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i g = ==5 i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts.

"ntfllsi. Sonntag, 9. 3ult. _

1916 .

fDfe Btout aus HölUlöO, (Mcuj verboten.»

(80. Fortsetzung.) Roman von Hebt.» von «chmid.

„Haben Sie denn niemals nach Henrika geforscht? fragte Irmgard weiter.

„Ich erblickte keine Veranlassung hierzu. Mit dem Tode meines Freundes Hans Gröning erloschen die losen Beziehungen, die mich mit seiner Familie ver­knüpften." Er hatte sagen sollen, mit jenem Abend, der für Theas und sein Schicksal entscheidend gewesen war.

Beim Souper, das nad) der Theatervorstellung die Familie Löhnstädt und die beiden Brüder vereinte, war Harald in einer fast ausgelassenen Stimmung. Doch Fred kannte seinen Bruder zu genau, um nickst zu mer­ken, daß eine gezwungene Note mitklang.

„Was macht dein altes Kopsweh?" fragte er ihn, als sie durch die abeudstillen Straßen dem Hotel Hamburg, Ivo Fred abgestiegen war, zuschritten.

„Es ist nicht der Rede wert, ich habe dazwischen einen Anfall gehabt", erwiderte Harald leichthin und wünschte seinem Bruder gute Nacht.

Der Klingenberg lag verödet da. Das Standbild in seiner Mitte ragte gespenstisch in die kalte Winterluft empor.

Harald wanderte noch etwa eine Stunde lang, dte Hände in die Taschen seines Uberziehers versenkt, den Spazierstock unter dem Arm eingeklemmt, planlos durch die winkligen Gäßchen und „Gruben", wie man einen Teil der Lübecker Straßen nennt. Auf einer der Brücken blieb er stehen und schaute in das dunkle Wasser der Trave. Dann ging er mit in der Stille hallenden Schritten zum Wasser hinab, wo aus Schenken Gesang von Matrosen eines fremden Landes erscholl. Allüberall begleitete ihn das Bild des Mädchens, das er so häufig ans der Bühne sah, das ihm aber ebenso fern stand wie einer der Sterne, .die aus den Wolkenfetzen des winter­lichen Himmels, an dem alles auf Schnee deutete, her- vorlugten.

* * *

Am Morgen nach der Aufführung des „Zigeuner- barons" hatte .Henriette Santen tiefe Schatten unter den Augen. Ihre feinen Gesichtszüge waren blaß und abgespannt. Sie schickte das Mädchen ihrer Zimmer- Wirtin mit der Meldung, daß sie krank wäre, in die Theaterkanzlei.

Dann lag sie apathisch auf der Chaiselongue und wies die zahlreichen HauSmittelchcn zurück, die ihre mütterliche Freundin und Beschützerin Frau Amalie Schimmelbeck — von ihr der Kürze halber mit denr Kosenamen „Schimmelchen" genannt — ihr auszwingen

wollte. . ^ ,

Frau Schimmelbeck trug heute ein regenbogensarbe- ncs Seidenkleid. Der Fond einer bunten Theater- garderobe, aus dem sie sich ihre Gewänder zurecht­schneiderte, schien unerschöpflich zu sein.

„Henrika, Herzchen, was fehlt dir heute?" fragte sie und strich liebkosend über das wellige Haar der regungslos Daliegenden.

Der Pudel kam schweifwedelnd herangetrippelt und leckte die herabhängende Hand der jungen Sängerin.

Da brach sie plötzlich in ein heißes Schluchzen aus: „Ihr — ihr beide habt mich lieb, du, mein altes Schimmelchen, und das treue, unvernünftige Tier. Sonst mag mich niemand auf der ganzen Welt", stam­melte sie unter ihren Tränen. „In fremde Formen wollten sie mich zwingen, und als ich meinen eigenen Weg ging, da haben sie mich verdammt — mich undank­bar gescholten, am meisten, das weiß ich, der hochmütige, herzlose Mensch, den ich gestern neben seinem Bruder in der Theaterloge wiedersah."

„Der Bruder des Barons Strodtmann? Aber, Herzchen, was geht er dich jetzt noch an?" beschwichtigte Schimmelchen. „Sei verständig, Henrika, mein Lieb­ling, du bist doch sonst so beispiellos tapfer. Wenn man bedenkt, was du in kurzer Zeit erreicht hast. . . . Das. wonach andere jahrelang vergeblich streben. Dir fällt in deiner Kunst fast alles mühelos zu. Trink letzt etwas Heißes, Kindchen, du hast dich gestern abend beim Nach­hausekommen aus dem Theater sicher erkältet, es wehte so scharf an den Straßenecken."

Doch Henrika wehrte ab.

- „Ich bin nicht krank, Schimmelchen, nur elend, zum Sterben elend. Die Vergangenheit steht vor mir — die ganze schlaflose Nacht hindurch habe ich sie wie so oft schon wieder durchlebt, meine schlvere Kindheit drüben in Kanada — seit Großmutters Tode kümmerten sich ja nur Fremde um mich — du weißt es, Schimmelchen, du, selber, eine Freinde, hast dich ja meiner angenommen — schon damals auf der Überfahrt aus Kanada nach Deutschland."

„Ja, Kindchen, was war denn Großes dabei . . .? Du tatest mir so leid mit deinen traurigen Augen und deinem armseligen grauschwarzen Fähnchen. Wie ein richtiges, verlassenes Aschenbrödelchen kamst du mir vor."

Frau Amalie Schintmclbeck hatte sich neben Henrika» aus den Rand der Chaiselongue gesetzt und streichelte sanft die Hände des jungen Mädchens.

„Es war wie ein Fingerzeig des Schicksals", fuhr sie fort, „daß ich dir bei der Landung in Hamburg mcinq Adresse gab. Ich hatte bereits damals das Vorgefühl, daß du eines Tages dich uni Rat und Hilfe an mich wenden würdest. Ich war ja selber arm — bin's noch — aber es reicht zum Glück doch zu eineni bescheidenen Leben. Wir, mein armer Mann und ich, hatten ja in Amerika all unsere Ersparnisse verloren. Es ging ja zuerst ganz flott mit dem Konfektionsgeschäft, aber mein guter Mann verstand das Rechnen nicht und ließ sich immer wieder übervorteilen. Wenn ich nicht zu schneidern verstanden hätte, wäre cs mir als mittellose Witwe übel ergangen, solange der Prozeß um den Nach­laß meines Mannes schwebte. So war ich froh, daß ich Theaterschneidcrin werdeir konnte. Ich hab's dir ja schon ost erzählt, aber ich rede noch immer so gern von jenen Zeiten, so schwer sie auch mitunter waren. Die Damen vom Theater schenkten mir so viel abgelegte Sachen, daß ich die wohl bis an mein Lebensende ans- tragen werde. Es ist, wie es jcheint, mein Los. immer»