

Es sollte abweisend und kühl klingen, aber es lag ein helles, heimliches Aufjauchzen in Henrikas Stimme.

„Melde mich gehorsamst zur Stelle — im Paradiese", schloß Harald. „Endlich!"

Es klang alles scherzend, aber es war ein Unterton in seiner Stimme, der Henrika ans Herz griff.

Sie wußte es — dieser hier würde nicht von ihr lassen, und wenn er ihr durch Feuer und Wasser folgen inüßte.

Armer — armer — geliebter Junge, wo sollte das hinaus? ... Es konnte ja nichts werden mit ihnen beiden — es ging nicht — sie mußten verständig sein.